Wochen hatte es durchgeregnet. Dann, am heiligen Tag, sah ich träge vom Sofa aus ein Stück blauen Himmel. Ungläubig begaben wir uns zur Tiefgarage, orgelten die Vanvans an und feierten Weihnachten auf den leeren Straßen der Stadt. Im Hafen stand die Sonne tief hinter den Kränen. Auf dem Steinwerder waren zuerst noch ein paar romantische Spaziergänger, dann niemand mehr. Ich wühlte enthemmt mit der Vanvan durch den Tiefsand gegenüber der goldglänzend angestrahlten Landungsbrücken. In der blauen Stunde, die tatsächlich an diesem Tag ganz speziell ist, kamen wir zurück. Wir hatten keinen Tannenbaum, aber der Tag war ein Fest.
über 20 Jahre !!!
Mittwoch, 24. Dezember 2014
Sonntag, 7. Dezember 2014
Eine Stunde
Sonntag, Anfang Dezember. Drinnen: Versuch, eine Ikea Gardinenstange anzubringen, lose Dübel, falsches Werkzeug und eine angebohrte Stromleitung. Draußen: Ein Regentief, dass nicht kommt, stattdessen eine Stunde Sonnenschein von schräg rechts. Ich ließ die Bohrmaschine fallen, zog die lange Unterhose an und fuhr mit dem Fahrstuhl ins Untergeschoss, wo ich die Vulcan weckte und durch die Schanze ins Hafengebiet cruiste, wie in besten Zeiten. Mit einem Mal war alles wieder da. Cool, gesetzlos und zu allem bereit. Der Rest der Welt kroch armselig zu Fuß am Straßenrand umher, mit Schal und Mütze. Ich rauchte eine auf dem Steinwerder mit Blick in die Ferne. Das reichte schon.
Sonntag, 23. November 2014
Parallelwelt
Funktionsunterwäsche, Fleecepulli, den Rukkaanzug mit Winterfutter, Sturmhaube mit Halskrause, Integralhelm. Hermetisch brummten wir mit den Vanvans durch einen schmutzig-grauen Novembertag, der schon am Nachmittag in trüber Dämmerung versank. Es war die B75, wie tausendmal zuvor. Doch seit ich weiß, dass sie einst, zu anderen Zeiten, das offizielle Nordstück der B3 war, fahre ich auf Ihr mit neu entdeckter Erfurcht. Ab Reinfeld kämpften wir uns durch Wälder und über farblose Höhen im Regen. Es war gut, auf dem Anwesen in Strukdorf anzukommen. Dort gab es erstklassige Tapas, Rosado und unterhaltsame Agrarthemen am Kamin.
Am Sonntag glimmte im Süden die Sonne dünn und niedrig durch einen seltsamen gelben Schleier, der angeblich aus der Sahara nach Schleswig-Holstein kam. Mit den Vanvans fühlten wir uns auf den Wegen durch die Feldmark wohl, deshalb bogen wir ohne Karte, ohne Kompass immer dann in irgendeinem Dorf ab, wenn es halbwegs legal einigermaßen in unsere Richtung ging. Was wir sahen, war sensationell: Eine Parallelwelt, versteckt hinter den Abzweigen der üblichen Verbindungsstraßen. Plattenwege durch hohe Wälder im letzen Herbstlaub, das beeindruckende, wilde Tal der Trave, ein Kloster bei Nütschau, Dirtroads bei Tralau, vorbei an fluoreszierenden Feldern, über die im richtigen Moment tiefe Sonnenstrahlen schossen. Wir kamen bei Blumendorf auf die 75 und rauschten mit satten 80 Sachen nach Hause. Hamburg begann auf hässlichen, vierspurigen Einfallstraßen, auf denen wir in einem dichten Strom dummer Bürgerkäfige schwammen. Schließlich kamen wir in zivilisiertes Gebiet und holten das letzte Stück Marzipantorte der Stadt.
Samstag, 8. November 2014
Hektik
Im Saturn Markt war es laut und stickig, und als wir rauskamen, war da plötzlich ein prächtiger, milder Herbsttag. Panisch rasten wir mit der U2 nach Hause, zogen uns hektisch um und holten die Cruiser aus der Garage. Mitte November hat man keine großen Ansprüche mehr, so dass eine Fahrt durch den Hafen und zum Grünendeich ist ausreicht, dem Leben etwas Sinn zu geben. Nur noch eine Bude war übrig, auf dem Parkplatz standen vielleicht ein Dutzend Bikes in der Sonne, die schon am frühen Nachmittag beängstigend schräg steht. Auf dem Rückweg cruisten wir noch durch die Docks. Wo neulich noch rottige Lagerhäuser standen, ist alles abrasiert und ließ dem untergehenden Licht Raum, alles für einen Moment in letztes, weiches Licht zu tauchten. Dann wurde es dunkel.
Sonntag, 2. November 2014
Genügsam, als ginge das immer so weiter.
Die Wärme vom Vortag war noch da, und wir hatten die Maschinen einfach im Hof stehen lassen. Wir sollten nach Norden fahren, sagte das Internet. Auf der B 4 war es erst trüb und zäh. erst links hinter Bad Brahmstedt leuchte es, und von Südwest schob der Wind den Himmel frei. Gleichmütig ritten wir die B 206 Richtung Segeberg ab, irrten durch die Innenstadt und fanden schließlich die Straße über Klein- und Groß Rönnau, Blunk, Stocksee wieder. Sie ist ein ein traumhafter Geheimtipp, liegt im Verborgenen und wir hatten sie das ganze Jahr über nicht auf dem Schirm. Mit 70 Sachen rollten wir verträumt einem Kombi hinterher, das störte kein Stück. In Plön gibt es diesen Bikerparkplatz. Er sah nie besonders einladend aus, aber wir bekamen einen Milchkaffee und verzogen uns in eine Ecke am See. Die Biker standen in schwarzem Goretex herum und starrten Bikes an. Wir waren heute so genügsam, dass wir einfach den selben Weg zurück fuhren. Ab Segeberg sogar auf der unsäglichen B 243, die gelassen im Gegenlicht vorbeizog, als ginge das immer so weiter. Am Nachmittag waren wir wieder in Hamburg. Die Sonne schien noch eine Weile, dann senkte sich eine lange Nacht über alles.
Samstag, 1. November 2014
Epic
Wir klickten ratlos auf der Wetterkarte herum, aber das war kein Bug, sondern tatsächlich der wärmste Novemberanfang der Erdgeschichte. Eine Stunde später rauschten wir die B3 entlang, nach Süden, der stechenden Sonne und irren 19 Grad entgegen. Irgendwo im Wald bogen wir rechts ab, dort waren Plattenwege, Maisstoppeln, leuchtendes Laub und einlullende Stille. In Schneverdingen fuhren wir beim Bike-Supermarkt vor, mit Kaffedurst. Aber einen Tisch hätte man wohl reservieren müssen. Also weiter bis Soltau, im Straßencafé sitzen und schwitzen. Die Strecke Richtung Ülzen war episch. Immer weiter gleiten, durch einen endlosen bunten Tunnel, dabei eine Menge Laub aufwirbelnd. Es gibt einen Abzweig nach Ebsdorf, die Straße führt durch Wald und Wiese hoch bis kurz vor Lüneburg. Die Sonne stand schräg und das Licht war wie gemacht für das Candy Orange der Vulcan. Als wir die ultimative Stelle zum Fotografieren gefunden hatten, schob sich ein Wolkenband dazwischen. Wir kamen an der Elbe raus, die funkelte im späten Gegenlicht. In der Dämmerung fuhren wir über die Köhlbrandbrücke, der Hafen glitzerte wie Weihnachen, dann das Schanzenviertel, voller Einkaufstaschen. Es war keine 19 Uhr, da saßen wir auf dem Balkon und bruten die besten Burger des Jahres.
Sonntag, 26. Oktober 2014
Tatort
Sonntag, später Oktober. Wir surften auf den Vanvans die verschlungene Straße auf dem inneren Deich in den Vierlanden mit vielleicht 35 Sachen entlang. Das machen wir so selten, dass uns die spießig-heimelige Idylle dort immer wieder erschreckt. Wir hielten Ausschau nach leuchtend gelben Baumriesen, um effektvolle Fotos zu machen, aber es war grün. Am Zollenspieker war kaum noch ein Plätz frei. Beim Kaffee sinnierend wurde uns klar, warum: Es war das letzte Wochenende für die Saisonfahrer. Wir gehörten nicht dazu, deshalb fuhren wir heim, ohne jede Panik.
Zuhause, ich wollte eigentlich die Wohnung machen, hörte draußen aber immer die Bikes an der Ampel. Die Wolken waren leicht und es glitzerte manchmal ein Sonnenstrahl. Es dauerte nicht lange und ich hatte wieder die Lederjacke an, holte jetzt die Vulcan aus der Garage und drehte eine große Runde mit der Begründung, ich müsse Kuchen holen. Tat ich auch, aber erst auf dem Rückweg.
Abends, nach dem Tatort. Ich musste eigentlich nur noch die Vulcan noch in die Garage bringen. Die Luft war schön, die Straßen dunkel und leer. Holstenkamp: einmal Gas geben. Die Nacht rauschte im Neonlicht vorbei wie im Tatort. Weiter, hinten herum, über Schnackenburgallee, Farnhornweg, Elbgaustraße, Luruper Haupstraße. Niemand da, außer mir, der Nacht und einem milden Wind Ende Oktober.
