Das Jahr ging mit herrlichem Südwestwind zu Ende, mild und nass. Ich tauschte kurzerhand das Fahrrad gegen die Vanvan und brummte in einem Wolkenloch los. Ein Stück durch die Stadt, an den Landungsbrücken entlang, wo abertausende Spaziergänger sich drängten. Hafencity, Veddel, dann allein in finsterster Lichtstimmung über die Peute. Aus grauer Dunstmasse glitzerte die Kupferfabrik wie Weihnachten. Es fing an zu regnen, und die Fahrt wurde immer besser. Auf der Freihafenelbbrücke hielt ich an und genoss das Heranrollen der nächsten inzwischen dunkelschwarzen Front. Zu Hause stellte die Vanvan in der Garage ab, tropfnass und zufrieden. Später kamen Gäste.
über 20 Jahre !!!
Sonntag, 31. Dezember 2017
Donnerstag, 28. Dezember 2017
Theorie
Zwischen den Jahren gab es einsame Nachmittage und theoretisch die Möglichkeit, sinnvolle Dinge zu erledigen. Dagegen sprach, dass das Wetter war kurzzeitig trocken wurde und ich wusste wo sich Anjas Duc-Schlüssel befand. Die Scrambler sprang sofort an, die Rukka-Hose wärmte, die Stadt war leer und das Gasgeben war eine Erlösung. Ich nahm eine ausgiebige Runde durch das Hafengebiet, überholte alles, was in den Weg kam und kam mit der Dämmerung zurück in die leuchtende Stadt, mit kalten Fingern und zufrieden.
Am Donnerstag wiederholte ich das einfach, diesmal fuhr ich nach Norden, machte Halt beim Yamaha-Händler an der B4, wo es warm war sich eine SCR950 willenlos begrapschen ließ. Es ging noch raus bis Bönningstedt, dann mit über 80 Sachen rüber nach Norderstedt und am Flughafen entlang Richtung Badewanne. Hinterher hab ich Anja davon erzählt, sie musste das akzeptieren.
Montag, 25. Dezember 2017
Weihnachten war gerettet.
Zu Weihnachten kamen viele Geschenke, aber das beste war etwas milderes, nasses Wetter, wie man es liebt. Wir hatten einen heiligen Abend auf dem Anwesen verbracht und am nächsten Tag stand uns Horsts Integra inklusive Goretex-Ausrüstung zur Verfügung. Wir genossen eine Fahrt mit Automatik und hermetischem Windschutz durch den grauen Nachmittag, kurz nach Lübeck, einmal um den Kirchturm, dann zu Telse nach Neukoppel zum Kaffee und vor allem MEST-Marzpan. Danach war es wieder dunkel und kalt, aber Weihnachten war gerettet.
Samstag, 4. November 2017
Die Kehrseite
Natürlich war es schlecht, dass die Bonnie 4 Monate nicht mehr fahren darf. Und natürlich schlecht, dass Anja kränkelte und nicht aus der Wohnung zu bekommen war. Aber alles hat immer auch eine Kehrseite: Gut war nämlich, dass mir dadurch die Sixty-Two zur Verfügung stand. Und gut auch, dass ein einzelner sonniger Novembersamstag bei 9 Grad mit langer Unterhose durchaus lebenswert sein kann. Ich kurvte mit der Duc durch die Stadt, die Hafenanlagen und hinter Harburg raus aufs Land. Die bergige Rosengartenstraße war herrlich. Der Wald leuchtete gelb, und die Duc war faszinierend agil, mit viel Charakter in der Mitte und meist ein gutes Stück zu schnell. Es war komisch, mit ihr allein unterwegs zu sein und es fühlte sich bis zum Schluss irgendwie verboten an. Eigentlich wollte ich noch am Lüheanleger vorfahren. Als ich in Cranz aber an der Kreuzung stand, waren die Finger schon gut durchgefroren und die warme Stadt zu lockend. Ich rauchte noch eine am Kreuzfahrerterminal Steinwerder, preschte durch die Stadt und dachte am Ende nur noch an die heiße Badewanne.
Mittwoch, 18. Oktober 2017
Neonlicht
Das gute Wetter hielt noch bis weit in die Woche hinein. Statt mich vorm Fernseher auf den Winter vorzubereiten, drehte ich noch eine späte Runde durchs Neonlicht. Schnackenburgallee, Rugenbarg, 4-spurig durch die Nacht bis an die Elbchaussee. Dann im gelben Licht in die leere Stadt bis zur Hafencity. Das hat vielleicht eine knappe Stunde gedauert, aber die hat das ganze Leben aufgewertet.
Sonntag, 15. Oktober 2017
Die gute Nachricht
Mitte Oktober war der Herbst nicht mehr wegzudiskutieren. Die gute Nachricht des Jahres war, dass eines der Wochenenden warm und leuchtend war so wie in den besten Zeiten. Sonntag waren wir früh auf und befuhren zum ersten und letzten Mal dieses Jahres die Elbuferstraße in der alten Version. Noch morgenfrisch ging es auf der Autobahn nach Geesthacht, Lauenburg und dann auf der anderen Seite über Bleckede, Neu Darchau usw.. Auf kleinen Landstraßen ging es durch flirrenden Wald, bunte Alleen und absurd gelbe Rapsfelder. Irgendwann vor ein paar Jahren hatte sich diese Strecke scheinbar abgenutzt und wir uns umorientiert. Aber an diesem goldenen Herbsttag war es traumhaft und irgendwie neu, diese abwechslungsreiche Tour zu fahren, meist im Bummeltempo, mit runtergeklapptem Sonnenvisier. Ohne Halt erreichten wir die Tanke in Dömitz. Zwischen Harleypäärchen und einem Trupp Britischer und Japanischer Klassikbikes schwitzten wir in der Sonne und aßen Eis. Die B195 bildete die Rückfahrt. Sie schien für Autos gesperrt zu sein, ein nicht endender Strom von Motorrädern jeglicher Art zog euphorisch grüßend durchs Land. Die Strecke füllte den Nachmittag nicht aus, wir wollten unbedingt die Sonne bis zum Untergang aufsaugen und machten noch einen erschöpfenden Bogen über Zarrentin, Gudow und Büchen in stechendem Nachmittagslicht. In der Dämmerung erreichten wir auf der Deichstraße mit summenden Köpfen die Stadt. Auf dem Nummernschild der Bonnie stand immer noch 3-10. Das verdrängte ich schnell wieder.
Sonntag, 8. Oktober 2017
Moment der Klarheit
Zwischen zwei Regenwochen gab es einen Sonntag wie einen aufblitzenden Moment der Klarheit. Wortlos holten wir die die immer noch brandneue Duc und die Bonnie aus der Garage. Wichtig war nur, sich nördlich zu halten, wegen der Klarheit, alles andere war egal. Entsprechend suchten wir auch gar nicht erst nach besonders spektakulären Strecken oder Attraktionen, sondern ließen uns, gedanklich auf Abwegen, mehr oder weniger teilnahmslos über die B4 und dann die B206 nach Segeberg treiben. Dann kam als Highlight die kurvige Verbindung nach Oldesloe, alles in strahlender Oktobersonne, die allerdings der einziehenden Kühle wenig entgegenzusetzen hatte. Im Glashaus in Oldesloe, inmitten Landbevölkerung beim Sonntagsbrunch, wärmten wir uns am Cappuccino auf und planten schon die Rückfahrt, denn abends gab es noch einen Kulturtermin. Wir fragten uns noch kurz wo der Haken war an diesem Tag, aber es gab keinen, das alles war okay.
