Ich hatte keine Zigaretten mehr. Mir fiel kein anderer Laden ein, als die Tanke in der Stader Straße in Harburg. Zum Glück war erst der Abend des 31. Oktobers, so dass ich die Iron schnell nochmal benutzen durfte. In unerreicht lauer Herbstnacht rauschte ich einsam durch gespenstische Industriegebiete, dann im Höhenflug auf der Köhlbrandbrücke über glühenden Nebel hinweg. In Harburg traf ich sogar einen Gleichgesinnten. Ich kaufte eine Schachtel West und genoss in einem schier nicht endenen Gleiten auf der Schnellstraße, allein mit dem Lichtschein auf fahlem Asphalt, den gleichmäßigen Strom des Fahrtwinds bis zum letzten Meter des Jahres.
20 Jahre !!!
Montag, 31. Oktober 2011
Sonntag, 30. Oktober 2011
Ockertöne
Von Südwesten war eine Portion feuchtwamer Luft gekommen, so dass der Sonntag noch milder war. Jedenfalls ein guter Tag, für die Vanvans. Interessanterweise fuhren wir anfangs genau meine Strecke von gestern. Sogar der Kaffee in Mölln war wieder dabei. Das Fernziel Ostsee war zu fern. Aber kleinteilig durchs Lauenburgische zu fahren, konnte nicht verkehrt sein. Der Herbst in den Wäldern war spektakulär. Die Vanvans suchten sich praktisch von selbst ein verwegenes, unentdecktes Landsträßchen durch die Feldmark, zu Orten, die still waren und von denen der Blick ruhte auf ölgemäldeartiger Landschaft aller Ockertöne unter dramatischem Himmel. Hinter Zarrentin, auf dem Weg nach Gudow, besuchten wir mitten im Nichts eine Kunstgalerie, was Anja kaum glauben konnte. Weiter ging es, aber nicht nach Büchen, sondern über einen völlig vergessenen, durch die Weite des Zonenrandes führenden Weg über Langenlehsten und Leisterförde, bis nach Schwanheide. Wir genossen die Langsamkeit und sogen die einmaligen Bilder des einsamen, allmählich absterbenden Herbstnachmittags in uns auf. Die Fahrt war unheimlich atmosphärisch, mit ersten Anzeichen spätherbstlich-düsterer Rauhheit.
Letzte Runde
Der Motor brummte, Gedanken flossen, Blätter fielen. Ich trieb allein durchs Lauenburgische. Auf dem Land hing klammer Herbstnebel. In Mölln saß ich beim Kaffee inmitten samstaglicher Hausfrauen und konsultierte das Internet, welches keine belastbaren Daten hervorbrachte. Instinktiv lies ich mich Richtung Süden abfallen. Durch gelbe Blättertunnel ging es über Seedorf, Zarrentin nach Boizenburg, wo ich kurzerhand auf die B 195 abbog. Tatsächlich strahlte die Sonne fotogen durch die Nebelfelder. Schleierhaft zogen die Elbauen vorbei, Wälder in allen Farbtönen leuchtend, und Dörfer, die sich zurückzogen und auf den Winter warteten. In Dömitz tankte ich die Maschine voll, aß eine Frikadelle mit Kartoffelsalat und machte mir Gedanken über den weiteren Verlauf. Von Dannenberg aus verläuft die B 248 als erstklassiger Highway nach Lüneburg. Ich ließ die Iron mit 90 Sachen genüsslich durch den Herbstnachmittag gleiten, ohne auch nur einmal runterzuschalten. Man wünschte sich, es wäre ein langer warmer Juniabend. Träum weiter. Durchgefroren trank ich noch einen Cappuccino am Zollenspieker, aber dann kam die Dämmerung, die Heimfahrt, und dann die Tiefgarage, die die Iron nun für sechs Monate nicht verlassen wird.
Samstag, 22. Oktober 2011
Einfach Neukoppel und zurück.