Sonntag, 19. Oktober 2014
Minimalismus
Ich ließ die Weiber am Frühstückstisch zurück und verschwand im Elbtunnel. Von Süden kam ein dicker, warmer Luftstrom, gegen den ich auf der B3 ankämpfte. Zusammen mit dem hammerharten Gegenlicht war das nach einer Weile äußerst ermüdend. Mein Default-Café hatte schon nur noch einen Tisch draußen (besetzt), so dass ich mit letzter Kraft in eine Senioreneisdiele in Bergen einfiel und ASAP eine große Portion Latte inhalieren musste. Dann war ich wieder auf dem Highway. Einfach nur cruisen. Celle seitlich streifen, weiter. Ein Schild sagte Uelzen 35 Km. Ich hoffte, das würde bedeuten, es geht jetzt fünfunddreißig Kilometer so weiter, nämlich: Schwach befahrene Bundesstraße, die sich wie ein Film durch immer neue, vielfarbige Herbstwälder zieht, nur wenn's langweilig wird, unterbrochen durch eine Lichtung, eine Senke, vielleicht auch mal ein Dorf wenn's sein muss. Es kam genau so. Ich fuhr mit minimaler Hirnaktivität, hatte nun den Wind und die Sonne im Rücken und steuerte Richtung Salzwedel. Ein Schild zog mich über Kleinstraßen durch den blendenden Nachmittag über die Wendland-Hochebene nach Lüchow. Ohne Halt ging es weiter nach Danneberg. Auch gut, weiter, jetzt auf der B 216 in nichts als flirrender Sonne. Bei Darchau ist eine Fähre, und ein Bikercafé. Aber ich war schon an dem Punkt, an dem man nichts mehr kann außer immer weiter zu fahren. Später, drüben in Mecklenburg an der B 195, saß ich auf einer Bank und aß meine Not-Bifi. Die Sonne brannte wie im Juli, ein Strom von Bikes zog vorbei. Alles war richtig, alles war gut. Ich bummelte dann noch das tausendmal gefahrene Stück bis Geesthacht, dann die Deichstraße. Über Hamburg hatten sich düstere Schauer zusammengezogen. Zum Schluss war ich in einer anderen Welt: Gerade noch Sommerfeeling, nun peitschte der Wind braunes Laub durch nasse Häuserschluchten, durch die ich irritiert heim rollte.
Sonntag, 12. Oktober 2014
Keine Zeit
Besser keine Zeit verlieren. Denn ich wurde um 17 Uhr zurück erwartet, außerdem war es schon Mitte Oktober. Auch an diesem Sonntag waren auf dem Bildschirm graue Wolken, draußen schien aber die Sonne. Anja hatte mich allein auf die Reise geschickt, die auf der Autobahn nach Geesthacht begann. In Lauenburg wischte ich schnell noch die Fliegen vom letzten Wochenende vom Visier, rauchte schnell eine und fuhr gleich weiter. Es war die klassische Strecke über Boizenburg auf der B 195 nach Dömitz. Ich kurvte gleichmäßig durch die Elbauen, die Kiefernwälder, die Museumsdörfer, über mir überraschend grünes Grün. Eine Menge Bikes waren unterwegs, Rennmaschinen schossen in kleinen Pulks um die Ecken. Ohne Halt überquerte ich vor Dömitz die Brücke und nahm bei Dannenberg die B 216 zurück. Ich glitt sie entlang, eine ganze Zeit lang füllten die Grundelemente Motor/Straße/Wind die Welt vollständig aus. Auf einem Parkplatz ließ ich mich von der Sonne wärmen, die schräg vom Nachmittag durch Herbstlaub schien. Von Lüneburg aus wollte ich auf der Autobahn fahren und so den Termin noch schaffen. Die war aber voll gesperrt, so dass ich über die B 209 nach Lauenburg, Geesthacht usw. zurück musste. Ich gab Gas, denn ich wurde erwartet, Die Stadt war stumm und unausgefüllt.
Sonntag, 5. Oktober 2014
Einheitstage
Donnerstag, 2. Oktober
Das Wetter über der Deichstraße war viel besser als im Internet. Es war Anjas Idee, hier zu fahren und nicht über die nie endende Autobahn nach Lüneburg. Über dem Fluss lichtete sich Nebel, es war Donnerstag, kurz nach Mittag, und vor uns lag ein sehr langes Einheitswochenende. Hinter Lüneburg glitten wir entspannt die B216 entlang. Auch Verkehr lichtete sich mit jedem Meter, aber wir beachteten ihn eh nicht. Tief unten im Wendland kamen wir auf verschlagenen Wegen, die damals noch Sand waren, in die Altmark. In Wäldern flirrte das Licht herbstfarben. Wenn wir am Straßenrand standen und die Motoren abgeschaltet wurden, hallte die Stille. Abgelegene Dörfer leuchteten in der Sonne und staunten, wenn wir vorsichtig hindurch rollten. Am Arendsee hatte ein Imbiss offen. Der Vergnügungsstrand lag in der Starre der Nachsaison, außer uns war hier niemand. Nur ein altes Päärchen stapfte umher und erinnerte sich an die DDR. Der Weg nach Bismarck war noch nicht einmal mehr ausgeschildert. Nach einem Stück Holperpiste kam jeweils ein Dorf mit der typischen Klotzkirche. Stendal kam mit rotem Backstein in Sicht und war eine richtige Stadt. Es gibt dort keinen Wegweiser nach Tangermünde, offenbar weil die beiden Nachbarstädte sich im Krieg befinden. Wir fanden es trotzdem, rollten einmal durch die Hauptstraße, checkten im Hotel am Rathaus ein und verbrachten den Abend im Mittelalter.
Freitag, 3. Oktober
Wir waren unterwegs nach Osten. Die Gegend am anderen Elbufer hat außer dem Kloster in Jerichow vor allem eins zu bieten: Kiefernwälder und trübe Orte, durch die Kleinwagen fahren, verloren und ohne Ziel. Bei Genthin trafen wir voller Ehrfurcht auf die Bundesstraße 1. Aber sie war, abgesehen von wenigen langen Waldgeraden schmal und zermürbt von ihrer andauernden Last. Dann öffnete sie sich und die Weitläufigkeit Brandenburgs nahm uns auf. Gleich links war das Industriemuseum. Wir hatten es für uns allein und genossen die kolossale Wucht des Stahls vergangener Zeiten. Richtung Potsdam war schon die Nähe Berlins spürbar. Voll besetzte Familienkutschen bestimmten das Bild, unter blauem Himmel und gelben Alleen. Friede, Eierkuchen, Einheit. Wir hatten bei Werder eine Verbindungsstraße nach Busendorf entdeckt. Erst dachten wir, dort wäre ein Unfall, aber die Bürgerkäfige stauten sich endlose Kilometer, nur um auf einem Erlebnishof ihre Landlust zu befriedigen. Wir saßen indes in Fichtenwalde unter Weißhaarigen in Gartencafé, als die SMS von Rembert eintraf, sich in Zossen zu treffen. Das war nicht weit, und wir fuhren cool auf dem Marktplatz vor. Das Bistro war in Wahrheit ein Dönerladen, das Publikum hart aber herzlich. Der Kaffee war noch nicht aus, da hallte das vertraute Grollen durch die Gassen. Rembert hatte Michael dabei, cool gemachte Vulcan, große Wiedersehensfreude, Wir fuhren ein Stück gemeinsam durch den Spätnachmittag, näherten uns vorsichtig der Stadt auf Wegen, die ich nicht verstand, denn nun führten die Berliner den Tross. Auf einer der großen, herrschaftlichen Achsen drangen wir in die Metropole ein, sahen nie gesehene Platanenalleen, dann vertraute Bilder, die abrupt einsetzende Coolness Friedrichhains. Wir parkten in der Libauer, dort, wo wir immer parken.
Samstag
Wir frühstückten am Samstag in der Sonntagstraße, zogen die Handschuhe an, ließen die Maschinen an und fuhren über Köpenick aus der Stadt heraus. Dabei waren Rembert und jetzt Thomas, auf der grünen Vanvan. In diese Richtung zieht sich Berlin ins Unermessliche. Stellen, die schon dörflich wirken, entpuppen sich an der nächsten Ecke als nur ein weiterer Ort im Speckgürtel, mit neu gemachten Häusern und SUV. Inzwischen waren wir auf kleinsten Sträßchen unterwegs (im Grunde eher Vanvan Terrain). Nach einem Waldsück öffnete sich plötzlich eine Ebene bis zum Horizont. Das Gebiet der Spreeauen begann. Von Sibirien aus fegte uns der Wind entgegen, das Licht war grell, der Himmel blitzeblank. Thomas trennte sich und Rembert führte uns über Fürstenwalde, wo ich im Supermarkt Socken kaufen musste, durch verwunschene Wälder nach Müllrose. Trotz des Namens machten wir dort eine Kaffeepause am See. Jetzt war es nicht mehr weit nach Polen, zum ersten Mal im Leben. In Frankfurt überquert man die Grenze ohne sie wahrzunehmen. Die droga krajowa 31 war eine sichere Sache, denn sie kommt in Kostrzyn nad Odra wieder an die Grenze. Dazwischen lagen 30 unspektakuläre Kilometer, am Ende jedoch die biligttste Zigarette von Polen, legal und original. Auf dem Rückweg fuhren wir einsam über endlose, windige Weiten des Oderbruchs, bis endlich die Berge der Märkischen Schwiz vor uns anstiegen. Im Inneren liegt ein touristischer See an dessen Ufer Berliner Latte trinken. Die Sonne stand stechend und tief, als wir den Rückweg antraten. Über den gewaltigen Häuserschluchten Lichtenbergs versank sie. Übrig blieb das Neonlicht des Rewe-Marktes, in dem wir schnell noch eine Flasche Portugiesen kauften.
Sonnatg
Bevor die Stadt richtig wach war, rollten wir schon über verworrene Wege durch die Hauptstadt nach Spandau, zur B5. Vielleicht lag es am Rückenwind, aber wir glitten sie so easy entlang wie schon lange nicht. Hinter Kyritz waren wir meist allein auf weiter Flur. Die Motoren brummten monoton, die Luft strömte gleichförmig. Der Blick ruhte auf dem Licht am Ende des Alleetunnels, der mal braun war, manchmal auch irritierend grün. Die Straße zog unter uns hinweg wie über uns der Tag. In Ludwigslust, das ist gefühlt schon das letzte Drittel, brauchten wir Waffeln mit Kirschen (und Sahne) sowie etwas Sonne, die im Windschattten wärmt. Boizenburg, Lauenburg, Geesthacht, das zählte schon gar nicht mehr. Im Nu standen wir an der Ampel im Schanzenviertel. Es wirkte beschaulich und liebenswert verschnacht.
Sonntag, 28. September 2014
Nur der September.