Sonntag, 1. Oktober 2017
Berlin 62
Freitag, letzter im September. Gegen halb 11 waren wir aus der Zulassungsstelle raus und hatten ein kompaktes Nummernschild im Rucksack. Nun brummten wir zu zweit auf der Bonnie nach Berlin. Ein Stück Autobahn, dann ab Grabow ganz locker auf der B5 in sonnigen Frühherbstfarben. Zur Feierabendzeit drangen wir über den Berliner Ring von Nordosten in die Stadt ein. In Alt-Friedrichsfelde nahm Anja eine neuwertige Scrambler Sixty2 in Empfang. Ein paar Kilometer weiter, nach Friedrichshain, da passte die Duc bestens hin. Wir parkten dekorativ vorm Übereck und bestellten ein Alkoholfreies.
Am Samstag wollten alle die Duc bewundern. Thomas, Michael, Rembert erschienen mit ihren Bikes zum Frühstück. Dann Setzte sich die respektable Horde unter Remberts Leitung in Bewegung nach Norden. Die Streckenführung war gekonnt ausgewählt, führte über lange Waldstücke hinaus auf freies Feld, in eine Gegend mit vielen Seen und Flüssen. Anfangs gab es unausgesprochene Bedenken wegen der mitreisenden Vanvan ("Spaßbremse"). Im Verlauf war diese dann erstens schneller als gedacht, zweitens die für die Berliner Gegend typischen, engen Alleen und Waldschneisen gerade gut für überschaubare 90 Sachen, so dass Thomas sich bestens integrierte. Ich ließ mich immer wieder zurückfallen und genoss den Anblick der Motorradschlange auf ihrem Weg durch die leuchtende Herbstlandschaft, wobei Anja mit der schwarzen Duc die Königin war, da waren sich alle einig. Im Gegenzug hatte ich jede Orientierung verloren. Orte wie Rheinsberg, Fürstenberg und Gransee blitzen auf, ergaben für mich aber kein System. Als die Sonne schon schräg stand, versammelten sich alle in einer riesigen Ziegelei bei Zehdenick, danach ging es über die bunten Einfallstraßen in die Hauptstadt im Neonlicht.
Der Sonntag begann mit einem Frühstück in Neukölln während draußen sich eine gleichmäßige Nieseldecke gebildet hatte. Auf der bekannten Autobahnschlucht durch Westberlin verließen wir die Stadt. Draußen bei Nauen wurde es trocken, blieb aber herbstlich-ungemütlich. Anja trieb die Sixty2 gegen den böigen Südwestwind auf der B5. Nach der Tank- und Kaffeepause in Perleberg klarte der Himmel auf. Das letzte Stück nahmen wir rasant auf der Autobahn. Hamburg empfing uns mit einem goldenen Oktobernachmittag. Wir fuhren direkt zum Dampfstrahler an der Shelltanke. Dann parkte Anja die 62 in der Garage und alle hofften, es kommen noch ein oder zwei schöne Tage wie diese.
Samstag, 23. September 2017
Schönes Konzept
Über Nacht war einer gekommen und hatte Anjas Honda mitgenommen. Der Preis war fair, aber nun, an einem unverhofft sonnigen Sonnabend, stand Anja da und musste sich mit der Vanvan behelfen. Mir machte es nichts aus mit 80 Sachen voraus zu fahren, gemütlich am Elbufer entlang, ohne jegliche Ambitionen. Ihr scheinbar auch nicht, sie grinste und gab lautstark Gas. Im fotogenen Septemberlicht sah die Combo dabei ausgesprochen gut aus. Es ging durch Geesthacht nach Lauenburg und von da über Buchhorst, Witzeeze nach Büchen, dann die lange, verlassene Waldstrecke durchs Niemandsland bis Gudow. Schön wäre gewesen, den Bogen über Zarrentin und Ratzeburg zu vervollständigen. Realistisch war, unzukehren, die selbe Strecke zurück zu fahren, die Sonne zu genießen und es im Schatten schattig zu finden, und möglichst vor der Dämmerung in der Badewanne zu landen. Das war ganz entspannt möglich und das passte irgendwie ins Konzept.
Sonntag, 10. September 2017
Pausenlos
Itzehoe liegt im Nordwesten, gar nicht weit, aber es bleibt fremd. Man betrachtet es mit Distanz, wenn man in dieser seltenen Ecke unterwegs ist, wie an diesem Sonntag. Die Verbindung über Hochdonn nach Meldorf ist auch selten und dabei jedes Mal überraschend schön. Alles ging schnell, wir endeten mit Rückenwind in rauer Marschlandschaft, die nur aus trister Endlosigkeit und Windparks besteht. Hierher kommen Touristen, und wie verstehen nie, warum. Am Eidersperrwerk parkten wir am Bikertreff, der Wind peitschte und das Meer (ausnahmsweise mal vorhanden!) schäumte. Irgendwo im Landeinneren möge es wohl ein nettes Café geben, davon gingen wir aus und machten uns auf die Reise. Dabei kamen wir immer wieder durch Gegenden, die unbekannt waren wie ein anderes Land. Bei Albersdorf kurvten wir durch waldige Geestrücken, im Prinzip auf der Suche nach Hohenwestedt, einem Café oder zumindest einer Tanke mit Klo. Die Route Grauel, Meezen bis runter nach Kellenhusen war ein Sensationsfund, und mit einer oder zwei Pausen hätte vor allem Anja die vielen Kilometer sicher mehr zu schätzen gewusst. Auf dem Weg nach Bad Bramstedt und anschließend auf der B4 nach Hause kam ich kaum hinterher. Am Ende war die Kälte in die Knochen eingedrungen und es dauerte eine Weile, bis sich alles normalisierte. Ich hab mir die Strecke aber notiert, für Tage mit mehr Pausen und dicke Socken.
Sonntag, 3. September 2017
Pures Gold
Okay, September. Es ist verblüffend wie das Licht sich ändert, und zwar wie auf Knopfdruck. Der Sonntag begann gleißend weiß, aber auf der Straße hatte alles einen seidigen, weichen Schimmer. Wir waren unkompliziert Richtung Heide unterwegs, verbrachten eine Weile in Schneeverdingen im Bikerparadies, aber die längste Zeit rollten wir tiefenentspannt durch Wälder und, wie gesagt, blühende Heide. Alles an der Fahrt war angenehm, harmonisch, friedlich und schön. Das lag an dem Licht, der milden Luft und den glatten, freien Straßen, über die die Maschinen zufrieden rollten, blank geputzt und gut geölt. Wir kamen in einem Bogen hinten um Lüneburg rum und nahmen das südliche Elbufer für die lange und zunehmend müde Rückfahrt. Als wir durchs Hafengebiet kamen, glänzte alles in purem Gold, und wenn man um Sieben zu Hause ist, ist es noch hell. Das kann man in dieser Zeit gar nicht genug würdigen.
