über 20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Sonntag, 26. Oktober 2014

Tatort

Sonntag, später Oktober. Wir surften auf den Vanvans die verschlungene Straße auf dem inneren Deich in den Vierlanden mit vielleicht 35 Sachen entlang. Das machen wir so selten, dass uns die spießig-heimelige Idylle dort immer wieder erschreckt. Wir hielten Ausschau nach leuchtend gelben Baumriesen, um effektvolle Fotos zu machen, aber es war grün. Am Zollenspieker war kaum noch ein Plätz frei. Beim Kaffee sinnierend wurde uns klar, warum: Es war das letzte Wochenende für die Saisonfahrer. Wir gehörten nicht dazu, deshalb fuhren wir heim, ohne jede Panik.
Zuhause, ich wollte eigentlich die Wohnung machen, hörte draußen aber immer die Bikes an der Ampel. Die Wolken waren leicht und es glitzerte manchmal ein Sonnenstrahl. Es dauerte nicht lange und ich hatte wieder die Lederjacke an, holte jetzt die Vulcan aus der Garage und drehte eine große Runde mit der Begründung, ich müsse Kuchen holen. Tat ich auch, aber erst auf dem Rückweg.
Abends, nach dem Tatort. Ich musste eigentlich nur noch die Vulcan noch in die Garage bringen. Die Luft war schön, die Straßen dunkel und leer. Holstenkamp: einmal Gas geben. Die Nacht rauschte im Neonlicht vorbei wie im Tatort. Weiter, hinten herum, über Schnackenburgallee, Farnhornweg, Elbgaustraße, Luruper Haupstraße. Niemand da, außer mir, der Nacht und einem milden Wind Ende Oktober.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Minimalismus

Ich ließ die Weiber am Frühstückstisch zurück und verschwand im Elbtunnel. Von Süden kam ein dicker, warmer Luftstrom, gegen den ich auf der B3 ankämpfte. Zusammen mit dem hammerharten Gegenlicht war das nach einer Weile äußerst ermüdend. Mein Default-Café hatte schon nur noch einen Tisch draußen (besetzt), so dass ich mit letzter  Kraft in eine Senioreneisdiele in Bergen einfiel und ASAP eine große Portion Latte inhalieren musste. Dann war ich wieder auf dem Highway. Einfach nur cruisen. Celle seitlich streifen, weiter. Ein Schild sagte Uelzen 35 Km. Ich hoffte, das würde bedeuten, es geht jetzt fünfunddreißig Kilometer so weiter, nämlich: Schwach befahrene Bundesstraße, die sich wie ein Film durch immer neue, vielfarbige Herbstwälder zieht, nur wenn's langweilig wird, unterbrochen durch eine Lichtung, eine Senke, vielleicht auch mal ein Dorf wenn's sein muss. Es kam genau so. Ich fuhr mit minimaler Hirnaktivität, hatte nun den Wind und die Sonne im Rücken und steuerte Richtung Salzwedel. Ein Schild zog mich über Kleinstraßen durch den blendenden Nachmittag über die Wendland-Hochebene nach Lüchow. Ohne Halt ging es weiter nach Danneberg. Auch gut, weiter, jetzt auf der B 216 in nichts als flirrender Sonne. Bei Darchau ist eine Fähre, und ein Bikercafé. Aber ich war schon an dem Punkt, an dem man nichts mehr kann außer immer weiter zu fahren. Später, drüben in Mecklenburg an der B 195, saß ich auf einer Bank und aß meine Not-Bifi. Die Sonne brannte wie im Juli, ein Strom von Bikes zog vorbei. Alles war richtig, alles war gut. Ich bummelte dann noch das tausendmal gefahrene Stück bis Geesthacht, dann die Deichstraße. Über Hamburg hatten sich düstere Schauer zusammengezogen. Zum Schluss war ich in einer anderen Welt: Gerade noch Sommerfeeling, nun peitschte der Wind braunes Laub durch nasse Häuserschluchten, durch die ich irritiert heim rollte.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Keine Zeit