In der Stadt fuhren alle desorientiert im Schleichtempo umher, dann durchquerten wir das Hafengebiet und ließen schließlich alles hinter uns. Über uns entwickelte sich ein prächtiger Tag, vor uns lag die B3, mit dem vertrauten Sog nach Süden. Das Asphaltband schimmerte im Gegenlicht, Wald und Wiese flog in gleichmäßigen Cruisetempo vorbei. Alle waren unterwegs, die Linke kam nicht zur Ruhe. Als wir in Soltau in dem kleinem Café saßen, ließ uns die Sonne schwitzen. Wir fuhren weiter bis Bergen, und dann quer östlich Richtung Eschede, und dann in einem Bogen zurück nach Unterlüß. Es war egal, wo man fuhr, immer ging es ungestört durch flirende Wälder oder über Kuppen, von denen der Blick einen kurzen Moment auf leuchtende Heide fiel. Das Licht war sensationell weich und, so wie es nur der September hinbekommt. Der Luftstrom war konstant und mild. Über Amelinghausen, Salzhausen und Winsen kamen wir an den Elbdeich. Das letzte Stück ging es wieder durch den Hafen, da stand die Sonne schon orange und milchig im Westen. Wir waren froh, dass es solche Tage gibt.
Samstag, 27. September 2014
Drehbuch
Ich war allein, musste cruisen und hatte kein Ziel. Insgeheim hoffte ich auf eine SMS von den guten Freunden in der Nähe von Friedrichstadt und sicherheitshalber begab ich mich schon mal in die Richtung. Ich quälte mich durch den dummen Einkaufsverkehr des samstäglichen Spekgürtels, dann war ich frei und kam hinter Itzehoe auf die ehemalige Bundesstraße Richtung Meldorf. An der Kanalfähre wollte ich eigentlich nur schnell einen Kaffee trinken. Dann setzte sich ein Bikerpäärchen zu mir und ließen mich teilhaben an Themen, die mal Teil eines alten Detlev Buck Drehbuchs gewesen sein müssen. Von der See waberten einzelne Wolkenarme ins Land, unter denen es kalt war. Dazwischen leuchteten die Gewerbegebiete der Kleinstädte aufgekratzt unter blauem Himmel. Als ich Heide erreichte, wusste ich, dass die SMS von den guten Freunden in der Nähe von Friedrichstadt nicht mehr kommt. Ich drehte auf die B 203 ab und nahm den Abzweig über Nordhastedt nach Albersdorf. Meist fuhr ich einsam durch sanfte Geest im Wechsellicht und war dabei mit allerlei Sachen beschäftigt, nur nicht mit dem richtigen Weg. Auf einem Parkplatz mampfte ich eilig eine Bifi und telefonierte mit Anja. Ich konnte ihr nicht sagen, wo ich war. Später merkte ich, dass es die B 77 war. Karg und reizarm strebte sie auf Neumünster zu. Danach war ich auf der B 4 und ich gestand mir ein, dass ich sie liebte. Als ich zurück in die Stadt kam, waren alle wie gewohnt hektisch. Ich suchte mir den schnellsten Weg in die warme Badewanne.
Sonntag, 21. September 2014
Okay.
Okay, Herbst. Aber irgendwie war zum Mittag schönstes Wetter. Ich rauschte allein durch den Elbtunnel, vor mir die langen Geraden durch die Heide, das war heute genau richtig. Es dauerte nicht lange, da hatte ich alles hinter mir gelassen und es gab nur noch die B3, wie einen nie endenden Hohlweg, die mit Rückenwind laufende Maschine, und mich natürlich. Ohne die neue, seltsame Umleitung bei Soltau zu verstehen zu wollen, ließ ich mich durch die Einsamkeit gleiten; es waren lange Phasen totaler Ausgeglichenheit. In Amelinghausen wurde ich in lästige Zivilisation katapultiert, gurkte planlos über Nebenstraßen durch kitschige Landschaft im Nachmittagslicht, fand zufällig den Weg nach Undeloh wieder und nahm die Straße quer durch die Heide, bis ich in Welle wieder an der 3 Stand. Am liebsten wäre ich die Runde gleich nochmal gefahren. Stattdessen suchte ich irgendwas, wo ich einen Kaffee trinken konnte, und zwar dringend. Ich fuhr die B3 bis ans äußerste Ende in Buxtehude, wühlte mich durch behäbige Massen von Ausflüglern bis zum Lüheanleger, inhalierte einen Cappuccino sowie einen Pflaumenkuchen. Ich brauste davon, als der stramme Westwind eine dicke Wolkenwurst brachte, die zu tröpfeln begann. In der Stadt liefen alle bleiernd umher, trugen aktuelle Herbstmode und sprachen von Weihnachten.
Samstag, 20. September 2014
Hype
Die Medien sprachen von einem Absturz in den Herbst, einem dramatischen Ende, einem Abgrund. Daher war es egal, dass wir nach einem unterhaltsamen Abend mit Wulf recht matschig und viel zu früh unterwegs waren, denn in Mecklenburg sollte ein sich ein Restsommer verstecken. Wir schafften nur mühsam das erste Stück, im Vormittagsdunst am Deich entlang bis Lauenburg, dann war die erste Kaffeepause fällig, an der Shelltanke. Die Fahrt nach Boizenburg war introvertiert, im Kopf konstruierte ich interessante Gebäude, aber manchen Abzweig verschlief ich dabei. Wir nahmen die B195 nach Zarrentin, dann links am Schaalsee entlang, auf winzigen Abwegen über Salem und Kittlitz. Die Farben, durch die wir fuhren, das Licht, die schwer tragenden Apfelbäume entlang der vergessenen Landstraßen im Nordwestmecklemburger Hinterland, das alles hatte einen frühherbstlichen Touch. Die Sonne brannte auf Stoppelfelder und fallendes Laub. Über Rehna erreichten wir Grevesmühlen, fuhren bei Janny's vor, bestellten 2 Kugeln mit Sahne und sinnierten über diesen Ort, den wir schon seit den Anfangstagen kennen. Zurück ging es geradlinig nach Süden, über Mühlen-Eichsen, Richtung Wittenburg. In Südmecklenburg stand die Hitze wie an einem heißen Julitag, dazu kam eine bleiernde Müdigkeit. Wir lagen dösend auf einer flirrenden Elbauenwiese, es war gespenstisch still, nur vereinzelnd erfüllte das Jaulen fliegender Vierzylinder die Luft. Am Ende gondelten wir wieder über die Deichstraße nach Hamburg, der Kilometerzähler sprang auf 400. Im Südwesten war der Rand eines Wolkenbandes zu sehen, in dem die Sonne abtauchte. Das ist immer so, wenn man auf die Stadt zu fährt. nur diesmal stand "Herbst" drauf. Wir hielten das für einen Medienhype.
Mittwoch, 10. September 2014
Der Rest der Welt
Freitag, 5. September, Hamburg - Pfungstadt
Früh, während der Rest der Welt sich lustlos ins Büro schleppte, glitten wir unbeschwert auf der A7 nach Süden. Es ging so easy und ohne jeden Stress, dass wir bis Göttingen drauf blieben und nur einmal an der Hildesheimer Börde stoppten um zu tanken, und für € 3,80 einen Pappbecher Cappuccino zu kaufen. Ab Göttingen waren wir auf der B27 und genossen die weiten Schwünge und die sanften Berge. Sobald auch nur der Hauch einer Unebenheit in der Landschaft zu sehen ist, fühlen wir uns im Urlaub. Dazu passend: Fachwerkdörfer und hochsommerliches Wetter. Kurz vor Fulda bog ich, einer dunklen Erinnerung folgend links ab. Die Route durchs Rombachtal über Schlitz und Lauterbach war großartig. In endlosen Kurven ging es über einen weiten Rücken hinüber ins Kinzigtal, vorbei an Busenborn, Bösgesäß und dem Linsengericht. Das war schon im Einzugsbereich Frankfurts. Wir nahmen die Autobahn und ein nicht endendes Stück Vierspurige bis in die nüchterne Funktionalität Darmstadts. Bis Pfungscht war es nicht mehr weit. Unsere Knochen summten ein Lied von 600 Kilometern, die Sonne brannte und uns konnte nichts besseres passieren als ein von Albrecht fachmännisch zubereiteter Braten vom Webergrill.
Samstag, Glemseck 101
Gleich hinter den praktisch-ordentlichen Ortschaften, die sich die Bergstraße entlang ziehen, liegt der Odenwald. Wir atmeten die Frische eines Spätsommermorgens und bollerten lustvoll die gewundenen Straßen hinauf. Der Blick fiel immer wieder auf die unten im Dunst liegende Landschaft, und wir wurden gezogen von dem berauschendem Schwung. Über die B45 kamen wir bei Eberbach an den Neckar, und an dessen Ufer war es romantisch, zumindest solange, bis die Ausläufer Heilbronns in Sicht kamen, der hässlichsten Stadt Deutschlands. Hier gibt es nichts außer schwäbischer Effizienz. Wie durch ein Wunder entkamen wir der Autobahn, wo die Schwaben in SUV's in wilder Panik von einer Anschlusstelle zur nächsten hetzen. Wir blieben noch bis Ludwigsburg auf der guten alten B27, die recht entspannt an allem vorbei übers Land führt. Von da war es nur noch ein Katzensprung bis zum Glemseck.
Das übertraf alles. Abertausende Bikes, Caféracerkultur, Sommerhitze. Aber auch der totale Menschen-Overkill. Wir kamen nicht mal bis zur Rennstrecke durch, kauften Wasser im Wert von 12 Euro, und machten uns irgendwann klammheimlich auf den Weg nach Murr. Dort erwartete uns nämlich Wulf in einer schicken Ingenieurssiedlumg. Er hatte Grillgut da und viel zu berichten, von seiner heutigen 500-Kilometer Tour.
Sonntag, Franken
Der Pullover konnte von vornherein in Gepäckrolle verbleiben, denn war sofort hochsommerlich. Wir schauten uns eine Handvoll unterhaltsamer Rennen am Glemseck an, dann führte Wulf uns gekonnt durch das Gäu über verwinkelte Landstraßen. Genauer gesagt folgte er einer elektronischen Stimme im Helm. Jedenfalls folgten wir ihm orientierungslos und lobten ihn gelegentlich. Wir waren offenbar auf einer nordöstlichen Route, kamen durch das Jagsttal, vorbei an versteckten Burgen und Klöstern. Den ganzen Tag wechselten wir dabei immer wieder die Straße, so dass sich buckelige Waldwege und weitschweifige Landstraßen abwechselten. Dann kam die windige Hochebene Badisch-Sibiriens, und schließlich bei Ochsenfurt das Maintal. Dort liegt auch Volkach, unbekannt und pittoresk wie im Reiseführer "Deutschland"'. Wulfs 850 kam stotternd vor dem Hotel "Rose" zum stehen. Wir checkten ein, vertagten die Analyse und bestellten Schweineschäufele. Ganz groß.
