über 20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Sonntag, 22. September 2024

Ende gut.

Freitag, halb 12, Feierabend. Das mussten alle akzeptieren. Ich packte einen kleinen Rucksack und setzte mich in den Regionalexpress. 4 Stunden später war ich in Göttingen. Dort war Sommer, wie immer. Ich holte die 500X aus der Garage, fühlte mich frei und allein, fuhr mit irrem Tempo auf der Autobahn nach Windhausen. Sowas würde man normalerweise nicht tun, aber ich hatte einen Grund. Nach einer Stunde war dieser abgehakt und ein Wochenende begann, erfüllt von Sonne, Kilometern und sonst nix. Ich checkte in Hörden ein und brut eine Frikadelle.

Am nächsten Tag hatte ich mich mit Rembert verabredet. Treffpunkt war Bernburg an der Saale, die Anfahrt rechtfertigte eine ausufernde, diagonale Harzquerung. In der Morgenfrische war ich unterwegs auf meist unbekannten, verkehrsfreien Kurvenstraßen weit in den Osten, wo bei Mansfeld die Berge sanft in eine triste Ebene übergehen. Auf einem Parkplatz traf ich Rembert und dessen kolossale Road Glide. Zu Essen gab es in Bernburg nix, was mir ziemlich peinlich war. Ein Sandwich an der Tanke löste das Problem und war irgendwie auch stilecht. Wie beschlossen, den Tag auf kurvigen Asphalt zu verbringen. Meist führte die Glide, die Rembert unter Beastie Boys Beschallung äußerst souverän über die Bergstraßen trieb. Es war ein Vergnügen, dem Dickschiff durch die präzise gewählten Radien zu folgen. Auf den Geraden gab ich der Honda Vollgas, um dranzubleiben. Vergeblich. Die Höhenstraße im Zelluloid-Gegenlicht bildete den angemessenen, epischen Abschluss. Wir parkten lässig und etwas durchgekühlt bei Piccolo Mondo und bestellten Pizza.

Der Sonntag war genauso sonnig, als ginge es für alle Zeiten so weiter. Wir fuhren über den Sieberpass hinauf zur Hochstraße, dort trennten sich unsere Wege. Für mich ging es westlich aus dem Harz raus, 37879 Bikes kamen mir dabei entgegen. Die Honda musste nach Hamburg, was ich auf einer großräumigen Tour auskosteten wollte. Die Details hatte Tomtom ausgearbeitet, mir war nur wichtig, dass es durchs Leinetal ging, wo ich einen Aussichtsturm gesehen hatte. Er stand nördlich von Alfeld im Wald, aber unerreichbar am Ende eines Wanderweges. In finaler Sommersonne kurvte ich weiter nach Norden, bis die Welt verflachte und nur noch aus Wohnsiedlungen und Gewerbegebieten bestand. Hannover umfuhr ich ganz schlau auf der Autobahn. Nach einem kurzen Freiheitsgefühl stand ich im Stau. Ich probierte Waldgeraden im Westen aus, kam in Kolonne über Walsrode nach Soltau. Ein letztes Stück Fahrvergnügen wollte ich noch und nahm die hügelige Strecke Bispingen, Hanstedt, Brackel. In Fliegenberg stand ich müde am Deich, wo die Welt endete. Gutes Ende.



Sonntag, 15. September 2024

Rückenwind

Wir trugen lange Thermounterwäsche und konnten uns gar nicht mehr erinnern, wie wir vor eine Woche geschwitzt hatten. Den Tag sahen wir realistisch, hatten Wheels & Wake abgesagt und stellten keine großen Forderungen. Im Osten müsste es sonnig sein und vielleicht ein Grad mehr. Die Deichstraße nach Geesthacht war zwar angenehm langsam, aber leider auch quälend langweilig. Man kann sie inzwischen mitbeten. Auf der B195 kam der Wind von hinten und die Sonne schien lachend auf die Straße, die uns gehörte. Das galt auch für die Birnen, die wir kiloweise pflückten und im Rücksack verstauten. Das alles war so motivierend, dass wir bis Neuhaus durchfuhren, dort Filterkaffee tranken und uns nur ungern mit die Rückfahrt befassten. An der Fähre nach Darchau gab es eine Wiese für Wohnmobile. Wir rollten die rote Picknickdecke aus und dösten in der Sonne. Sie war stark und verwandelte den Tag. Auf dem anderen Ufer ging es mit gutem Gefühl zurück, schwingend, kühle Luft in warmen Farben. Ganz zum Schluss, im Stadtgebiet kroch die Kälte in die Lederjacke. Wir heizten den Grill an und spielten Sommer als wäre nix.



