In der Stadt fuhren alle desorientiert im Schleichtempo umher, dann durchquerten wir das Hafengebiet und ließen schließlich alles hinter uns. Über uns entwickelte sich ein prächtiger Tag, vor uns lag die B3, mit dem vertrauten Sog nach Süden. Das Asphaltband schimmerte im Gegenlicht, Wald und Wiese flog in gleichmäßigen Cruisetempo vorbei. Alle waren unterwegs, die Linke kam nicht zur Ruhe. Als wir in Soltau in dem kleinem Café saßen, ließ uns die Sonne schwitzen. Wir fuhren weiter bis Bergen, und dann quer östlich Richtung Eschede, und dann in einem Bogen zurück nach Unterlüß. Es war egal, wo man fuhr, immer ging es ungestört durch flirende Wälder oder über Kuppen, von denen der Blick einen kurzen Moment auf leuchtende Heide fiel. Das Licht war sensationell weich und, so wie es nur der September hinbekommt. Der Luftstrom war konstant und mild. Über Amelinghausen, Salzhausen und Winsen kamen wir an den Elbdeich. Das letzte Stück ging es wieder durch den Hafen, da stand die Sonne schon orange und milchig im Westen. Wir waren froh, dass es solche Tage gibt.
über 20 Jahre !!!
Sonntag, 28. September 2014
Samstag, 27. September 2014
Drehbuch
Ich war allein, musste cruisen und hatte kein Ziel. Insgeheim hoffte ich auf eine SMS von den guten Freunden in der Nähe von Friedrichstadt und sicherheitshalber begab ich mich schon mal in die Richtung. Ich quälte mich durch den dummen Einkaufsverkehr des samstäglichen Spekgürtels, dann war ich frei und kam hinter Itzehoe auf die ehemalige Bundesstraße Richtung Meldorf. An der Kanalfähre wollte ich eigentlich nur schnell einen Kaffee trinken. Dann setzte sich ein Bikerpäärchen zu mir und ließen mich teilhaben an Themen, die mal Teil eines alten Detlev Buck Drehbuchs gewesen sein müssen. Von der See waberten einzelne Wolkenarme ins Land, unter denen es kalt war. Dazwischen leuchteten die Gewerbegebiete der Kleinstädte aufgekratzt unter blauem Himmel. Als ich Heide erreichte, wusste ich, dass die SMS von den guten Freunden in der Nähe von Friedrichstadt nicht mehr kommt. Ich drehte auf die B 203 ab und nahm den Abzweig über Nordhastedt nach Albersdorf. Meist fuhr ich einsam durch sanfte Geest im Wechsellicht und war dabei mit allerlei Sachen beschäftigt, nur nicht mit dem richtigen Weg. Auf einem Parkplatz mampfte ich eilig eine Bifi und telefonierte mit Anja. Ich konnte ihr nicht sagen, wo ich war. Später merkte ich, dass es die B 77 war. Karg und reizarm strebte sie auf Neumünster zu. Danach war ich auf der B 4 und ich gestand mir ein, dass ich sie liebte. Als ich zurück in die Stadt kam, waren alle wie gewohnt hektisch. Ich suchte mir den schnellsten Weg in die warme Badewanne.
Sonntag, 21. September 2014
Okay.