Samstag, 2. September 2017
Betr. Sommerhandschuhe
Wir hatten sämtliche großen Pläne abgesagt, Anja saß im Zug nach Lübeck und ich guckte zuerst aus dem Fenster, dann auf den Bildschirm. Statt Dauerregen schien jetzt die Sonne. Ohne Alternativen fuhr ich ratlos aus der Stadt raus und verkrampfte mich bei der gedanklichen Suche nach einem guten Ziel für eine einsame Fahrt. Treiben lassen war angesagt und so zogen die bekannten Strecken vorbei. Geesthacht, Lauenburg, im Gedanken versunken. Irgendwann fand ich mich auf der B5 wieder und beinahe wäre ich bis Berlin durchgebrettert. Denn das Dahinrauschen auf der langen Allee hatte was. In die Ärmel zog kalter Wind, das lag an den Sommerhandschuhen ohne Stulpe. Ich bog irgendwo ab und kam über Brahlsdorf in die Elbauen. Dort war ich ganz allein, einmal hielt ich an und da war gar nichts, nur ein heller, frischer Spätsommertag mit schnellen Wolken und einer leeren Straße. Auf dem Rückweg bekam ich Riesenhunger und hielt am Zollenspieker. Eine Krakauer im Stehen, dann mit sechzig Sachen nach Hause. Durch die fehlenden Stulpen war ich erstmalig richtig durchgefroren. In dem Zusammenhang wurde mir klar, dass wir dieses Jahr noch kein einziges Mal am Strand gewesen waren. Jetzt half nur noch eine warme Badewanne.
Sonntag, 27. August 2017
Reality Check
Einmal hatte Anja eine Ducati Scrambler gesehen, seitdem sprach sie von nichts anderem mehr. Zum Geburtstag hatte sie nun ein Testwochenende auf der Italienischen Marketingmaschine geschenkt bekommen, und zwar in der 400er Miniversion. Ich beäugte die Sache kritisch im Rückspiegel, und bereits in der Stadt sah das sehr geschmeidig aus, abgesehen vielleicht von der knallgelben Farbe. Vor uns lag eine große, sommerliche Probefahrt durch das Holsteinische. Wir hatten alle Testcases dabei: Autobahn, Bundesstraße, Dorf-zu-Dorf Etappen. Was auffiel: Am Ortsausgang, wenn ich die Bonnie rücksichtslos anschieben ließ, verschwand Anja nie aus dem Rückspiegel. Sie sagte, die Duc würde um mehr Gas bitten, kein Problem, gab sie halt Gas. Wir kamen bis nach Fehmarn, wo zufälligerweise "American Bike Days" waren. Mit unserer Britisch-Italienischen Kombi fiel es uns leicht, Distanz zu den Stiernackigen und Weißbärtigen zu wahren und vor der pathetischen Massenausfahrt schnell zu verduften. Wir rollten durch den Spätnachmittag und kamen entspannt in Neukoppel an, wo praktischerweise bereits der Grill rauchte.
Am Sonntag kam zunächst die Teststrecke "McPom" an die Reihe. Auf den ganz holprigen Pisten fing Anja an, von der alten GS (R.I.P) zu schwärmen, doch so ein Luftkissenboot ist und wird die Scrambler nicht. Trotzdem kamen hunderte meist kurvige Kilometer zusammen, durch sonnige Alleen, einsame Landstriche im Grenzgebiet hinter Mölln, gewaltige Gewerbegebiete mitten im Wald. Test bestanden. Der Härtetest kam zum Schluss: Die Langen Geraden. Wir hatten die Elbe überquert und stachen hinter Lüneburg Richtung Soltau immer geradeaus durch die endlosen Wälder, danach auf der noch geraderen B3 zurück nach Hamburg. Das 600 Kilometer-Kontingent war voll und es kamen immer noch keine Klagen. Die Duc übernachtete noch in der Garage und sah aus, als wäre sie am liebsten dort geblieben.
Sonntag, 20. August 2017
U-Bahn
Am Wochenende war Thomas da, und es gab ein kurzes Zeitfenster zwischen den Schauern. Um den Besuch nicht zu vergrämen, stellte Anja ihre Honda zur Verfügung, stieg auf die Vanvan und wir kurvten durch die Stadt. Weit kamen wir nicht, denn für das bescheuerte Radrennen waren alle Routen gesperrt, die uns ins Freie hätten bringen können. Inzwischen kam der nächste Schauer. Danach fuhren wir mit der U-Bahn rum.
Sonntag, 13. August 2017
Schwebezustand
Mitten im August waren die Sonnensonntage rar, und dieser war okay. Außer, dass am Vorabend Besuch gekommen war und wir nur zu unterkomplexen Taten im Stande waren. Am Nachmittag fuhren wir über die B4 hinaus. Richtig schön war es immer, wenn auf den Geraden eine Art Schwebezustand einsetzte, aus dem man nur schwer erwachte. Weit draußen, hinter Neumünster liegt Kleinkummerfeld, das kennt niemand, doch dort war ein rauschendes Fest des örtlichen Eisenbahnmuseums. Filterkaffee unter Weißhaarigen im Speisewagen brachte uns wieder auf Vordermann. So war dann auch die Rückfahrt über Kaltenkirchen passabel schwungvoll. Zuhause legten wir die Füße hoch und schliefen einfach ein.
Sonntag, 6. August 2017
Kick
Die fünfeinhalbtausend Kilometer der Reise ließen das hiesige Umland erstmal unspektakulär erscheinen, um es positiv zu formulieren. Andererseits waren wir nun ganz und gar anspruchslos, wir wollten nur den Sommersonntagnachmittag noch irgendwie nutzen, bevor der Alltag wieder kommt. Die überfüllte Deichstraße mit ihren 60 Sachen war so zermürbend, dass wir uns nach einem freien Stück Bundesstraße sehnten, wo man vielleicht bitte mal neunzig fahren kann. Im Norden war dann eine Gewitterzelle aber auf der B195 konnte man über weite Strecken frei schwingen. Wir tauschten die Bikes, um alles etwas aufzupeppen, kehrten in Neuhaus um und fuhren zurück. Ja, ganz nett, aber der Kick war irgendwo anders, womöglich in den Französischen Alpen oder so.
Freitag, 4. August 2017
Toute Directions
Wenn man drei Wochen Zeit hat, die Campingausrüstung auf dem Mopped und vor einem ganz Frankreich liegt, dann ist das wie in den besten Zeiten. Wir sahen die Normandie bei 30 Grad, Paris im Regen und überquerten den Zikadenäquator am Vercor Nationalpark. Dazwischen lagen tausende herrliche Kilometer Route National, Baguette, Käse, Rotwein, Gotik und nebenbei der Col d'Iseran, der ist immer noch genauso spektakulär wir vor 20 Jahren.