Samstag, 14. September 2024

Durch die Luft

Schnitt. 10 Grad weniger, ich, allein mit der Z, in der Nordheide, ohne Agenda. Mir schien das genau das Richtige zu sein. Kilometer flogen, Wind zog kühl durch die Jacke, Gedanken durch den Kopf. Es waren die bekannten Routen, aber darum ging es nicht. Nur das Dahinrollen zählte, autofrei durch die kalte Luft, abwesend, manchmal schnell. Bei genauerem Hinsehen war es ein Tag der Fußgänger. Aus jedem Wald und hinter jedem Knick krochen sie in bunter Funktionskleidung. Meine Welt war anders. Ich trank Kaffee aus einem Pappbecher an meiner Lieblingstanke, gab wieder Gas und rauschte schnurstracks auf der kalten B3 nach Norden. Die Fußgänger der Stadt trugen Daunenwesten. Motorradfahrer freuten sich auf die warme Wanne.

Samstag, 7. September 2024

Art

Der Endless Summer schien endlos. Man konnte sich nichts anderes mehr vorstellen als Fahrten ohne Handschuhe durch heiß flimmernde Nachmittage. Wir programmierten wieder eine kleinkurvige Route nach Norden, Ziel: Büdelsdorf. Es ging westlich der B4 durch teils bekannte, teils vergessene oder nie gesehene Nebenstraßen übers Land nach Norden, wobei Anja auf der Rebel führte. Eine milchige Dunstschicht milderte angenehmerweise die unter Volllast brennende Sonne, während wir über Wald und Wiese dem Kanaltunnel näher kamen. Mehrere Stunden verbrachten wir in den Hallen der NordArt. Am Ende tat uns alles weh, wir hatten Hunger und Durst und in unsere Köpfe passt nix mehr rein. Daher war es angemessen, die Rückfahrt zunächst relativ blöd anzugehen und erst im weiteren Verlauf noch den einen oder anderen Schlenker einzubauen (meist gegen den Willen des Beeline). Wir fuhren im Stadtzentrum von Nortorf vor, das es tatsächlich gibt, und wo italienischen Kaffee gibt. Ohne den hätten wir den Heimweh nicht geschafft.



Donnerstag, 5. September 2024

Eine gute Woche im Süden

29.8., Hamburg Hbf. Der ICE fuhr an, mit nur 20 Minuten Verspätung. Anja und ich saßen rückwärts auf unreservierten Plätzen, für 2 Stunden. In Göttingen war Sommer und die Stadt trug kurz. Wir beluden die dort stationierte 500X und richteten uns zu zweit auf ihr ein ein. Alles, was nicht ins Schreckliche Topcase passte, musste zurückbleiben. Vor uns lag glühend heiß die B 27 in den Süden. Wir hatten eine Woche Zeit, alle Möglichkeiten und je ein T-Shirt zum Wechseln. Ohne Handschuhe und mit offenem Helm rollten wir in das Landschaftspanorama. Wenn quälende LKW unterwegs waren überholten wir mit Vollgas. In Bad Hersfeld bogen endlich wir ab auf leere Nebenstrecken, auf einer ausgefeilten Route südöstlich über Schlitz Richtung Steinau, auf freier Bahn durch eine idealisierte Mittelgebirgswelt in flirrender Sommerhitze. Im Westen waren Gewitterzellen zu sehen, aber wir erreichten unbeschadet unser erstes Ziel: Ein Hotel in einer nichtssagenden Wohnsiedlung bei Wertheim am Main. Im Gewerbegebiet gab es fußläufig einen Biergarten wie im Urlaub.


30.8. Den ganzen Tag kurvten wir bei brütender Sommersonne durch erstklassige Landschaft, dessen Namen wir nicht kannten (Spessart, Anm. d. Red.). Immer wieder berührten wir Flusstäler, dazwischen lagen einsame Hochebenen mit schmalen Straßen und ohne Verkehr. Schwäbisch Hall sagte uns was, dort gab es ein klimatisiertes Kunstmuseum und Postkartenmotive. Zwischen Hall und unserem Ziel lag ein weiterer unbekannter Wald mit angenehmen Schatten und kringeligen Nebenstraßen, die uns beiden auf der Honda mächtig Spaß machten. Am Spätnachmittag ging der Wald abrupt in ein Einkaufszentrum und eine saubere Wohnsiedlung über. Wulf empfing uns dort und wir bezogen den Kühlraum.


31.8. Auf einer Scrambler 1200 XE führte Wulf uns über Stadtautobahnen zu unserem Aufhänger: Glemseck 101. In kurzen Hosen streiften wir über das Gelände und bewunderten umwerfende Custombikes. An einen Platz auf der Tribüne war nicht zu denken, und die mitgebrachten Wasserflaschen waren längst leer. Am Nachmittag waren wir wieder auf der Straße. Am Neckar gab es Weinberge und Wulf kannte irgendwo oben einen Biergarten mit Aussicht und Gyros. Weil noch Zeit war drehten wir noch eine immer größer werdende, kurvige Runde durch den ungekannten Wald vom Vortag. Er heißt Schwäbischer Wald und ist Wulfs Hausstrecke. Am Abend philosophierten wir lange über den weiteren Verlauf und programmierten das Ergebnis ins Tomtom.