Okay, Herbst. Aber irgendwie war zum Mittag schönstes Wetter. Ich rauschte allein durch den Elbtunnel, vor mir die langen Geraden durch die Heide, das war heute genau richtig. Es dauerte nicht lange, da hatte ich alles hinter mir gelassen und es gab nur noch die B3, wie einen nie endenden Hohlweg, die mit Rückenwind laufende Maschine, und mich natürlich. Ohne die neue, seltsame Umleitung bei Soltau zu verstehen zu wollen, ließ ich mich durch die Einsamkeit gleiten; es waren lange Phasen totaler Ausgeglichenheit. In Amelinghausen wurde ich in lästige Zivilisation katapultiert, gurkte planlos über Nebenstraßen durch kitschige Landschaft im Nachmittagslicht, fand zufällig den Weg nach Undeloh wieder und nahm die Straße quer durch die Heide, bis ich in Welle wieder an der 3 Stand. Am liebsten wäre ich die Runde gleich nochmal gefahren. Stattdessen suchte ich irgendwas, wo ich einen Kaffee trinken konnte, und zwar dringend. Ich fuhr die B3 bis ans äußerste Ende in Buxtehude, wühlte mich durch behäbige Massen von Ausflüglern bis zum Lüheanleger, inhalierte einen Cappuccino sowie einen Pflaumenkuchen. Ich brauste davon, als der stramme Westwind eine dicke Wolkenwurst brachte, die zu tröpfeln begann. In der Stadt liefen alle bleiernd umher, trugen aktuelle Herbstmode und sprachen von Weihnachten.
Samstag, 20. September 2014
Hype
Die Medien sprachen von einem Absturz in den Herbst, einem dramatischen Ende, einem Abgrund. Daher war es egal, dass wir nach einem unterhaltsamen Abend mit Wulf recht matschig und viel zu früh unterwegs waren, denn in Mecklenburg sollte ein sich ein Restsommer verstecken. Wir schafften nur mühsam das erste Stück, im Vormittagsdunst am Deich entlang bis Lauenburg, dann war die erste Kaffeepause fällig, an der Shelltanke. Die Fahrt nach Boizenburg war introvertiert, im Kopf konstruierte ich interessante Gebäude, aber manchen Abzweig verschlief ich dabei. Wir nahmen die B195 nach Zarrentin, dann links am Schaalsee entlang, auf winzigen Abwegen über Salem und Kittlitz. Die Farben, durch die wir fuhren, das Licht, die schwer tragenden Apfelbäume entlang der vergessenen Landstraßen im Nordwestmecklemburger Hinterland, das alles hatte einen frühherbstlichen Touch. Die Sonne brannte auf Stoppelfelder und fallendes Laub. Über Rehna erreichten wir Grevesmühlen, fuhren bei Janny's vor, bestellten 2 Kugeln mit Sahne und sinnierten über diesen Ort, den wir schon seit den Anfangstagen kennen. Zurück ging es geradlinig nach Süden, über Mühlen-Eichsen, Richtung Wittenburg. In Südmecklenburg stand die Hitze wie an einem heißen Julitag, dazu kam eine bleiernde Müdigkeit. Wir lagen dösend auf einer flirrenden Elbauenwiese, es war gespenstisch still, nur vereinzelnd erfüllte das Jaulen fliegender Vierzylinder die Luft. Am Ende gondelten wir wieder über die Deichstraße nach Hamburg, der Kilometerzähler sprang auf 400. Im Südwesten war der Rand eines Wolkenbandes zu sehen, in dem die Sonne abtauchte. Das ist immer so, wenn man auf die Stadt zu fährt. nur diesmal stand "Herbst" drauf. Wir hielten das für einen Medienhype.
Mittwoch, 10. September 2014
Der Rest der Welt
Freitag, 5. September, Hamburg - Pfungstadt
Früh, während der Rest der Welt sich lustlos ins Büro schleppte, glitten wir unbeschwert auf der A7 nach Süden. Es ging so easy und ohne jeden Stress, dass wir bis Göttingen drauf blieben und nur einmal an der Hildesheimer Börde stoppten um zu tanken, und für € 3,80 einen Pappbecher Cappuccino zu kaufen. Ab Göttingen waren wir auf der B27 und genossen die weiten Schwünge und die sanften Berge. Sobald auch nur der Hauch einer Unebenheit in der Landschaft zu sehen ist, fühlen wir uns im Urlaub. Dazu passend: Fachwerkdörfer und hochsommerliches Wetter. Kurz vor Fulda bog ich, einer dunklen Erinnerung folgend links ab. Die Route durchs Rombachtal über Schlitz und Lauterbach war großartig. In endlosen Kurven ging es über einen weiten Rücken hinüber ins Kinzigtal, vorbei an Busenborn, Bösgesäß und dem Linsengericht. Das war schon im Einzugsbereich Frankfurts. Wir nahmen die Autobahn und ein nicht endendes Stück Vierspurige bis in die nüchterne Funktionalität Darmstadts. Bis Pfungscht war es nicht mehr weit. Unsere Knochen summten ein Lied von 600 Kilometern, die Sonne brannte und uns konnte nichts besseres passieren als ein von Albrecht fachmännisch zubereiteter Braten vom Webergrill.