Der ganz ausführliche Bericht erscheint ASAPst auf dieser Seite.
Sonntag, 9. Juli 2017
Fuck You!
Es hätte ein schöner Sonntag sein können. Sonne pur, weites Land, freie Straßen. Anja war vorgefahren nach Reinfeld, zum Brunch ohne Männer. Ich holte sie ab und wir machten einen riesigen Schlag bis nach McPom hinein. Das Problem waren die Ereignisse in der Schanze der vergangenen Tage, denn die füllten unsere Köpfe mit Gewaltphantasien, die dort nie und nimmer hingehören, so dass die schönen Eindrücke einfach nicht durchkamen. In der Folge sahen wir in jedem und allem, was uns am Wegesrand begegnete nur das Schlimmste, Dümmste, Atzendste. Am ehesten entspannend war dann das einsame Stück von Grevesmühlen nach Dassau, und auch die Rückfahrt in den Abend war nicht übel. Am Ende waren über 300 Kilometer zusammengekommen ohne die alles wohl noch ätzender gewesen wäre.
Sonntag, 2. Juli 2017
Harmonie
Sonntag, Anfang Juli hatte alles ein Ende. Der Dauerregen der letzten Tage, vor allem aber das Einpacken, Auspacken, Räumen, Entsorgen und die monatelangen Exceltabellen. Alles war abgehakt und neu, und nun war da nur noch die Bonnie, eine freie Auswahl an Landstraßen und sonst gar nix. Ich ließ mich auf der B4 durch den Nachmittag treiben, über Kaltenkirchen, in Schräglage nach Hasenmoor und auf der 206 gedankenlos bis Segeberg. Die Fahrt war unbeschwert, ruhig und vollkommen harmonisch. Kühler Fahrtwind blies den letzten Baustaub aus dem Gehirn und machte die Atmosphäre spürbar, real, was ich sehr genoss. Von Segeberg aus gibt es eine wunderschöne Landstraße nach Oldesloe, sie führt kurvig durch hügeliges Land, dass sich nach dem Unwetter auch gerade selbst neu erfand. Ich schloss den Bogen über Pölitz, Lasbek, Ahrensburg, und rollte dann tiefenentspannt in die Stadt. Um mich waren nur Bekloppte, und mir machte nichts etwas aus, denn es war in Ordnung, alles.
Sonntag, 18. Juni 2017
Benzin und Zeit
Ein Sonntag ganz für mich, man kann das auch positiv sehen. Ich rollte auf der Autobahn nach Nordwesten, will die Wetter-App das gesagt hat. Ab Elmshorn eigentlich über Land Richtung Itzehoe. Da waren zig Umleitungen, und die führten zugegebenermaßen ganz interessant auf unbekannten Strecken abwechselnd durch die Marschebenen und Geesthügel. Ich fand die viel zu selten gefahrene Straße über Hochdonn nach Meldorf, fuhr ein Stück die B5 hoch, bog aber bei Heide wieder ins Landesinnere ab. Das allein wäre schon eine satte Tour, aber da ich nichts hatte außer Benzin und Zeit, nahm ich, wiederum raffiniert umgeleitet, den Weg nach Rendsburg. Es war ein Hochsommertag und es war einfach ein Genuss, allein durch das Land zu Gleiten, während der Kopf sich im interstellaren Raum befand. Von Rendsburg aus gibt es eine Landstraße nach Emkendorf. Sie führt weiter durch ein Mittelgebirge bis Rumohr und ist sensationell schön. Ich würde Eintritt zahlen für diese Straße. Es ging endlos so weiter, bis Ascheberg bei Plön. Ich wusste, dass in Ostholstein Sonntags die Supermärkte auf haben, wegen der Touristen. Dort lud ich Würste und Kartoffelsalat in den Rucksack, genoss noch einen Tiefen Zug der Seeumfahrung Dersau, Stocksee, Klein Rönnau. Von Segeberg aus war alles egal. Ich hatte Grillgut, bekam Sonnenbrand und hatte zweimal getankt. So ist es gut.
Samstag, 17. Juni 2017
Der Grieche
Den ganzen Tag hatte ich Kartons gepackt und Möbel gewuchtet. Nun war ich ausgehungert. Mit Anja konnte ich nicht rechnen, sie war nach Darmstadt abgehauen. Das Gute war, die Mittsommersonne scheint bis tief in den Abend, also nahm ich die Bonnie und begab mich auf die Suche nach was Essbarem. Harburg am Abend, immer wieder interessant, wir reinkopiert aus dem Ruhrpott. Ich hätte auch einen Döner genommen, wenn da einer gewesen wäre. Komische Umleitungen durch das zersiedelte Vorland, tote Dörfer, nix. Weiter. Winsen an der Luhe. Ja, es hat ein Stadtzentrum, aber das war mir unheimlich. Rückenwind trieb mich schwerelos immer weiter, und Lüneburg kündigte sich mit grellen Gewerbegebieten an. Im Augenwinkel sah ich ein Griechisches Restaurant. Vorfahren, einmal Gyros. Lecker. Keinen Ouzo. Dafür eine traumhafte Rückfahrt über Geesthacht und die Deichstraße im stechenden Gegenlicht mit fast leerem Tank zurück in die brodelnde Stadt. Ich holte mir einen Griechischen Joghurt mit Honig vom Rewe und legte die Füße hoch.
Sonntag, 11. Juni 2017
Her mit den Abenteuern.
Irgendwie sprang der Funke nicht über. Und das, obwohl wir bei bestem Sommerwetter unterwegs waren, mit gepackter Strandtasche und Fernziel Atlantis. Die Kilometer spulten hell und ereignislos ab, sie waren vertraut aber es fehlte wie gesagt der Funke. Am Petersberg hinter Schönwalde wurden wir realistisch: Wenn wir bis Wenkendorf durchführen und dennoch vor dem Gewitter wieder zu Hause sein wollten, blieb rechnerisch eine Dreiviertelstunde am Strand. Schön blöd. Desillusioniert kurvten wir hinunter zu einem Ort namens Lensterstrand, von dem nie jemand je gehört hat. Dort ist man sehr auf Ordnung bedacht und maßregelt die Touristen wenn's sein muss. Immerhin, wir schauten eine Weile aufs Meer, es dümpelte vor sich hin wie immer. Wir nahmen die selbe Strecke zurück, über Eutin und durch die flirrenden Wälder. Inzwischen hatten wir genug Mut, in Neukoppel unangemeldet vorzufahren und Telse um einen Kaffee zu bitten. Wir bekamen zu allem Überfluss Erdbeeren. Jetzt noch kurz in Strukdorf was abgeben, ach nein, lieber durchfahren, denn es quoll bedrohlich am Himmel. Das Wetterradar hatte die Führung übernommen und leitete uns letztlich doch nach Strukdorf und dann in einem riesigen Bogen nach Westen. Wir saßen in Bad Bramstedt, mampften Cordon Bleu und warteten, das das Regenband hinwegzog. Das tat es erst, als wir wieder auf der B4 waren. Leichter Regen bis nach Hause, zu albern um sich unterzustellen. Das verlieh dem Tag am Ende doch etwas abenteuerliches.