Montag, Dunkeldeutschland, Weimar
Beim örtlichen Hondahändler trennten sich unsere Wege: Wulf stotterte heim, wir peilten Thüringen an. Bis Coburg fuhren wir auf der B303, einem grandiosen, frei schwingendem Highway, der ewig so hätte weiter gehen können. Gleich nebenan liegt Sonneberg, und dahinter beginnt der Thüringer Wald. Gesten hatte ich noch rumgetönt, wie aufgeblüht der Osten sei. Was wir sahen, war durchweg deprimierend. Klasse Bergstraßen zwar, doch leblose, dunkle Orte, allgegenwärtig die nachhaltig abtörnenden NPD-Plakate. In der Fußgängerzone von Ilmenau fanden wir endlich eine halbgare Thüringer Bratwurst. Dicke Hausfrauen mit Renee-Cut, Jogginghose und Doppelkinderwagen rundeten das Bild ab. Wir mussten uns entscheiden, die Mauer zurückzuwünschen oder uns abzulenken. Wir suchten das Positive und fanden es in Weimar. Eine kompakte Stadt, die vor Kultur beinahe platzt. Wir liefen herum, lauschten an der Musikschule, saßen vor einer kleinen Bar am Goetheplatz und freuten uns über die Touristen, die kultiviert wirkten und nicht mal Deutsch sprachen.
Dienstag, Thüringen, Wernigerode
Vor der Abreise guckten wir uns noch eine Ausstellung an, wo wir schon mal da waren. Dann entdeckten wir neues Land. Hinter Apolda liegt zunächst eine Hochebene, und dann das "Saale-Unstrut" Gebiet. Den Namen kennt man höchstens von Weinflaschen, doch dass es beeindruckende Flusstäler mit Weinbergen sind, hätte man sich vielleicht denken können, haben wir aber nicht. Zuvor aber noch Naumburg: Eigentlich nur als Wegpunkt auf der Landkarte gedacht, flog Anja aus einem alten Geschichtsbuch das Wort "Naumburger Dom" durch den Helm. Kurz danach baute sich das Trumm undezent vor uns auf. Eine gute Stunde verbrachten wir darin. Auf dem Weg durch das Unstruttal lagen noch weitere unerwartete Sehenswürdigkeiten, die uns z.T. aufhielten. Die Himmelsscheibe von Nebra, eine Ottonische Pfalz, eine ICE-Neubaustrecke mit gigantischen Brücken. Wir arbeiteten uns entspannt voran Richtung Kyffhäusergebirge, verpassten einen Abzweig, gurkten endlose Umleitungen und wurden unruhig, denn im Westen rollte eine bedrohliche Wolkenwalze heran und es wurde immer später. Alle Sorgen verblassten, als wir mit Schmackes die Harzberge hinauf donnerten, die so geschmeidig und frei waren wie nie zuvor. Die Walze blieb in sicherer Entfernung und in Wenigerode erwartete man uns schon. Wir drehten eine dekorative Orientierungsrunde auf dem Markplatz, checkten ein, liefen zur Bodega und bestellten einen Tisch voller Tapas.
Mittwoch, Altmark, Hamburg
Über Nacht war die Walze gekommen und erstmalig war der Himmel trüb. Das konnte uns aber jetzt nicht mehr erschüttern, nach 5 Tagen Sommerwetter. Unbeeindruckt rollten wir über die endlosen Geraden über Haldesleben, Gardelegen, Salzwedel. Wenn nicht ständig und überall immer alle wichtigen Verbindungsstraßen gesperrt gewesen wären (und deren Umleitung auch) hätten wir vielleicht den Rest der Strecke gar nicht wahrgenommen. So sahen wir die Feldmark zwischen Bergen an der Dumme und Bad Bodenteich, kamen leicht entnervt an der B4 wieder ans Tageslicht und schafften es, aufgrund einer weiteren Sperrung bei Winsen, an den Elbdeich zu gelangen. Und zwar ohne dass die Schauerzelle über uns losging. In der Nähe der Großstadt waren alle hektisch und schlecht gelaunt. Etwa eine Stunde brauchten wir vom Stadtrand Hamburgs bis zur Garage. Da wären wir sonst weit hinterm Horizont.
Sonntag, 24. August 2014
Boienhagen-Friedrichshain-Eimsbüttel
Am Samstag mussten wir mit den Vanvans um 11:23 Uhr in Grevesmühlen am Hauptbahnhof sein, und zwar um Thomas dort abzuholen.Wir nahmen die Route vom letzten Mal und froren uns die Füße ab, dabei war es mitten im August. Thomas stieg aus dem Nahverkehrszug und wir fuhren nach Upahl-Boienhagen, wo Thomas seine Grüne in Empfang nahm, ohne sich die Rührung anmerken zu lassen. Nun waren wir zu dritt unterwegs und Berlin lag in weiter Ferne. Vor uns lag ganz Mecklenburg, das wir mit Geduld und Vollgas durchquerten. Nicht auf direktem Weg, sondern auf einer äußerst abwechslungsreichen Tour durch weites Hügelland, auf schmalen Pfaden um die Seen um Müritzgebiet, durch endlose Wälder und nie gesehene Orte abseits von allem. Inzwischen brannte die Sonne wie in alten Zeiten. Mancher Schauer war unmittelbar vor uns abgezogen, sodass die Straßen dampften. In Rheinsberg konnte man dekorativ vorfahren und Gulaschsuppe kommen lassen, danach war Berlin schon in Sichtweite. Oranienburg, schließlich die bedeutende B 96 bis ins Herz der Hauptstadt. Anja und ich hatten über 400 Kilometer auf der Uhr, bis spät in die Nacht gab es nur ein Thema: Benzin.
Als wir am Sonntag wir unterwegs waren, schnarchten die Berliner noch. Heute kam der Wind von vorn, so dass der Sechste Gang unerreichbar bleib. Bei Perleberg bogen wir von der B 5 am Richtung Elbe. In Sichtweite sahen wir sorgenvoll dicke Schauerzellen am weiten Horizont, aber durch ein Wunder wir flutschten immer im richtigen Moment zwischen ihnen durch. Die B 195 war leergefegt. Ein Stückchen weit wurde der Asphalt durch eine unterhaltsame Gravelroad ersetzt. Das alberne Baustellenschild beeindruckte uns nicht. Kilometer kamen und gingen, der Wind war kalt, die Wollsocken machtlos. Aber man konnte jederzeit in ein Stück Kiefernwäldchen in den Elbauen abbiegen, und sich an einer sonnigen Phase erwärmen. Nach 300 Kilometern stellten wir die Vanvans in die Garage, zufrieden und einen Gruß zum Chapter Friedrichshain schickend.
Sonntag, 10. August 2014
Freigabe
Noch während Anja ihren Geburtstagskuchen ausblies, poppte im Internet eine grüne Vanvan auf. Sie hatte das Potential, die zermürbenden Diskussion zu beenden. Von Thomas E. aus B. kam per SMS die Freigabe, das Gerät zu sichten und am besten auch gleich zu kaufen. Hektisch machten wir uns auf einen pragmatischen Weg über Bergedorf, Schwarzenbek, Ratzeburg, Gadebusch bis zu einem verstecken Dorf mit total verkorksten Hausnummern in der Nähe von Grevesmühlen. Während ich eine leise schnurrende Probefahrt machte, ohne Nummernschild, geschweige denn Helm, kam die Sonne raus und der Deal war perfekt. Danach saßen wir beim Eis in Grevesmühlen und mussten immer wieder über die Vorstellung schmunzeln, dass wir nun drei sind und Thomas damit einen Platz im Club hat. Chapter Berlin-Friedrichshain. Die ganze Rückfahrt malten wir uns noch irre Treffen aus, während das endlosen, abgeernteten Felder Nordwestmecklenburgs und schwere, alte Alleen vorbeizogen. Es war die romantische Buckelpiste von früher: Rehna, Carlow, Klocksdorf. Weil es so schön und so sommer war, und irgendwie so genau richtig (und wir Angst vor der Gewitterfront bei Hamburg hatten, die, wie immer, gar nicht kam), zögerten wir es noch über Mustin, Salem, Zarrentin hinaus, dann die nie endende Waldstraße nach Büchen. Alles Straßen, auf denen die Vanvans schon immer flott und zu Hause waren, das hatten wir um ein Haar vergessen.
Sonntag, 3. August 2014
Heiße Luft
Katja war ja da und sollte nicht abreisen, ohne einen Kick zu bekommen von unserem zügellosen Bikerleben. Sie saß hinter mir auf der Vulcan und trug Anjas grüne Lederjacke aus alten Zeiten. Jethelm, Sonnenbrille. Die Fahrt durch die Stadt war cool, und der Hafen mit der Köhlbrandbrücke etwas, was es nur hier gibt. Man selber vergisst das schnell. Hinter Harburg tat ich so, als hätte ich einen Plan, doch in Wirklichkeit gurkte ich hilflos durch das Dickicht aus Siedlungsdörfern und Autobahnanschlüssen südlich der Stadt, mit Anja im Schlepp und der ahnungslosen Katja. Dabei war es schwülheiß und wir mussten uns unter der Süderelbbrücke in den Schatten setzen. Noch eine genüssliche Runde durch die Hafenromantik, dann ganz cool zurück in die Weidenallee, den Blick auf die Uhr. Katja nahm den Zug, und die Gewitterfront, eben noch drohend auf dem Bildschirm, verpuffte in nichts als heiße Luft.
Samstag, 2. August 2014
Strachau
Es war einer der vielen heißen Sonnabenden dieses Sommers. Während wir mit höchstens 100 Km/h auf der Autobahn nach Geesthacht dahin krochen, war eine gewisse Bettschwere nicht zu leugnen. In Lauenburg an der Tanke tankten wir nicht, sondern holten Cappuccino aus dem Automat. Er half über die nächsten Kilometer hinweg, die wir gleichmütig entlang rollten. Die Umgehungsstraße Boizenburgs, so altbekannt und doch so lange nicht gesehen. Dann die B195, deren Abzweig wir glatt verträumten und erst ein gutes Stück auf der B5 fuhren, unter Kastanien, die schon bräunlich wurden und Stoppelfelder, die heiß staubten. Zwischen Neuhaus und Dömitz, irgendwo im flirrenden Nachmittag, nahmen wir einer Eingebung folgend eine Seitenstraße. Sie führte Richtung Strachau, an einem Deich entlang hinter dem sich tatsächlich die Elbe befand (und nicht endlose Auen, das weiß man nie vorher). Auf einer Buhne fanden wir einen etwa drei Quadratmeter großer Strand. Wir breiteten unsere Decke aus und erholten uns von der beschwerlichen Reise. Immer wenn es zu heiß wurde, badete ich im Fluss. Das ging einige Stunden so. Dann fuhren weiter bis Dömitz, über die Brücke, geradeaus bis Dannenberg, und dann in einsetzender Abendstimmung die traumhafte B218 gen Westen. Anja ist von der Straße noch nicht restlos überzeugt, aber einige Abschnitte fand sie immerhin schon ganz okay. Ab Lüneburg nahmen wir die kürzlich ausgegrabene Rest-B4, kamen bei Hoopte an die Elbe und endeten wie immer in einer völlig überhitzten Stadt.
