Ein Tag blieb noch, und es tat gut, mal allein, und nicht Vollgas zu fahren. Zur brennenden Sonne, die auch über Utah hätte scheinen können, passten die Lederjacke, Dreitagebart und die mattschwarze Iron. Schon um Mittag hatte ich Geesthacht erreicht und schwenkte bei Boizenburg auf die B 195. Ich ließ rollen, und abgesehen von einem Kaffee in diesem Bikercafé in der Nähe von Neuhaus (immerhin mal von innen gesehen) zog alles links und rechts der Kilometer heiß und grell vorbei. Erst bei Wittenberge bremste ich, überquerte die Elbe und sah die Doppeltürme einer Altmärkischen Klotzkirche am Horizont. Es war Seehausen, so weit war eine Nachmittagstour noch nie. Ein spießiges Café hatte auf, aber keine Soljanka im Angebot. Ich fuhr auf der anderen Seite zurück, Hitzacker, Bleckede usw. Um die einzige Serpentine im Elbhangsgebirge, wo immer die Biker stehen und auf Peinlichkeiten warten, hechte ich laut und peinlich aufsetzend. Am Ende musste ich immer öfter Pausen einlegen, konnte kaum noch sitzen und schlief dauernd ein. An den Kauf von Grillfleisch im Bahnhofs-Edeka war nicht zu denken. Ein Döner musste reichen.
über 20 Jahre !!!
Montag, 28. Mai 2012
Sonntag, 27. Mai 2012
Ost-West oder: Ahlen, wo ist das denn 2.0
Freitag, 18. Mai
Die Vanvans quälten sich zentimeterweise die Bundesstraße durch die zähen Weiten des Wendlands entlang. Zugeknöpft und mit eingezogenen Köpfen saßen wir schlechtgelaunt die Kilometer ab. Die Altmark kam trostlos in monotonem Maigrün, die Sonne strahlte dümmlich, konnte aber nichts beitragen. Verwinkelte Strecken über gelbe Landstraßen verbesserten stückweise die Situation. Südlich von Bismarck war es immer noch früh, und jetzt irgendwie inzwischen richtig nett, so dass wir uns sogar für eine aufwendige, östliche Route um das Sperrgebiet herum entschieden. Die faszinierende Mischung aus DDR-Tristesse leerer Dörfer und der Lieblichkeit wuchernder Elbauen zog uns immer weiter. Wir machten Rast an Abraumhalden groß wie Gebirgszüge und Postwende-Straßencafés. Es dauerte nicht sehr lange, und wir rollten mit großen Augen durch die Plattenbauvorstädte nach Magdeburgs ein. Mittendrin checkten wir ein und waren froh, beim örtlichen Bayern noch was zu Essen zu bekommen. Kurz darauf wurden unter unseren Füßen die Bügersteige hochgeklappt.
Samstag
In Magdeburg steht die Platte noch, selbstbewusst und heutig. Wir wanderten mit Fotoapparaten durch die Einkaufsstraßen unaufgeregter Samstäglichkeit. In Gehweite gab es auch zwei beeindruckende alte Kirchen, aber die Straßenbahn war auch interessant. Anja hatte festgestellt, dass Dessau nah ist. Wir nahmen die Vanvans, die warmen Sachen hintendrauf geschnallt. Magdeburg verließen wir durch ruinöse Gründerzeitindustrie, kurz darauf brummten zogen stille Elbauen vorbei. Kaum ist es wärmer, passt auch das Grün wieder. Es ging hin und her nach Zerbst, uns war jeder Umweg recht. Dessau wirkte modern und normal. Die Bauhausbauten sind weiträumig ausgeschildert, liegen aber in einem langweiligen Wohngebiet, so dass wir jedes größere Gebäude unsicher musterten, ob es vielleicht das Bauhaus ist. Es war dann natürlich doch klar zu erkennen und ganz und gar spektakulär und schön. Unten ist eine Cafeteria drin, wir aßen ein Baguette. Zurück ging es erst nachhaltig in die falsche Richtung, dann aber wieder durch die romantischen Flussauen. Den Höhepunkt bildete eine winzige Fähre über die Mulde. Sie nahm fast den gesamten Fluss ein und musste sich nur ein paar Meter vor und zurück bewegen. Der Fährmann stand mit freiem Oberkörper an Deck seines Schiffes und trug einen Cowboyhut. Die Abendsonne flirrte, Vogelkonzert, maßlose Idylle. Die maroden Vororte Magdeburgs waren danach ein willkommener Kontrast, und das Tapas abends beim Spanier irgendwie auch maßlos.