Besser keine Zeit verlieren. Denn ich wurde um 17 Uhr zurück erwartet, außerdem war es schon Mitte Oktober. Auch an diesem Sonntag waren auf dem Bildschirm graue Wolken, draußen schien aber die Sonne. Anja hatte mich allein auf die Reise geschickt, die auf der Autobahn nach Geesthacht begann. In Lauenburg wischte ich schnell noch die Fliegen vom letzten Wochenende vom Visier, rauchte schnell eine und fuhr gleich weiter. Es war die klassische Strecke über Boizenburg auf der B 195 nach Dömitz. Ich kurvte gleichmäßig durch die Elbauen, die Kiefernwälder, die Museumsdörfer, über mir überraschend grünes Grün. Eine Menge Bikes waren unterwegs, Rennmaschinen schossen in kleinen Pulks um die Ecken. Ohne Halt überquerte ich vor Dömitz die Brücke und nahm bei Dannenberg die B 216 zurück. Ich glitt sie entlang, eine ganze Zeit lang füllten die Grundelemente Motor/Straße/Wind die Welt vollständig aus. Auf einem Parkplatz ließ ich mich von der Sonne wärmen, die schräg vom Nachmittag durch Herbstlaub schien. Von Lüneburg aus wollte ich auf der Autobahn fahren und so den Termin noch schaffen. Die war aber voll gesperrt, so dass ich über die B 209 nach Lauenburg, Geesthacht usw. zurück musste. Ich gab Gas, denn ich wurde erwartet, Die Stadt war stumm und unausgefüllt.

Sonntag, 5. Oktober 2014

Einheitstage

Donnerstag, 2. Oktober

Das Wetter über der Deichstraße war viel besser als im Internet. Es war Anjas Idee, hier zu fahren und nicht über die nie endende Autobahn nach Lüneburg. Über dem Fluss lichtete sich Nebel, es war Donnerstag, kurz nach Mittag, und vor uns lag ein sehr langes Einheitswochenende. Hinter Lüneburg glitten wir entspannt die B216 entlang. Auch Verkehr lichtete sich mit jedem Meter, aber wir beachteten ihn eh nicht. Tief unten im Wendland kamen wir auf verschlagenen Wegen, die damals noch Sand waren, in die Altmark. In Wäldern flirrte das Licht herbstfarben. Wenn wir am Straßenrand standen und die Motoren abgeschaltet wurden, hallte die Stille. Abgelegene Dörfer leuchteten in der Sonne und staunten, wenn wir vorsichtig hindurch rollten. Am Arendsee hatte ein Imbiss offen. Der Vergnügungsstrand lag in der Starre der Nachsaison, außer uns war hier niemand. Nur ein altes Päärchen stapfte umher und erinnerte sich an die DDR. Der Weg nach Bismarck war noch nicht einmal mehr ausgeschildert. Nach einem Stück Holperpiste kam jeweils ein Dorf mit der typischen Klotzkirche. Stendal kam mit rotem Backstein in Sicht und war eine richtige Stadt. Es gibt dort keinen Wegweiser nach Tangermünde, offenbar weil die beiden Nachbarstädte sich im Krieg befinden. Wir fanden es trotzdem, rollten einmal durch die Hauptstraße, checkten im Hotel am Rathaus ein und verbrachten den Abend im Mittelalter.


