Anja war zur Fortbildung gefahren und ich war allein mit einem halogengrellem Sonntag. Große Ziele brauchte ich dafür nicht. Ich duckte mich auf der Autobahn nach Geesthacht, Richtung B195, was sollte daran falsch sein. Der Verkehr war am Anfang zickig, doch irgendwann, irgendwo hinter Neuhaus stellte ich fest, dass hier absolut niemand war außer mir. Vorne, im Rückspiegel, in den Weiten links und rechts sowieso - nichts. Nur die Allee, und die in sattem Spätsommer liegende Landschaft. In Dömitz mochte ich mich nicht auf einen organisierten Bikerparkplatz einweisen lassen und fuhr direkt weiter, über die Brücke, blieb ohne nachdenken auf der Bundesstraße, denn inzwischen wollte ich nichts mehr außer cruisen. Dannenberg, Uelzen, ewige Gerade durch den Wald. Alles war ausgefüllt von den reduzierten Elementen: Alphalt, Fahrtwind, Maschine. Alles andere verkümmerte nach und nach, am Ende war nichts mehr übrig. In der Nähe der Autobahn waren wieder alle hirschig in ihren Bürgerkäfigen. Ich landete noch reichlich betäubt in einem Straßencafé in Soltau und bestellte ein Eis, einen Kaffee, wie zivilisiert. Die B3 nach Hamburg, wieder schnörkellos und intensiv. Aber mit jedem Kilometer wurde die Hysterie der nahenden Großstradt spürbar. Davon wollte ich nichts wissen, und von allem anderen auch nicht.
über 20 Jahre !!!
Sonntag, 27. September 2015
Sonntag, 20. September 2015
Ein anderer Mensch
Es regnete bis zum Sonntagnachmittag, dann holte ich die Vulcan aus der Garage, und ließ mich über die B4 treiben, dem ersehnten Fahrtwind entgegen. Gleichmäßig, gerade, dem Blick an den Horizont geheftet. Über Neumünster war vor mir ein Schauer durchgezogen, ich bog ab nach Westen, und es ging genau so weiter. Auf einer Diagonalverbindung über Hennstedt kam ich nach Itzehoe, wie doch die Zeit vergeht. Ich verirrte mich, aber das war scheißegal. Ich wollte cruisen, gleiten, auf leeren Landstraßen in hartem Seitenlicht, mit scharfem Westwind, mit 100 Sachen. In Kolmar hatte ich Kaffeedurst, parkte in der Reihe mit Streetfightern und praktischen Hondas, vermied aber Kontakte. Schiffe zogen vorbei wie der Nachmittag. Mit kalten Fingern kam ich über Schenefeld in die Stadt zurück und war ein anderer Mensch.
Montag, 14. September 2015
Die Bonnie und die Berge
Kritischer Pfad
Schwarzwald, schwarz und kalt
Das Allgäu, Vorarlberg
Großglockner
Etwas weiter östlich
Deutschland
Franken
Am Vorabend war ich mit der Vanvan wie irre über Fußwege und Verkehrsinseln gepoltert, um den ICE noch zu kriegen. Egal, inzwischen waren wir mit schwerer Gepäckrolle und einem Nummernschild in der Tasche auf dem Weg zu einem Glaspalast in Filderstadt, wo wir eine schwarze Bonneville mit Gussrädern in Empfang nahmen. Nach 10 Minuten Eingewöhnungszeit vielleicht tasteten wir uns orientierungslos durch den zersiedelten Umkreis Stuttgarts. Im Wald gab es einen riesiges Biergarten, den wir fast für uns allein hatten. Das war ärgerlich, denn niemand bewunderte die Bonnie. Der Truimphhändler in Pforzheim entpuppte sich als Unterwäschegeschäft, aber wir waren über jeden Umweg dankbar. Am frühen Abend trafen wir uns mit Wulf am Glemseck 101 und schlenderten bis zur Dämmerung über das noch angenehm leere Gelände. Auf der Autobahn nach Murr dann war es schon so gut wie dunkel. Nur die Benzinleuchte der Bonnie strahlte in beunruhigendem Gelb.