Sonntag
Ganz früh auf der Straße, ohne Frühstück, dann alles hatte noch zu. Um bloß nicht auf die Autobahn gezwungen zu werden, folgte ich meiner Orientierung nach Westen. Endlos ging es durch sterilen Zone-30 Wohlstand der traurigsten Sorte. Dann kam offenes Land in frischer Morgenluft, das Schönste was es gibt. Es ging teils über unbedeutende Kreisstraßen, teils über die noch einsame B1, dann wieder von Dorf zu Dorf. Manchmal, auf langen Geraden der endlosen Weite, wäre die Harley vielleicht besser gewesen (mal so richtig rollen lassen). Wir frühstückten an der Dorftanke in Erxleben, als die Einheimischen gerade aktiv wurden und z.B. den Golf wuschen. Das Land wurde nach Westen hin angenehm hügelig. Wenn wir mal einen Abzweig verpassten, machte das nichts, denn die nächste Straße war bestimmt noch verwegener und buckeliger (gut, dass ich doch die Vanvan genommen habe!). Bald war links der Harz zu sehen. Es kostete Kraft, unverrichteter Dinge vorbeizufahren. Aber vor uns lag noch halb Deutschland. Bei Freden fuhren wir in brütender Nachmittagshitze durch ein veritables Flusstal, wie man es der langweiligen Leine gar nicht zugetraut hatte. Dann, etwas langatmig, kam bald Höxter, altbekannt, die Bundesstraße durch Ottbergen, weiter Richtung Westen. Anja war so gut drauf, dass sie mit mir ohne Klagen den berühmtesten aller Eisenbahnviadukte in Altenbeken besichtigte. Paderborn durchquerten wir in dösiger Sonntagsnachmittagswärme. Daheimgebliebene saßen in grauen Eiscafés und betrachteten teilnahmslos vorbeiziehende Vanvans mit Hamburger Kennzeichen. Das letzte flache Ende versuchten wir, auf gelben Straßen zu bleiben. Das war schwierig bzw. unmöglich, denn immer war etwas gesperrt. In Ahlen bezogen wir Quartier in einem erstarrten Wohngebiet, in dem um 21 Uhr die Jalousien rattern und man in einen Flüsterton verfällt.
The Iron Week
Während Anja ihre Tage mit Eisentauschierung in Ahlen verbrachte, war ich immer schon früh auf den Rädern im Ruhrgebiet. Den Montag ließ ich mich erst mal planlos treiben, auf der Suche nach ungeschminkter Authentizität und verlorenen Orten. Ich schwamm im Berufsverkehr mit, der selbst in Dortmund immer locker fließt, was mich sehr wunderte. Ich sah alte und neue Industrie-Monströsität, aus dem Boden gestampfte Hi-Tech Märchenwelten, Felder und Wiesen, Bauenhöfe, übergangslos dazwischen. In Herne und Wanne-Eickel war es so authentisch, dass ich mich nicht traute, abzusteigen und Fotos zu machen. Nur nach einem Schanzenbäcker mit Cappuccino und Schokocroissant musste ich lange lange suchen. Manchmal fuhr ich durch Nebenstraßen, und mittendrin stand ein Ortsschild, z.B. “Bochum”, an einer kleinen Brücke über einen Bahneinschnitt. Die rußschwarzen Wohnblocks im Umfeld der alten Zechen waren faszinierend, doch das frische Maigrün und der leuchtend blaue Himmel zerstörten jede Tristesse, so dass ich meist staunend doch tatenlos entlangfuhr. Ich vergurkte täglich eine ganze Tankfüllung im raumfüllenden, strukturlosen Stadtgebiet, das durchgehend grellgrau-amorph und kleinstädtisch, teils sogar dörflich ist. Die nächsten Tage waren planvoller. Zum Beispiel genoss ich einen Nachmittag lang Hochöfen, Kokereien und Stahlwerke in Duisburg, live in Action, oder in Museumsform in Dortmund. Größere Etappen überwand ich in LKW-Windschatten auf der Autobahn, von der aus man übrigens nichts als Büsche sieht. Ich war aber auch im Sauerland unterwegs, das gleich um die Ecke liegt, im Grunde schön ist, jedoch leider vollbesiedelt bis in die letzte Ritze. Oder die Überlandfahrt nach Oberhausen, durch eintönige, austauschbare Deutschen Klinkerkleinstädte in der Ebene, mit der immer gleichen Aldi/Rewe Kombination am Ortseingang. Die warmen Abende verbrachten wir ausgelaugt in der kleinstädtischen Gemütlichkeit Ahlens, meist im Biergarten inmitten tiefergelegter Jugend.
