Eine Sache gab es nur hier, im Norden: Man konnte an einem Sonntag einfach mal so ans Meer fahren. Große Teile der Stadt waren unpassierbar, aber nach 1000 Ampeln, und hundert Kilometern durch Norderstedt waren die Rebel und die Z auf freiem Feld, wo sie hingehörten. Kayhude, Bargteheide, Oldesloe. Eine durch und durch bekannte und unspektakuläre Route. Die war aber okay, denn die Maschinen konnten einfach mal laufen, bis endlich erste Seeluft in den Helm kam. Mehr wollten wir nicht. Wir nahmen die Priwallfähre in Travemünde, das war ein touristisches Highlight und außerdem sehr nostalgisch für mich. Auf dem Klützer Winkel entdeckten wir einen Strand beim Gut Schwansee. Dort sonnten sich mal keine nackten Ossis, sondern Städter mit Strohhüten. Zurück nahmen wir wie in jedem Sommer die lange Gerade bis Ratzeburg, sie führte in einen goldgelben warmen Abend und ließ den Gedanken freien Raum. Diagonal übers Land nach Hamburg zu kommen, gelang es nur mit mehrmaligem Nachschauen. In der Stadt erwartete man uns bereits, die Irren in ihren endlosen Autoschlangen nervten, und wir sehnten uns nach einen entspannten, langen Sommerabend, irgendwo wo nix los ist.
über 20 Jahre !!!
Sonntag, 29. Juni 2025
Samstag, 28. Juni 2025
In der Stadt
Ich war in Hamburg als Tourist. Was macht man da an einem Sommertag? Man quält sich von Ampel zu Ampel durch die Straßen, mit Millionen von Autos. Gut auszusehen ist wichtig, und mit der blitzblanken SR war das kein Ding. Das Gegurke ging mir trotzdem auf die Nerven, also fuhr ich raus, dorthin, wo es auf der Karte grün ist. In der Realität gibt es dort jedoch auch nichts als immer mehr Autos in dicht folgenden, gesichtslosen Vororten. Ich kam über Wedel zurück, wühlte mich nochmal durch die Stadt, überquerte die Elbe und erreichte den Apfelautomaten im Alten Land. Diese Strecke war zu lang für die SR, der Arsch tat schon weh und außerdem transportierte ich 2 Kilo Elstar im Rucksack. Ohne einmal über 70 Km/h gefahren zu sein, kam ich nach Hause und erzählte von einer erfüllten Tour.
Abends versuchten Anja und ich es nochmal zusammen. Immerhin, gleichzeitig waren Harley Days, da sollte man den Flair von Benzin und Heißem Stahl in der ganzem Stadt spüren. Vielleicht lag es am trüben Himmel oder an der zunehmenden Wokeness, aber es brannte weder die Luft, geschweige denn Gummi. Schwamm drüber. Wir fuhren nach Hause und schalteten den Fernseher an.
An den folgenden Tagen wurde es auch ohne Harley very hot. Wieder kam die SR zum Einsatz, diesmal mitten im Sweetspot: Im T-Shirt bullerte ich mit 60 Sachen durch die Dämmerung wie durch eine warme Wolldecke. Auf der Strecke durchquerte ich zweimal das Schulterblatt, immer noch mit Sonnenbrille, das passte. So funktioniert die Stadt.
Donnerstag, 26. Juni 2025
Midsommar in Darmstadt
In sonniger Morgenfrische auf der Straße zu sein, mit Gepäck für ein Wochenende, das ist eines unser unschlagbaren Lieblingsgefühle. Tiefenentspannt ließen wir die 500X und die Himalayan auf der B27 nach Süden rollen und genossen die Aussicht vom Leinetal ins mächtige Werratal, vorbei an Eschwege an die Fulda und Bad Hersfeld. Diese Strecke war früher meist Teil einer Gewalttour von Hamburg nach Darmstadt. Darmstadt war auch heute unser Ziel, nur mit unendlich mehr Zeit, Genuss und Leichtigkeit. Es ging auf einer immer besser werden Strecke weiter über Schlitz und Lauterbach, am Vogelsberg entlang auf freien, schwingenden Straßen und durch ansehnliche Dörfer, in denen es noch einen Imbiss gibt. Am Nachmittag setzte die Mainebene dem verträumten Gleiten ein Ende. Plötzlich waren es erdrückende 30 Grad, und alles bestand nur noch aus Schnellstraßen, die Millionen von SUV's ins nahe Frankfurt pumpten. Einzig die Aussicht auf die Roof Top Reopening Midsommar Party bei Albrecht ließ uns schwitzend aber gelassen die verbleibende B45 abreiten. Die Nacht über Darmstadt war hell und warm, und der Abend mit Freunden setzte allem einen entspannten I-Punkt drauf.
