Als wir vorweihnachtlich bei Freunden saßen, musste mir wüste Anschuldigungen von Fußgängern anhören. Vom Warmduschen war die Rede, und von einem Blog ohne Update seit Monaten. Am nächsten Morgen nahm eine Aspirin, zog Thermounterwäsche an und startete die Honda. Es war ein schöner grauer Dezembertag. Ich fuhr ein Stück auf der Autobahn, mit 130 Sachen gegen peitschende Böen bei 6 Grad. Im eleganten Bogen kurvte ich die Köhlbrandbrücke hoch, machte noch eine Zigarettenpause am Kreuzfahrerterminal, hielt die Nase in den Wind, schaute auf die Uhr. Die eisgraue Honda, seit einer Verschlankungsaktion ohne den beheizen Sitz und andere fragwürdige Details, brachte mich mit Nachdruck und großer Klarheit durch die monochrome, kalte Stadt der warmen Duschen.
über 20 Jahre !!!
Sonntag, 19. Dezember 2021
Samstag, 6. November 2021
Abenteuerland
Die Himalayan wohnt jetzt in Berlin, die Bolt wartet auf den Frühling, und ich fuhr im Regionalzug nach Ahrensburg-Gartenholz. Eine Dreiviertelstunde später steuerte ich eine Honda 500 Enduro durch den ungemütlichen Herbsttag. Das flutschte ganz easy, auch wenn ich mich an die turmhohe Sitzposition erst noch gewöhnen musste. Zufälligerweise eingeschaltet, und gar nicht unangenehm war der beheizbare Sitz sowie der vollkommene Windschutz. Sonst wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen, gleich bis nach Strukdorf durchzufahren und dort das weiße Adventurebike stolz vorzustellen. Einen Keks später testete ich bei harschem Gegenwind die Autobahn bis Segeberg, dann trüb-feuchte Landstraßen nach Kaltenkirchen. Offenbar war es so kalt, dass das Handy abkackte. Ich fühlte mich wohl. Es folgten Umleitungen, Baustellen und schließlich mehrere anstrengende Versuche, ohne Autostau nach Hamburg reinzukommen. Ich zeigte der Honda ihren Platz in der Garage und im Kopf bildeten sich erste ausufernde Pläne.
Sonntag, 31. Oktober 2021
Letzte Runde
Saisonkennzeichen, Endzeitstimmung. Dass der allerletzte Tag des Oktobers sonnig, golden und warm wird, damit rechnete niemand und wir hinterfragten diese Geste auch nicht. Wir holten die Cruiser aus der Garage und gönnten der Bolt eine würdige Abschiedsrunde. Die Strecke durfte sie sich selber aussuchen, und überraschenderweise zog es sie nach Süden, in die Weiten der Nordheide. Genussvoll ging es durch übertrieben goldgelbe Waldstücke und über freies Feld in mildem Herbstlicht. Wir verwendeten viel Energie auf das finden geeigneter Fotospots, der zunehmend störende Autoverkehr auch an Sonntagen erschwerte dies zusätzlich. Die meiste Zeit glitten wir aber einfach dahin, spürten ein letztes Mal den knapp 15 Grad warmen Luftstrom und erlaubten uns eine Waffel mit Vanilleeis in Soltau. Schließlich war eine Art Feiertag. Feierlich, aber mit Blick auf die Uhr, planten wir um die vielen B3-Sperrungen herum einen überraschend gut zu fahrenden, kleinteiligen westlichen Bogen, der uns an die Schnellstraße in Harburg brachte. Ab da gab es kein Zurück mehr. Die Dämmerung kam, die Bolt wurde noch kurz gewaschen und dann abgestellt.
Sonntag, 24. Oktober 2021
Gold
Inzwischen war selbst der Oktober fast rum, und einmal kam noch ein strahlend kalter Sonntag. Ich musste schnell noch einen möglicherweise letzten Einsatz der Bolt inszenieren. Scheiß auf die Temperatur, den Autostau, auf alles, Cruisen ist das einig Wahre. Ich sah unfassbar gut aus, das war sicher, und die Fahrt fühlte sich stark an, frei, männlich. Das Licht war aus purem Gold. Genau wie die gesamten 2 Stunden im späten Oktober.
Samstag, 16. Oktober 2021
Angebote
Ich drehte und wendete es, und am Ende würde alles klar werden. Das Ende der Saison war schon voll da, und die letzten Fahrten der Himalayan waren bestimmt durch klare Zweckmäßigkeit, z.B. das Ansammeln von 500 Kilometern zur neuen Erstinspektion. Die vervollständigte ich mit Heizgriffen, in beeindruckend trüber Tristesse der Marsch zwischen Elmshorn und Itzehoe. Alles was mal war, begrub die frühe Dämmerung. Eine Woche drauf, während die Maschine bereits im Internet Klicks sammelte, nutzten wir sie noch zum Weinholen, und eine eine Fahrt nach Ahrensburg. Ein Angebot exzessiver Vernunft stand da, das niemand ablehnen konnte. Daran änderte auch die rundum befriedigende, große Elbdeichrunde mit der Enfield nichts mehr, die wir noch dranhingen, bis die Kälte kroch.
Montag, 4. Oktober 2021
Himalayan
Das Telefon klingelte und die Enfield war wieder da. Wir fuhren am Samstagmorgen zu zweit auf der Honda nach Seevetal und übernahmen ohne besondere Feierlichkeiten die Himalayan, die sich jetzt irgendwie anders anhörte, aber funktionierte, mehr will man nicht. Der Tag war rundum frühherbstlich, ungemütlich und wechselnd grau. Wir zogen ohne großen Plan durch die Nordheide. Anja fuhr vorweg über Bispingen, von da nach Wintermoor. Ich schaltete die Heizgriffe ein. Es waren gute Strecken, aber alles wirkte fad und blass. In Welle gab es kurz Sonne, Benzin und einen Kaffee, im Anschluss eine Rückfahrt durch den Freihafen mit gemischten Gefühlen.
