Donnerstag, 2. Oktober
Das Wetter über der Deichstraße war viel besser als im Internet. Es war Anjas Idee, hier zu fahren und nicht über die nie endende Autobahn nach Lüneburg. Über dem Fluss lichtete sich Nebel, es war Donnerstag, kurz nach Mittag, und vor uns lag ein sehr langes Einheitswochenende. Hinter Lüneburg glitten wir entspannt die B216 entlang. Auch Verkehr lichtete sich mit jedem Meter, aber wir beachteten ihn eh nicht. Tief unten im Wendland kamen wir auf verschlagenen Wegen, die damals noch Sand waren, in die Altmark. In Wäldern flirrte das Licht herbstfarben. Wenn wir am Straßenrand standen und die Motoren abgeschaltet wurden, hallte die Stille. Abgelegene Dörfer leuchteten in der Sonne und staunten, wenn wir vorsichtig hindurch rollten. Am Arendsee hatte ein Imbiss offen. Der Vergnügungsstrand lag in der Starre der Nachsaison, außer uns war hier niemand. Nur ein altes Päärchen stapfte umher und erinnerte sich an die DDR. Der Weg nach Bismarck war noch nicht einmal mehr ausgeschildert. Nach einem Stück Holperpiste kam jeweils ein Dorf mit der typischen Klotzkirche. Stendal kam mit rotem Backstein in Sicht und war eine richtige Stadt. Es gibt dort keinen Wegweiser nach Tangermünde, offenbar weil die beiden Nachbarstädte sich im Krieg befinden. Wir fanden es trotzdem, rollten einmal durch die Hauptstraße, checkten im Hotel am Rathaus ein und verbrachten den Abend im Mittelalter.
Freitag, 3. Oktober
Wir waren unterwegs nach Osten. Die Gegend am anderen Elbufer hat außer dem Kloster in Jerichow vor allem eins zu bieten: Kiefernwälder und trübe Orte, durch die Kleinwagen fahren, verloren und ohne Ziel. Bei Genthin trafen wir voller Ehrfurcht auf die Bundesstraße 1. Aber sie war, abgesehen von wenigen langen Waldgeraden schmal und zermürbt von ihrer andauernden Last. Dann öffnete sie sich und die Weitläufigkeit Brandenburgs nahm uns auf. Gleich links war das Industriemuseum. Wir hatten es für uns allein und genossen die kolossale Wucht des Stahls vergangener Zeiten. Richtung Potsdam war schon die Nähe Berlins spürbar. Voll besetzte Familienkutschen bestimmten das Bild, unter blauem Himmel und gelben Alleen. Friede, Eierkuchen, Einheit. Wir hatten bei Werder eine Verbindungsstraße nach Busendorf entdeckt. Erst dachten wir, dort wäre ein Unfall, aber die Bürgerkäfige stauten sich endlose Kilometer, nur um auf einem Erlebnishof ihre Landlust zu befriedigen. Wir saßen indes in Fichtenwalde unter Weißhaarigen in Gartencafé, als die SMS von Rembert eintraf, sich in Zossen zu treffen. Das war nicht weit, und wir fuhren cool auf dem Marktplatz vor. Das Bistro war in Wahrheit ein Dönerladen, das Publikum hart aber herzlich. Der Kaffee war noch nicht aus, da hallte das vertraute Grollen durch die Gassen. Rembert hatte Michael dabei, cool gemachte Vulcan, große Wiedersehensfreude, Wir fuhren ein Stück gemeinsam durch den Spätnachmittag, näherten uns vorsichtig der Stadt auf Wegen, die ich nicht verstand, denn nun führten die Berliner den Tross. Auf einer der großen, herrschaftlichen Achsen drangen wir in die Metropole ein, sahen nie gesehene Platanenalleen, dann vertraute Bilder, die abrupt einsetzende Coolness Friedrichhains. Wir parkten in der Libauer, dort, wo wir immer parken.
Samstag
Wir frühstückten am Samstag in der Sonntagstraße, zogen die Handschuhe an, ließen die Maschinen an und fuhren über Köpenick aus der Stadt heraus. Dabei waren Rembert und jetzt Thomas, auf der grünen Vanvan. In diese Richtung zieht sich Berlin ins Unermessliche. Stellen, die schon dörflich wirken, entpuppen sich an der nächsten Ecke als nur ein weiterer Ort im Speckgürtel, mit neu gemachten Häusern und SUV. Inzwischen waren wir auf kleinsten Sträßchen unterwegs (im Grunde eher Vanvan Terrain). Nach einem Waldsück öffnete sich plötzlich eine Ebene bis zum Horizont. Das Gebiet der Spreeauen begann. Von Sibirien aus fegte uns der Wind entgegen, das Licht war grell, der Himmel blitzeblank. Thomas trennte sich und Rembert führte uns über Fürstenwalde, wo ich im Supermarkt Socken kaufen musste, durch verwunschene Wälder nach Müllrose. Trotz des Namens machten wir dort eine Kaffeepause am See. Jetzt war es nicht mehr weit nach Polen, zum ersten Mal im Leben. In Frankfurt überquert man die Grenze ohne sie wahrzunehmen. Die droga krajowa 31 war eine sichere Sache, denn sie kommt in Kostrzyn nad Odra wieder an die Grenze. Dazwischen lagen 30 unspektakuläre Kilometer, am Ende jedoch die biligttste Zigarette von Polen, legal und original. Auf dem Rückweg fuhren wir einsam über endlose, windige Weiten des Oderbruchs, bis endlich die Berge der Märkischen Schwiz vor uns anstiegen. Im Inneren liegt ein touristischer See an dessen Ufer Berliner Latte trinken. Die Sonne stand stechend und tief, als wir den Rückweg antraten. Über den gewaltigen Häuserschluchten Lichtenbergs versank sie. Übrig blieb das Neonlicht des Rewe-Marktes, in dem wir schnell noch eine Flasche Portugiesen kauften.
Sonnatg
Bevor die Stadt richtig wach war, rollten wir schon über verworrene Wege durch die Hauptstadt nach Spandau, zur B5. Vielleicht lag es am Rückenwind, aber wir glitten sie so easy entlang wie schon lange nicht. Hinter Kyritz waren wir meist allein auf weiter Flur. Die Motoren brummten monoton, die Luft strömte gleichförmig. Der Blick ruhte auf dem Licht am Ende des Alleetunnels, der mal braun war, manchmal auch irritierend grün. Die Straße zog unter uns hinweg wie über uns der Tag. In Ludwigslust, das ist gefühlt schon das letzte Drittel, brauchten wir Waffeln mit Kirschen (und Sahne) sowie etwas Sonne, die im Windschattten wärmt. Boizenburg, Lauenburg, Geesthacht, das zählte schon gar nicht mehr. Im Nu standen wir an der Ampel im Schanzenviertel. Es wirkte beschaulich und liebenswert verschnacht.

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