Freitag, 3. Oktober

Wir waren unterwegs nach Osten. Die Gegend am anderen Elbufer hat außer dem Kloster in Jerichow vor allem eins zu bieten: Kiefernwälder und trübe Orte, durch die Kleinwagen fahren, verloren und ohne Ziel. Bei Genthin trafen wir voller Ehrfurcht auf die Bundesstraße 1. Aber sie war, abgesehen von wenigen langen Waldgeraden schmal und zermürbt von ihrer andauernden Last. Dann öffnete sie sich und die Weitläufigkeit Brandenburgs nahm uns auf. Gleich links war das Industriemuseum. Wir hatten es für uns allein und genossen die kolossale Wucht des Stahls vergangener Zeiten. Richtung Potsdam war schon die Nähe Berlins spürbar. Voll besetzte Familienkutschen bestimmten das Bild, unter blauem Himmel und gelben Alleen. Friede, Eierkuchen, Einheit. Wir hatten bei Werder eine Verbindungsstraße nach Busendorf entdeckt. Erst dachten wir, dort wäre ein Unfall, aber die Bürgerkäfige stauten sich endlose Kilometer, nur um auf einem Erlebnishof ihre Landlust zu befriedigen. Wir saßen indes in Fichtenwalde unter Weißhaarigen in Gartencafé, als die SMS von Rembert eintraf, sich in Zossen zu treffen. Das war nicht weit, und wir fuhren cool auf dem Marktplatz vor. Das Bistro war in Wahrheit ein Dönerladen, das Publikum hart aber herzlich. Der Kaffee war noch nicht aus, da hallte das vertraute Grollen durch die Gassen. Rembert hatte Michael dabei, cool gemachte Vulcan, große Wiedersehensfreude, Wir fuhren ein Stück gemeinsam durch den Spätnachmittag, näherten uns vorsichtig der Stadt auf Wegen, die ich nicht verstand, denn nun führten die Berliner den Tross. Auf einer der großen, herrschaftlichen Achsen drangen wir in die Metropole ein, sahen nie gesehene Platanenalleen, dann vertraute Bilder, die abrupt einsetzende Coolness Friedrichhains. Wir parkten in der Libauer, dort, wo wir immer parken.


Samstag

Wir frühstückten am Samstag in der Sonntagstraße, zogen die Handschuhe an, ließen die Maschinen an und fuhren über Köpenick aus der Stadt heraus. Dabei waren Rembert und jetzt Thomas, auf der grünen Vanvan. In diese Richtung zieht sich Berlin ins Unermessliche. Stellen, die schon dörflich wirken, entpuppen sich an der nächsten Ecke als nur ein weiterer Ort im Speckgürtel, mit neu gemachten Häusern und SUV. Inzwischen waren wir auf kleinsten Sträßchen unterwegs (im Grunde eher Vanvan Terrain). Nach einem Waldsück öffnete sich plötzlich eine Ebene bis zum Horizont. Das Gebiet der Spreeauen begann. Von Sibirien aus fegte uns der Wind entgegen, das Licht war grell, der Himmel blitzeblank. Thomas trennte sich und Rembert führte uns über Fürstenwalde, wo ich im Supermarkt Socken kaufen musste, durch verwunschene Wälder nach Müllrose. Trotz des Namens machten wir dort eine Kaffeepause am See. Jetzt war es nicht mehr weit nach Polen, zum ersten Mal im Leben. In Frankfurt überquert man die Grenze ohne sie wahrzunehmen. Die droga krajowa 31 war eine sichere Sache, denn sie kommt in Kostrzyn nad Odra wieder an die Grenze. Dazwischen lagen 30 unspektakuläre Kilometer, am Ende jedoch die biligttste Zigarette von Polen, legal und original. Auf dem Rückweg fuhren wir einsam über endlose, windige Weiten des Oderbruchs, bis endlich die Berge der Märkischen Schwiz vor uns anstiegen. Im Inneren liegt ein touristischer See an dessen Ufer Berliner Latte trinken. Die Sonne stand stechend und tief, als wir den Rückweg antraten. Über den gewaltigen Häuserschluchten Lichtenbergs versank sie. Übrig blieb das Neonlicht des Rewe-Marktes, in dem wir schnell noch eine Flasche Portugiesen kauften.


Sonnatg

Bevor die Stadt richtig wach war, rollten wir schon über verworrene Wege durch die Hauptstadt nach Spandau, zur B5. Vielleicht lag es am Rückenwind, aber wir glitten sie so easy entlang wie schon lange nicht. Hinter Kyritz waren wir meist allein auf weiter Flur. Die Motoren brummten monoton, die Luft strömte gleichförmig. Der Blick ruhte auf dem Licht am Ende des Alleetunnels, der mal braun war, manchmal auch irritierend grün. Die Straße zog unter uns hinweg wie über uns der Tag. In Ludwigslust, das ist gefühlt schon das letzte Drittel, brauchten wir Waffeln mit Kirschen (und Sahne) sowie etwas Sonne, die im Windschattten wärmt. Boizenburg, Lauenburg, Geesthacht, das zählte schon gar nicht mehr. Im Nu standen wir an der Ampel im Schanzenviertel. Es wirkte beschaulich und liebenswert verschnacht.