Am Sonntag war es immer noch grau, aber seltsam warm. Ohne Navi ging ich allein mit der Enduro auf Tour, ließ mich gedankenversunken durch graue Vorstädte über Glinde bis nach Geesthacht treiben. Ich merkte es unterschwellig, fast widerwillig, aber alles passte so perfekt zusammen: das ruhige Dahinbrummen des Einzylinders, das unbeschwerte Handling, die unaufgeregte Entfaltung. Das bleiben Alleinstellungsmerkmale, da kann ich KTM's und BMW's testen so viel ich will. Ich fuhr vollkommen allein durch einen indifferenten Tag im leergefegten Grenzgebiet zwischen Dalldorf und Schwanheide, auf Plattenwegen und porösem Asphalt, drehte eine sinnlose Runde und fühlte mich gut. Es ging mit 65 Sachen am Elbdeich zurück, die Leichtigkeit war allumfassend. Das muss so bleiben.
Sonntag, 26. September 2021
Freie Wahl
Einmal noch kam ein Sonnensonntag auf uns zu, und macht uns gleichermaßen ratlos wie euphorisch. All die großen Pläne wurden aus der Schublade geholt, wir hatten die Wahl: Heraus kam eine betont ziellose McPom Tour. Das war über ein Jahr her, jetzt war alles möglich. Proforma gaben wir Grevesmühlen ins Beeline ein, und ließen uns über die Landstraßen treiben. Von Süden kommend ging es über die Buckelpiste am Schaalsee entlang, dann kreuz und quer auf einsamen Wegen durch den frühen, hellen Nachmittag. Man konnte beliebig im Nichts halten und köstliche süßsaure Äpfel am Straßenrand pflücken bis der Rucksack voll war. Auf manchem Weg wünschten wir uns die Enduros zurück, im Gegenzug war das Vorfahren beim Jannys Eis umso souveräner. Danach kamen rauschende Highways über weites Land, der milchigen Septembersonne entgegen. Bei Ratzeburg kamen wir wieder in den Westen. Anja führte uns querfeldein über Nusse bis Schönberg, ich fuhr hinterher, staunend über diese umwerfend schöne Museumslandschaft. Wir tankten nochmal und hingen noch einen Bogen durch den Sachsenwald und den Elbdeich dran. Müde ja, aber so einen Tag lässt man nicht vorbeiziehen, der gehörte uns, den will man 300 Kilometer lang für sich haben.
Sonntag, 12. September 2021
Die richtige Dosis
Bei richtig gutem Wetter hätten wir eine richtig große Aktion daraus gemacht, aber immerhin: Es war Sonntag, und wir waren unterwegs. Unter hellgrauem Himmel ging es über Buxtehude, Bremervörde, immer weiter hinein in die Ödnis des Flatlands. Dabei verlief die Fahrt ganz und gar unangestrengt und flüssig. Am frühen Nachmittag erreichten wir Nethen in Friesland, wo die Sonne schien und das bedeutendste, einzige und lässigste Motorrad-Event des Jahres stattfand. Wir bekamen zwar nur noch das Finale mit, aber der Mix aus hochgezüchteten Trackern, Karohemden, Benzinduft und entspannter, prollfreier Beachclub-Atmosphäre war genau die richtige Dosis. Wir jubelten der neuen Weltmeisterin zu und tranken noch einen Cappuccino, während eine Schauerwolke abzog. Dann kam wieder die Tour durch die graue Leere, aber die Köpfe waren bunt gefüllt.
Montag, 6. September 2021
Menschenurlaub
Freitag gegen Mittag hatte ich mich mühsam aus der von Vierrad-Einzellern überbevölkerten Stadt herausgequält. Etwa in Südharburg, beim neunundneunzigsten gedanklichen Durchgehen der Checkliste, ging die rote Lampe an: Was soll ich in Hörden ohne den Hausschlüssel? Gefühllos drehte ich um. Der Rest des Tages litt unter dem 1 1/2 Stunden Offset. Das, der dichte Verkehr auch auf Landstraßen, vor allem aber die Tatsache dass Rembert mich im Harz erwartete, verlieh der Fahrt eine unterschwellig anstrengende Note. Anja war davon nicht betroffen. Sie war zu Hause und bereitete sich auf eine Autofahrt nach Dänemark vor. Am Ende entspannte sich alles. Die Slim und die Bolt fuhren beim Italiener in Osterode vor, wir ernteten Respekt, Privilegien und Pizza.
Am Samstagmorgen war alles so urlaubig, das ich meine Weiterreise über den Schäufeleäquator kurzerhand stornierte und mich auf entspannte Tage im Südharz einstellte. Im ungeahnt frischer Morgenluft eskortierte ich Rembert auf prächtigen Nebenstrecken bis an die Weser. Unterwegs lernte ich u.a., dass aus dem Leinetal demnächst ein Ozean entstehen wird. Rembert verschwand auf eine beneidenswerten Reise, ich ließ mich über die Serpentinen des Kaufunger Gebirges treiben, allein und glücklich. Ich durchquerte das Werratal und kurvte im Osten durch die Wälder und die in der schrägen Nachmittagssonne unfassbar gutaussehende Landschaft des Eichsfelds. Um 19 Uhr stand ich beim Rewe in Herzberg, besorgte mir Frikadellen und machte Urlaub.
Sonntag wollte ich mich frei fühlen und eigentlich einfach die B27 südwärts entlangcruisen. Ein größeres Konzept brauchte ich dafür nicht. Die Luft war herrlich, und ununterbrochen kamen Biker entgegen, die alle in die Enge des Harzes wollten. In meiner Richtung waren viel zu viele Autos unterwegs. In der Nähe von Eschwege bog ich dann spontan ab und erkundete weitere Details des Grenzgebirges entlang der Werra. Da waren z.B. interessante Bergbaugebiete, Bergstraßen mit alpinen Kurven, vor allem aber endlose Sonne und kein Menschenauto weit und breit. Zum Abschluss donnerte ich noch die Bundesstraße hoch auf den Harz. Auf dem Torfhaus parkte ich am Bikertreff, und stand eine Weile dumm rum. Etwas zu Essen ohne Warteschlange fand ich in Altenau, wo die Sonne quer und warm auf den Asphalt und die Bratwurst schien. Noch ein paar schnelle Kurven im Abendlicht, dann zufrieden ins Bett.
Vor der Rückfahrt am Werktag graute es mir ein wenig. Die Nebenstraßenroute, die ich ins Vio programmiert hatte, funktionierte dann aber doch sensationell gut. Vorbei an allen Ballungen ging es praktisch ohne Verkehr durch die endlos-sonnigen Wälder und die Heide, als wäre Sonntag. Ich machte ausgiebig Pause in Bispingen, da war noch reichlich Zeit. Hamburg erreichte ich hellwach über Stelle und die Deichstraße bei Fliegenberg, alles wirkte beschaulich und entspannt. Wie im Urlaub.