Morgens durfte ich mit Albrechts Vespa 946 Brötchen holen. Ich trug Shorts, Espandrillos und T-Shirt, das passte. Auf einer Bundesstraße am Waldrand gab ich Vollgas bis ich fröstelte, das war schön. Den Rest des Tages trieben Anja und ich unsere Reiseenduros durch einen heißen Luftstrom übers Land. Wir fuhren in leichtestmöglicher Bekleidung die gleiche Strecke vom Hinweg, waren richtig eingestellt und kamen gut durch. Wenn wir einzuschlafen drohten, unternahmen wir belebende Exkursionen in kühlende Höhen, wie z.B. den Hoherodskopf oder rosafarbene Mohnplantagen am Meißner. Aufgeweicht aber noch ansprechbar erreichten wir unsere Einzimmerpfalz in Northeim. Wir öffneten eine Flasche Rotwein und schalteten den Ventilator ein.
Freitag, 20. Juni 2025
Wienerwald
Anja war da, die Himalayan stand vor der Tür und die Einkäufe waren erledigt. Die Sonne brannte auf Northeim, und am liebsten wären wir im T-Shirt losgefahren. Heute blieb die Küche kalt, wir wollten essen gehen am Torfhaus - im Wienerwald. Das ist nur ein, zwei Traumstraßen entfernt, und Tomtom hatte noch einen Bonus über Bad Lauterbach und die B27 durch die Harzberge hinzugefügt, was wir gerne annahmen. Was wir gar nicht auf dem Zettel hatten: In den Bergtälern war es kühl, und oben im Gebirge sogar arschkalt. Vor allem, wenn man nicht mal einen Pullover eingepackt hatte. Der Wienerwald wurde auf irgendwann verschoben, wir kurvten stattdessen im Sturzflug nach Osterrode und cruisten im Abendlicht zurück nach Northeim. Dort gibt es einen Inder, den probierten wir aus. Mit Pullover.
Donnerstag, 19. Juni 2025
Eine Woche
Montag, Northeim (Han)
Feierabend. Der eine Moment, für den jahrelang geplant, diskutiert, gerechnet, verworfen und gezweifelt wurde, der war jetzt gekommen. Um 18:27 klappte ich mein feierlich Laptop zu und lehnte mich zurück. Ich nahm das Tomtom und ließ eine 'spannende Route' berechnen. Der Dönerladen in Clausthal sollte am Scheitelpunkt liegen. Ich nahm Helm und Jacke und startete die Honda, die vor der Tür stand. Auf der B248 dauert es keine 5 Minuten, dann ist man wo man immer sein wollte. Bei Echte ging es rechts ab, über einen kleinen Pass Richtung Westenhof, auf die einsame Kurvenstrecke vom Sonntag. Dann über Windhausen auf die Bergrennstrecke hoch auf den Harz. Die Honda, die Straße, der Moment und ich, wir waren eins. Am Ziel verschlang ich Dürüm unter örtlichen Studentenvolk, welches mit tiefergelegten Kleinwagen anreiste. Für sie war alles normal, während ich mich mühte, die neue Realität Schritt für Schritt einzuordnen. Zum Sonnenuntergang war es noch lange nicht dunkel. Ich parkte die Honda vorm Haus und freute mich auf morgen.
