20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Sonntag, 27. Juni 2021

Hinterm Horizont

Autobahn A 25 nach Geesthacht. Ein angenehmer, geradlinig-frischer Luftstrom blies Reste einer zu langen Nacht aus dem Gehirn. Im Rückspiegel der Bolt Yamaha waren Anja und Marcus zu sehen, alles andere war hinterm Horizont längst verschwunden. Vor uns lag ein warmer Tag auf der B195. Wir kennen die Straße, aber jedes Mal ist man erneut baff, wie allein und abgenabelt man durch die Weiten der Elbauen schwingt. Mit wenig Worten und ohne Halt erreichten wir im Café in Dömitz den erlösendem Cappuccino. Im Süden waren Gewitterzellen, das war bekannt. Daher machten wir nicht die klassische Runde übers Südufer, sondern nahmen einfach die selbe Strecke zurück. Marcus setzte sich bei Lauenburg mit seiner G/S ab, Anja und ich fuhren zu der geheimen Stelle am Deich bei Barförde und legten uns ein Stündchen in die schmelzende Sonne. Selbst dann war noch reichlich Tag übrig. Im Norden gab es die herrliche Grenzstraße von Büchen nach Zarrentin, und dort einen See, und ein Lüftchen, und einen gebratenen Fisch aus Frankfurt. Auch diesen Weg fuhren wir genau so wieder zurück, allein auf weiter Flur, durchs warme Abendlicht. Alles floss schöngefiltert und weich in die Sonne. Das setzte sich auf der Deichstraße fort, bis hinein in die Stadt, die heiß und ausgelaugt war wie wir.




Sonntag, 20. Juni 2021

Testen! Testen! Testen!

Dieses Wochenende stand unverhofft eine Honda Rebel 500 zur Verfügung. Anja entwickelte ein Testprogramm, das zu durchlaufen war. Testfall 1: Coolness. Wir verwendete meine mit-Sonnenbrille--zum-Sunset-am-Köhlbrand Route vom Vorabend wieder. Auch wenn Anja noch fremdelte, das Bild der Rebel zusammen mit der Bolt Yamaha im Restlicht der heißen Stadt war umwerfend.

Die folgenden Tests fanden am helllichten Tage statt: Testfall 2: Highway-cruisen. Ich fand uns richtig gut, aber für Anja ging die B4 genauso langweilig und gerade nach Norden wie immer. Hinter Bad Bramstedt kamen kleinere Landstraßen zwischen den nüchtern-grauen Dörfern des Westens. Den Rand der kühleren Luftmasse streifend, waren die dortigen Testbedingungen erträglicher. Testfall: Hin-und-her fahren-und-in-Rendsburg-den-richtigen-Weg-zur-Fähre-finden. Die Testerin bemängelte inzwischen nichts mehr, alles schien gut zu laufen. Man konnte sich auf eine auswendig gelernte Route nach Südwestschleswig-Holstein konzentrieren, die uns schließlich zum nächsten Test brachte, nämlich Kringelstraßen-am-Deich-der-Stör-entlang-kurven, was lt. Zwischenbericht überragend funktionierte. Auf diese Weise kamen wir zum durch-Baustellen-holpern-Test nach Glückstadt, gefolgt von vor-Publikum-vorfahren-und-Burger-bestellen. Der Test war sofort bestanden. Auf dem Heimweg zwischen Uetersen und Wedel musste ich an die ganz alte Zeit denken. Ich fuhr im vorigen Jahrhundert einen Yamaha Cruiser und hatte eine Freundin mit Rebel, beides 250er.

Nächster Tag, mehr Tests: Geduldig-im-Stadtverkehr-bis-Norderstedt-bummeln, das ging schon mal easy. Testfall 2: Zügig-schwingende-Bundesstraße-durch-bekanntes-Gebiet, kombiniert mit vorfahren-auf-dem-Anwesen-in-Strukdorf. Gute Punktzahl. Zwischenergebnisse wurden dort mit dem anwesenden Fachpersonal im Detail ausgetauscht. Nächster Testblock: Mit-135-Sachen-über-die-Autobahn-prügeln. Anja (inzwischen im Influencerin-Stil) schwärmend über die endlosen Kraftreserven der Maschine. Nun kam der k.o.-Test: auf-engen-Holperstraßen-durch-McPom-bügeln. Die Überraschung war groß. Wer diesen Test, mit dieser Testerin besteht, kann alles. Vielleicht trug auch dazu bei, dass wir zum ersten mal nach Jahren in Mecklenburg waren, und ganz vergessen hatten, wir romantisch, sommerwild und knorrig das Hinterland ist. Das Kilometerkontingent gab nur noch eine schnöde Verbindung über Mölln zum Abgabepunkt in Bergedorf her, was den abschließenden Ausdauertest bei-70km/h-in-langweiliger-Autokolonne-viele-Kilometer-mitgurken ergab. Ja, der Hintern tat weh, aber das war by Design. Immerhin: Das waren 2 Tage á 300 Kilometer, die dringend benötigte Entscheidungsräume freigaben.