Sonntag, 15. August 2021
Folgen
In Deutschland gab es am Samstag genau eine Schauerwolke. Sie befand sich zwischen Hamburg-Langenhorn und Strukdorf. Noch im Reisetaumel waren wir jedoch zu blind (bzw. zu bescheuert) um sie zu erkennen und fuhren erstmal rein, natürlich ohne Regensachen. Im Zweiten Anlauf kamen wir an, und der Abend bot dann glücklicherweise genug Zerstreuung.
Am Sonntag führte Anja. Souverän, streckensicher, zielstrebig. Ein kleines neues Device führte sie. Ich gurkte hinterher, kritiklos, zufrieden und reichlich müde. Eigentlich hätte es nach Rendsburg gehen sollen zur Kunstausstellung. Aber hier und da mussten dann doch immer wieder Entscheidungen des Device erstmal gedanklich nachvollzogen werden, und der zerstreuende Vorabend war noch bis in den Nachmittag hinein spürbar. Statt Kunst programmierte Anja dann eine Tour durch das selten durchfahrene Gebiet zwischen Nortorf, Aukrug, dann schräg rüber durch die Marsch bis Glückstadt, wo endlich die Sonne schien, alles klar und schön wurde, und wir vorfuhren und was zu Essen bestellten. Den Heimweg über Pinneberg nach Schenefeld kenn ich normalerweise auswendig. Aber Folgen ist jetzt mein Ding.
Freitag, 13. August 2021
Dolomiti
ÖBB Autozug: Als die Schanze quetschend am Abteilfenster vorbeizog, was schon der gesamte Urlaub da. Am nächsten Morgen um 10 kurvten wir zum Brenner, danach immer weiter auf der Landstraße nach Venedig, wo es viel zu feiern gab, mit guten Leuten. In den folgenden Tagen kreuzten wir über gleichermaßen strategisch und touristisch sorgfältig ausgesuchte Wegpunkte durch die Dolomiten. Die Rebel und die Bolt gaben dabei ein lässiges, aus der Masse der GS'sen und Multistradas herausstechendes Paar ab, vor allem aber funktionierten sie auf den tausend Serpentinen bestens. Gerade als wir über die Glocknerstraße nach Norden durchstießen, streikten die Lokführer. Statt des Autozugterminals programmierten wir eine Deutschlandtour in Form dreier Panoramaetappen ein. Oberpfalz, Fichtelgebirge, Saaletal, ungeahnte Highlights. Erst dachten wir noch, es gibt Schlimmeres. In Wirklichkeit gabs nix Besseres, als auf der Straße vom Mittelmeer bis an die Elbe zu cruisen.
Montag, 26. Juli 2021
Kino
Nochmal nach Hörden, spontan am Freitag - zurechtargumentiert als Generalprobe. Zum Beispiel, um mal mit Gepäck zu fahren, mit Navi und Strom. Zum Beispiel, um die neuen Reifen der Bolt im Gebirge auszuprobieren. Aber eigentlich, um mal wieder einen Miniurlaub aus Landstraßenkilometern und Vogelgezwitscher zusammenzubauen. Auf der Hinfahrt kamen wir vom Weg ab und rollten bei akuter Schauergefahr südwärts durch die Heide von Brackel über Bispingen, Wietzendorf bis nach Bergen. Der Rest verlief wie gewohnt, auf dem bestmöglichen Korridor durch die Hildesheim-Brauschweig Barriere. Wir kamen entspannt aber müde am Edelhof an. Der Abend war perfekt für eine kleine Runde um Duderstadt herum, durch unsere unheimliche Lieblingslandschaft voller sanfter, goldener Hügel, samtigen Schwingstraßen und flirrenden Wäldern. Niemand war unterwegs außer uns, das war herrlich. Blöd war, dass die alle beim Italiener in Duderstadt saßen, wo wir eigentlich hin wollten. Zum Rewe in Herzberg waren es nur 20 Kilometer. Eine Tiefkühlpizza konnte man pimpen.
Ja, man hätte noch einen Tag dranhängen können, aber es gab Argumente. Wir machten aus der Rückfahrt eine Reise, im Sinne der Generalprobe: Die B27 durch den Harz fuhr sich wie am Gardasee. Ein paar Serpentinen durch die Berge, auch gut. Die neuen Reifen veränderten alles, (obwohl einer irgendwie eierte), sind nun saubere Bögen möglich. Das Vio hatte mit dem letzten Batteriesaft eine fantastische östliche Route durch die Magdeburger Börde, die Altmark und das Wendland kalkuliert. Es ging durch vollkommen leere Landstriche, vergessene Pisten, knorrige Alleen, dann wieder über Bundesstraßenabschnitte zum Durchatmen. Am Anfang brannte die Sonne schwer, aber der Nachmittag ließ alles aussehen wie prächtiges Celluloid. Wichtige Erkenntnis: Reisen mit den Cruisern funktioniert, und zwar mehr als das. Die lässige Komponente bleibt voll erhalten, würzt Standardsituationen, wertet sie auf. Als wir in die Stadt der Bekloppten einrollten, sahen wir sie wie Zuschauer im Kino. Wir konnten jederzeit wieder den Roadmovie einlegen.
Sonntag, 18. Juli 2021
+400 Meeting
Die Überkilometer ließen sich mühelos wegdiskutieren. Anja wollte cruisen. Damit war sie nicht allein. Holterdiepolter beraumten wir ein Wittenberge-Meeting an, heute! Immerhin planten wir eine kilometerfreundliche Route: Geestacht, Lüneburg, dann die B216, die einfach unabstreitbar gut zu fahren ist an einem Sommertag wie diesem. Besonders das verlorene Stück über Gartow durch die sandigen, kieferduftenden Elbberge sogen wir ein wie eine Droge. Am Beachclub in Wittenberge standen Paulis Street Bob, die Rebel, die Bolt und als Stargast Thomas' neue, grasshoppergrüne Himalayan lässig in der Sonne. Inspirierte Gespräche am Tisch, alles dreht sich um das göttliche Benzin. Wir trennten uns, ließen uns Zeit für die Rückfahrt. Sie war gleichmäßig und lang, durch einen warmen, müden Sommerabend. Aus Westen schob sich am Ende eine kühle Wolkendecke über uns. Die Rebel war 400 Kilometer drüber, und das war gut so.
