Das neue Konzept kam Himmelfahrt erstmalig zum Einsatz. Wir fuhren mit der Regionalbahn nach Göttingen zur Garage, was keine Viertelstunde dauerte. Dort machten wir die beiden Hondas startklar, und fuhren Richtung Hörden, um einen Karton mit Sachen ins Topcase umzuladen und zurück nach Northeim zu cruisen. Das ging alles mit einer neuartigen Leichtigkeit vonstatten, und niemand schaute auf die Uhr oder die Kilometer, denn alle Ziele waren in Sichtweite. Abends gingen wir ins Kino und tranken Rotwein unter Einheimischen.
Nächster Tag. Es war schon Nachmittag als wir auf Tour gingen. Die Sonne brannte auf den lachhaften Feierabendverkehr der B3. In Göttingen gibt es einen Louis und ich kaufte Sommerhandschuhe. Und dann dauerte es keine 10 Minuten und wir fanden uns auf einsamen, verschlungenen Nebenstrecken in den umgebenden Wäldern wieder. Das Tomtom stand auf 'kurvige Route' und wir folgten ihm willenlos durch das Grenzgebirge zu Thüringen. In Allendorf kamen wir wieder in zivilisiertes Gebiet. Es gab Schatten und Falafel, und etwas Ruhe, einen würdigen RÜckweg zu programmieren. Das war nicht schwer: Auf den Meißner, dann kreuz und quer über Witzenhausen westlich an Göttingen vorbei nach Norden. Schwingende Kurvenstraßen durchs Hügelland im Abendlicht reihten sich aneinander bis Moringen. In einem Wald erschnüffelten und pflückten wir noch einen Strauß Bärlauch, und dann war plötzlich schon der Rand von Northeim erreicht. Wir brauchten nur noch vorm Haus parken, eine Flasche Wein öffnen und staunen, was alles möglich ist in diesem Konzept.
Einen beträchtlichen Teil des Samstag verbrachten wir im City Center Northeim. Es gibt dort alles, auch was man sonst immer bestellen muss. Der Tag war heiß und die Luft farblos und zähflüssig. Frische und Klarheit versprachen wir uns von einer Bergtour ganz oben auf der Höhenstraße im Harz. Die erreichten wir in einer knappen Stunde, und in der Tat konnte man hier tief durchatmen. Leider taten das auch ca. hunderttausend andere Biker, die meisten ohne Schalldämpfer. Peinlich. Unterwegs fiel Anja das Kloster in Walkenried wieder ein, das ganz unten am Rand liegt. Dort war es kühl, ruhig und interessant. Als Bonus gab es On-Demand-Grillwurst. Auf dem Radar rückte eine Westfront an. Wir rechneten und nahmen freiwillig die B241 Schnellstraße am Südharz, die wahrscheinlich schönste Autobahn der Republik. Wir glitten sie ohne jeden Verkehr eine halbe Stunde entlang und hofften, vor der bereits sichtbaren grauen Suppe in Northeim zu sein. Das klappte. Die Front kam wenig später, löste sich aber überm Balkon in ein großes Nichts auf. Nur noch wir waren da, umgeben von sanftkuppigem Mittelgebirge und tausend neuen Möglichkeiten.