Samstag, Glemseck 101
Gleich hinter den praktisch-ordentlichen Ortschaften, die sich die Bergstraße entlang ziehen, liegt der Odenwald. Wir atmeten die Frische eines Spätsommermorgens und bollerten lustvoll die gewundenen Straßen hinauf. Der Blick fiel immer wieder auf die unten im Dunst liegende Landschaft, und wir wurden gezogen von dem berauschendem Schwung. Über die B45 kamen wir bei Eberbach an den Neckar, und an dessen Ufer war es romantisch, zumindest solange, bis die Ausläufer Heilbronns in Sicht kamen, der hässlichsten Stadt Deutschlands. Hier gibt es nichts außer schwäbischer Effizienz. Wie durch ein Wunder entkamen wir der Autobahn, wo die Schwaben in SUV's in wilder Panik von einer Anschlusstelle zur nächsten hetzen. Wir blieben noch bis Ludwigsburg auf der guten alten B27, die recht entspannt an allem vorbei übers Land führt. Von da war es nur noch ein Katzensprung bis zum Glemseck.
Das übertraf alles. Abertausende Bikes, Caféracerkultur, Sommerhitze. Aber auch der totale Menschen-Overkill. Wir kamen nicht mal bis zur Rennstrecke durch, kauften Wasser im Wert von 12 Euro, und machten uns irgendwann klammheimlich auf den Weg nach Murr. Dort erwartete uns nämlich Wulf in einer schicken Ingenieurssiedlumg. Er hatte Grillgut da und viel zu berichten, von seiner heutigen 500-Kilometer Tour.
Sonntag, Franken
Der Pullover konnte von vornherein in Gepäckrolle verbleiben, denn war sofort hochsommerlich. Wir schauten uns eine Handvoll unterhaltsamer Rennen am Glemseck an, dann führte Wulf uns gekonnt durch das Gäu über verwinkelte Landstraßen. Genauer gesagt folgte er einer elektronischen Stimme im Helm. Jedenfalls folgten wir ihm orientierungslos und lobten ihn gelegentlich. Wir waren offenbar auf einer nordöstlichen Route, kamen durch das Jagsttal, vorbei an versteckten Burgen und Klöstern. Den ganzen Tag wechselten wir dabei immer wieder die Straße, so dass sich buckelige Waldwege und weitschweifige Landstraßen abwechselten. Dann kam die windige Hochebene Badisch-Sibiriens, und schließlich bei Ochsenfurt das Maintal. Dort liegt auch Volkach, unbekannt und pittoresk wie im Reiseführer "Deutschland"'. Wulfs 850 kam stotternd vor dem Hotel "Rose" zum stehen. Wir checkten ein, vertagten die Analyse und bestellten Schweineschäufele. Ganz groß.