Samstag, 17. Juli 2021
Mein Ding.
Idealbedingungen: Sommersamstag, allein, 25 Grad. Inneren Kräften folgend fand ich mich auf den großen Highways des Südens wieder. Erst auf der B3, dann der Diagonale von Wintermoor nach , Bispingen und der B244. Der warme Luftstrom, der durch den Hoodie blies, die Maschine, die satt und zufrieden dahinglitt, die Straße, die sich der Endlosigkeit verlor, das war perfekt, mehr wollte ich nie mehr, nur noch das. Dabei fand ich, dass ich für die Umgebung auch optisch eine Bereicherung darstellte, was aus meiner Sicht für die rücksichtsvolle und damit umweltschonende Art Anerkennung verdient. Die meiste Zeit war aber eh niemand da, der stören könnte. Ich fuhr über Unterlüß, Sprakensehl bis Wittingen durch, von da nach Uelzen, auf der Suche nach einem Eisbecher. Ich fand es passend, auf der B4 nach Norden zu ziehen, mit dem Trek, bis Lauenburg, das war genug. Ich redete nicht viel darüber, aber man merkte mir an, das war mein Ding.
Freitag, 16. Juli 2021
Frieden
Schnell zum Arzt, aber mit Vorfreude und gleich Sonntagsmorgens um 9. Schnurgerade zog die B4 unter uns hinweg, sonnig, frisch und frei, wie im Urlaub. Das gefiel sogar Anja, unterwegs auf der Mash. Nicht aus Nostalgie, sondern weil die Rebel die 1000 Km zum Service schon nach 3 Tagen voll hatte. Neumünster kam ins Bild, trist, leer und hart. Dann Nortorf, auch nicht viel besser. Direkt dahinter: liebliche Mittelgebirgslandschaft, durch die kurvige Hohlwege und Alleen zum Sehnsuchtsort des Jahres führen. Eine Viertelstunde später war der Drops gelutscht und wir auf dem Rückweg. Ohne Navi, von Dorf zu Dorf fand ich tatsächlich die verträumte Route vom Mai wieder, die alle größeren Orte vermied und kleinteilig durch Wald und Wiese nach Süden ging. In Bockhorn philosophierten wir Cappuccino schlürfend über mögliche Routen, da die Schauerzellen ja wohl ganz offensichtlich nicht kämen. Ein peinlicher Irrtum, denn vor uns hatte sich inzwischen eine bedrohliche Wolkenwand aufgetürmt. Das kurvige Stück Hartenholm - Kaltenkirchen - Alveslohe - Quickborn nahmen wir sportlich-gehetzt, bange den Himmel beobachtend. Er blieb friedlich bis zum Schluss, wir auch.
Sonntag, 4. Juli 2021
Zu allem bereit
Bergedorf, morgens um zehn in Deutschland. Anjas nagelneue Rebel 500 nahm schwarz in der Sonne glänzend die ersten Kilometer unter die Ballonreifen. Noch etwas dies und das, dann folgte sie der Bolt auf dem Highway 3 nach Süden. Die Strecke nach Hörden können wir inzwischen auswendig fahren. Sie wird nicht langweilig, sondern irgendwie immer besser. Routiniert fuhren wir in Herzberg beim Rewe vor und luden Rotwein, Nudeln und vieles andere mehr in die Rucksäcke. Dann freuten wir uns auf den nächsten Tag.
Der begann damit, dass Anja erneut das sagenumwobene Unstruttal auf den Frühstückstisch brachte. Die 150 dorthin Kilometer relativierten sich, als wir das erste Stück auf der Schnellstraße am südlichen Harzrand nahmen. Das fühlte sich in der klaren Vormittagssonne sofort an wie ein Urlaubstag. Dann baute sich vor uns das gewaltige Kyffhäusermassiv auf. Es hat eine Passstraße wie der Gotthard. Die wird von Rennahrern genutzt und von der Polizei strengstens bewacht. Es folgten viele Kilometer durch leeren Osten, bis das Zielgebiet mit fotogenen Tälern und weiten Hügeln sich öffnete. Die Unstrut selbst ist dabei ein mickriges Flüsschen, das man fast übersieht. Weltklasse war mal wieder die Rückfahrt in die Abendwärme, in die wir einen ausgiebigen, südlichen Bogen durchs Eichsfeld einbauten. Ich guckte immer mal wie es Anja auf der Rebel geht. Sie sah aus als würde sie die Tour am liebsten gleich nochmal fahren.
Alles war so schön, aber Sonntag war die anrückende Regenfront nicht mehr weg zu diskutieren. Vor dem Nachmittag mussten wir weg. Die Harzüberquerung am Morgen nach Goslar war nochmal reiner Genuss. Die Berge sahen aus wie die Rocky Mountains, die Rebel und die Bolt glitten elegant um die Kurven, alles floss. Die Hauptstrecke über Peine (endlich mal reingefahren!), Celle, Soltau war geradlinig und frei, dazu Sommerhitze und die Regenfront in sicherem Abstand hinter uns (immer wieder überprüft). Wir rauschten durch die unendlichen Waldschneisen und brauchten uns nicht beeilen. Blick in den Rückspiegel: Anja, souverän und zu allem bereit.
Sonntag, 27. Juni 2021
Hinterm Horizont
Autobahn A 25 nach Geesthacht. Ein angenehmer, geradlinig-frischer Luftstrom blies Reste einer zu langen Nacht aus dem Gehirn. Im Rückspiegel der Bolt Yamaha waren Anja und Marcus zu sehen, alles andere war hinterm Horizont längst verschwunden. Vor uns lag ein warmer Tag auf der B195. Wir kennen die Straße, aber jedes Mal ist man erneut baff, wie allein und abgenabelt man durch die Weiten der Elbauen schwingt. Mit wenig Worten und ohne Halt erreichten wir im Café in Dömitz den erlösendem Cappuccino. Im Süden waren Gewitterzellen, das war bekannt. Daher machten wir nicht die klassische Runde übers Südufer, sondern nahmen einfach die selbe Strecke zurück. Marcus setzte sich bei Lauenburg mit seiner G/S ab, Anja und ich fuhren zu der geheimen Stelle am Deich bei Barförde und legten uns ein Stündchen in die schmelzende Sonne. Selbst dann war noch reichlich Tag übrig. Im Norden gab es die herrliche Grenzstraße von Büchen nach Zarrentin, und dort einen See, und ein Lüftchen, und einen gebratenen Fisch aus Frankfurt. Auch diesen Weg fuhren wir genau so wieder zurück, allein auf weiter Flur, durchs warme Abendlicht. Alles floss schöngefiltert und weich in die Sonne. Das setzte sich auf der Deichstraße fort, bis hinein in die Stadt, die heiß und ausgelaugt war wie wir.