Montag, 5. Juni 2017
Me, myself und Holstein.
Montag war, wegen Pfingsten, nochmal Sonntag, nochmal allein. Und diesmal stimmte alles, um schon am Vormittag auf der Straße zu sein. Mein alleiniges Ziel war grob gefasst: Die Ostsee. Wenn man alleine fährt, macht man Strecke. Ich fuhr einen großen Bogen durchs Lauenburgische über Kühsen und musste in Ratzeburg wegen Koffeinmangel halten. Ohnmächtig fuhr ich beim dortigen Bikertreff vor, obwohl wir den ansonsten großräumig meiden. Ein Eis, einen Kaffee im stehen, weiter. Ich durchfuhr Lübeck, dann Schwartau, und dann die Dorfstrecke durchs wuchernde Dickicht über Warnsdorf nach Travemünde. Am Strand am Brodtener Ufer rollte ich keineswegs mein Handtuch aus, sondern rauchte eine und fuhr gleich wieder weiter. Es war noch nicht mal richtig Nachmittag, daher nahm ich mir Zeit und fuhr die Bäderstraße entlang. Sie führte durch unsagbar verstopfte Bäder, wobei inzwischen die Trauben von Leifahrradfahren das Hauptproblem sind. Ein Stück im Inland war es herrlich, ich rollte einfach immer weiter durch das wellige Land, und erst am Selenter See kehrte ich zögernd um. Eine völlig unbekannte Verbindung nach Plön tauchte auf, eine verschrobene Allee wie aus einem anderen Film. Von Plön aus ging es gekonnt über Dersau um den See herum nach Berlin und dann, durch unbekannte Kräfte angezogen, direkt zum Hähnchen-Eck nach Bad Schwartau. Das schmeckte auch allein. Es war immer noch unendlich viel Tag übrig, aber ich rauschte die abendliche B75 durch alle denkbaren Grüntöne nach Hause. Mit 330 Km auf der Uhr trank ich, noch in Leder, ein Alkoholfreies. War kurz davor nochmal los zu fahren, aber jetzt reichte es.
Sonntag, 4. Juni 2017
Einsam und Alleen
Über Pfingsten war Anja nach Dublin abgehauen und ich saß allein zu Hause, wartend auf den Abzug eines Regenbandes. Es dauerte bis Sonntagnachmittag, und selbst dann war es noch ratsam in die untere linke Ecke des Bildschirms zu fahren, wo es klar war. Leider war dies das Gebiet um Stade und Bremervörde herum. Jeder weiß, wie reizarm die Gegend ist. Dennoch: Die völlige Einsamkeit auf den Birkenalleen unter endlosem Himmel, die seltsam saubergefegten, langgestreckten Veendörfer und nicht zuletzt die ganzen unterschiedlichen Grüntöne, das waren Sachen für dich man halt auf diese Weise mal, ganz für sich allein, einen Blick hatte. Mit den Kilometern kann der Hunger und ich arbeitete mich zum Lüheanleger vor, da sind die Biker, heute meine Kumpels. Letzlich mampfte ich meine Wurst allein, war wie gehabt doch eher darauf bedacht, unansprechbar zu bleiben. Abends kam ich durch die Schanze zurück, da waren viele Menschen, die waren aber Fußgänger, die hatten mir erst recht nichts zu sagen.
Sonntag, 28. Mai 2017
Der Himmel über Berlin
An Himmelfahrt teilte sich die Bevölkerung in drei Gruppen. Die, die schon am Vormittag besoffen Bushäuschen vollkotzen, die, die in praktischer Funktionskleidung in Gruppen mit Elektrofahrrädern durchs Wendland eierten, und uns, die wir auf einer weitläufigen Route Richtung Berlin unterwegs waren. Es ging durchs besagte Wendland, die Elbauen entlang, bis man denkt, gleich ist Schluss. Am Ende kommt dann aber eine winzige Fähre über die Elbe, und danach kommt noch Land. Unter Wolken war es manchmal noch frisch, dazwischen schien die Sonne auf Wald und Wiese, die die Bonnie und die Honda elegant und flüssig durchstreiften. Havelberg, ein Seitenblick auf den Dom, dann wieder Weite, durch die ein respektabler Rückenwind uns trieb. Rathenow kam, ostig und trist, dann Brandenburg, wo man Berlin schon spürte. An dessen Rand liegt Kleinmachnow: Stasivillen in düsteren Alleen. Das Beste war aber, dass uns dort Annie und Holgi erwarteten, mit rauchendem Grill und Geschichten aus dem Speckgürtel.
Freitag. Auf uns allein gestellt tasteten wir uns zögerlich durch interessante Situationen wie zum Beispiel Teltow. Im Süden wussten wir liegt der Spreewald, dort seien 'schöne Alleen'. Zudem lockte auf der Karte das Baruther Urstromtal. Das hörte sich toll an, war aber kaum zu sehen. Viele Kilometer gerade durch den Wald gezogene, recht enge Schneisen. Wir freuten uns immer, wenn mal irgendwas auftauchte, und an Tankstellen war man einigermaßen sicher vor den Weißhaarigen und den Klugschnackenden, und Kaffee gibt es da heutzutage genauso. Vom Bismarckturm in Lübben sahen wir uns den Wald von oben an, er bestand aus unzähligen Bäumen. Endlich passierte was: Anja hatte lange genug mit angeschalteter Zündung und brennendem Licht SMS geschrieben, bis die Batterie leer war. Die Honda ließ sich anschieben, aber an ruhige Pausen war nicht mehr zu denken. Hundert Waldkilometer später trafen wir Thomas mit der grünen Vanvan. Er lotste uns in die Hauptstadt, die fühlte sich herrlich an. Mit erhabener Geste parkten wir in der Libauer Straße und tranken alkoholfreies Bier vom Späti.
Samstag, diesmal wirklich. Am Übereck trafen wir Rembert beim Rührei. Auf dem Gehweg stand seine Slim, beladen für 3 Wochen on the Road. Wir ließen ihn ziehen und fuhren kleinmütig nach Adlershof. Anja fuhr auf dem Rücksitz, denn sie hatte die Honda Thomas gegeben, praktisch als Gastbeitrag. Das klappte ganz gut, und an der HEM Tanke draußen am Rand trafen wir Michael, der uns mit einer Miet-Thruxton überraschte, die alle Beteilgten am liebsten sofort mit nach Hause genommen hätte. Michael kennt die richtig guten Strecken, in Gegenden, wo niemand sich hin verirrt, wo man endlos über weite Felder und Hügel gleitet, unter brennender Sonne, und die einzige Sorge ist, wo man das nächste Eis herbekommt. Ganz am Ende von Deutschland liegt Eisenhüttenstadt. Es gibt monströse Hochöfen und eine Tanke mit Frikadellenverkauf. Der Rückweg war fast noch schöner. Müllrose hat z.B. einen bekloppten Namen, aber trotzdem einen schönen See und ein Eiscafé. Zum Schluss kamen wir über den Ostteil der B5 in die Stadt zurück. Der Asphalt kochte, und die Stadt war eingehüllt in den Rauch von 3,5 Millionen Holzkohlegrills, als wir bei unser nächsten Station anrollten: Garagenparty bei Christian und Imke. Besser geht's nicht.