1.9. Das Gremium hatte entschieden, die Alpen zu belassen wo sie waren und stattdessen 250 Kilometer nach Osten zu fahren. Eine gute Entscheidung, denn es ging ganztägig durch abwechslungsreiche Landschaft, meist auf sonnigen Nebenstraßen ohne Autos. Wir durchquerten z.B. den Krater des Nördlinger Ries, was sehr eindrucksvoll war. Östlich schloss sich eine extrem dünn besiedelte hügelige Gegend mit weiten Blicken an. Wir waren schon müde, da öffnete sich vor uns das Altmühltal. Ein Highlight, durch das wir in bester Cruisingmanier in den warmen Abend ritten. Am Ende der Tour lag Kelheim. Es gab Kopfsteinpflaster, Schweinebraten und lokales Bier. Wir stießen an uns beglückwünschten uns gegenseitig.


2.9. Über Nacht war eine ungeplante Gewitterfront gekommen, die nun lokal und zielgenau auf unserer geplanten Route träge dahin zog. Bis Mittag saßen wir im Hotel, warteten, analysierten Wetterdaten und arbeiteten eine raffinierte Strategie aus. Wir würden nach Süden aus der Wolke herausfahren und diese östlich außerhalb nach Norden umfahren. Das klappe tatsächlich, abgesehen von einer Regenschleppe, die wir mit Vollgas auf der Autobahn durchstießen. In Straubing schien die Sonne wie eh und je. Wir bewunderten die lebendige Stadt und aßen Fischbrötchen. Danach ging es wieder auf kleinen und kleinsten Straßen durch den Bayrischen Wald nach Norden. In manchem Dorf musste ich ungläubig nachfragen, aber Tomtom meinte es ernst, schickte uns zwischen Scheune uns Dorfteich in die absurd-kuppige, unübersichtliche Feldmark, oder sogar auf Gravelpisten durch den Wald. Auf diese Weise erreichten wir erschöpft und reichlich weltfremd Weiden in der Oberpfalz. Dort kannten wir uns aus. Es liegt in Bayern, ist aber wie Italien.


3.9. Wir verabschiedeten Wulf in Leder und starteten die Maschine. Was Wulf nicht wusste: Kurzfristig hatten wir uns geeinigt, Thüringen diesseits des Antifaschistischen Schutzwalls zu umfahren, auch wenn es noch so schön und wettergünstig auf dem Weg lag. Der Würgreiz verschwand sofort und wir wühlten wir uns durchs Hinterland bis Bayreuth. Einmal auf dem grünen Hügel stehen, das war was für Insta. Den Rest des Tages verbrachten wir wieder auf Fränkischen Nebenstrecken jeglicher Art. Bei durchgehend 30° freuten uns über jeden kühlen Wald oder einen Dorfladen mit Kaffeemaschine. Ungezählte einsame, sanftwellige Kilometer später kam majestätisch die Röhn ins Bild. Ein echtes Gebirge mit Flugplatz obendrauf. Dahinter lag Fulda, das kannten wir schon. Dort checkten wir ein und fanden Schweinebraten in historischer Kulisse. Unter uns, jetzt, wo wir den Vergleich hatten: Na ja. Mit Bangen verfolgten wir die ganze Nacht das Wetterradar.


4.9. Wir hatten den Wecker auf 6 Uhr gestellt, um vor dem Eintreffen der Regenfront nach Norden zu fliehen. Total unnötig. Erst gab es noch äußerst fotogenen Frühnebel, dann wieder nichts als Sommerhitze und Neben-Nebenstrecken im Werra Grenzgebiet. Weit hatten wir es nicht, also nahmen wir jedes Bergsträßchen mit, wobei wir einmal sogar ein Stück Thüringen streiften (der Grenzverlauf ist hier unübersichtlich). Wir kamen über Duderstadt nach Hörden, packten unsere Sachen aus und fielen in einen tiefen Nachmittagsschlaf.


5.9. Letzter Tag, im Harz. Wir fassten Mut und überfuhren die Grenze. Denn drüben in Weißenborn stand eine Royal Enfield Guerrilla, die Anja testen wollte. Nicht schlecht. Zurück auf der Honda leitete Tomtom uns auf gröbsten Eselspfaden durch den Wald. An manchen Schotterkehren musste ich Anja absetzen. Lauterbach erschien wie die erlösende Rückkehr in die Zivilisation. Mit euphorischen Vollgas trieb ich die 500X sie Steigungen hinauf auf den Hochharz. Auf der anderen Seite lag Bad Harzburg. Es gab dort Eiskaffee und Ferienhäuser in Beton. Noch einmal ging wie selbstverständlich über die verkehrsfreien Panoramastraßen, Tomtom war im 'Schnelle Route' Mode auf den Wegpunkt 'Garage Göttingen' programmiert. Die Sonne stand schon tief, als der ICE einrollte. Die Klimaanlage funktionierte. Pünktlich ging eine gute Woche entspannte Action zu Ende.