Samstag, Glemseck. Die Skinny Beast hat die Tsar platt gemacht, den Sprint Beemer und alle anderen. Es war gut, einen ganzen Tag auf dem 101 zu verbringen. So viele coole Bikes, mal ohne glatzköpfige Stiernacken. Wulf führte uns auf Schleichwegen von Leonberg nach Murr. Man fährt von Ort zu Ort in Sichtweite, braucht dafür eine ausgeglichene Haltung. Im Gegenzug sieht man in jeder der sauberen Kleinstädte weltbekannte Firmenschilder.
Wir hatten Funktionsunterwäsche an und rauschten unter fahlem Himmel über das Land. Vor uns fuhr auf der NineT Wulf, der eine Straße kennt, die über 30 Kilometer nicht aufhört. Wir hatten die Gepäckrolle hinten drauf, denn diesmal würden wir nicht zurückkehren. Die 30 Kilometer-Straße führt in Nord-Süd-Richtung durch den Schwarzwald. Schwarz, dicht bewaldet, und unendlich kalt. Trotzdem genossen wir das ungestörte Schwingen, denn wir wussten, in Freudenstadt gab es eine Gluaschsuppe in einem geheizten Gasthof mit Hirsch. In Rottweil trennten wir uns bei einem Schokocroissant. Vor uns lag ein guter Nachmittag Zeit, das romantische Donautal sowie ein Wetterbericht, der immer besser wurde. Wir nahmen uns ein Zimmer in Sigmaringen und liefen durch den Ort wie vergessene Touristen, aber für uns hatte sich gerade eine ganz neue Welt eröffnet.
Das Allgäu, Vorarlberg
Wir fanden auf der zerfledderten Karte tatsächlich eine schöne Route nach Süden. Durchs Allgäu, das sieht genau so aus wie ein Apothekenkalender. In Heiligenberg standen wir am Schloss von Fürst zu Fürstenberg. Im Dunst war der Bodensee zu sehen, hinten schemenhaft die Alpen. Wir trieben noch eine Weile durch die Gegend und kamen in immer kitschigere Modellbahnlandschaften. Inzwischen schon in hohen Bergen, überquerten wir in der Nähe von Hittisau die Österreichische Grenze. Anja saß nun schon einige hundert Kilometer auf dem Rücksitz, ohne sich zu beschweren. Die Berge waren oben weiß, und wir waren froh über das beheizte Zimmer in Strengen. Die Bonnie parkte vorm Posthotel zwischen 2 Reiseenduros mit Britischem Kennzeichen, und sah dabei ungemein kultiviert aus.
In der Morgenfrische schwangen wir mit der Bonnie durch strahlende Täler, tote Wintersportorte, später über eine behäbige Bundesstraße. Zivilisation, Insbruck, dort soll es einen Louis Store geben. Das Smartphone schickte uns durch Fußgängerzonen und Einbahnstraßen. Schwitzend, mit einer Dose Kettenspray, einer Autobahnvignette, einer Landkarte und einem neuen Tankrucksack, saßen wir an der Hauptverkehrsstraße beim Cappuccino und malten uns neue Ziele aus. Ein Stück Autobahn, dann das Zillertal, dann der Gerlospass, den die Bonnie ohne Runterschalten hochbrummte. Da hinten sind irgendwo die Tauern, und der Großglockner, soviel wusste Anja. Wir nahmen ein Zimmer für 2 Tage in Uttendorf. Um ein Haar wären wir verhungert, denn die Küche schließt hier um 19:30.
