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Donnerstag, 5. September 2024

Eine gute Woche im Süden

29.8., Hamburg Hbf. Der ICE fuhr an, mit nur 20 Minuten Verspätung. Anja und ich saßen rückwärts auf unreservierten Plätzen, für 2 Stunden. In Göttingen war Sommer und die Stadt trug kurz. Wir beluden die dort stationierte 500X und richteten uns zu zweit auf ihr ein ein. Alles, was nicht ins Schreckliche Topcase passte, musste zurückbleiben. Vor uns lag glühend heiß die B 27 in den Süden. Wir hatten eine Woche Zeit, alle Möglichkeiten und je ein T-Shirt zum Wechseln. Ohne Handschuhe und mit offenem Helm rollten wir in das Landschaftspanorama. Wenn quälende LKW unterwegs waren überholten wir mit Vollgas. In Bad Hersfeld bogen endlich wir ab auf leere Nebenstrecken, auf einer ausgefeilten Route südöstlich über Schlitz Richtung Steinau, auf freier Bahn durch eine idealisierte Mittelgebirgswelt in flirrender Sommerhitze. Im Westen waren Gewitterzellen zu sehen, aber wir erreichten unbeschadet unser erstes Ziel: Ein Hotel in einer nichtssagenden Wohnsiedlung bei Wertheim am Main. Im Gewerbegebiet gab es fußläufig einen Biergarten wie im Urlaub.


30.8. Den ganzen Tag kurvten wir bei brütender Sommersonne durch erstklassige Landschaft, dessen Namen wir nicht kannten (Spessart, Anm. d. Red.). Immer wieder berührten wir Flusstäler, dazwischen lagen einsame Hochebenen mit schmalen Straßen und ohne Verkehr. Schwäbisch Hall sagte uns was, dort gab es ein klimatisiertes Kunstmuseum und Postkartenmotive. Zwischen Hall und unserem Ziel lag ein weiterer unbekannter Wald mit angenehmen Schatten und kringeligen Nebenstraßen, die uns beiden auf der Honda mächtig Spaß machten. Am Spätnachmittag ging der Wald abrupt in ein Einkaufszentrum und eine saubere Wohnsiedlung über. Wulf empfing uns dort und wir bezogen den Kühlraum.


31.8. Auf einer Scrambler 1200 XE führte Wulf uns über Stadtautobahnen zu unserem Aufhänger: Glemseck 101. In kurzen Hosen streiften wir über das Gelände und bewunderten umwerfende Custombikes. An einen Platz auf der Tribüne war nicht zu denken, und die mitgebrachten Wasserflaschen waren längst leer. Am Nachmittag waren wir wieder auf der Straße. Am Neckar gab es Weinberge und Wulf kannte irgendwo oben einen Biergarten mit Aussicht und Gyros. Weil noch Zeit war drehten wir noch eine immer größer werdende, kurvige Runde durch den ungekannten Wald vom Vortag. Er heißt Schwäbischer Wald und ist Wulfs Hausstrecke. Am Abend philosophierten wir lange über den weiteren Verlauf und programmierten das Ergebnis ins Tomtom.


1.9. Das Gremium hatte entschieden, die Alpen zu belassen wo sie waren und stattdessen 250 Kilometer nach Osten zu fahren. Eine gute Entscheidung, denn es ging ganztägig durch abwechslungsreiche Landschaft, meist auf sonnigen Nebenstraßen ohne Autos. Wir durchquerten z.B. den Krater des Nördlinger Ries, was sehr eindrucksvoll war. Östlich schloss sich eine extrem dünn besiedelte hügelige Gegend mit weiten Blicken an. Wir waren schon müde, da öffnete sich vor uns das Altmühltal. Ein Highlight, durch das wir in bester Cruisingmanier in den warmen Abend ritten. Am Ende der Tour lag Kelheim. Es gab Kopfsteinpflaster, Schweinebraten und lokales Bier. Wir stießen an uns beglückwünschten uns gegenseitig.


