über 20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Sonntag, 26. Juli 2015

In der Mitte

Samstagnacht war eine üble Wetterfront gekommen und hatte die stickige Schwüle abgeräumt. Übrig blieb ein herbstartig frischer Sonntag, durch den wir in Richtung Wittenberge cruisten, zu einer Verabredung in der Mitte. Klammheimlich hatten wir Fleecepullies und Funktionsunterwäsche angezogen, was uns Anfangs albern vorkam (im Juli!), im Verlauf aber den Tag rettete. Wir waren viel zu früh unterwegs. Lauenburg lief gegen Mittag unbeteiligt durch, und in Neuhaus tranken wir überteuerten Tütencappuccino, wartend, dass etwas Zeit verging, und dass die Wolkendecke aufreißt. An diesem Tag war niemand unterwegs auf der 195, deren Kurven wir genügsam und mit reichlich Rückenwind durchschnitten. Hinter Dömitz beginnt das unbekannte, eigentliche Glanzstück der Straße. Immer enger, immer dicker werden die Alleen, zwischen den Dörfern ist nichts, nur großes Gleiten. Kaum saßen wir im Eiscafé in Wittenberge, war das entfesselte Grollen der Berliner Harleys zu hören. Rembert und Michael setzten sich abgekämpft zu uns, bestellten Eisbecher und philosophierten mit uns über Zweitakter und Immobilienhaie. Erst hatten wir noch Bammel vor der Rückfahrt, aber inzwischen die Sonne rausgekommen und der Wind war weg. Die Elbauen verflogen viel zu schnell im flirrenden Abendlicht. Hamburg erreichten wir rauschend über ein Stück nie gesehene Autobahn. Wir fuhren mit Schwung auf den Hof und guckten Tatort.
 

Mittwoch, 22. Juli 2015

User-Experience

Die letzte Zeit war Stückwerk und gab außer Werkstattfahren mit Anjas Honda, Rumgegurke in Ottensen, verregneten Sonntagen und User-Experience Seminaren nicht viel her. Als Krönung sind alle Hauptstraßen der Stadt jetzt vollgesperrt, so dass man kaum einen freien Weg hinaus findet. Heute war es erst 18 Uhr. Über Schenefeld verließ ich die Stadt, kämpfte gegen Westwind Richtung Uetersen. Ich kann nicht durch diesen Ort fahren, ohne an Urzeiten zu denken. Diesmal poppte Uetersens einzigartiger Wegweiser auf: "Zur Marsch". Ich fuhr dort hin, an Deichen entlang und über plattes Land. Zu meiner Verwunderung gab es dort kurvige Straßen, an die erinnerte ich mich nicht. Über Elmshorn erreichte ich Kolmar, den unbeliebten Bikertreff. Unter uns, ich fand den Aufenthalt mit Cornetto Nuss, exzellentem Automatencappuccino und vorbeiziehenden Containerschiffen neuester Generation diesmal ausgesprochen angenehm. Auf dem Rückweg verzettelte ich mich etwas, aber das machte gar nichts, genauso wenig wie die in die Ärmel ziehende Kaltluft. Irgendwie kam ich nach Wedel und fand die Elbchaussee (noch mehr Schiffe). Alles war geschmeidig und leicht, ein durch und durch positives Benutzungserlebnis, das erst in der Dämmerung endete.
 

Samstag, 11. Juli 2015

Katapult

Boah was ist die Deichstraße langweilig. So richtig deutlich wurde das am Samstag unter einer dösigen Wolkendecke, die sich angeblich gegen Nachmittag verziehen sollte. An der Cappuccinotanke in Lauenburg kam tatsächlich die Sonne durch und dröhnte schwül auf die Jacken. Ich glaube, das war das erste Mal in diesem Jahr, dass wir die B195 befuhren. Sie war leer, mit Ausnahme der Schnelltrecker, die mit Doppelhänger die erste Gerste abfuhren. Wir glitten unaufgeregt durch die an manchen Stellen entschärften Kurven, ließen Dömitz unbeachtet liegen und fuhren auf der anderen Seite zurück. Aber nicht auf der Dorfstraße den Fluss entlang, sondern über die majestätische B216, die ich liebe, auf der Anja aber nur unter Mühen wach bleibt. Ich muss zugeben, ich war auch heimlich dankbar, dass irgendwann Lüneburg am Horizont erschien. Vom absoluten Nichts wurden wir in hysterische Touristenmassen hineinkatapultiert, aber was soll's, wir brauchten den Kaffee und vor allem den Schokosoufflé, der  zentnerschwer im Magen hing auf dem Rückweg. Ein Stück auf der mit ihren ausladenden, grellen Gewerbegebieten hier frappierend Amerikanisch wirkenden B4, dann Winsen, Over und Fliegenberg. In Hamburg entronnen wir haarscharf dem Schlager-Über-Stumpfsinn und waren froh, als wir auf dem Balkon in Sicherheit waren. An Kontakt zu Menschen war nicht zu denken.
 

Sonntag, 5. Juli 2015

Easy.

Zum dritten Mal in Folge waren wir auf der B4 nach Norden unterwegs. Es war Freitagabend, aber diesmal bogen wir nicht bei Kaltenkirchen wieder um, sondern fuhren auf der B206 über Segeberg nach Strukdorf. Der Abend war lang und flirrend, und die Fahrt zog sich locker und lässig durch Farben wie in der Werbung. Das Beste war, dass wir uns von den Cruisern direkt an einen gedeckten Tisch nur umzusetzen brauchten, wo es Grillfleisch gab, zart wie Marzipan. Das Zweitbeste waren die dicken, kühlen Mauern des Herrenhauses (welches wir für uns allein hatten), denn bevor stand das heißeste Wochenende aller Zeiten.
Den Samstag verbrachten wir dann schlauerweise am kühlsten Ort der Republik, nämlich Wenkendorf. Der Weg dorthin war, trotz Warnungen vor Vierzig-Grad-Horrorstaus und überfüllten Nebenstrecken, in Wahrheit doch der reine Genuss. Unbeirrt und ziemlich einsam glitten wir durch einen satten, warmen Luftstrom über die traumhafte Strecke Ahrensbök, Eutin, Schönwalde, Oldenburg. Sogar die Beltquerung war Easy Riding, trotz Bettenwechselwarnung. In Wenkendorf war noch weniger los, die Temperatur genau richtig und sogar das Wasser badbar. Auf dem Rückweg stand glühende Hitze über dem Land, hinter dem sich diffuser Dunst bildete. Als wir aus dem Famila-Markt in Stockelsdorf mit Grillwürsten wieder rauskamen, war die Luft grau und stickig heiß. Etwas später, auf der Terrasse, kam ein dampfender Regen dazu.
Sonntag war im Südwesten der Rand eines gigantischen Restambosses zu sehen. Wir trauten ihm alles zu und fuhren am frühen Nachmittag bange zurück nach Hamburg, wieder über Segeberg und Bramstedt, wieder sehr entspannt, immer ein Auge auf die dicker werdende Suppe am Himmel. In der gespenstisch toten Stadt hingen die Leute bewegungsunfähig vor den Cafés und warteten auf das erlösende Unwetter. Es kam halbherzig und erst gegen Abend.