Die neue Situation überrumpelte uns. Insgesamt etwas hilflos, bekamen wir eine Sache aber instinktiv auf die Reihe: Urlaub nehmen und ASAPst in unser Domizil am Südharz aufbrechen. Der Zeitplan war großzügig angelegt, wir konnten entspannt durch den anfangs noch sonnig-frischen Sonntag in die Ferien gleiten. Zunächst auf der B3, dann auf einer speziellen, Tomtom-berechneten Nebenstrecke zwischen den Molochen Hildesheim und Salzgitter hindurch. Wir wurden katapultiert in eine 500 Jahre alte, surreal-romantische Sommerszenerie, wo man unter flirrend-summenden Bäumen sitzt und per Hollandrad ins Dorf fährt, oder, wie gleich am ersten Abend, auf bilderbuchartigen Straßen durch die unbekannten Hügel nach Duderstadt, wo es die erste Pizza seit letztem Jahr gab.
In den folgenden Tagen erkundeten wir großräumig die Gegend. Am Harzsüdrand entlang im Osten erwarteten wir viel, bekamen aber die üblichen nüchternen Ostdörfer in grauem Lockdown, und alte und neue Industrie. Die Rückfahrt von Kelbra über Stolberg und die Harzhöhenstraße war hingegen Weltklasse, mit null Verkehr und Sommerwärme bis zum Schluss.
Das Gebiet im Süden ist das eigentliche Highlight. Es heißt Eichsfeld, und auf dem Weg in Richtung Eisenach hatten wir eine wirklich traumhafte Route über Nebenstraßen, die vorbei an aller Zivilisation durch das Hügelland führte, mal dies-, meist jenseits des Eisernen Vorhangs. Es ging noch ein Stück die Werra entlang durch den Wald, dann standen wir schwitzend in Mühlhausen, hakten die dortige Kathedrale ab, freuten uns aber insgeheim schon auf die noch einsamere Rückfahrt mit kuppigen Ausblicken im Abendlicht, und endlich den Sundowner unter der Kastanie auf unserem Anwesen.
Dann wollten wir Kultur sehen, einfach weil von hier aus alles möglich war: So konnte ich das Salzgitter Stahlwerk als Industriekultur verargumentieren. Leider haben sie es gut versteckt, und das Drumherum ist - wohlwollend - ernüchternd. Im Gegenzug gab es Hildesheim: Eine total unterschätze Perle der Nachkriegsmoderne. Es gibt außerdem auch zwei Kirchen. Die eine ist uralt und sehenswert, der Dom leider baulich missraten. Es waren die offenen Läden, Cafés, die massiven Lockerungen, die uns mehr umhauten als alles andere.
Ganztägig durch den sommerheißen Harz zu touren ist und bleibt top, zumal wenn man Zeit hat auch unbekannte Kleinstverbindungen auszuprobieren, dann mal wieder auf einer kurvigen Hauptstraße zu schwingen, sowie überlang am Okersee zu chillen. Gegen Abend war noch so viel Licht und Wärme übrig, dass wir noch einen genussvoll fließenden Umweg zu einem Berg namens Sonnenstein draufsetzten. Von oben konnte man die ganze Welt sehen, sie sah gut aus wie schon lange nicht mehr.
Wir wären für immer hier geblieben, aber auf dem Wetterradar schoben sich Gewitterfronten ins Bild. Am Freitag schnallten wir leichtes Gepäck auf die Maschinen (vieles ließen wir einfach da) und glitten durch den Tag nach Norden, wieder durch den Hildesheim-Peine Korridor, über Celle auf den Highway 3. Hamburg lag kollabiert, unter einer glühenden Masse aus Autos. Wir hatten ganz vergessen, dass die Menschen das mögen.
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