Sonntag, 27. Juli 2014
7-Gang
Wo war nochmal Westerhever? Ach ja. Jedenfalls fanden wir diesmal einen Weg, der frappierend geradlinig war, aber schöner als das Gejuckel von einem Dorf zum anderen. Stattdessen eine dieser ehrwürdigen Ehemaligen, die mal wichtig waren, lange vor der BAB, und einen schönen Verlauf haben, und ein hohes Ziel. In diesem Fall Meldorf, das Dithmarscher Oberzentrum, nachdem bei Hochdonn per Fähre der Kanal überquert war. Wir fuhren die B5 entlang, parkten dekorativ vor der Eisdiele in Heide, fuhren wieder, im lockeren Strom mit den Touristen (wir waren keine!). Zwischen zwei klar umrissenen Gewitterzellen erreichten wir Eiderstedt. In St.Peter-Ording, die paar Tropfen, das war kein Grund zum Anhalten. Mitten auf freiem Feld wurde daraus urplötzlich ein stattlicher Starkschauer. Als er vorbei war, standen wir desorientiert an einer Weggabelung jenseits der GPS-Karte und Mobilfunkzellen. Das Windrad, bislang einziger Orientierungspunkt, war verschwunden. Ohne die Radfahrerin, die alles wusste, hätten wir den Haubarg, die LG's den ganzen Anhang und vor allem das luxuriöse 7-Gänge-Menü nie gefunden.
Am Sonntag trafen wir nach dem ganzen Hazzle endlich T+A in Fr. Es dauerte nicht lange und wir bevölkerten ein auf faszinierende Weise untermotorisiertes Elektroboot, dass ich so souverän wie möglich durch enge Grachten steuerte. Der Nachmittag war ruhig, und wir nahmen die selbe Straße zurück. Anja war dankbar über die friedliche, störungsfreie Fahrt. An einem alten Rastplatz stand eine Bank mit Blick über sanfte Geest. Die Sonne war mollig wie eine Decke, wir dösten sofort ein. Weiter voran, hatten sich die Ambosse im Osten aufgelöst und nur einen leichten Weichzeichner über der im frühen Abendlicht liegenden, vom letzten Schauer blankgekärcherten Landschaft hinterlassen. An Entscheidungspunkten nahmen wir immer den Umweg. Pizza in Glückstadt, über die Dörfer nach Elmshorn, ach nö, lass uns noch über Wedel fahren, und dann die Elbchaussee. Die Schiffe bekamen effektvolle Spotbeleuchtung von schräg rechts. In die Jacke wehte die laue Brise eines Sommers, dessen jede einzelne Sekunde uns gehört.
Sonntag, 20. Juli 2014
Tourismus
Irgendwann waren alle Geschichten erzählt, alle Brötchen verspeist und vor uns lag ein strahlendes Wochenende im Urlaubsland Schleswig Holstein. Vielleicht klappt es ja diesmal mit der Düne. Von Strukdorf aus ging es entspannt auf die jedes Mal aufs Neue traumhafte Strecke Ahrensbök-Eutin-Lensahn-Oldenburg. Wir hatten alles für uns, glitten ohne Handschuhe durch einen flirrenden Nachmittag. Als wir gerade ausholen wollten zum finalen Schlag, enstand auf der Autobahn bei Heiligenhafen ein sogen. Horror-Stau. Schwitzende Leiber, Hunde und Campingstühle auf dem Standstreifen. Wir passten trotzdem noch durch und nahmen die nächste Ausfahrt. Halb studierend neugierig, halb hoffend auf eine unentdeckte Bucht, rollten wir fassungslos durch bis zum letzten Zentimeter ausgequetschte Küstenorte südlich von Großenbrode. Wir fanden eine Bucht, aber sie war winzig und das Meer bedrohlich nah. In sonntagsgeöffneten Lidlmärkten stehen junge Sachsen schlange und kaufen Grillkohle. Wir kauften eine Flasche Rioja und segelten im Abendlicht nach Neukoppel. Dort war alles, was wir brauchten: Telse und ihr Jungvolk, Webergrill, und als Krönung das Sommerfest des örtlichen MC.
Am Sonntag war immer noch Sommer und wir in Neukoppel. Wir einigten uns auf einen dritten Versuch, die Düne auf Atlantis zu erreichen. Es ging entspannt auf die jedes Mal aufs Neue traumhafte Strecke Ahrensbök-Eutin-Lensahn-Oldenburg. Ohne Halt erreichten wir die Insel, direkt vor der Düne war eine Parklücke und hinter einem Busch war der heftige Ostwind sehr angenehm. Zu einem schnellen Schlaf brauste das Meer.Wir ließen ein paar Stunden vorbeiziehen und gingen gemütlich den Rückweg an, auf einer selten befahrenen Route über Neustadt, Süsel und Pansdorf. Sie ging genau richtig und geradlinig durch reifen Weizen und strahlte den bröseligen Glanz einer ehemals bedeutenden Bundesstraße aus, die nun unter dick gewordenen Alleebäumen einwuchert. Das Beste war, sie endete wieder am Hähnchengrill in Schwartau. Die B75 nach Hamburg glitten wir im diffusen Abendlicht einer wabernden Wolkenmasse mit unklarem Ausgang entgegen. In Hamburg lag noch die zermürbende Hitze des Tages auf dem Asphalt. Die Menschen flehten um Regen, aber der Himmel schwitzte nur einzelne Tröpfchen aus. Erleichtert diagnostizierten wir die angenehme Verblödung nach so einem Tag. Geht doch.
Freitag, 18. Juli 2014
Container
Am Freitag saßen wir erst im Metronom, wanderten durch Cuxhaven und kämpften uns bis zum Samskip-Terminal durch. Ein riesiger Reachstacker kam und brachte einen braunen 20' Container. Im Inneren befand sich eine extreme KTM sowie unsere Vanvans. Der Dreck der Hochlandpiste war noch dran und wirkte deplaciert, als wir durch das lieblich-grüne Land Richtung Wischhafen brummten. Dabei war es so heiß wie in der Wüste. Ohne Handschuhe und nach vielen Pausen kamen wir in Wedel an, stürmten noch kurz das Reisebüro und schwammen im Feierabendverkehr in die kochende Stadt.
Wir diskutierten, packten Sachen hin und her, suchten Dinge und rollten schließlich, nunmehr auf den riesigen Cruisern, in der Abendsonne Richtung Strukdorf, beflügelt vom Grillduft, der war Kilometerweit riechbar.
Sonntag, 13. Juli 2014
Resozialisierung
Die Rückkehr war gar nicht so einfach. Zunächst waren es 31 Grad, statt 13. Und es war sehr eng. Ich hatte die Koffer nur in die Ecke geschmissen und sofort die riesige Vulcan aus der Garage gewuchtet. Als ich endlich das Ende der schrecklichen Stadt erreichte, waren da statt offener Landschaft nur immer weitere überfüllte Dörfer, dazwischen langweiliges Agrarland. Später versuchte wir es mit Spätfahrten, hockten inmitten von Kleinbürgern in Appen und mampften Schweineschnitzel, ein anderes Mal cruisten in der Abendsonne durch die Hafenanlagen nach Harburg. Es wurde besser, aber morgens erwachten wir nach wie vor aus seltsamen Träumen mit Motels, Schotterpisten und Lavafeldern.
Dann kam ein Wochenende, und die Welt lag wieder vor uns. Zumindest Plön, mit Bikertreffen, der Stand in der Nähe, und Sommersonne. Alles war aber irgendwie noch unrund. Der Weg von Bad Bramstedt diagonal rüber in die Holsteinische Schweiz funktionierte nicht. Eine drückende Müdigkeit hing uns im Nacken, von Osten (!) kamen dicke Wolken über die See, so dass ein Stündchen in den Dünen ein Traum blieb und sich im Tagesverlauf 350 Kilometer füllten, aber ohne das angenehme Gefühl der Verblödung. Der Höhepunkt war das Hähnchen in Bad Schwartau. Gut, dass wir das wiedergefunden haben.
Montag, 7. Juli 2014
Weltreise
Beim Frühstück klarte es auf, wenig später war alles wieder in den Gepäckrollen, der letzte Reservekanister im Tank und wir auf der Hochlandpiste. Es ging stückweise mit sanften Zug über Feinschotter, meist jedoch im Slalom um die Regenlöcher herum. Dabei bloß nicht zu viel verbrauchen! Von vorne kamen in dichter werdenden Abstand SUV's, Hochlandbusse und ahnungslose Wohnmobile. Wir genossen die letzten Blicke auf die endlosen Weiten und die Gletscher am Horizont, freuten uns aber insgeheim auf den nahenden Asphalt. Am Gulfoss hatte uns die zivile Welt wieder. Wir sahen Reisegruppen, Radfahrer und GS-Fahrer, die viel vor hatten. Wir hatten viel hinter uns. So viel, dass wir am Geysir die Tankstelle das einzig Interessante fanden (endlich!). In der Nähe von Thingvellir kam eine Regenfront von rechts, die wir austricksen wollten. Erstmal bogen wir ab und gaben Vollgas. Dann kam eine Piste, die sich vor einem stattlichen Gebirge verlor. Ein gut ausgebauter, spektakulärer Pass (2. Gang!) brachte uns in die Europa-Amerika Erdspalte, dann kam ein Stück Gerade, und nach einer Kuppe tauchte am Horizont das Häusermeer Reykjaviks unter blauem Himmel auf. Es war, wie nach einer Weltreise nach Hause zu kommen.