Dann war Sonntag, und vor uns lag die B5 nach Hamburg. Die BMW und die Vanvan eskortieren uns aus der Stadt heraus, noch ein Eis in Friesack, dann waren wir allein mit der langen Allee und der Hitze. Dreihundert Kilometer rauschten vorbei, unvergleichlich, bedeutend und groß. Fünf Stunden später war noch Nachmittag. Wir rollten in die Tiefgarage, stellten die Motoren ab und waren sehr zufriedene Menschen.
Sonntag, 21. Mai 2017
Bedürfnis nach Freiheit
Anja hatte Bedürfnisse angemeldet: Mal nicht arbeiten, sondern Mopedfahren, und zwar so, dass man sich frei fühlt, und mit Kurven. Der Tag war dafür gut. Erst hielten wir in Reinfeld und trafen kurz Birte, dann ließen wir uns von Gefühlen leiten, über die beliebte Dorfstrecke Zarpen, Ahrensbök bis nach Eutin. Dort war zwar ein Bluesfestival, aber wir brauchten Kaffee und mussten das eine Zeit lang aushalten. Intuitiv ging es weiter, so als führe man nach Fehmarn. Ich bog beim Bungsberg aber scharf links ab und wir kurvten durch selten befahrenes Gebiet bei Hansühn, Kaköls und Lütjenburg. Hier oben ist nichts los, man hat alles für sich und die Straßen liegen kurvig in sanften, knallgelben Hügeln. Es ging so oder so ähnlich die ganze Zeit weiter, durch dunkle Wälder bis ins touristisch aufgepimpte Malente, von da nach Plön zum Bikertreff am See. Da war es wie immer recht traurig, doch die Landstraße über Blunk nach Klein Rönnau, inzwischen im Spätnachmittagslicht, lockte mit weiteren eleganten Schwüngen. Bis zum Schluss blieben wir auf dieser Art Straßen, was nie müde machte, und irgendwie tatsächlich ein Gefühl der Freiheit hinterließ.
Samstag, 20. Mai 2017
Highlights
Gar nicht übel, der Samstag, wenn auch allein. Nachdem ich die Notwendigkeiten abgefrühstückt hatte, begann ich eine unkomplizierte Nachmittagsrunde. Dachte ich. Denn es ging damit los, das im Volksparkstadion irgend so ein beklopptes Fußballspiel war und eine undurchdringliche Blechlawine verursachte. Über die B4 fand ich einen Ausweg, und dann entdeckte ich die schwungvolle kleine Kurvenstraße wieder, die über Hemdingen rüber nach Elmshorn führt. Leider liegt dort auch Barmstedt, ein Angstort, den ich noch nie passiert habe, ohne mich in hinterweltlerischen 30er Zonen zu verirren. Doch nicht nur das: wenig erreichte ich Elmshorn auf einer komischen Umleitungsstrecke, und ich musste in einem Wohngebiet anhalten und mich mit dem Handy wieder rausnavigieren. Ansonsten besteht Elmshorn, das kann ich beurteilen, zu 85% aus Einkaufszentren von der Größe des Saarlands. Zur Beruhigung fuhr ich durch die Marsch in Richtung der dicken Wolke, die über Kollmar hing. Am Bikertreff saß ich introvertiert in der letzten Ecke und aß ein Cornetto Nuss, als lautstark ein Trupp Stiernacken vorfuhr. Sie vollführten mehrere Burnouts und verschwanden ohne Tschüß zu sagen. Trotzdem das Highlight des Tages. Zurück wollte ich die tausendfach gefahrene Strecke von Appen nach Schenefeld nehmen. Dass in Pinneberg der Abbieger nicht da war wie sonst, passte ins Bild. Ich nahm dann die Autobahn nach Hause, das war tiefenentspannt und gar nicht mal so übel.
Sonntag, 14. Mai 2017
So viel Tag
Wir standen staunend vor einem Frühsommertag wie aus dem Märchenbuch. Was soll man nur machen? Vielleicht erstmal aus der Stadt raus, das ging ganz easy, es war früh und alle hatten verschlafen. Geesthacht, Lauenburg, Boizenburg, dann endlich mal die B195. Hier war niemand außer uns. Wir glitten durch die Kurven und die Alleen, und das Land, die Dörfer und der Himmel sahen aus, als hätte man schon auf "Bild verbessern" geklickt. Im Osten holten wir langsam aber sicher das Wolkengebiet ein, und das war doof. Wir guckten in den Himmel und legten die Route fest. Eine halbe Stunde später tranken wir Kaffee vorm Backshop in Dannenberg, wo die Zeit mühsam mit dem Nachmittag rang. Wir aber wollten es wissen, fuhren ein langweiliges Stück Kolonne auf der B216 und bogen bei Göhrde auf eine flirrende Märchenwaldstraße ab, die oben auf der Ebene mit den Birkenalleen rauskommt. In der Nähe war Bad Bevensen, von hier aus war es nur ein kleiner Sprung in die Heide. Irgendwo im Wald machten wir Pause, unendlich müde. So viele Kilometer und immer noch soviel Tag übrig. Wir fuhren beim Straßencafé in Soltau vor und bestellten was zu Essen. Auf der Rückfahrt war endlich der Abend da, und alles sah noch künstlicher aus als den ganzen Tag schon. Nur das summende Gefühl wohliger Erschöpfung nach 350 Kilometern, das war echt.
Donnerstag, 11. Mai 2017
Die leeren Dosen der Anständigen
Es ist schon Mai, und wenn die Dosenfahrer nach ihrem täglichen Höllenritt endlich vorm Fernseher sitzen, geht die Sonne noch lang nicht unter. Durch dieses Zeitfenster rollte ich im Gegenlicht bei Schenefeld aus der Stadt heraus und ließ mich treiben. Appen, Pinneberg, dann rüber Richtung Quickborn. Nix Großes, nur gedankenlos die im schrägen Licht schimmernde Landschaft einsaugen, im Fünften durch die leeren Dörfer der Anständigen brummend das Leben genießen. Ich hatte Hunger und gegen Ende wurden dann doch die Finger kalt. Damit ließ sich rechtfertigen, beim Lieblingssupermarkt in Hasloh am Highway 4 vorzufahren und eine Dose Gulaschtopf rauszuholen. Den Rest der Fahrt freute ich mich darauf, und auf alles andere auch.
Sonntag, 7. Mai 2017
Sieht gut aus für uns.