Sonntag, 20. Juni 2021
Testen! Testen! Testen!
Dieses Wochenende stand unverhofft eine Honda Rebel 500 zur Verfügung. Anja entwickelte ein Testprogramm, das zu durchlaufen war. Testfall 1: Coolness. Wir verwendete meine mit-Sonnenbrille--zum-Sunset-am-Köhlbrand Route vom Vorabend wieder. Auch wenn Anja noch fremdelte, das Bild der Rebel zusammen mit der Bolt Yamaha im Restlicht der heißen Stadt war umwerfend.
Die folgenden Tests fanden am helllichten Tage statt: Testfall 2: Highway-cruisen. Ich fand uns richtig gut, aber für Anja ging die B4 genauso langweilig und gerade nach Norden wie immer. Hinter Bad Bramstedt kamen kleinere Landstraßen zwischen den nüchtern-grauen Dörfern des Westens. Den Rand der kühleren Luftmasse streifend, waren die dortigen Testbedingungen erträglicher. Testfall: Hin-und-her fahren-und-in-Rendsburg-den-richtigen-Weg-zur-Fähre-finden. Die Testerin bemängelte inzwischen nichts mehr, alles schien gut zu laufen. Man konnte sich auf eine auswendig gelernte Route nach Südwestschleswig-Holstein konzentrieren, die uns schließlich zum nächsten Test brachte, nämlich Kringelstraßen-am-Deich-der-Stör-entlang-kurven, was lt. Zwischenbericht überragend funktionierte. Auf diese Weise kamen wir zum durch-Baustellen-holpern-Test nach Glückstadt, gefolgt von vor-Publikum-vorfahren-und-Burger-bestellen. Der Test war sofort bestanden. Auf dem Heimweg zwischen Uetersen und Wedel musste ich an die ganz alte Zeit denken. Ich fuhr im vorigen Jahrhundert einen Yamaha Cruiser und hatte eine Freundin mit Rebel, beides 250er.
Nächster Tag, mehr Tests: Geduldig-im-Stadtverkehr-bis-Norderstedt-bummeln, das ging schon mal easy. Testfall 2: Zügig-schwingende-Bundesstraße-durch-bekanntes-Gebiet, kombiniert mit vorfahren-auf-dem-Anwesen-in-Strukdorf. Gute Punktzahl. Zwischenergebnisse wurden dort mit dem anwesenden Fachpersonal im Detail ausgetauscht. Nächster Testblock: Mit-135-Sachen-über-die-Autobahn-prügeln. Anja (inzwischen im Influencerin-Stil) schwärmend über die endlosen Kraftreserven der Maschine. Nun kam der k.o.-Test: auf-engen-Holperstraßen-durch-McPom-bügeln. Die Überraschung war groß. Wer diesen Test, mit dieser Testerin besteht, kann alles. Vielleicht trug auch dazu bei, dass wir zum ersten mal nach Jahren in Mecklenburg waren, und ganz vergessen hatten, wir romantisch, sommerwild und knorrig das Hinterland ist. Das Kilometerkontingent gab nur noch eine schnöde Verbindung über Mölln zum Abgabepunkt in Bergedorf her, was den abschließenden Ausdauertest bei-70km/h-in-langweiliger-Autokolonne-viele-Kilometer-mitgurken ergab. Ja, der Hintern tat weh, aber das war by Design. Immerhin: Das waren 2 Tage á 300 Kilometer, die dringend benötigte Entscheidungsräume freigaben.
Donnerstag, 17. Juni 2021
Der warme Wind
Der Abend: 30 Grad, Licht bis in die Nacht. Ich: Cruiser, Sonnenbrille, Hoodie. Alles sah so unfassbar cool aus, dass ich mich fragte wo das Filmteam ist. Die Hafenanlagen im Sunset, der warme Wind auf der Haut, der Moment, der nie aufhören darf. Nur wenige Dinge konnten mich einfangen. Hier waren es die leuchtende Benzinanzeige und die Aussicht auf Grillwurst.
Montag, 14. Juni 2021
Fahrfreude
Wir gingen es ganz entspannt an. Warten, bis das Regenband durch war, dann ab auf die B3, durch einen windig-wechselwolkigen Nachmittag. Das folgende Stück zwischen Celle und Hörden war offenbar dasselbe wie beim letzten Mal, aber wir erkannten kaum etwas wieder, außer dem Fotogen in der Landschaft stehenden Kraftwerk von Mehrum. Hinter Holle kamen einige sehr gut zu fahrende kurvige Waldabschnitte, alles ging recht fluffig, und wir erreichten den Harz über Lauthenthal und die herrliche Rennstrecke Wildemann-Clausthal.
Den Sonntag verbrachten wir in einem unentdeckten Gebiet im Westen. In der Morgenfrische ging es durch eine heile Epoche 3-Welt im Grenzland bis Göttingen, dessen ausgedehnte Villengebiete wir ungewollt kennenlernten. Südwestlich der Stadt begann eine ausgeklügelte Route durch die Wälder und kuppige Mittelgebirge zwischen Witzenhausen, Nieste und Lichtenau. Es ist eine traumhaft zu befahrene Gegend, die der Dosenfahrer höchstens als "Kasseler Berge" kennt, andere aus dem Inneren eines ICE-Tunnels. Die Straßen, das wuchernde Grün und die Sonne hatten wir weitgehend für uns und unsere 400er allein. Über den Hohen Meißner kamen wir ins Werratal, und von dort auf die andere Seite. Im Bergland unmittelbar hinter der Grenze gib es sagenhafte Nebenstrecken zwischen versteckt liegenden Dörfern. Am Ende einer sich endlos windenden Landstraße lieg ein Grenzmuseum mit allerlei Kalter-Krieg Schrott, das wir besichtigten. Für die Rückfahrt genossen wir die erholsamen großen Schwünge freier Bundesstraßen. Wir landeten punktgenau beim Serra-Döner in Clausthal. Der urbane Hauch tat gut.