2.9. Über Nacht war eine ungeplante Gewitterfront gekommen, die nun lokal und zielgenau auf unserer geplanten Route träge dahin zog. Bis Mittag saßen wir im Hotel, warteten, analysierten Wetterdaten und arbeiteten eine raffinierte Strategie aus. Wir würden nach Süden aus der Wolke herausfahren und diese östlich außerhalb nach Norden umfahren. Das klappe tatsächlich, abgesehen von einer Regenschleppe, die wir mit Vollgas auf der Autobahn durchstießen. In Straubing schien die Sonne wie eh und je. Wir bewunderten die lebendige Stadt und aßen Fischbrötchen. Danach ging es wieder auf kleinen und kleinsten Straßen durch den Bayrischen Wald nach Norden. In manchem Dorf musste ich ungläubig nachfragen, aber Tomtom meinte es ernst, schickte uns zwischen Scheune uns Dorfteich in die absurd-kuppige, unübersichtliche Feldmark, oder sogar auf Gravelpisten durch den Wald. Auf diese Weise erreichten wir erschöpft und reichlich weltfremd Weiden in der Oberpfalz. Dort kannten wir uns aus. Es liegt in Bayern, ist aber wie Italien.


3.9. Wir verabschiedeten Wulf in Leder und starteten die Maschine. Was Wulf nicht wusste: Kurzfristig hatten wir uns geeinigt, Thüringen diesseits des Antifaschistischen Schutzwalls zu umfahren, auch wenn es noch so schön und wettergünstig auf dem Weg lag. Der Würgreiz verschwand sofort und wir wühlten wir uns durchs Hinterland bis Bayreuth. Einmal auf dem grünen Hügel stehen, das war was für Insta. Den Rest des Tages verbrachten wir wieder auf Fränkischen Nebenstrecken jeglicher Art. Bei durchgehend 30° freuten uns über jeden kühlen Wald oder einen Dorfladen mit Kaffeemaschine. Ungezählte einsame, sanftwellige Kilometer später kam majestätisch die Röhn ins Bild. Ein echtes Gebirge mit Flugplatz obendrauf. Dahinter lag Fulda, das kannten wir schon. Dort checkten wir ein und fanden Schweinebraten in historischer Kulisse. Unter uns, jetzt, wo wir den Vergleich hatten: Na ja. Mit Bangen verfolgten wir die ganze Nacht das Wetterradar.


4.9. Wir hatten den Wecker auf 6 Uhr gestellt, um vor dem Eintreffen der Regenfront nach Norden zu fliehen. Total unnötig. Erst gab es noch äußerst fotogenen Frühnebel, dann wieder nichts als Sommerhitze und Neben-Nebenstrecken im Werra Grenzgebiet. Weit hatten wir es nicht, also nahmen wir jedes Bergsträßchen mit, wobei wir einmal sogar ein Stück Thüringen streiften (der Grenzverlauf ist hier unübersichtlich). Wir kamen über Duderstadt nach Hörden, packten unsere Sachen aus und fielen in einen tiefen Nachmittagsschlaf.


5.9. Letzter Tag, im Harz. Wir fassten Mut und überfuhren die Grenze. Denn drüben in Weißenborn stand eine Royal Enfield Guerrilla, die Anja testen wollte. Nicht schlecht. Zurück auf der Honda leitete Tomtom uns auf gröbsten Eselspfaden durch den Wald. An manchen Schotterkehren musste ich Anja absetzen. Lauterbach erschien wie die erlösende Rückkehr in die Zivilisation. Mit euphorischen Vollgas trieb ich die 500X sie Steigungen hinauf auf den Hochharz. Auf der anderen Seite lag Bad Harzburg. Es gab dort Eiskaffee und Ferienhäuser in Beton. Noch einmal ging wie selbstverständlich über die verkehrsfreien Panoramastraßen, Tomtom war im 'Schnelle Route' Mode auf den Wegpunkt 'Garage Göttingen' programmiert. Die Sonne stand schon tief, als der ICE einrollte. Die Klimaanlage funktionierte. Pünktlich ging eine gute Woche entspannte Action zu Ende.




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