Donnerstag, 17. Juni 2021

Der warme Wind

Der Abend: 30 Grad, Licht bis in die Nacht. Ich: Cruiser, Sonnenbrille, Hoodie. Alles sah so unfassbar cool aus, dass ich mich fragte wo das Filmteam ist. Die Hafenanlagen im Sunset, der warme Wind auf der Haut, der Moment, der nie aufhören darf. Nur wenige Dinge konnten mich einfangen. Hier waren es die leuchtende Benzinanzeige und die Aussicht auf Grillwurst.



Montag, 14. Juni 2021

Fahrfreude

Wir gingen es ganz entspannt an. Warten, bis das Regenband durch war, dann ab auf die B3, durch einen windig-wechselwolkigen Nachmittag. Das folgende Stück zwischen Celle und Hörden war offenbar dasselbe wie beim letzten Mal, aber wir erkannten kaum etwas wieder, außer dem Fotogen in der Landschaft stehenden Kraftwerk von Mehrum. Hinter Holle kamen einige sehr gut zu fahrende kurvige Waldabschnitte, alles ging recht fluffig, und wir erreichten den Harz über Lauthenthal und die herrliche Rennstrecke Wildemann-Clausthal.

Den Sonntag verbrachten wir in einem unentdeckten Gebiet im Westen. In der Morgenfrische ging es durch eine heile Epoche 3-Welt im Grenzland bis Göttingen, dessen ausgedehnte Villengebiete wir ungewollt kennenlernten. Südwestlich der Stadt begann eine ausgeklügelte Route durch die Wälder und kuppige Mittelgebirge zwischen Witzenhausen, Nieste und Lichtenau. Es ist eine traumhaft zu befahrene Gegend, die der Dosenfahrer höchstens als "Kasseler Berge" kennt, andere aus dem Inneren eines ICE-Tunnels. Die Straßen, das wuchernde Grün und die Sonne hatten wir weitgehend für uns und unsere 400er allein. Über den Hohen Meißner kamen wir ins Werratal, und von dort auf die andere Seite. Im Bergland unmittelbar hinter der Grenze gib es sagenhafte Nebenstrecken zwischen versteckt liegenden Dörfern. Am Ende einer sich endlos windenden Landstraße lieg ein Grenzmuseum mit allerlei Kalter-Krieg Schrott, das wir besichtigten. Für die Rückfahrt genossen wir die erholsamen großen Schwünge freier Bundesstraßen. Wir landeten punktgenau beim Serra-Döner in Clausthal. Der urbane Hauch tat gut. 


Montag wurde es heiß. Wir hatten eine Heimreise programmiert, die eine leicht östlichen Bogen nahm und viel Luft ließ. Zunächst ging es in unschlagbarer Morgenluft noch einmal komplett durch den Harz, schwingend und frei. Von Wernigerode aus führten die Straßen über weites, leeres Land nach Norden. Zwischen Schöppenstedt und Königslutter kam nochmal eine nette Bergkette. Gerade als ich die Himalayan mit Schmackes die Steigung hochstampfen ließ, brach die Leistung ab und die Maschine blieb mit einem unschönem Geräusch an einem Waldweg stehen. Es folgten Telefonate und eine Fahrt im Abschleppwagen nach Braunschweig, der vorläufigen Endstation der Himalayan.


Anjas Mash brachte uns beide, sowie das Wichtigste an Gepäck, tapfer und ausdauernd auf sensationellen, schier endlosen, grünflirrenden Geraden durch einen heißen Sommernachmittag nach Hause. Überraschenderweise überwog bis zur zugegebenermaßen etwas schmerzhaften, aber zufriedenen Ankunft in Hamburg die Fahrfreude. Die schlägt alles.




Mittwoch, 9. Juni 2021

Inszenierung

An langen Juniabenden und 25 Grad ist Feierabendrunde mit dem Cruiser die einzig wahre Lebensqualität. Ich sah die Sportster meiner Optikerin vorm Haus stehen. Kurz darauf waren wir auf der Straße. Ich folgte ihr auf der Bolt Yamaha 950 durch die Stadt nach Niendorf, von dort ging es auf die B4. Nach einem Bacon-Burger improvisierte ich eine unkomplizierte, im späten Sunset fantastisch inszenierte, fließende Runde über Quickborn, Pinneberg, Schenefeld. Auf den schnellen Etappen zog es kühl durch die Jacke, in der Stadt glühte der Asphalt noch nach, Neonlicht brannte in der Dämmerung - eine perfekte Kulisse. Zum Abschied kurzer Wink an der Kreuzung, gerne wieder.



