Donnerstag
Endlich einmal wieder eine richtige
Tour! Lang, kalt, mit Sturmhaube und voller Entbehrungen. Im
Nieselregen bepackten wir die 850 und starteten in hermetischer
Astronautenkleidung. Hinterm Elbtunnel trocknete es, aber das Grau
der Fahrbahn verblasste unter dem des Himmels. Im Rausch der
Monotonie vergaß ich die Autobahn nach Lüneburg, hielt eine
Geschwindigkeit irgendwo im Spannungsfeld zwischen Genickstarre und
Langeweile und fuhr die A 7 einfach immer weiter. Es hatte auch etwas
Vorteilhaftes: Nie hätten wir sonst die Strecke von Soltau diagonal
Richtung Braunschweig kennengelernt, bekannt als B 214. In
vollendeter Reizlosigkeit reiht sich deutsches Kleinstadtgrau
aneinander. Dazwischen erstrecken sich endlose Highways durch
immergleichen Laubwald. Wir verfingen uns im Speckgürtel
Braunschweigs, kämpften uns frei zur Entdeckung des Tages: Die B 79
über Halberstadt nach Quedlinburg. Abwechslungsreich schwingt sie
über sanfte Kuppen. Am Horizont wurde bedrohlich die Silhuette des
Harzmassivs im grauen Dunst sichtbar. Es war noch zu früh zum
Einchecken, also schaltete ich einen Gang runter und wir bretterten
die erstbeste Bergstraße hinauf. In Nullkommanix hatten wir einige
der spektakulärsten Strecken abgewetzt, darunter Perlen wie z.B. das
Bodetal im Indian Summer. Als wir schließlich beim Schloss
vorfuhren, waren wir durchgekühlt, dumm, und im Grunde froh, dass
das Abendessen schon um 19 Uhr aufgetischt wurde.
Bevor die Sippe eintraf, blieb noch der
beinah komplette Freitag, den wir mit der 850 auf den Kurven des
herbstbunten Unterharzes verbrachten. Wir probierten erfolglos ein
paar weiße Straßen von der Landkarte, entdeckten unentdeckte Orte
wie z.B Wippra, kreuzten wahllos am Südhang entlang durch Dörfer,
die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Entschlossen brummten wir über
den maroden nassen Asphalt unter leuchtendem Gelb, tranken ehrlichen
Kaffee in Gastwirtschaften, die so authentisch waren wie vor zwanzig
Jahren. Am Spätnachmittag waren wie dreckig und zufrieden, als uns
die inzwischen angereiste Sippe am Schloss empfing.
Am Samstag regnete es vierundzwanzig
Stunden. Das war halb so schlimm, denn wir verbrachten ihn mit der
gut gelaunten Reisegruppe in GPS-gesteuerten Autos, fuhren Dampfbahn,
besichtigten eine Unzahl Kirchen, Cafés und Restaurants und konnten
eine gewisse Entscheidungszähigkeit bis zum Schluss nie ganz
abschütteln.
Sonntag
Keiner glaubte mehr daran, dass der
Regen je aufhören würde. Wieder beluden wir die inzwischen bis zur
Unkenntlichkeit verdreckten 850 im Nieselregen. Erst nachdem die
Berge aus dem Rückspiegel verschwunden waren, etwa in Höhe
Halberstadt, wurde der Asphalt trocken. Wir genossen die
sonntagmorgendlich-verträumt einsame B 79, die wie ein langer
ruhiger Fluss unter uns hinweg zog. Braunschweig bezwungen wir
gekonnt auf den verschlungenen Stadtautobahnen des Molochs und fanden
uns auf der Endlosigkeit des Highway 214 wieder. Celle kroch
zentimeterweise auf uns zu. Doch den so dringend benötigten Latte
Macchiato fanden wir erst im original italienischen Eiscafé „Miriam“
in Bergen an der B 3. Von hier aus war war Hamburg praktisch schon am
Horizont sichtbar. Mit jedem Meter den wir stumm mit Tempo 100 nach
Norden rauschten, lichtete sich die Wolkendecke, Ortsschilder trugen
wieder vertraute Namen, Möbel-Kraft bei Buchholz i.d.N. weckte
Heimatgefühle.. Die gelben Alleebäume standen festlich in der
Oktobersonne, als wir an diesem frühen Nachmittag in die Großstadt
einrollten.