Dienstag machte ich mir erst gar keine Mühe. Ich tippte irgendwo westlich von Göttingen auf die Karte und orderte eine spannende Route. Diese dauerte 90 Minuten, das passte, ich fuhr sie ohne nachzufragen ab. Es ging linksleinisch am Hang entlang, sehr entspannt mit 90 Sachen durch den warmen, hellen, leerem Juniabend. Jede Straße ist ein Genuss, immer frei, die Dörfer schliefen schon, wenn ich im Fünften durchkurvte und durchatmete, wenn es mit etwas Gas auf den nächsten Hügel ging. Manchmal verliefen die Nebenstraßen bucklig durch die Feldmark, dann wieder zügig, egal wie, es war so wie ich es immer wollte. Wenn dies das Leben sein kann, was war es dann vorher, fragte ich mich. Zuhause goss ich mir ein Glas Wein ein und vermisste Anja.
Sonntag, 15. Juni 2025
Sonntagnachmittag
Am Sonntag behielten wir die Wetterkarte genau im Blick. Der Himmel war mal diesig, mal frei, oft drohend. Aber wir wollten in den Harz, besonders die Himalayan. Die Straßen waren herrlich frei, was wohl am diffusen Himmel gelegen haben muss. Von Clausthal über Altenau ging es mit tänzelnder Lockerheit hinauf zum Torfhaus. Wir parkten unser gutaussehendes Duo zwischen zig GS' aller Marken und verkrochen uns mit Kaffee und Kuchen in die letzte Ecke. Dann rollten wir hinunter nach Bad Harzburg, tankten, fuhren sinnloserweise nach Vienenburg, dann Goslar, und dann wieder auf die Kurven nach oben. Immer wieder hieß es, bald kommt der Regen. Aber trotz aller Extrakilometer waren wir pünktlich in Sicherheit. Es kam kein Tropfen. Anja packte ihre Sachen, dann ging es auf die letzte gemeinsame Fahrt nach Göttingen. Die Himalayan kam in die Garage, Anja in den ICE, und ich fuhr allein heim nach Northeim, um zu bleiben.
Samstag, 14. Juni 2025
Drüben am Solling
Wir ließen uns mit allem viel Zeit. Über Northeim brannte die Sonne wie im Urlaub, wir kauften ein wie Millionäre und ließen einen Gutteil des Tages ohne schlechtes Gewissen verstreichen. Erst am Nachmittag starteten wir die Motoren, in der Hoffnung auf kühle Waldstraßen drüben am Solling. Die ersten Kilometer waren zäh, weil Tomtom immer wieder lustig sein wollte, z.B. mit andauernden Ortsdurchfahrten bei 30°. Dabei hilft manchmal nur eine zügige Bundesstraße. Drüben am Solling begann es auf verwegenen Feldwegen, gefolgt von erstklassigen, flüssigen Bergstrecken durch tatsächlich kühlere Wälder. Kurve um Kurve, kaum Verkehr, fühlten wir uns im Paradies. Es fiel schwer zu realisieren, dass dies nun Teil meines Alltags werden soll. Am Ende der Kurven lag ein Wanderweg, der zum Weser Skywalk führte. Unten lag das Flusstal in heißem Abenddunst und sah aus wie im Urlaub. Für die Rückfahrt nahmen wir fließende Bundesstraßen mit schönem Luftzug. Die B 80 schwang sich ohne Verkehr durchs Wesertal, darauf folgte die B 241, die zog zügig über die Kuppen im Abendlicht. Während wir in Möckelheim Burger aßen, baute sich im Westen eine bedrohliche Front auf. Sie blieb dort, den ganzen Abend, da waren wir und das Regenradar uns einig. So einig, dass wir vorm Schlafengehen noch eine unfassbar einsam-fluffige Runde über Elvershausen, Marke und Westerhof dranhängten. Das ist hier der Nahbereich und allein das ist schon wie ein Lottogewinn.