Es kam wieder ein Oktoberwochenende, gleißend und eiskalt. Anja wollte 'mal wieder die BMW fahren', dabei war uns beiden klar, dass es ihr nur um die Heizgriffe ging. Immerhin, solidarisch genug, trug sie einen Jethelm. Ich fuhr die Iron, und unsere Route war schnörkellos. Einmal Neukoppel und zurück. Abgesehen von einem Halt beim coolen Stadtcafé in Reinfeld, wo wir mit roten Nasen einen Koffer mit Kuchen beluden, den wir den Neukopplern zum Kaffee auftischten, fuhren wir einfach. Einfach nur, um ab und zu gaszugeben, herrlich, manchmal aber auch einen trödelnden Benz als Alibi billigend, den eisigen Fahrtwind ein Stück runtertzregeln. Denn die Sonne, so grell sie blendete, war unerreichbar fern.
Sonntag, 9. Oktober 2011
Wald und Wiese 2.0
War das wirklich erst letzte Woche, als wir ohne Handschuhe fuhren und auf Sonnenwiesen lagen? Heute war fein raus, wer Boxer, Griffheizung und Fleeceunterhosen hatte. So wie Marcus z.B., mit dem wir unterwegs waren. Anja verhielt sich loyal, nahm nicht die BMW sondern gesellte sich mit ihrer Vanvan zu mir. Bereits in Höhe des Zollenspiekers verlangte ich eine Pause und Kaffee. Für viele hundert Biker endete dort die Tour, wir gaben nicht auf und steuerten auf Boizenburg zu, bogen vorher links ab und turnten über die Dörfer im Grenzstreifen, die ich kürzlich entdeckt hatte. Diesmal nahmen wir die Sandwege an den Feldrändern nicht nur wahr, sondern fuhren bis an die Grenze der legalen Welt. Es ging durch Dick und Dünn an einer Kiesgrube vorbei, in der wir uns nicht zu wühlen trauten, weil dort ca. 1,5 Mio. Enten waren und ihre Reise abstimmten. Als wir wieder in der Zivilisation rauskamen, war es zu spät für die erträumte Wurst am Schaalsee. Stattdesen ging es abermals auf Betonplatten durchs Gebüsch über Basedow, am Kanal entlang bis Lauenburg. Die Kälte war unnachgiebig und das Licht war fahl wie ein Wintertag. Entsprechend dankbar waren wir über einen gemütlichen Teller grüne Heringe mit Elbblick und Heizung. Marcus trödelte geduldig hinter den Vanvans her. Auch, als am Stadtrand zur Dämmerung noch ein eiskalter Niesel hinzukam. Wir trennten uns Ecke Altonaer Str., wie früher, als sich noch niemand über kalte Finger beschwert hat.
Mittwoch, 5. Oktober 2011
Harz 11
Freitag, 30.09.2011
Die Wettervorhersage war so, dass man sich fragte, wo der Haken
ist. Von Bergedorf aus, wo Anja mich aufsammelte, waren die wir auf
dem Weg nach Süden. Lüneburg war schnell erreicht, aber was war
bloß aus der B 4 geworden? Quälend kämpfte sich eine endlose
LKW-Kolonne durch den heißesten Oktoberstart aller Zeiten. Wir
genossen die wenigen freien Abschnitte, auf denen die Vanvans mit 80
Kilometern schnurgerade durch den ansetzenden Herbstwald brummten.
Die Pullover waren längst auf den Gepäckträger gewandert, die
Handschuhe ausgezogen, als wir im brütenden Stau der Bürgerkäfige
auf Braunschweigs Stadtautobahnen den Schleichweg nach Salzgitter-Bad
suchten. Am Horizont bauten sich endlich gestochen scharf im schrägen
Licht die Harzberge auf. Mit jedem Salzgitter, von denen wir viele
durchfuhren, kamen sie näher. Wir tankten zwischen biertrinkenden
alten Männern in karierten Hemden, kauften letzten Proviant im
trashigen Netto-Markt und schwangen uns hinein in die tiefen Täler,
in denen es kühl und feucht war. Anja wollte genüsslich in einer
geschmeidigen Kurve Gas anlegen, musste aber feststellen, dass sie
bereits Vollgas fuhr. An den Steigungen schalteten wir runter.
