Madeira.
Man
akklimatisiert sich überraschend schnell. Wir bummelten erst einmal
durch die Gassen Funchals, die hübsch sind wie ein Reiseführer, und
erreichten schwitzend das herrlich Portugiesisch-hässliche
Einkaufszentrum, in dem sich die Motorradvermietung befand. Kurz darauf
saßen wir im Sattel einer gut durchgeholten Honda CBF 500, das ist
praktisch der Toyota Corolla unter den Motorrädern. Es ging an diesem
Tag nur kreuz und quer durch die Stadt, bis wir deren Anatomie
verstanden und den Supermarkt gefunden hatten. Den Rest erledigten wir
zu Fuß, bis wir bei Rotwein für 1 Euro bei der Snackbar an der Ecke
strandeten.
Freitag
Die
Stadt zieht sich bis oben den Berg hinauf, dann kamen Kurven im Wald
und es wurde kühl. Kaum über die Kante, pfoff uns der eisige Nordwind ins
Gesicht. Die Wolken fühlten sich von
innen an wie amorpher Nieselregen. Mit kalten Fingern kurvte ich
tausend nasse Serpentinen hinunter auf die Luvseite der Insel. Im
Reiseführer standen allerlei Spezialitäten. Aber wir saßen noch leicht fröstelnd unter Einheimischen, während unter grauen Wolken ein
Kinderkarnevalszug durch die Dorfstraßen lärmte. Auf dem Ostzipfel der
Insel gibt es eine spektakuläre Straße, die mir schon beim Landeanflug
aufgefallen war. Windgepeitscht liegen erst Dünen, dann senkrechte
Felsen im tosenden Atlantik. Wir knipsten ein paar Speicherkarten voll
und flüchteten, als ein Reisebus kam. Santa Cruz lag schon wieder auf
der Sonnenseite und auf dem halben Heimweg. Das Meer brandete im
Wechsellicht, dazu gab es Espada sowie traditional bread from Madeira
und eine Riesenportion Vorfreude auf den Abend und die restliche Woche.
Samstag
An
der Sonnenseite scheint immer die Sonne, sagten wir uns und suchten die
alte Küstenstraße, was gar nicht so einfach war, denn sie wollen einen
mit aller Gewalt immer wieder auf die Vierspurige zwingen, die wie eine
U-Bahn durch die Felsen sticht. Die Alte jedoch kurvt unaufhörlich auf und ab
durch alle Ortschaften, die aneinandergereiht die ganze Südflanke
zersiedeln. An manchen Stellen windet sie sich in Talkessel hinab, wo es
Fischrestaurants und z.B. Prego Normal gibt. Bei Ribeira Brava konnten wir
nicht anders, als die Passtraße ins Gebirge hochzufahren. Durch feuchte
Wälder in engem Tal waberten Wolkenfetzen. Oben ist eine karge Hochebene
über die der Wind fegte, als gäbe es kein morgen. Wolken wälzten sich über uns hinweg, die
Sichtweite lag bei etwa einem Meter. Dazu fror das Gesicht ein. Nach endloser Kurverei empfing uns die Küste wieder warm und
sonnig wie das Paradies. Abends waren wir groggy wie nach einem langen,
erfüllten Motorradtag. Als ob das nicht reichte, war aber auch noch
Karneval in Rio in Funchal, mit allem drum und dran.
Sonntag
Der
Sonntag zog sich faul und heiß bis in Nachmittag hinein. Dann entdeckte
Anja auf der Karte einerseits ein Tal der Nonnen mit einer Straße für
"schwindelfreie Autofahrer" und vielen Miradouros. Ich hetzte die Honda
die Steilhänge Funchals hinauf, dann ging es auf bröseligen Serpentinen
zuerst durch Eukalyptuswälder und später alpin um die Felsen herum.
Unten war immer winziger die Stadt zu erkennen, oben Sonne. Wir picknickten Früchte, die nie ein Mensch zuvor
gesehen hatte. Die Reste verfütterten wir an die Eidechsen. Die
Querverbindung zum Pico do Ariero ist so neu, dass sie noch nicht mal
auf der Karte war. Und so steil, dass ich im Ersten fuhr. Oben ist ein
riesiger Souvenirshop, ein militärisches Radargerät, dicke alte
Deutsche, die sich beklagen, und ein Ausblick auf schroffes Felsenmeer,
der einfach sensationell war. Die Honda musste ganz schön was
einstecken. Anja aber auch, vor allem auf den extremen Abfahrten bis
hinunter an den Hafen, wo schon wieder eine neue Aida lag und ihre
meckernde Fracht in die Gassen ausspuckte.
Around the World
Madeira
ist ein richtiger Kontinent. Auf der Südseite war zunächst noch das
übliche Doce Vita. Wir zogen von einem Ort zum nächsten, bunte Häuser,
Kurve an Kurve, links das Meer, da schon der nächste Galao. Dann wurden
die Dörfer blasser, die Wälder dichter der Blick weit. Am westlichen
Zipfel stehen einsam Kühe auf Wiesen am Steilhang. Unten schäumt wie wild
der Ozean, winzig wie bei Google. Ab Porto Moniz ging es an der
senkrechten Nordflanke entlang. Sie ist rauh und derb, die Brandung
meterhoch, türkis und weiß. Leider ist die heftige, alte Straße
inzwischen gesperrt und man wird wie alle anderen durch die Tunnel
geschossen. Grau lag der Himmel über dampfendem Dschungel wie in
Südamerika. Die Honda jaulte in kleinem Gang über die Steigungen,
polterte über narbigen Asphalt, rubbelte um eintausend Kehren. Als wir
dachten, wir seien verloren, müssten im Urwald übernachten oder bei
Nacht und Nebel über den eisigen Pass, da tauchte vor uns der Schlund
des Via Expresso auf und katapultierte uns in einer halben Stunde in das süße Leben der Stadt zurück.
Nochmal
Das
Nordostende, die kälteste und nasseste Ecke, wollten wir unbedingt noch
mal aus der Nähe sehen. Oben waren allenfalls Leichtwolken, also fuhren
wir über den Pass hinter Monte, dem gruseligen Disnelyland mit
Zwangsbespaßung. Der Nordhang war kalt wie immer, aber aufgelockert mit
Sonnenstrahlen, die den feinen Sprühnebel äußerst fotogen in dem tiefen
Grün der Täler wie Gardinen im Sommerlicht stehen ließ. Nach und nach
wurden wieder die Finger kalt und die Goretexstiefel klamm. Erst der üppig-grüne
Taleinschnitt bei Boaventura erlöste mit komplett anderem Klima und wärmender Sonne. Bauern hielten inne, Fenster öffneten sich, Gespräche verstummten,
als wir am Ende der befahrbaren Welt standen, auf einem
Picknickplatz einkehrten und in der Sonne einnickten. Auf dem Rückweg,
wieder durch die Tunnel pfeilend, stoppten wir nochmals in Santa Cruz.
Prego Normal, Coral sem Alcool, Flugzeuge und ein Regenbogen wie aus dem
Kinderbuch. Abends saßen wir wie immer zum Sundowner auf unserem winzigen
Balkon. An das Glitzern der Stadt und das Hafenbecken hatten wir uns
schon gewöhnt, so dass wir es nicht so recht realisieren wollten, morgen
nur noch eine Kaffeefahrt nach Camara do Lobos zu machen, dann die Honda im Einkaufszentrum abzugeben, und schon mal den
Koffer zu packen, um in ein farbloses, eisiges Land zu reisen, das die
Menschen hier nur aus dem Fernsehen kennen.
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