Sonntag, 6. Juli 2014
F 35
Im skurrilen Hotel Blönduos hatten wir uns festgesetzt, guckten wahlweise die vom Nordpol anstürmende Brandung oder verrauschte WM-Spiele. In der Zwischenzeit zog das üble Regentief vorbei und wir bereiteten unsere Hochlandüberquerung vor. Aus Angst füllten wir noch eine Limoflasche mit Benzin voll und nahmen sie mit. Am Samstagmorgen bogen wir gut gelaunt auf die F35 ab. Sie begann harmlos wir jede Unpaved Road, oben wird es etwas gröber. Noch weiter oben folgt die Piste den Vorgaben der Landschaft, d.h. auf den gerölligen Ebenen besteht sie aus grobem Schotter. Die Vanvans fanden immer Grip, wenns drauf ankam und Anja wusste was zu tun ist: Am Gas bleiben. Die Sicht war gut und am Horizont erhoben sich blendend die beiden enormen Gletscher und dazwischen das alpinesque Kerlingergebirge. Mittendrin lag unser Bergresort, wir bezogen unsere Luxushütte und fingen an zu wandern. Der Weg zu den Blubberfeldern war aber viel zu weit, also wanderten wir zurück und nahmen die Maschinen. Es folgte eine Piste der C-Kategorie, Steigungen die mit Not im Zweiten erklommen wurden, auf Schotter wie Tennisbällen. Am Gas bleiben, um zu überleben. Zwischen den Bergen liegt eine abgefahrene, bunte Felslandschaft eines anderen Planeten, aus den Ritzen dampft und sprotzt es. Aus der grauen Masse, eben noch fotogener Hintergrund, entwickelte sich in Sekunden ein Hagelschauer, der alles unter sich begrub. Im Schritttempo, blind und tropfnass holperten und schlingerten wir die Trialpiste hinab und machten drei Kreuze, als wir lebend vor unserer Hütte standen. Zur Belohnung bestellten wir eine Isländische Fleischsuppe und eine Fischeintopf.
Samstag, 5. Juli 2014
Zivilisation
Wir verließen Myvatn mit einem lachenden und einem weinenden Auge, auf jeden Fall aber im Nieselregen und mit Ziel Blöndous. Es dauert gar nicht so lange, da ändert sich die schroffe, feindliche Vulkanebene ziemlich abrupt in eine liebliche Alpenlandschaft mit Wiesen, Wäldchen und Bauernhöfen. Das Vorhandensein von Zivilisation und der heitere Himmel am Ende des weiten Tales taten gut, das muss man schon zugeben. Zwischen Akureyri und Blöduos verläuft die 1 durch ein 80 Kilometer langes alpines Tal, durch das uns der Nordostwind katapultierte. Am Ende, Richtung Meer, hatten wir ihn dann gegen uns. Das gelang zum Teil nur im Dritten, mit knapp 60 Sachen. Mit jedem Meter zum Ozean hin wurde es ein Grad kälter. Die Gischt kam bis ans Hotelfenster. Unten waren große Ledermöbel, draußen pfiff der Wind. Seit Hamburg Airport hatten wir eine Weinflasche im Gepäck. Die war nun fällig.
Freitag, 4. Juli 2014
Odin
Der Weg nach Myvatn führte 165 Kilometer durchs Nichts. Einen guten Teil davon fuhren wir zudem durch dichten Nebel, manchmal so dicht, dass ich über jeden sichbaren Brgrenzungspfosten froh war. Es war eine sehr abstrakte Fahrt. Im sichtbaren Teil sahen wir eine Landschaft, die völlig mit sich selbst beschäftigt war. Grau, braun , zerrissen und oft wie hingerotzt liegende Lavatrümmer. Außer der fremdkörperartig auf einem Damm hineingelegten Straße konnten wir alle Stadien der natürlichen Selbstzerstörung und Wiederneuordnung beobachten, jeweils einen Augenblick in Jahrmillionen. Eine bewährte Methode sich aufzuwärmen ist, mit allem Goretexgeschlüchter einen Geröllhügel hinaufzusteigen und damit Odin noch etwas näher zu sein. Nachdem wir von einer blauhaarigen Elfe im Gasthaus (mit Sammelbad) eingecheckt wurden, fuhren wir die 50 Kilometer zum Dettifoss. Obwohl dort die Chinesen mit Reisebussen angekarrt werden, konnten wir das Naturschauspiel nur bewundern. Der Vulkankrater Krafla (dort wandern die Chinesen im Kreis) war auch gut, obwohl ich das angeschlossene Geothermalkraftwerk besser fand. Es beheizt auch die heiße Dusche, dich im abends dringend nötig hatte.
Donnerstag, 3. Juli 2014
Kaffeefahrt
Das Unwetter von Gestern Nacht war heute sogar im Fernsehen. Jetzt war alles wieder normal: Wind, wechselnde Wolken und immer wieder mal die typischen fahrigen Leichtschauer. Wir hatten eine superkurze Etappe, die uns überr das einzige Gravelstück der 1 führte. Inklusiv war eine respektable Passfahrt hinüber in ein Tal, in dem es grünte wie in Kanada. Wir checkten ein in Egilsstadir (einsilbig auszusprechen) und fuhren um einen langen See mit Ungeheuer. Die Fahrt war entspannt wie eine Kaffeefahrt. Hin eine lange, gute Piste, zurück auf der Leeseite durch Wälder durch Kurven schwingend. Wenn wir oben am Berg im Sturm durch das Islandmoos stapften, behielten wir die Helme auf und haben gelernt, die Kamera mit Handschuhen zu bedienen. Der Mann an der Rezeption wollte sich glatt für das Wetter entschuldigen, wie kommt der dazu, das ist doch nicht Disneyland.
Mittwoch, 2. Juli 2014
978 Hektopascal
Gleich hinter der Ecke bei Hövn hörte der Sprühniesel auf, und eine sensationelle Küstenstraße entlang der zerklüfteten Ostflanke Islands begann. Im Zentrum des bekannten Islandtiefs, rotierte der Wind wie wir gegen den Uhrzeiger und schob uns weiterhin satt voran. Die Szenerie an den Fjorden entsprach genau den Vorstellungen: Einsame Küstenstraße, heftiger Wind aus allen Richtungen, der Atlantik umrahmt von schneebedeckten Bergen wie alpine Dreitausender, Wolken, die über die Gipfel quellen und wie Teppiche über dem Fjord wabern. Mittendrin zwei Vanvans, die sich wacker abmühten. Es war eine Strecke, auf der das klein und langsam sein seine Stärke ausspielen konnte. Wir glotzten eine Halbzeit Belgien - USA mit Einheimischen im Grillimbis von Reidarfjördur, einer matten Hafenstadt ohne Tourismus. Dann machten wir uns auf den Rückweg zum Hotel in Breiddalsvik. Die Strecke zog sich jetzt ins Endlose, der Sturm kam nun meist frontal, oder in heftigen Böen von der Seite, und hatte jetzt Regen dabei. Verloren in der drohenden Schwärze ertasteten wir unseren Weg. Das Naturerlebnis war unvergleichlich, genau wie die Erleichterung, als Endlich das Schild "Hotel Magret 1000 m" kam.
Dienstag, 1. Juli 2014
Heute kein Picknick
Heute hatten wir einen Day-Off, und endlich Regen, der in Schüben übers Meer kam. Wir waren nach Hövn unterwegs, eine Strecke, die zumindest auf der Karte ganz gut aussah. In Hovn, einem derben Fischereihafen mittem im Nordatlantik, gab es Benzin und Proviant in großer Auswahl. Wir hingen ein halbes Stündchen im Backshop rum, und als es kurz aufklarte, fuhren wir die 65 Kilometer zurück. Bei dem Wetter pendelte sich die Wohlfühlgeschwindigkeit bei 70 Sachen ein. Auf den Ebenen waren weder die Berge noch die Küste zu sehen, nur ein Horizont von vielleicht 100 Metern, unter dem sich quälend das grobe Asphaltband abrollte. Wir waren froh üner unser Luxushotel, in dem wir den Rest des Tages verbrachten und Wetter- und Landkarten studierten, die nun bedrohlich wirkten. Im Radio lief Schland-Algerien, dagegen haben wir es ja leicht, dachten wir, und genehmigten uns einen Schluck Gin-Appelsinbrause.
Montag, 30. Juni 2014
Science-Fiction
Hinterm Hotel Edda steigt das Gelände an und sieht aus wie Österreich. Vorne war eine Ebene wie Dittmarschen. Auf der Fahrt folgten in 50-Km Etappen erst Lupinenfelder, dann gelbe Lavamasse, und schließlich eine die ganze Welt umspannende schwarze Sandfläche. Die Straße führte verschwindend durch die Endlosigkeit, und wir waren winzig wie Amöben. Wieder hatten wir Rückenwind, und wieder war das Wetter unangemessen lieblich für diese Science-Fiction-Landchaft. Die Vanvans brummten mit monotonen 80 Sachen durch den Tag. Zur Linken ragten mal grüne, mal zackig-schroffe Berge in den Himmel, rechts war immer das Meer. Von der Tanke aus, die genauso irgendwo in Alaska den sozialen Mittelpunkt abgeben könnte, waren in 30 Kilometer Entfernung die Gletscherzungen sichtbar. Aus der Nähe sahen sie aus wie die übertriebenen Gemälde im Souvenirshop . Der Gletschersee übertraf aber alles je erwartete. Wir checkten im Hali Luxushotel ein, packten den Gaskocher und die Tütensuppe ein und fuhren nochmal raus, zu der Stelle mit dem Blick auf den Vatnajjökul. Die Sonne verdampfte in den Eismassen, aber dunkel wurde es die ganze Nacht nicht.
Samstag, 28. Juni 2014
Millimeter
Wir genossen noch einmal die Zivilisation, dann bogen wir auf die 42 ab, die die letzten in Lava gemeißelten Gewerbegebiete hinter sich ließ und sich gleich in eine gepflegte Dirt Road verwandelte. Es ging an einem schwarzen Bergsee vorbei, und an den Steigungen hoppelte man im Zweiten über Wellblech. Am ende der Piste war das Land zu Ende und vor uns lag der Ozean. Links ging es viele endlose Kilometer durch perfekte Ödnis. Der Wind kam von hinten und legte eine willkommene Schippe Hubraum drauf. In Selafoss traf sich die Welt an der Tanke. Weit war es von hier nicht mehr, so dass wir noch einen Abstecher machten, auf eine Landzunge, wo es noch leerer war. Am Horizont waren die leuchtenden Gletschergipfel zu sehen. wir krochen millimeterweise auf sie zu. Unten, bei Vik gibt es Stichstraßen an die Felsenküste. Sie sieht aus wie überall. Der Eigentliche Knaller war die Rückfahrt nach Skögar, den Blick schweifend über in Gegenlicht liegende weite Täler, und über den Bergen die Gletscherkappen, weißer strahlend als irgendwas in der Welt. Wir waren hinterher so groggy, dass wir am örtlichen Wasserfall, noch in Goretex, einen Absacker einnehmen mussten.