Einmal, zweimal. Die Vanvans, so konstatierten wir, geben den Bergen
die Würde zurück. Gegen 18 Uhr, die Dämmerung setzte ein,
erreichten wir Bad Grund (im Folgenden Bad Ground genannt). Ein
pittoreskes Fachwerkstädtchen im tiefen Tal, mit lediglich dem Hotel
am Marktplatz als architektonischen Klogriff. Wir zogen im zweiten
Stock dort ein. Der Abend war warm wir ein Sommer. Die Gastronomie
war von dem Feiertagswochenende aber vollkommen überrumpelt worden,
so dass uns im ersten Laden anderthalb bis zwei Stunden Wartezeit
angedroht wurden, im zweiten der Koch mehrere Anläufe brauchte und
das Beste letztlich der Absacker auf unserem Balkon wurde.
Samstag, 01.10.2011
Um den in den dunklen Tälern im Gegenlicht leuchtenden Frühnebel
eindrucksvoll dokumentieren zu können, mussten wir auf Anjas
ausdrücklichen Wunsch unbedingt schon vor dem Frühstück ausrücken.
Die Täler waren schneidend kalt, die Kuppen angenehm warm. Vom Nebel
fehlte jede Spur, aber das Licht war extrem. Den ganzen Tag
verbrachten wir im Sattel, quälten die 125er scheinbar endlose
Steigungen der Hauptstrecken hinauf, posierten stolz am Torfhaus,
genossen die kleinen verwinkelten Verbindungssträßchen und
schüttelten schier fassungslos den Kopf über die Massen
weißhaariger Wandergruppen, die in bunter Funktionskleidung durch
die Wälder irrten. Weiter im Osten, jede Einmündung im Augenwinkel
scannend fanden wir hier und da einen Feldweg ohne das böse
Verbotsschild. Auf einer entlegenen Wiese lagen wir im Schatten eines
gelben Baumes, zwischen uns die Thermoskanne und am Horizont,
gestochen scharf, das Brockenmassiv. Abgesehen davon gab es nur einen
makellos blauen Himmel, manchmal ein laues Lüftchen und Zeit, die
traumhaft langsam verging. Dann kurvten wir weiter, bergauf und
bergab, durch das Bodetal, tief unten die Lichtspiele des späten
Nachmittages im bunten Blätterdach bewundernd. Über Rübeland und
Elbingerode, schließlich die Hauptstraße über Braunlage und
Clausthal, Richtung Bad Ground rauschend, kam der Abend. Fast wären
wir vorbeigerauscht an der Magdeburger Hütte. Der Ausblick im
Abendlicht war so überwältigend, dass wir ihn mitnahmen. Er half
uns später darüber hinweg, dass es wieder nichts zu essen gab,
außer beim Griechen und das auch nur widerwillig.
Sonntag, 02.10.2011
Das Schönste war, dass es noch ein ganzer Sonntag vorlag. So
konnten wir auch mal die unbekannteren Gebiete durchkreuzen, den
Südrand zum Beispiel. Über Andreasberg glitten wir hinab und kamen
an der Odertalsperre zum Stehen. Das Wasser lag regungslos vor uns,
herbstbunt spiegelte sich der Harz darin. In Bad Lauterberg ist
besonders das Hotelhochhaus sehenswert, dass das Städtchen überragt
und, das Thema der Staumauer architektonisch aufgreifend, das Tal
absperrt. In Bad Sachsa gibt es gut versteckt einen Abzweig, kurvig
und steil durch den Wald hinauf auf einen Berg, auf dem ein Funkturm
steht und ein piefiges Wandererlokal. Unten im Ort, im Venezia, war
es dagegen vergleichsweise cool, vorzufahren und Cappuccino zu
bestellen. Über unsere bevorzugten Routen, vergessen und möglichst
winkelig, arbeiteten wir uns abseits der inzwischen voll belegten
Rennpisten vor. Wieder lockte uns ein Feldweg (diesmal mit Schild)
auf eine Wiese wie ein Paradies. Ein gelber Baum, darunter wir,
darüber die Sonne, ein laues Lüftchen. Gegenüber dampfte die
Selketalbahn vorbei. Erst als der Kaffee alle war, starten wir die
Motoren. Schön wäre eine Soljanka gewesen, im Cafégarten in
Alexisbad z.B.. Das freundliche "Soljanka erst ab Sechs!"