Montag, Dunkeldeutschland, Weimar
Beim örtlichen Hondahändler trennten sich unsere Wege: Wulf stotterte heim, wir peilten Thüringen an. Bis Coburg fuhren wir auf der B303, einem grandiosen, frei schwingendem Highway, der ewig so hätte weiter gehen können. Gleich nebenan liegt Sonneberg, und dahinter beginnt der Thüringer Wald. Gesten hatte ich noch rumgetönt, wie aufgeblüht der Osten sei. Was wir sahen, war durchweg deprimierend. Klasse Bergstraßen zwar, doch leblose, dunkle Orte, allgegenwärtig die nachhaltig abtörnenden NPD-Plakate. In der Fußgängerzone von Ilmenau fanden wir endlich eine halbgare Thüringer Bratwurst. Dicke Hausfrauen mit Renee-Cut, Jogginghose und Doppelkinderwagen rundeten das Bild ab. Wir mussten uns entscheiden, die Mauer zurückzuwünschen oder uns abzulenken. Wir suchten das Positive und fanden es in Weimar. Eine kompakte Stadt, die vor Kultur beinahe platzt. Wir liefen herum, lauschten an der Musikschule, saßen vor einer kleinen Bar am Goetheplatz und freuten uns über die Touristen, die kultiviert wirkten und nicht mal Deutsch sprachen.
Dienstag, Thüringen, Wernigerode
Vor der Abreise guckten wir uns noch eine Ausstellung an, wo wir schon mal da waren. Dann entdeckten wir neues Land. Hinter Apolda liegt zunächst eine Hochebene, und dann das "Saale-Unstrut" Gebiet. Den Namen kennt man höchstens von Weinflaschen, doch dass es beeindruckende Flusstäler mit Weinbergen sind, hätte man sich vielleicht denken können, haben wir aber nicht. Zuvor aber noch Naumburg: Eigentlich nur als Wegpunkt auf der Landkarte gedacht, flog Anja aus einem alten Geschichtsbuch das Wort "Naumburger Dom" durch den Helm. Kurz danach baute sich das Trumm undezent vor uns auf. Eine gute Stunde verbrachten wir darin. Auf dem Weg durch das Unstruttal lagen noch weitere unerwartete Sehenswürdigkeiten, die uns z.T. aufhielten. Die Himmelsscheibe von Nebra, eine Ottonische Pfalz, eine ICE-Neubaustrecke mit gigantischen Brücken. Wir arbeiteten uns entspannt voran Richtung Kyffhäusergebirge, verpassten einen Abzweig, gurkten endlose Umleitungen und wurden unruhig, denn im Westen rollte eine bedrohliche Wolkenwalze heran und es wurde immer später. Alle Sorgen verblassten, als wir mit Schmackes die Harzberge hinauf donnerten, die so geschmeidig und frei waren wie nie zuvor. Die Walze blieb in sicherer Entfernung und in Wenigerode erwartete man uns schon. Wir drehten eine dekorative Orientierungsrunde auf dem Markplatz, checkten ein, liefen zur Bodega und bestellten einen Tisch voller Tapas.
Mittwoch, Altmark, Hamburg
Über Nacht war die Walze gekommen und erstmalig war der Himmel trüb. Das konnte uns aber jetzt nicht mehr erschüttern, nach 5 Tagen Sommerwetter. Unbeeindruckt rollten wir über die endlosen Geraden über Haldesleben, Gardelegen, Salzwedel. Wenn nicht ständig und überall immer alle wichtigen Verbindungsstraßen gesperrt gewesen wären (und deren Umleitung auch) hätten wir vielleicht den Rest der Strecke gar nicht wahrgenommen. So sahen wir die Feldmark zwischen Bergen an der Dumme und Bad Bodenteich, kamen leicht entnervt an der B4 wieder ans Tageslicht und schafften es, aufgrund einer weiteren Sperrung bei Winsen, an den Elbdeich zu gelangen. Und zwar ohne dass die Schauerzelle über uns losging. In der Nähe der Großstadt waren alle hektisch und schlecht gelaunt. Etwa eine Stunde brauchten wir vom Stadtrand Hamburgs bis zur Garage. Da wären wir sonst weit hinterm Horizont.
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