Mittwoch, 9. Juni 2021
Inszenierung
An langen Juniabenden und 25 Grad ist Feierabendrunde mit dem Cruiser die einzig wahre Lebensqualität. Ich sah die Sportster meiner Optikerin vorm Haus stehen. Kurz darauf waren wir auf der Straße. Ich folgte ihr auf der Bolt Yamaha 950 durch die Stadt nach Niendorf, von dort ging es auf die B4. Nach einem Bacon-Burger improvisierte ich eine unkomplizierte, im späten Sunset fantastisch inszenierte, fließende Runde über Quickborn, Pinneberg, Schenefeld. Auf den schnellen Etappen zog es kühl durch die Jacke, in der Stadt glühte der Asphalt noch nach, Neonlicht brannte in der Dämmerung - eine perfekte Kulisse. Zum Abschied kurzer Wink an der Kreuzung, gerne wieder.
Samstag, 5. Juni 2021
Familienangelegenheit
Auf eine Art war es gut, wieder hier zu sein. Denn erstens schien die Sonne im Norden einfach weiter, zweitens spürte ich schweres Verlangen zu cruisen. Mit Jeans und Lederjacke startete ich die Bolt Yamaha 950. Für Anja bleib nur die Mash, aber das wollte sie ja so. Wir fuhren recht geradlinig nach Strukdorf, wo wir Horst mit seiner NC einsammelten und ihm eine Route durch Ostholstein ins Navi hackten. So führte er uns fremdgesteuert über herrliche, bekannte und unbekannte Wege westlich um den Plöner See herum, mit gut informierten Zwischenhalten an bedeutenden Adelssitzen. Wir kamen hoch in den Norden bis zum Gut Panker und es ging zurück über rauschende Alleen, kleinstteilige Verbindungswege (Schotter!), lästige Baustellenumleitungen und sogar ein Stück Autobahnstau. Alle trafen sich erschöpft zur Retrospektive sich in Zarpen, wo die ganze Familie versammelt war. Anja und ich fuhren in der Dämmerung eines unschlagbaren Juniabends nach Hause.
Freitag, 4. Juni 2021
Die neue Situation
Die neue Situation überrumpelte uns. Insgesamt etwas hilflos, bekamen wir eine Sache aber instinktiv auf die Reihe: Urlaub nehmen und ASAPst in unser Domizil am Südharz aufbrechen. Der Zeitplan war großzügig angelegt, wir konnten entspannt durch den anfangs noch sonnig-frischen Sonntag in die Ferien gleiten. Zunächst auf der B3, dann auf einer speziellen, Tomtom-berechneten Nebenstrecke zwischen den Molochen Hildesheim und Salzgitter hindurch. Wir wurden katapultiert in eine 500 Jahre alte, surreal-romantische Sommerszenerie, wo man unter flirrend-summenden Bäumen sitzt und per Hollandrad ins Dorf fährt, oder, wie gleich am ersten Abend, auf bilderbuchartigen Straßen durch die unbekannten Hügel nach Duderstadt, wo es die erste Pizza seit letztem Jahr gab.
In den folgenden Tagen erkundeten wir großräumig die Gegend. Am Harzsüdrand entlang im Osten erwarteten wir viel, bekamen aber die üblichen nüchternen Ostdörfer in grauem Lockdown, und alte und neue Industrie. Die Rückfahrt von Kelbra über Stolberg und die Harzhöhenstraße war hingegen Weltklasse, mit null Verkehr und Sommerwärme bis zum Schluss.
Das Gebiet im Süden ist das eigentliche Highlight. Es heißt Eichsfeld, und auf dem Weg in Richtung Eisenach hatten wir eine wirklich traumhafte Route über Nebenstraßen, die vorbei an aller Zivilisation durch das Hügelland führte, mal dies-, meist jenseits des Eisernen Vorhangs. Es ging noch ein Stück die Werra entlang durch den Wald, dann standen wir schwitzend in Mühlhausen, hakten die dortige Kathedrale ab, freuten uns aber insgeheim schon auf die noch einsamere Rückfahrt mit kuppigen Ausblicken im Abendlicht, und endlich den Sundowner unter der Kastanie auf unserem Anwesen.
Dann wollten wir Kultur sehen, einfach weil von hier aus alles möglich war: So konnte ich das Salzgitter Stahlwerk als Industriekultur verargumentieren. Leider haben sie es gut versteckt, und das Drumherum ist - wohlwollend - ernüchternd. Im Gegenzug gab es Hildesheim: Eine total unterschätze Perle der Nachkriegsmoderne. Es gibt außerdem auch zwei Kirchen. Die eine ist uralt und sehenswert, der Dom leider baulich missraten. Es waren die offenen Läden, Cafés, die massiven Lockerungen, die uns mehr umhauten als alles andere.
Ganztägig durch den sommerheißen Harz zu touren ist und bleibt top, zumal wenn man Zeit hat auch unbekannte Kleinstverbindungen auszuprobieren, dann mal wieder auf einer kurvigen Hauptstraße zu schwingen, sowie überlang am Okersee zu chillen. Gegen Abend war noch so viel Licht und Wärme übrig, dass wir noch einen genussvoll fließenden Umweg zu einem Berg namens Sonnenstein draufsetzten. Von oben konnte man die ganze Welt sehen, sie sah gut aus wie schon lange nicht mehr.
Wir wären für immer hier geblieben, aber auf dem Wetterradar schoben sich Gewitterfronten ins Bild. Am Freitag schnallten wir leichtes Gepäck auf die Maschinen (vieles ließen wir einfach da) und glitten durch den Tag nach Norden, wieder durch den Hildesheim-Peine Korridor, über Celle auf den Highway 3. Hamburg lag kollabiert, unter einer glühenden Masse aus Autos. Wir hatten ganz vergessen, dass die Menschen das mögen.