Samstag, 5. Juni 2021

Familienangelegenheit

Auf eine Art war es gut, wieder hier zu sein. Denn erstens schien die Sonne im Norden einfach weiter, zweitens spürte ich schweres Verlangen zu cruisen. Mit Jeans und Lederjacke startete ich die Bolt Yamaha 950. Für Anja bleib nur die Mash, aber das wollte sie ja so. Wir fuhren recht geradlinig nach Strukdorf, wo wir Horst mit seiner NC einsammelten und ihm eine Route durch Ostholstein ins Navi hackten. So führte er uns fremdgesteuert über herrliche, bekannte und unbekannte Wege westlich um den Plöner See herum, mit gut informierten Zwischenhalten an bedeutenden Adelssitzen. Wir kamen hoch in den Norden bis zum Gut Panker und es ging zurück über rauschende Alleen, kleinstteilige Verbindungswege (Schotter!), lästige Baustellenumleitungen und sogar ein Stück Autobahnstau. Alle trafen sich erschöpft zur Retrospektive sich in Zarpen, wo die ganze Familie versammelt war. Anja und ich fuhren in der Dämmerung eines unschlagbaren Juniabends nach Hause.



Freitag, 4. Juni 2021

Die neue Situation

Die neue Situation überrumpelte uns. Insgesamt etwas hilflos, bekamen wir eine Sache aber instinktiv auf die Reihe: Urlaub nehmen und ASAPst in unser Domizil am Südharz aufbrechen. Der Zeitplan war großzügig angelegt, wir konnten entspannt durch den anfangs noch sonnig-frischen Sonntag in die Ferien gleiten. Zunächst auf der B3, dann auf einer speziellen, Tomtom-berechneten Nebenstrecke zwischen den Molochen Hildesheim und Salzgitter hindurch. Wir wurden katapultiert in eine 500 Jahre alte, surreal-romantische Sommerszenerie, wo man unter flirrend-summenden Bäumen sitzt und per Hollandrad ins Dorf fährt, oder, wie gleich am ersten Abend, auf bilderbuchartigen Straßen durch die  unbekannten Hügel nach Duderstadt, wo es die erste Pizza seit letztem Jahr gab.

In den folgenden Tagen erkundeten wir großräumig die Gegend. Am Harzsüdrand entlang im Osten erwarteten wir viel, bekamen aber die üblichen nüchternen Ostdörfer in grauem Lockdown, und alte und neue Industrie. Die Rückfahrt von Kelbra über Stolberg und die Harzhöhenstraße war hingegen Weltklasse, mit null Verkehr und Sommerwärme bis zum Schluss. 

Das Gebiet im Süden ist das eigentliche Highlight. Es heißt Eichsfeld, und auf dem Weg in Richtung Eisenach hatten wir eine wirklich traumhafte Route über Nebenstraßen, die vorbei an aller Zivilisation durch das Hügelland führte, mal dies-, meist jenseits des Eisernen Vorhangs. Es ging noch ein Stück die Werra entlang durch den Wald, dann standen wir schwitzend in Mühlhausen, hakten die dortige Kathedrale ab, freuten uns aber insgeheim schon auf die noch einsamere Rückfahrt mit kuppigen Ausblicken im Abendlicht, und endlich den Sundowner unter der Kastanie auf unserem Anwesen.

Dann wollten wir Kultur sehen, einfach weil von hier aus alles möglich war: So konnte ich das Salzgitter Stahlwerk als Industriekultur verargumentieren. Leider haben sie es gut versteckt, und das Drumherum ist - wohlwollend - ernüchternd. Im Gegenzug gab es Hildesheim: Eine total unterschätze Perle der Nachkriegsmoderne. Es gibt außerdem auch zwei Kirchen. Die eine ist uralt und sehenswert, der Dom leider baulich missraten. Es waren die offenen Läden, Cafés, die massiven Lockerungen, die uns mehr umhauten als alles andere.

Ganztägig durch den sommerheißen Harz zu touren ist und bleibt top, zumal wenn man Zeit hat auch unbekannte Kleinstverbindungen auszuprobieren, dann mal wieder auf einer kurvigen Hauptstraße zu schwingen, sowie überlang am Okersee zu chillen. Gegen Abend war noch so viel Licht und Wärme übrig, dass wir noch einen genussvoll fließenden Umweg zu einem Berg namens Sonnenstein draufsetzten. Von oben konnte man die ganze Welt sehen, sie sah  gut aus wie schon lange nicht mehr.

Wir wären für immer hier geblieben, aber auf dem Wetterradar schoben sich Gewitterfronten ins Bild. Am Freitag schnallten wir leichtes Gepäck auf die Maschinen (vieles ließen wir einfach da) und glitten durch den Tag nach Norden, wieder durch den Hildesheim-Peine Korridor, über Celle auf den Highway 3. Hamburg lag kollabiert, unter einer glühenden Masse aus Autos. Wir hatten ganz vergessen, dass die Menschen das mögen.