Der erste Sonntag im Mai fiel voll aus dem Raster. Weder war es eiskalt noch gab es irgendwas zu tun, außer die Mopeds zu starten und loszufahren. Wir hatten aus Gewohnheit Funktionsunterwäsche an, aber das war albern. Unbeschwert rollten wir nach Norden aus der Stadt heraus, in grün leuchtendes Land und realisierten, das sah alles sehr gut aus für uns. Gleiten auf der B4, zwangloses Abbiegen nach Segeberg. Die Strecke von Klein Rönnau über Blunk nach Tensfeld kam wie ein Glücksgefühl aus dem Gedächtnis hervor, dann die verträumte Waldstraße nach Bosau. Endlich ein Eis am See, und Kaffee. Wir wussten, aus Strukdorf bestand eine Einladung zu Berichten aus weiter Welt, und noch mehr Kaffee. Der Weg dorthin führte über Berlin und war auch sonst traumhaft kleinteilig, einsam und leuchtete immer noch in sämtlichen Farben. Die Sonne lief unter Volllast, und wir taten so, als müssten wir demnächst nach Hause. In Wahrheit zog es uns immer weiter die kleinen Landstraßen entlang, die nie zäh wurden und die Finger nicht kalt. Reinfeld, durchs die transparent leuchtende Topographie des Travetals, die Kurven Richtung Ratzeburg, von Kastorf aus allein auf weiter Flur bis zum Sachsenwald, und so weiter uns so fort, bis nach Bergedorf. Das war schon ein klasse Stück und wir redeten den ganzen Abend davon.
Montag, 1. Mai 2017
Immerhin.
Dieses Wochenende hatte ja zwei Sonntage. Am zweiten war es zwar minimal wärmer, aber meist bedeckt. Daher rückte sich die ganz große Fantasie im Laufe der Fahrt auf etwas Realistisches zurecht, etwa eine Runde über Winsen, Richtung Lüneburg. Und selbst das wurde entschärft, indem wir über Luhdorf weiter nach Süden fuhren, um den üblen Wind nicht ganztägig frontal in der Fresse zu haben. Die Strecken dort, in diesem verlassenen Heidewinkel, waren auch in tristem Licht herrlich zu fahren. Stille Wälder, weite Blicke über Frühlingsgrün, manchmal genau im richtigen Moment ein Sonnenstrahl auf einer sanften Kuppe. An einen Kaffee in Undeloh war nicht zu denken, denn die Inszenierung weißhaariger Heide-Heimeligkeit übertraf alles je Dagewesene. Die Freie-Welle Tankstelle in Welle war cooler, man trank Kaffee aus Pappbechern zwischen den Bikes sitzend, während auf der B3 Gleichgesinnte vorüberzogen und grüßten. Wir waren schon am Nachmittag wieder zurück in der Garage uns sagten synchron, immerhin haben wir was draus gemacht.
Sonntag, 30. April 2017
Oh Yeah.
Oh Yeah, dachten wir, als das lange Maiwochenende auf uns zu kam, mit Sonne satt, ohne große Pläne aber gut geölten Maschinen. Auf der Fahrt, irgendwo hinter Bargteheide, wurde aber klar, dass der Nordostwind direkt aus Sibirien kam und keine Witze machte. Wir verkrümelten uns in einer windschattigen Ecke beim Backerei-Junge-MegaCenter in Reinfeld und backten erstmal kleinere Brötchen. Bis nach Neukoppel zum Beispiel müsste man es ohne Erfrierungen schaffen können, so die Theorie. Dort erwartete uns Telse mit Hipster-Filterkaffee und hinterm Haus, wo die Sonne über die gelbe Felder streift und das Licht in mächtigen Baumgruppen flirrt, die Bienen summen und die Welt ganz und gar heil ist, dort konnte man bedenkenlos in der Nachmittagswärme eindösen. Auf der Rückfahrt kam der Wind von hinten und wir sahen die Welt mit anderen Augen. Auf einer kreativen Strecke kurvten wir von Dorf zu Dorf. Die unbekannten Verbindungsstraßen zwischen Westerrade und Traventhal sind Leckerbissen, romantisch und herzallerliebst. Wir kamen bei Schwissel auf die B432, aber obwohl die Kälte anfing zu kriechen, sagten wir zu einem großen Bogen weit nach Westen nicht nein. Ganz allein segelten wir über nie gesehene Straßen durch perfekt beleuchtete, parkähnliche Landschaft im Bermudadreieck zwischen Bad Bramstedt, Segeberg und Norderstedt. Zum Schluss waren unsere Knochen tiefgefroren, auch wenn bis 9 Uhr abends die Sonne schien. Aber das war trotzdem Oh Yeah.
Sonntag, 16. April 2017
Helle Momente
Ostern konnte man sich abschminken, das war schon eine Woche vorher klar. Immerhin, es gab helle Momente, an denen ich nicht das Internet nach Unsinn durchsuchte, und auch nicht lethargisch auf dem Sofa dämmerte. Am Samstag reichte schon die Große Hafenrundfahrt, um den Tag zu retten. Schiffe gucken, Gas eine Weile bei 80 Km/h stehen lassen. Danach einkaufen.
Sonntag war noch besser, auch wenn Anja das nicht wahrhaben wollte: Auf der Schnellstraße nach Bergedorf die kühle Luft durchströmen lassen, warme Socken, die wiederentdeckte Rukkajacke, aber Jethelm, bitte, soviel Feeling muss ein. Ich fuhr bis hinter Geesthacht, dann am Fluss entlang zurück. Da hatte ich den Wind von vorn und war insgeheim dankbar, nicht schneller als 70 fahren zu dürfen. Die Wolken am Horizont waren dunkel, aber hier war es hell. Erstmalig fuhr ich beim Zollenspieker vor. Dort waren nur drei Bikes, und der Cappuccino kam aus der Tüte. Es war noch mitten am Nachmittag, als ich auf pragmatische Art zufrieden und ausgekühlt die Bonnie in der Garage parkte und mit dem Fahrstuhl direkt in die warme Wanne fuhr.
Sonntag, 9. April 2017
Welt der Wunder
Nach einer eher kühl-geradlinigen Fahrt nach Strukdorf am Samstag und einem ausgiebigen Opernabend in Lübeck entwickelte sich ein Sonntag wie ein Wunder. Die Klamotten vom Vortag waren schon nach wenigen Kilometern zu warm und wolkenloses, grelles Licht flutete die vor unseren Augen ergrünende Landschaft. McPom erreichten wir in gleichmäßig fließendem Tempo auf der Autobahn. Dann kamen die Landstraßen aus dem letzten Sommer zurück ins Bewusstsein. Um uns von der ausgekühlten Küste fernzuhalten, verzichteten wir zähneknirschend auf das Eis in Grevesmühlen. Stattdessen fanden wir ausgerechnet in Gadebusch ein aufgemotztes Bahnhofscafé und Backsteinromantik, wo man sonst nur Plattenbauten und Naziprolls erwartet. Die Sonne brannte sich durch den Tag und zog uns weiter nach Süden, meist allein durch kahle Alleen brummend, angenehm monoton, dabei unterkomplexen Gedanken nachhängend. Später, tief im Süden, saßen wir am Elbdeich, Auf der B195 waren alle Biker der Welt unterwegs. Eine schöne Welt.