überraschte uns nicht mehr. Unser heutiges Ziel war Wenigerode, und
die gastronomischen Erwartungen lasteten nunmehr schwer auf der
Großstadt. Im Sturzflug schossen wir die B 244 hinab und rollten in
die Fachwerkmetropole ein. Das Hotel war ostig, aber man durfte
rauchen. Der Abend war warm, die Mittelalterkulisse perfekt, alle
Restaurants hatten die Tische draußen. Schade eigentlich, dass
wiederum 'keine Bestellungen mehr' angenommen werden durften. Unser
Abend klang aus in einem Hinterhoflokal, die hatten noch Schnitzel
da. Und wenn wir nicht unnötigerweise noch durch den Ort
geschlendert wären, hätten wir sogar noch irgendwo einen Absacker
bekommen. Nun war es jedoch 22 Uhr und jeder Zug abgefahren.
Montag, 03.10.2011
Wieder mussten wir ganz früh raus,
denn auf einem Schild hatten wir gelesen, dass ein sogen.
Traditionszug um 8 Uhr 59 in Richtung Brocken starten würde. Nicht,
dass wir mitfahren wollten, stattdessen hatte Anja sich in den Kopf
gesetzt, ihn effektvoll im Morgendunst der Berge zu fotografieren.
Oben, bei einer attraktiven Kurve bei Drei Annen, warten wir auf
Baumstümpfen sitzend in einer Waldlichtung. Durch die morgendliche
Stille hallte schließlich das ächzende Stampfen der Dampflok.
Leider war es nur der normale Regelzug mit der normalen 1'E'1.
Zweifellos imposant, aber der echte Sonderzug mit der uralten Mallet
kam planmäßig 2 Stunden später. Zumindest konnten wir dessen
Abfahrt in Wernigerode noch bewundern. Es war Mittag, und die Sonne
brannte wie eh und je, als wir uns auf sorgfältig ausgesuchten
Landstraßen all dem den Rücken kehrten. Von den auf den Vanvans
erstmalig spürbaren vorgelagerten kleineren Höhenzügen blickten
wir ein letztes Mal zurück auf das nach wie vor kristallklare
Brockenmassiv. Durch weitläufig im Land verteilte unbekannte Dörfer, zwischen denen wir Schöne aus Boskoop vom Straßenrand
pflückten, versuchten wir unseren Weg möglichst elegant hindurch zwischen dem
Moloch Braunschweig und der Tristesse Wolfsburgs zu bahnen. Trotzdem
standen wir irgendwann ratlos an irgendeiner Kreuzung, um uns herum
gab es nur noch traurige Neubausiedlungen und Umgehungsstraßen für
die Ingenieursfamilien der Deutschen Mittelklasse. Wer war wohl schon
Mal in Königslutter? Wir waren da, ohne zu wissen,dass es überhaupt
existiert. Es gibt einendem reinrassig klotzromanischem Kaiserdom,
vor dem man den Hut ziehen muss. Stück für Stück, Dorf um Dorf
krochen wir auf den gelben Straßen voran. Letztlich wurde es eine
museale Kopfsteinpiste durch einen endlosen Märchenwald. Wir waren
erleichtert, als endlich Lüneburg ausgeschildert war, zogen das
Konzept aber durch und verirrten uns auf dem Weg nach Winsen abermals
im Wald. Bis in den Hamburger Hafen hinein, inzwischen mit summenden
Köpfen, nahmen wir immer die kleinste, langsamste oder
unwegsamste Verbindung. In der Retrospektive kam wieder die Frage
nach dem Haken auf. Er war nicht aufzufinden.
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