Montag, 24. Mai 2021
Tag eintüten
Für einen Tag war alles weggefegt: Die Schauerwände, der Endzeitwinter, die Apokalypse, alle machten kurz Pause. Heute lag Schleswig-Holstein vor uns, ausgebreitet in der Sonne wie ein grünflauschiges Picknick. Die Arzttour vom Mittwoch hatte genug Inspiration hinterlassen, um eine sehr ähnliche Tour für zwei einzuprogrammieren (es war fast eine Kopie). Erst ging es wieder durch die Aukrugwälder, westlich an Neumünster vorbei, bis in das Geestland, wo Wind weht und die Wolken nicht weiß, sondern silbern sind. Es ging am Kanal entlang, durch Rendsburgs Hafen, und dann in das kurvige Gelände südlich von Westensee. Beide Maschinen hatten neue Reifen, die waren jetzt eingefahren, das war angenehm. Alles andere auch, am Nachmittag wurde es für die Goretextsachen eigentlich eher schon zu warm. Kreuz und quer zogen wir auf Nebenstrecken durch das Land, das riesig war, grün und duftend. Wie kamen über Sarau nach Ahrensbök, und die Aussicht auf ein Hähnchen zog uns nach Bad Schwartau. Der Abend war zu lang für die schnelle Route nach Hause. Wir bauten noch einen satten Umweg über Lübeck, Kühsen und Koberg ein. Die letzten Kilometer waren müde, aber wir wollten jeden einzelnen eintüten. Könnte schon wieder der letzte sein.
Mittwoch, 19. Mai 2021
Arzttermin
Was tun wenn man spontan einen Arzttermin in einem Dorf zwischen Rendsburg und Kiel bekommt? Halben Tag freinehmen, Goretex anziehen und die Himalayan starten. Es war ein guter Tag, in mehrerer Hinsicht. Der Regen blieb auf Abstand, die trödelnde Autokolonne störte heute nicht, und auf der Route westlich um Neumünster herum gab es ein schönes Waldstück. Weiter im Norden hatte ich noch Zeit übrig und kurvte durch das kleine Mittelgebirge am Westensee, was so selten ist, dass es sich anfühlte wie Urlaub. Beim Arzt ging alles so schnell (und nicht halb so bedeutsam wie ich es mir ausgemalt hatte), so dass ich eine ausgiebige Rückroute über Neben-Nebenstraßen programmieren konnte. Sie schnitt eine idyllische Gerade von Rumorh über Schillsdorf, Willingrade, Heidmühlen nach Hartenholm und fuhr sich im Abendlicht fantastisch. Unmittelbar vor mir verzogen sich die Regenzellen, der Asphalt dampfte. Mit nassen Füßen und bester Laune rollte ich in die Stadt, parkte und setzte mich an den gedeckten Tisch.
Samstag, 15. Mai 2021
Wahnsinn
Am Pfingsten kam ein Regen nach dem nächsten, aber auch Besuch aus der Hauptstadt, getestet und als Fußgänger. Praktisch, dass wir die Garage noch einigermaßen gefüllt war, und wahnsinn, dass mal zwischendurch für ein paar frische trockene Stunden gab. Für Thomas reichte eine recht standardmäßige, geführte Tour über die Hafenrouten zu den üblichen Hotspots. Er genoss die Freiheit auf der Himalayan, während ich die Bolt fuhr. Für die Rückfahrt tauschten wir, und ich nehme an etwas geschah mit ihm, auch wenn er es nicht zugab. Viel Zeit blieb nicht, das auszudiskutieren, denn von Südwesten schob sich die nächste Welle heran. Abgestumpft zogen wir uns in den Lockdown zurück.
Sonntag, 9. Mai 2021
Alle Hoffnung
Alles fokussierte sich auf einen Punkt, genauer einen Sonntag im Mai, der alle Hoffnung auf eine neue, bessere Zeit speiste. Der Tag kam, und die Wärme vergangener Sommer. Die leichten Sachen, die dünnen Handschuhe, weitreichende Tankfüllungen. Über die Norderstedt verließen wir die Stadt, raus aufs Land, in die Freiheit. Ich hatte eine Route im Dorf-zu-Dorf Mode programmiert. Wir durchkreuzten das Gebiet zwischen Kisdorf, Hartenholm, Wahlstedt, sahen unentdeckte Landstriche und Bekanntes, nur von der anderen Seite, grünes Grün und gelbes Gelb. Bei jedem Halt wanderte ein Kleidungsstück in die Rucksäcke, wurden Lüftungsschlitze geöffnet und Wasserflaschen geleert. Nach über hundert Kilometern erreichten wir Telse inmitten eines grünenden, blühenden Idylls namens Neukoppel. Eine heile Welt, wo immer Sommer ist und wo wir sicher waren vor der Realität. Man hätte noch eine ausufernde Rückfahrt planen können, doch wir waren gesättigt und etwas ängstlich vor den Schauerzellen auf dem App. Insofern war es vollkommen ausreichend, träge auf der B75 in die Abendsonne zu gleiten, die Bikes in die Garage zu rollen und mit einem Sundowner auf dem Balkon den kürzesten Eintagssommer aller Zeiten zu verabschieden.
Samstag, 1. Mai 2021
Kraftfeld
Zwischen Frühstück und dem Nachmittagsregen passte genau eine introvertierte Ausfahrt mit der Bolt. Richtigerweise erlag ich nicht der Versuchung, die Wintersachen anzuziehen. Lederjacke, der kleine silberne Jethelm und die neue Sonnenbrille, das war cool. Als Kompensation suchte ich mir eine langsame Bummelstrecke. Es ging wieder am Deich entlang, wie letzte Woche, nur allein, und cruisend. Das veränderte alles: Letztes Mal langweilig und zäh, heute ein einhüllender Genuss. Um die Maschine hatte sich ein Kraftfeld gebildet, dass alles Leid auf Distanz hielt: Menschen, Viren und die im Süden sichtbaren Schauerzellen. In Geesthacht füllte ich den Tank, dann rollte ich auf dem anderen Ufer mit derselben tiefgründigen Coolness zurück. Wer nicht cruised ist doof.
Sonntag, 25. April 2021
Es wurde Zeit.
Ben rief an und formulierte treffend "es wird Zeit". Wir warteten bis die Temperatur zweistellig wurde, dann führte ich die beiden Enduros am Deich entlang nach Geesthacht. So lange war ich diese Strecke nicht gefahren, ich hatte ganz vergessen wie langweilig sie und zäh sie ist. Ohne die gute neue Jacke und die Heizgriffe wäre ich umgedreht, aber in Geestacht kannte Ben eine in einem waldigen Tal versteckte Rennstrecke. Man muss auf einen Berg klettern, dann kann man Profis beim Training zusehen. Davon abgesehen redeten wir nicht viel, zogen unsere Halstücher zurecht und fuhren uns über eine Navi-gesteuerte Route zurück. Es ging über Land und durch den noch kahlen Sachsenwald. Als wir endlich eine Tanke fanden für die Kaffeepause, waren wir schon in Rahlstedt. Kalte Sonne begleitete uns auf den letzten Kilometern, ein kurzer Wink, Mission erfüllt.