Sonntag, 2. April 2017
Unser Ding
Die Sonne schien immer noch, und was sind 3 Grad weniger unter Freunden. Anja beharrte auf kleinteiliger Wegführung. Wedel, Haseldorfer Marsch. Dort ist man so selten, dass jede romantische Allee, jede schlängelnde Deichstraße und jedes wild blühende Dorf aufs Neue überrascht. Kurzer Check am Bikertreff von Kollmar: Nicht unser Ding. Von Südwesten kamen Wolkenwürste, und zum Planen auf der Handykarte hatte ich keinen Bock. Es müsste doch möglich sein, einfach nach Nase auf kleinen Landstraßen durchs Hinterland zu fahren und dann irgendwie einen Bogen zu schlagen, der den Tag ausfüllt. Das klappte sehr gut. Durch grüne Felder der Marsch, dann kahle Wälder und in der grellen Sonne blinzelnde Dörfer kamen wir bis nach Kaltenkirchen durch. Dort tranken wir einen Kaffee in einem original amerikanischen Diner. Und weil noch so viel Sonne übrig war, ließen wir uns über die Landstraßen treiben bis fast kurz vor Oldesloe. Noch einen seltsamen Schlenker bis Tremsbüttel, dann ein entspannter Rückweg in die Stadt der Bekloppten.
Samstag, 1. April 2017
Geschenk
Unter der Woche war eine Art Vorsommer angerollt und hatte die Stadt komplett umgekrempelt. Die, die kein Motorrad hatten, liefen willenlos durch den Park, oder betranken sich. Uns ging es gut, denn wir ließen erstmalig die Boliden richtig laufen, endlos, weitschweifend, ruhig. Die B3 SÜD ist dafür eine perfekte Wahl. Lederjacke, leichte Handschuhe, Jethelm, Doc Martens, normale Socken. Auch auf der Langstrecke kein Beißen, keine Frösteln, einfach nur das weiche Luftkissen bei 90 bis 100 Sachen, an das man sich lehnen kann und ferne Dinge denken. Von Soltau aus nahmen wir den mittelgroßen Bogen über die noch geradere und noch leerere B209 durch mutig grünendes Buschwerk bis Amelinghausen, und kamen über Winsen an den Elbdeich. Alles schon mal dagewesen, klar. Aber dieser Tag war ein Geschenk, das man an einem besonderen Ort verstaut, wo es einem keiner jemals wegnehmen kann.
Sonntag, 26. März 2017
Freiheit
Die Spätmärzwochenenden glänzen mit harten Sonnenstrahlen und Temperaturen knapp unterhalb der Komfortzone. Für uns öffnete sich Stück für Stück die Tür zu einem Leben, für das es sich zu leben lohnt. Die Freude führte zu geradezu alberner Anspruchslosigkeit, so dass grundöde Fahrten durch den samstäglichen Speckgürtel ein debiles Vergnügen waren, immer schön eingereiht in der trägen Kolonne der Familienkutschen. Auf den kurzen freien Abschnitten kroch die Kälte noch in die Jacke. Aber am Lüheanleger waren hunderte von unserer Sorte versammelt. Alle wollten draußen sein, on the Road, auch wenn die große Freiheit wahrscheinlich irgendwo anders war, aber das würde sich im Verlauf der Saison noch zurechtrücken.
Samstag, 11. März 2017
Normal
Es gab viel zu tun am Samstag, aber das Problem war der gleißende Sonnenschein und die zweistelligen Temperaturen. Ich priorisierte eine Ausfahrt mit der Bonnie ganz nach oben und wagte mich erstmals aus der Stadt hinaus. Die B4 trottete genügsam in einer Autokolonne entlang, freute mich über belanglose Landstraßen nach Pinneberg und gab einmal richtig Gas auf der Schnellstraße nach Schenefeld. In der Stadt war ich dann wieder extrem cool. Alles normal, aber nach 4 Monaten Entzug weiß man das erst richtig zu schätzen.
Samstag, 4. März 2017
Große weite Welt
Am Ende ging alles ganz schnell, der Februar war vorbei, die Bonnie hatte wieder Saison, und draußen waren 12 Grad. Vor dem Hintergrund war ein San Francisco-Jetlag total zweitrangig. Wir fuhren die Shelltanke an und sprühten den Winter von den Maschinen. Dann fuhren wir mit warmen Socken durch die Stadt wie Könige. Von Ampel zu Ampel genossen wir das Leben. Die Tour durch den Freihafen verkörperte die große, weite Welt, die uns zu Füßen lag. Sie war so groß, das wir uns den Rest aufsparten für einen endlosen Sommer.
Freitag, 24. Februar 2017
Papas Arugadas
Beim zweiten Mal ist alles anders, auch Gran Canaria. Im Sattel einer famosen Honda 500, bei arschkalten 18 Grad, kurvten wir über wolkenhohe Felsen, filmreife Passstraßen, durch riesige Täler, die eigentlich gar nicht auf diese winzige Insel passen können. Immer noch eine Felswand baute sich auf, und der Abstieg zog sich meist bis in den Abend. Im Süden ist immer Sommer, debile Touristenmassen dämmern in künstlichen Wüstenkolonien. Wir aber lebten in der Hauptstadt, dort pfoff der Wind vom Atlantik durch Häuserschluchten, und die Spanier sprachen noch spanisch. Von Norden her bricht sich die Brandung an einer rauen, ungemütlichen Küste. Dahinter zieht sich urwaldartig die Landschaft die Berge hinauf, durch die man einen satten Nachmittag von einer Serpentine zur nächsten schwingt, bis endlich ein Cafeteria in Sicht kommt, mit erlösenden Papas Arugadas. Am Ende waren aus den 18 Grad 20 geworden, die Häuserschluchten zu vertrauten Gassen und der Flug nach Hamburg eine blöde Notwendigkeit, die man am liebsten vermieden hätte.
Mehr Bilder? Hier.
Samstag, 4. Februar 2017
Netto 7°
Einmal kam ein Samstag mit frühlingshaften 7°. Pro forma fragte ich Anja, ob ich die Honda nehmen kann, da die Bonnie ja abgemeldet sei. Ich Wahrheit hatte ich den Schlüssel schon in der Tasche. Es war herrlich, die Kraft des Motors zu spüren, den Sound, die Schwere der Maschine. Für die meisten war es nur träger Verkehr, der sich durch den dunstigen Nachmittag quälte. Doch es war das ganze Glück motorisierter Freiheit. Mit der angesammelten Coolness fuhr ich beim Möbelhaus in Halstenbek vor und verbrachte eine Weile in der Trend & Style Abteilung. Zwei weitere Läden später konnte ich nicht mehr und fuhr wieder los. Wohin war eigentlich egal, vielleicht Bönningstedt. Auf dem Weg lag ein kleines Stück offene Landstraße, auf der ich kurzzeitig über 80 Km/h erreichte. Manchmal glimmte am Horizont die Sonne müde durch die Winterwolken. Sie blieb unerreichbar fern, trotzdem liebte ich sie, und die ganze Welt gleich mit. Am Netto Markt in Hasloh hielt ich an, einfach weil der oft auf dem Weg liegt, wenn man von einer langen Tour zurückkommt und man noch schnell Grillfleisch holt, an einem warmen, summenden Sommerabend, an dem die Dämmerung sich ins Endlose zieht.
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