Großglockner
Sonnenschein, Schneegipfel, und der dünne Touristenverkehr eines Dienstagmorgens in der Nachsaison. Besser kann man es nicht haben auf der berühmtesten aller Großglocknerhochalpenstraßen. Wenn mal wieder ein Niederländischer Kleinwagen eine Schlange hinter sich her zog, hielten wir an, bewunderten eine Weile die Landschaft und nahmen geschmeidig die Serpentinen, wenn es frei war. Auf der Edelweißspitze, und erst recht am der Franzjosephshöhe gibt es geordnete Bikerparkplätze. Die meisten waren mit zurechtgemachten Harleys belegt, die - überraschend flüssig - auf dem Weg nach Faak waren. Für die 25 Euro Maut hätten wir die Straße den ganzen Tag hin und her fahren dürfen (machen bestimmt auch viele), aber wir wollten unbedingt noch die Rückseite sehen. Bei Kals, in einem wilden Tal mit einer wilden Bergstraße, kann man den Berg für weitere 9 Euro Maut tatsächlich noch mal von hinten bewundern. Die letzten Kilometer zum Felbertunnel fuhren wir bibbernd im Regen, aber auf der anderen Seite schien die Sonne noch durchs Tal. Wir duschten warm und wussten, wo es auch zu später Stunde noch ein Schnitzel gibt.
Etwas weiter östlich
Zell am See, Saalfelden, hier gibt Österreich alles, was es hat. Ein Stück Hauptstraße, dann entdeckten wir eine Verbindung hinterm Watzmann entlang, zum Salzach-Tal hin. Die Berge sahen klasse aus, die Straße war eine nicht endende Carrerabahn. Nach Norden hin versickerten die Berge um einen See herum. Das Strandhotel am Attersee bot Appartements im 60er Jahre Stil. Die Sonne ging über dem See unter, wir picknickten auf dem Balkon uns sagten den Alpen auf Wiedersehen.
Deutschland
In Braunau saßen wir noch auf der Österreichischen Seite im Straßencafé, dann fuhren wir über die Brücke, nach Deutschland. Es dauerte nicht lange und die gewohnten Bundesstraßen hatten uns wieder, wo man in einer 70er LKW-Kolonne dahinvegetiert. Wir mussten Bayern nördlich durchqueren, die Gegend, die man beim Landeanflug auf München sieht, und sich fragt, was hier bloß los ist. Zwischen uniformen, sauberen Dörfern mit Zwiebelturm, dicht an dicht, kurvten wir unter brennender Sonne über unübersichtliche, eckige Verbindungsstraßen, auf denen man nie sicher war vor monströsen Erntemaschinen bzw, durchgeknallten Hausfrauen in Kleinwägen. Mühsam war Kehlheim erreicht, und damit der erlösende Eingang zum Altmühltal. Das Licht fiel schräg auf die Hänge und den trägen Fluss und wir atmeten durch auf freier Fahrt. In Riedenburg gab es eine schräge Pension auf Platz 1, die nahmen wir, die hatten Burger, so gut, das konnte man sich gar nicht vorstellen.
Franken
Den ganzen Tag fuhren wir durch sanfte Landschaft, leere Straßen, Orte, die im Chinesischen Reiseführer abgebildet sind. Wir mussten abends in Volkach sein, und den Weg dort hin machten wir uns zurecht wie ein Bilderbuch. Hinter Rothenburg beginnt das Taubertal, es sieht aus wie im Museum. Mit 60 Sachen gondelt man die Landstraße zwischen den Fachwerkdörfchen entlang. Über Ochsenfurt kamen wir an den Main, bis Volkach war es nicht mehr weit. Weinberge, Fachwerkhäusle, Schäufele galore.
Auf der Wetterkarte kam eine blaue Masse von Westen, daher überführte ich die Maschine schon am nächsten Tag nach Pfungscht, Auf dem letzten Meter fing es an zu regnen. Christian erwartete mich im Begleitfahrzeug, ich stellte die Bonnie ab und wurde Fußgänger. Das ging alles viel zu schnell.
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