Freitagnachmittag, Abfahrt aus Ahlen
Das Stück bis Paderborn war wieder ätzend. Dann kam die raffinierte Route zum Zug, die ich sorgsam ausgearbeitet hatte. Es ging über Berg und Tal geradewegs nach Osten, vorbei an allem was stört (außer dem Gegenwind). Zuerst über den Pass nach Willebadessen, dann traumhafte geschwungene Straßen durch immer einsameres Mittelgebirge bis hinunter an die Weser bei Beverungen. Weiter eine unbekannte, sensationelle Nebenstrecke durchs Tal, bis die Hochhäuser Göttingens über die Hügel lugten. Rechtzeitig abgebogen, so dass wir bei Bovenden an der B3 standen, hungrig, durstig und mit summenden Kopf. Da störte es nicht, dass die Bergstrecke nach Bad Grund, die unumstößlich Teil des Plans war, für Krafträder vollgesperrt war. Wir fühlten uns einfach nicht angesprochen, fuhren mit Vollgas durch und bezogen unser Zimmer im Kleinbürgerhotel mit Balkon.
Samstag im Harz
Ungewohnt, Harz im Frühling, und gut, dass wir nicht alles abhaken müssen, was schon abgehakt ist. In aller Ruhe prügelten wir die Vanvans die Berge hoch, fanden irgendwo in zweiter Reihe ein sonniges Plätzchen am Bahndamm und taten nichts. Die Straßen waren gefüllt mit Choppern, denn irgendwo war ein Harleytreffen, zu dem ich bestimmt nicht gefahren wäre. Dann schon eher ins Café unten in Treseburg, in knallender Sonne, ohne Schirm, denn Anja fror trotz allem irgendwie. Am Tunnel bei der Rappbodetalsperre liefen alle Amok. Wir parkten lautlos zwischen brüllenden Streetfightern und holten uns ein Eis, konnten uns aber weder mit den graubärtigen Fulldressern noch mit den tiefergelegten Halbstarken identifizieren. Aus Hildesheim zog Grillduft herüber. Aber es dauerte noch ein langes Stück geheimer Landstraße durch den Abend, der sich warm und duftend über das Land legte, das im Streiflicht wirkte wie ein Park. Unsere neuen Freunde in Sorsum hatten alles da. Fleischsorten, Rotwein und ein Gästezimmer mit Carrerabahn.
Sonntags heim
Oft genug hatten wir den Anspruch, irgendwie elegant durch die Tiefebene zu kommen. Diesmal versuchten wir es über Fuhrberg, auf endlosen einsamen Wäldstrecken, aßen Eis in einem dieser gesichtslosen Orte. Dann wieder Wälder. Auf schnurgraden Straßen, einsam und langsam bekloppt werdend mit 80 Km/h durchrollt, bis auf einmal vertraute Orte auf den Schildern standen. Kurz darauf war vor uns der Elbdeich. HVV Busse, Familien auf Hollandrädern, ein Stück noch durch den Hafen, Schanze, Weidenallee. Der Asphalt weich wie Nutella. Die Vanvans sahen ein bißchen stolz aus, als sie im Hinterhof parkten. Wir machten auf dem Balkon ein Bier auf und genossen den Lärm der Stadt.