Freitag, 27. Juni 2014
Tag und Nacht
Das Gefühl war seltsam, eben noch im Sommermärchen in der Weidenallee zu sitzen, dann, ein paar unbequeme Airbusstunden später in maximaler Trübnis aber um zwei Uhr Nachts durch ein Reykjaviker Wohngebiet zu stapfen. Am Freitag war dann alles klar. Schwitzend waren wir durch die halbe Stadt gelaufen, haben am Hafen die Vanvans abgeholt, und fuhren erst mal vor ein Cafe vor. Der Kaffee war besserr als Spanien und Portugal zusammen. Langsam realsierten wir, das wir da waren. Dann rollten wir auf Vierspurigen durch Isländische Normalität. Sie hört gleich hinter Mosfell auf. Und auf dem Weg nach Þingvellir sah es schon in etwa so aus wie in den Arte Dokus. Am Aussichtspunkt stauten sich die Reisebusse. Wir flüchteten über eine Dirt Road auf die andere Seite des Berges. Nur, um schon mal einen Eindruck zu bekommen. Es war fantastisch, und die Kulisse aus Weite und Kahlen Bergen war wirklich echt. Dazu schien die Sonne unverschämt auf alles. Abends aßen wir Burger am Gammel Hövn, und unsere Maschinen leuchteten in der gleißenden Abendsonne, als gehörten sie hier her. In der Stadt lief die gesamte Bevölkerung dekorativ umher. Als wir auf die Uhr schauten, war es Mittenacht, und es fühlte sich an, wir ein lockerer Nachmittag.
Freitag, 13. Juni 2014
Island ganz nah
Auf die Vanvans waren sehr große Gepäckrollen geschnallt, als wir uns an einem ungemütlichen Freitagvormittag aus der Stadt heraus quälten. Endlich waren wir auf wir die B 73, immer Richtung Westen. Wir erreichten spielend die 70 Km/h, trotz scharfem Gegenwind. Voller Gleichmut brummten wir durch die grenzenlose Ödnis, unter düsteren Wolken und wunderten uns über die Autofahrer, die waghalsige Überholstunts ablieferten, fest ins Lenkrad verbissen. Die rauhe Atmosphäre hätte eigentlich nicht passender sein können. Zum Schluss waren um uns herum Containerstapel wie Wohnblocks, Kräne und eine gigantische Lagerhalle. Im inneren befand sich an der Seite eine Art Verschlag, in dem allerlei Gerümpel stand sowie zwei expeditionstaugliche GSse. Wir stellten die Vanvans dazu, ließen die Schlüssel stecken. Ein Schiff wird kommen, und alles aus dem Verschlag mitnehmen, nach Island. Wir, nun Fußgänger, saßen am Fischereihafen und bestellten Island-Rotbarsch. Dann kam ein Schauer, der keine Minute anhielt. Da war Island schon fast spürbar.
(Geschrieben in 35000 Fuß, Island rechts sichtbar am Horizont)
(Geschrieben in 35000 Fuß, Island rechts sichtbar am Horizont)
Montag, 9. Juni 2014
Pfingsten 3000
Samstag
Drei Tage, drei Männer, drei Maschinen. Dreißig Grad. Da Anja sich zum Schuhe kaufen in Mailand befand, befand ich mich mit Marcus und Christoph im Rückspiegel auf der B3 nach Süden. Seit geraumer Zeit lief in meinem Kopf Deep Purple's Highway Star in einer lästig werdenden Endlosschleife. In Soltau gab es endlich Bandsalat. Die Tour ging aber highwaymäßg weiter, auf den langen Geraden über Celle, und bloß an Braunschweig vorbei über Salzgitter, wo die ersten Hügel, dann im Sommerdunst das Harzmassiv erschien. Mit Hingabe ließen wir die Maschinen die schwungvoll ansteigende B4 hinaufstampfen, drehten noch eine kleine Runde auf den gelben Bergstraßen, und landeten mit dämlichen Grinsen in Zorge. Ein langes Harzdorf ohne Einwohner. Aber es gab Bier, Jägerschnitzel, ein Hotel, das sehr privat wirkte und unsere Landkarte, die die Welt bedeutete.
Sonntag
Den Pullover brauchte man nicht mal sicherheitshalber mitnehmen. Kaum waren wir aus dem kühlen, engen Tal heraus, war da nur noch brütende Hitze. Das Land südlich vom Harz, auf der Karte beängstigend langweilig, entpuppte sich gleich als feinste Hügellandschaft mit verträumten Dörfen und winkeligen Straßen. Angesichts der beiden Dual-Sports versuchte ich stets, die Orange möglichst geschmeidig um die Ecken zu segeln. Tausend Orte mit -rode, immer mal wieder ein kleine quer liegender Höhenzug, dann hinter Mühlhausen ein respektabler Anstieg auf die Ebene bei Nazza, schließlich das Werratal und der erlösende Eisbecher am Markt in Eisenach. Im Hintergrund war schon der Thüringer Wald zu sehen. Wir näherten uns von Westen und krochen bei flirrender Hitze die Berge hinauf. Erst ganz oben auf dem Inselberg wehte eine angenehme Brise, und die Bratwurst kam kompliziert aber zeitnah auf den Tisch. Ich drehte noch eine Runde, um mir den Thüringer Wald genauer anzusehen. Es ist ein stark bewaldeter Berg. Bei der Rückfahrt zum Harz hatte sich am Horizont ein mächtiger Amboss gebildet. Mit weichen Knien kurvten wir an seiner Ostflanke entlang. Als wir dann in Bad Sachsa beim tiefer gelegten Bifteki saßen, hatte er sich aufgelöst, offenbar in Wohlgefallen. Wir gaben noch einmal Gas, um bloß in Zorge noch rechtzeitig einen Absacker zu bekommen.
Montag
Christoph hatte seine Reise nach Süden fortgesetzt, Marcus und ich kurvten im Frühtau durch den Harz. Hasselfelde, Güntersberge, all die Orte flogen in gleißendem Vormittagslicht vorbei. Als der Kaffeedurst kam, waren die Harzberge längst aus dem Rückspiegel verschwunden. Stattdessen saßen wir ziemlich einsam inmitten historisch schwergewichtigem Gemäuter in Halberstadt und waren froh über jeden Schatten. Es folgten endlose Weiten, schnurgerade Geraden, bei sengender Hitze wir in Arizona. Die Etappe bis Salzwedel erlebten wir abwesend, schwitzend, ausdauernd. Der Fahrtwind kühlte erst wieder im Wendland ein wenig. Am Elbufer trennten wir uns, denn Marcus hatte eine Badestelle entdeckt. Auf meiner Suche nach einer Tanke hatte ich etwas anderes entdeckt, nämlich die verräterische graue Masse am Horizont im Westen. Ich warf meine großen Pläne über den Haufen und versuchte, unauffällig und schleunigst über Lauenburg, Geesthacht nach Hause zu kommen. Am Stadtrand klatschten die typischen, ersten dicken Tropfen, ich hechtete durch die Autoschlangen, Blitze zuckten. In der Fruchtallee wurde ich Nass, das war lachhaft, denn da war die Garage schon in Sicht.
Samstag, 31. Mai 2014
Total meerumschlungen
29.05.2014
Das Internet sagte, fahrt bloß nach Norden. Aber nicht nach Lolland, sondern macht es Euch gemütlich, bzw. ride easy, baby. Vielleicht hatte es recht, denn am Herrentag war es ungemütlich wie nie. Wir waren froh, erst mal nur die Strecke nach Zarrentin vor uns zu haben, durch die wild wuchernden Knicks über Breitefelde, Mölln und Seedorf, Ausschau haltend nach besoffenen Bollwerwagen-Chaoten. Die Currywurst am Schaalsee gefror auf dem Teller, aber im Norden war der Rand der Wolkendecke sichtbar. Als wir auf das Anwesen in Strukdorf rollten, war der Himmel lupenrein. Trotzdem behielten wir den Rest des Abends die Funktionsunterwäsche an.
30.05.2014
Der Freitag fühlte ich an wie ein Samstag, und wir brachen früh auf. Die bekannte Strecke über Ahrensbök, Eutin, Schönwalde. Das Land strahlte blitzblank unter starrer Sonne, der Ostwind hatte die Dörfer und die Straßen menschenleer gefegt wie ein Hochdruckreiniger. Ohne Pause, und ohne nachzudenken zog alles an uns vorbei, bis am Horizont das Meer auftauchte. In Laboe saßen wir zwischen dummen Touristengruppen, kauften Tickets und bestiegen schnell den Ehrenmalturm, bevor die nächsten Reisebusse anrollten. Hort hatte empfohlen, mal nach Angeln zu fahren. Dafür mussten wir noch schnell um Kiel herum, was einfach war, denn dort ist nie was los. Hinter Eckernförde gibt es ein hügeliges, verstecktes Land und kleine Dorfstraßen. Besonders reizte uns aber das westlich gelegene Mittelgebirge. Es gibt dort schwungvolle Bögen und Ausblicke wie im Sauerland. Mit etwas Fantasie. Anja fand es jedenfalls langweilig. Die restlichen Etappen über Rendsburg, Emkendorf, Nortorf genossen wir noch, danach war Strecke machen angesagt. Der Wind hatte inzwischen auf West gedreht und schob uns flott über die A20, denn den Grill um 19 Uhr in Strukdorf durften wir nicht verpassen.
31.05.2014
Viel zu spät hatten wir eine vorliegende Einladung an die Treene wahrgenommen. Wir packten die Zahnbürste in den Rucksack und fuhren über die sagenhafte Route Berlin - Stocksee - Ascheberg nach Nordwesten. Das war genau da, wo der heftige Wind herkam, was der Tour einen neuen, rauhen Charakter verlieh. Kurz vor Breiholz saßen wir an einer Tanke und wärmten uns an einem Becher Automatencappucino. Das Stück danach, wo sich zermürbende Marschflächen mit dunklen Geestrücken abwechseln, passte gut zu den sich verdichtenden Wolkenmassen. Das Treffen war kurz, denn wir waren Fremde und die Zeit zog uns in die große Stadt zurück. Südlich von Heide war es wieder wolkenlos, und eiskalt. Das Licht stach wie ein Laser und der Wind war unnachgiebig. Glücklicherweise kam beides von achtern. Die Funktionskleidung am Limit, so segelten wir über Brunsbüttel, Glückstadt, Elmshorn, dann Autobahn, Hauptsache schnell da hin, wo es einen Herd gibt.