Sonntag, 4. April 2021
Monochromie
Eigentlich schade, dass der Sommer schon wieder vorbei war. Aber gut, dass die neuen Sachen so gut wärmten und gut aussahen. Der Ostersamstag war eisig, wolkenlos strahlend, und die Strecke über Lasbek, Oldesloe, Meddewade fuhr sich leicht und locker. Bis kurz vor Strukdorf blieben die Heizgriffe aus, das Aufwärmen erledigte die dortige Lammversorgung. Am Sonntag war die Sonne weg, stattdessen peitschte uns ein harscher Nordwestwind über die ausgestorbenen Landstraßen. Wir hielten noch am neuen Schloss der LG's in Zarpen, dann ließen wir uns auf der B75 durch den monochromen Sonntag nach Hause treiben. Eine warme Badewanne, und der Tag war perfekt.
Samstag, 3. April 2021
Vermisst.
Ganz ehrlich, das 4er-Saisonkennzeichen war rückblickend eine blöde Idee. Umso aufgeregter war ich, am Ostersamstagvormittag die Bolt anzuklicken. Das Gefühl war dann zunächst doch überraschend vertraut. In Lederjacke steuerte ich den durchdringend brummenden Cruiser durch die Schanze, die Hafencity, über die Elbbrücken und dann kreuz und quer durch die Hafenrouten, bis die Füße kalt wurden. Hinterher spürte ich die Maschine in diversen, fast vergessenen Körperteilen. Das war es, was ich so vermisst hatte.
Montag, 29. März 2021
Mikro
Samstag, 20. März 2021
Zwischendurch frei
Zwischendurch kamen immer mal wieder Momente des Lichts: In der Garage, in Wolkenlöchern, oder am Ende des Tunnels. Ein Highlight war z.B. die Fahrt bei 5° nach Buchholz. Dort hatte jemand eine sensationelle Garage und eine BMW XCountry, die Anja probe saß und auch mal anließ, aber nicht mit nach Hause nahm. Später gab es Testfahrten mit neuen Jacken, Schuhen, Thermounterhemden, aber vor allem sehr modernen Helmen mit Bluetoothverbindung, die besser funken als gedacht und eine neue Dimension auf die Straße bringen. Und manchmal, am Sonntagnachmittag, nahm ich einfach die Himalayan, kurvte einmal zum Roßhafen und zurück und fühlte mich frei.
Mittwoch, 24. Februar 2021
Transit
Es fiel nicht schwer, den Mittwoch spontan frei zu nehmen und diese Tour ließen wir keinesfalls anbrennen. In Wittenberge gab es nämlich einen offiziellen Ortstermin, was einen Transit durch McPom auch formal legitimierte. Dass die Mash unerklärlicherweise wieder leer war, war jetzt egal, Anja fuhr einfach auf der Himalayan hinten drauf mit. Hinter Boizenburg war die B195 schnell erreicht. Diese Straße muss man mal loben, das sieht man erst, wenn man länger nicht da war. Wäre sie Teil einer Reise, würde man blumig beschreiben, wie sie am Rand der Elbauen kurvig daliegt, in der Sonne, weite Blicke und unbeschwertes, lang anhaltendes Gleiten im Sweetspot erlaubt. An einem Werktag hat man sie für hundert Kilometer ganz für sich allein. Oben war die Frühlingswärme, unten in den Auen trieben noch Eisreste. In Wittenberge besichtigten wir planmäßig ein Objekt, hielten uns aber nicht lange auf. Die Rückfahrt glich einem Breitbild-Roadmovie in warmen Celluloidfarben. Ganz zum Schluss, ab Geesthacht, nahmen wir die Autobahn. Die Sonne ging unter und ein kühler Hauch kam, und erinnerte uns an die Realität. Sie interessierte uns nicht.
Sonntag, 21. Februar 2021
Neue Situation
Das mit dem Wetter war ernst gemeint, und wir gingen mit. Die Batterie war jetzt voll, die Mash sprang an. Die Himalayan hatte einen raffinierten östlichen Bogen im Navi, im Tankrucksack lagerte Proviant. Es ging zunächst auf einer lächerlich öden Strecke durch Bergedorf, und trotzdem grinsten wir die ganze Zeit debil in die Sonne. Wir rollten durch den Sachsenwald und auf kleinen Landstraßen über Koberg, Duvensee, Klinkrade in perfektem Flow durch einen milden Frühsommertag, der alles vergessen lies. Es war so unwirklich, dass wir die Welt ansahen wie staunende Touristen. Die Route nahm dabei oft unbekannte Straßen durch bekanntes Gebiet. Bei Wesenberg überquerten wir die Trave, dann ging es über Zarpen zur B206. Strukdorf ließen wir links liegen, unser Ziel war heute Geschendorf, das Ferienparadies der LG's. Es gab dort Kaffee und das Neueste aus dem Landkreis. Für die Rückfahrt programmierte ich eine westliche Tour nach gleichem Muster: Von Dorf zu Dorf ging es bei stechendem Gegenlicht und durch Schwaden von Grillrauch diagonal bis Kaltenkirchen, Quickborn, Hamburg, lange Schlangen vor Eisdielen, Garage. Die Handgriffe saßen, aber unser Verstand war von der neuen Situation noch total überfordert.
Samstag, 20. Februar 2021
Ungläubig
Plötzlich sollten es 15 Grad plus sein, nicht minus, wie letzte Woche. Eigentlich waren wir vorbereitet, aber die Mash gab nur ein gequältes Jaulen von sich. Kurzerhand nahm Anja die Himalayan und ich fuhr die SR (die auf den ersten Kick da war). Wir tasteten uns bedächtig über die Hafenroute aus der Stadt raus, über Over, Stelle in die Heide. Erstmalig sahen wir das Land im neuen, pastellfarbenen Licht. Es sah struppig-braun aus und an manchen Straßenrändern lagen noch mächtige Schneereste. Das Fahren ging leicht, man verlernt es nicht. Die Temperatur war irreal, so dass wir uns nur zögerlich in die Weite der Landschaft vorarbeiteten. Letztlich wurde daraus die bekannte Runde über Brackel - Hanstedt - Undeloh - Welle, zurück über die B3. Wir waren ganz entspannt, und bis zum Schluss etwas ungläubig.