Berlyn is so cool
Die Mother Road. 2 Vanvans quälten sich die
endlos ergrünende Allee entlang Richtung Osten, gegen den Wind. Am
Anfang war irritierende Frische, doch mit jedem Tankstopp kamen wir dem
Sommer ein Stück näher. Als wir im weit abgelegenen Wildberg
Thomas trafen, um konspirativ Schlüssel auszutauschen, hatten wir schon
die Handschuhe und den Pulli verstaut. Berlin empfing uns mit triefender
Spätnachmittagshitze und reichlich zu spät. Wir mussten uns im Klo der
Tanke umziehen und direkt bei der Deutschen Oper vorfahren, die
bequemerweise direkt an der Strecke lag. Lohengrin sang den ganzen Abend gegen die Straße im Kopf an. Die folgende Nachtfahrt durch die glühende Stadt war herrlich.
Wir durchglitten niedrigtourig das brodelnde Kreuzberg, bahnten uns den
Weg durch Kolonnen von Radfahrern (Leihräder) und parkten in der
Liebaustraße, wo wir erst mal einzogen. Den Schlüssel hatten wir ja.
Am Sonntag:
Achtundzwanzig Grad. Angeführt von Imkes nagelneuen 50er Kymco waren wir unterwegs uns auf einer touristisch einwandfreien Stadtrundfahrt. Christian hatte die blaue Vanvan bekommen, Anja und ich fuhren auf der orangen. Wahrzeichen und Landmarken tauchten auf und zogen vorbei wie im Werbevideo. An millionen ausgestreckten Armen klickten Digitalkameras. Zum Abschluss, und gewissermaßen als Kompensation, tasteten Anja und ich uns noch bis weit nach Rudow vor und genossen die raue Wucht der Satellitenstädte. Abends saßen wir mit Tom und Tine am Balkon und beobachteten das Treiben am Schlesi. In einem nie versiegenden Strom vom Warschauer Bahnhof ergossen sich Leiber in die heißen Straßen. Alle waren zwanzig, nahmen willig die Friedrichshainer Unverbindlichkeit an, alle trugen eine Bierflasche aus dem Späti, alle waren gleich.
Den Brückenmontag verbrachten wir im Kadewe, bzw. bei Kaufhof, bzw. Turberg. Leider ist der alte Westen nicht sehr cool, weswegen wir die sehr lässige Rückfahrt nach Friedrichshain sehr genossen. Sogar einen Liter Milch beim Kaiser's zu kaufen ist dort cool.
Dienstag: Das unverbindliche Partyvolk lag noch in Sauer, Autonome bereiteten ihren großen Auftritt vor, Läden verbarrikadierten sich. Wir waren schon auf dem Weg. Mit Rückenwind segelten wir die B5 entlang. In Friesack bogen wir ab, kamen durch grellgrüne Blättertunnel, rollten vertäumt durch die weitläufige Dörfer und die Einsamkeit der Prärie in den Havelauen. In Bad Wilsnack gibt es eine überdimensionierte Kirche, die wir schnell noch abfrühstückten, bevor die Straße das vertraute Bild entlang des Elbtalsands mit nach Sommer duftenden Kiefernwäldern und Backsteindörfern wie aus dem Museum annahm. Der klassische Rückweg über die nördliche Elbuferstraße begann. Gerade als es richtig gemütlich wurde, donnerte einer der üblichen Tiefflieger vor meinen Augen voll gegen einen Baum. Er stand schadlos wieder, aber wir waren von da an noch langsamer als ohnehin schon unterwegs. Später kroch mit jedem Meter zunehmend Kälte in die Jacke. Als wir im idyllischen Hamburg ankamen, konnten wir die Ruhe kaum glauben. Vom Sommer blieben hauptsächlich Erinnerungen.
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