Ausnahmsweise mal eine Karte mit der Route: Hier
Sonntag, 25. Mai 2014
In Berlin ist immer Sommer.
Lange nicht gesehen, B5, wir hatten uns den ganzen Tag Zeit genommen. Die Erhabenheit der langen Allee, das abwesende, gleichförmige Dahingleiten, das gibt es sonst nirgends. Sie gibt Gedanken Raum, in dem man manches Problem zerlegt und umsortiert. In Lulu, beim Kaffee, wussten wir nicht, wie wir da hingekommen sind. Tausend Kilometer weiter liegt Ribbeck (Birnbaum). Wieder Pause, jetzt am Schloss, unter sonnigem Grün und Storchennest. In Berlin ist immer Sommer, und immer Wochenende. Und alles ist so fucking awesome wie man es kennt. Wir parkten die Cruiser so, dass sie nicht unter den Linden standen, und verbrachten den Abend mit unseren Lieblingsberlinern am Boxi. Tapas, Rioja, und immer wieder Benzin.
Am Sonntag durfte Thomas wieder ein Stück auf Anjas Honda fahren und führte uns durch bedeutende 30er-Zonen der Hauptstadt. Erst in Potsdam kamen wir wieder ans Licht. Dort sitzt man cool im Garage Du Pont, während ein Strom Berliner Ausflügler in Halbschuhen vorbei zieht, auf nagelneuen Harleys und zurechtgemachten Café-Racern. Die Zeit verging, und vor uns lag eine raumgreifende Route. Zunächst über die eng und ausgelaugt wirkende B1 bis Brandenburg, das mit authentischer DDR-Weitläufigkeit und monumentalen Industrieruinen brilliert. Weiter im Westen wurde es dann wahrhaft ostig. Das Land groß, der Geist klein und die Wahlplakate braun. Auf leeren Geraden ging es immer tiefer in das buschige Land, am Horizont kam die Elbebrücke bei Stendal ins Bild. Ein sattes Stück Highway nach Norden, verloren in der Ewigkeit der Altmark, und zunehmend schläfrig. Bei Seehausen bogen wir ab und waren vorübergehend wieder wach, denn die schnuckelige Landstraße durchs Wendland, im flirrenden Abendlicht, war unschlagbar, märchenhaft. Dann kam noch die elegante B216, und Hunger, aber erst in Lüneburg kam die rettende Pizza an altem Gemäuer. Die Autobahn nach Hause schafften wir noch irgendwie, aber als wir in die Garage fuhren, war im Gehirn nur noch ein Vakuum.
Mittwoch, 21. Mai 2014
Späti
Dreißig Grad im Mai, wow. Die Abende warm, endlos lang, die lässt man nicht vorbeiziehen. Einmal fuhren wir, einfach weil es sich anbot, zusammen auf der Orangen ein Stück aus der Stadt raus, fuhren vorm Schweinske vor und aßen Schuhsohlen. Danach, an der Elbchausee entlang und unten in Övelgönne in der 22 Uhr-Dämmerung, das war verdammt nah am Werbeprospekt.
Am Mittwochfeierabend cruisten wir durch den Hafen und saßen dann im Beachclub am Harburger Hafenbecken. Ohne die furchtbare Dance-Charts Beschallung hätten wir womöglich die dann ASAP folgende, sensationelle Irrfahrt durch verträumte Deichdörfer zwischen Winsen und Maschen sowie ein Stück echte, unentdeckte B4 im Sonnenuntergang verpasst. Weil's so schön war, rollten wir weiter, bis ganz nach Geesthacht. Im letzten Licht und mit einsetzender Bettschwere rauschten wir die Deichstraße entlang, bis wieder Neonlicht ins Bild kam.
Sonntag, 18. Mai 2014
Im Westen
Die Regengrenze auf dem Bildschirm ging messerscharf durch Hamburg. Fuhr man nach Westen, blieb man trocken. Hatte sogar Sonne, auf den immer gleichen Birkenalleen hinter Buxtehude, Zeven usw. Irgendwie kannten wir diese Landschaft. Es muss eine alte Zeit gegeben haben, in der man hier entlang fuhr. Heute waren wir schon zufrieden, überhaupt unterwegs zu sein, zumal die Suppe im Osten im Rückspiegel sichtbar war. In Worpswede fuhren wir ca. 12 Mal hin und her, weil wir nicht glauben konnten, dass es nur dieses eine, einzige postmoderne Café gibt. War aber so. Es ging dann endlos weiter, einsam über quadratisch-praktisches Land. Das Teufelsmoor blieb im Verborgenen. Später, irgendwo in der Nähe von Bäderkesa, waren wieder Ansätze von Topografie spürbar. Immer wieder tauchten Orte wie diffuse Erinnerungen auf. Je näher wir dem Alten Land kamen, desto mehr zog es sich zu. Am Ende waren es gute 270 Kilometer, Mehr, als gedacht.
Samstag, 17. Mai 2014
Zehntausende
Am Samstag fuhren wir ausnahmsweise mal zu einem groß angelegten Bikertreff, in Soltau. Es ging geradlinig dort hin, auf der B3 im Sonnenschein. Kaum auf der langen Geraden, war sofort auch dieser Sog wieder da, der uns fast am Heidepark vorbei bis ans Mittelmeer gezogen hätte. Auf dem Veranstaltungsgelände dann, zehntausende Tonnen Stahl auf Rädern, wobei man sich fragte, wo eigentlich die dazugehörigen Menschen waren. Wir stapften schwitzend umher zwischen den neuesten Neuheiten und den üblichen Wurstbuden. Am Ende wussten wir, dass es hier keinen Cappuccino geben wird, auch nicht den ganz billigen aus Pulver. Auf der kurzen Fahrt nach Soltau-Centrum kühlte der Fahrtwind, und in dem kleinen Café gab es alles was wir wollten. Ich hatte die Tour von vor 2 Wochen noch ganz gut im Kopf, die fuhren wir einfach nach. Bergen, Hermannsburg, Munster, dann rauschhaft durch den Wald bis Amelinghausen. Durch das Mittelgebirge bei Undeloh und quer rüber bis Welle. Als wir Im Abendlicht durch den Hafen in die Stadt zurückkamen, waren wir dumm und wohlig erschöpft. Das war okay, denn danach kamen nur noch Burger auf den Grill, und Tom und Almuth zu Besuch. Stundenlang hörten sie sich Benzingespräche an.
Sonntag, 11. Mai 2014
Ernstfall
Ungemütlich, scharfe Böen, wahllose Starkschauer. Ein perfekter Tag, in Rukkaklamotten den Ernstfall zu proben. Im Hafen war Geburtstag, das Wasser voller Schiffe. Aber da wo wir waren, auf Brachflächen hinter Lagerhallen, waren keine Touristen. Dafür Geröll und spektakuläre Pfützen. Irgendwie so muss Island sein.
Samstag, 3. Mai 2014
Raum und Zeit
Halb sog mich die B3 in sich hinein, halb trieb mich der kalte Nordwind vor sich her. Die Straße strahlte Endlosigkeit aus, man würde für immer durch sie gleiten und nicht mehr an die Rückfahrt denken. Der lange Asphalt, die Waldschneise, die monoton brummende Maschine, ich. Sonst nichts. In Schneverdingen machte ich halt bei dem riesigen Motorradgeschäft. Ich trank dort Kaffee, schlich um die Bikes, als bräuchte ich eins. In Wirklichkeit wollte ich mich nur aufwärmen. Südlich gibt eine herrliche Nebenstrecke über Neuenkirchen nach Soltau. Immer noch easy vor dem Wind fuhr ich immer weiter, nach Süden, bis Bergen. Über Herrmannsburg und Faßberg nahm ich Landstraßen, die über sanfte Kuppen, durch Wäldchen und aufgedonnerte Heidedörfer verliefen. Den Wind nun von vorn, verloren in diesem riesigen Land, rollte ich mich mit 80 Sachen. Es folgten Munster, Bispingen, Pferdekutschen und große Weiten, in denen ich den Bezug zu Raum und Zeit verlor. In Sonnenlöchern konnte man auf einer Holzbank sitzen, sich aufwärmen, die Handschuhe auf dem Motor. Das letzte Stück über Egestorf, Undeloh, Welle war filmreif, und ließ viel Raum für Gedanken, z.B. an eine heiße Badewane. Ich fuhr auf der Autobahn in die Stadt zurück, durch die bekannte Kulisse mit den großen Schiffen, eingekuschelt in den Windschatten eines LKW.
Donnerstag, 1. Mai 2014
Enduro
Anja war verschnupft, aber Marcus rief an, und kurz darauf waren wir unterwegs. Mit Mühe schaffte ich es, ihm die Autobahn aus- und die B4 Nord einzureden. Die Gerade auf der Karte hatte ihn zunächst abgeschreckt. Zur Belohnung bogen wir bei Weddelbrook ab und kurvten durch kleinste Waldstraßen, die aussahen, als würden sie jeden Moment in Schotter übergehen. In Kellinghusen saßen wir in der Sonne, staunten über das vorhandene Stadtzentrum und malten uns auf der Karte irrwitzige Fahrten durch das Aukruggebirge aus. Erst eine Bergstrecke, dann ein Flusstal. Dir Bergstrecke ging tatsächlich ein paar Meter einen Hügel hinauf, dass "Flusstal" war ein Betonplattenfeldweg, der mittendrin verboten wurde. Marcus fuhr dann vor, und ich genoss den anderen Blickwinkel sehr, verlore aber komplett die Orientierung. Er führte uns in einem raffinierten nördlichen Bogen um Neumünster herum, dann wieder über verwinkelte Landstraßen querfeldein, die sich nur ein Endurofahrer ausdenken kann, bis zum Flugplatz Hartenholm. Die Zeit drängte, und im Südwesten zog es sich zu. Wir nahmen die B4 zurück, trennten uns an einer Kreuzung in Eimsbüttel und fanden alles gut.
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