Freitag, 13. Juni 2025
Zeitenwende
Bald war alles das vorbei. Die Qual am Freitagnachmittag bis zum Stadtrand, das debile Dahinvegetieren in bräsiger Autokolonne im Speckgürtel, zermürbende 65 Km/h hinter LKW auf der B3 nach Süden. Alles lichtete sich, als wir auf Nebenstrecken auswichen, durch die Südheide über Wietzendorf, ganz allein auf weiter Flur, und jede Bodenwelle als erste Anzeichen aufkommender Lebensfreude aufnahmen. Nach einer Pause an einer Privattanke mit Filterkaffee machte alles wieder Sinn. Hinter Celle war aus dem Dahinsiechen ein freier Flow geworden, und in Solchen erschienen die ersten Berge am Horizont in flirrender Nachmittagshitze wie die Verheißung. Tomtom verhieß eine Ankunft in Northeim nach 20 Uhr. Das war okay, denn der Rewe hat bis 22 Uhr auf und außerdem begann gerade neue Zeitrechnung.
Montag, 9. Juni 2025
Inspiration
Ein Tag des langen Pfingstwochenende war okay, und wir starteten die erste Ausfahrt der 500X und der Himalayan. Auf der Straße sag das Gespann dann doch überzeugend und gut aus. Wir machten keine Experimente, stattdessen eine entspannte, kleinteilige Tour nach Strukdorf. Dort gab es Publikum und was zu erzählen. Das Navi der Enfield ist schick, aber es kennt nur A und B. Wir folgten daher wie gewohnt dem Tomtom der Honda durchs Unterholz. Aber der Weg war eigentlich egal, Anja war mit der neuen Maschine beschäftigt, freundete sich mit dem lässigen Motorlauf und dem großen Vorderrad an, ich fand den Anblick im Rückspiegel richtig gut und äußerst inspirierend. In Strukdorf gab es Kuchen und große Bewunderung, genau darauf hatten wir spekuliert. Inzwischen waren dicke Wolken angerückt und die Rückfahrt war nur trocken möglich auf einer aufwendig berechneten, westlichen Route über Segeberg und Kaltenkirchen, zwischen mehreren Zellen hindurch an den Stadtrand. Die Maschinen kamen in die Garage, Würste auf den Grill und wilde Abenteuerfantasien in unsere Köpfe.
Dienstag, 3. Juni 2025
Die Königin
Anja hatte ihre neue, neuwertige Royal Enfield in die Garage gestellt, neben meine CB 500x. Das war nett gemeint, und auch logisch. Aber die Honda sieht seitdem irgendwie scheiße aus. Für die erste Ausfahrt ("kleine Hafenrundfahrt") am Feierabend nahm ich daher die Z als Begleitfahrzeug, schließlich ging es auch durch bewohntes Gebiet. Die Himalayan fuhr souverän, klang super und sie stand Anja umwerfend gut. Die Kawa war hart und ruppig. Im Alten Land holte ich 2 Kg Äpfel, im Rucksack. Auf der Rückfahrt durch den Hafen schien noch spät die Sonne. In der Schanze ging schon das Licht an. Anja rollte lässig durch und war die Queen.
Sonntag, 1. Juni 2025
Die Drei
Direkt hinterm Haus verläuft die B3 durch den Ort. Wer hier losfährt kommt man ohne Abbiegen in Hamburg raus. Am Sonntagmorgen hielten wir das (nach langwierigem Abwägen) für die beste Idee von allen, denn es gab noch etwas zu tun im Norden. Die Straße war vollkommen leer, wir rollten in entspanntem Flow mit 90 Sachen durch den pastellfarbenen Vormittag. Die Panoramastrecke durchs Leinetal fühlte sich majestätisch an, bis schließlich die Berge aus dem Rückspiegel verschwanden. Ich glaube, wir waren schon kurz vor Hannover, als wir das erste Mal runterschalteten. Auf der Stadtautobahn ging es flüssig durch den Moloch, dann kam schon die Vierspurige nach Celle und dann die Heide. Die Endlosigkeit der Waldstraßen, die einen wie Wurmlöcher in eine andere Realität saugen, war ein ergreifendes Erlebnis wie schon lange nicht mehr und wurde allenfalls von einer Pinkelpause unterbrochen. Nicht ohne Angst erreichten wir Hamburg. Ich hatte schon im Anflug auf dem Navi nach den erwarteten Horror-Auto-Staus Ausschau gehalten, aber wir fanden die Stadt schläfrig und leer vor wie an einem Ferienabend, als würde sie uns wieder zurück haben wollen. Wir nahmen es dankend zur Kenntnis, machten aber keine Versprechungen.
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