20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Freitag, 15. Februar 2013

Bom Dia.

Madeira.

Man akklimatisiert sich überraschend schnell. Wir bummelten erst einmal durch die Gassen Funchals, die hübsch sind wie ein Reiseführer, und erreichten schwitzend das herrlich Portugiesisch-hässliche Einkaufszentrum, in dem sich die Motorradvermietung befand. Kurz darauf saßen wir im Sattel einer gut durchgeholten Honda CBF 500, das ist praktisch der Toyota Corolla unter den Motorrädern. Es ging an diesem Tag nur kreuz und quer durch die Stadt, bis wir deren Anatomie verstanden und den Supermarkt gefunden hatten. Den Rest erledigten wir zu Fuß, bis wir bei Rotwein für 1 Euro bei der Snackbar an der Ecke strandeten.

Freitag

Die Stadt zieht sich bis oben den Berg hinauf, dann kamen Kurven im Wald und es wurde kühl. Kaum über die Kante, pfoff uns der eisige Nordwind ins Gesicht. Die Wolken fühlten sich von innen an wie amorpher Nieselregen. Mit kalten Fingern kurvte ich tausend nasse Serpentinen hinunter auf die Luvseite der Insel. Im Reiseführer standen allerlei Spezialitäten. Aber wir saßen noch leicht fröstelnd unter Einheimischen, während unter grauen Wolken ein Kinderkarnevalszug durch die Dorfstraßen lärmte. Auf dem Ostzipfel der Insel gibt es eine spektakuläre Straße, die mir schon beim Landeanflug aufgefallen war. Windgepeitscht liegen erst Dünen, dann senkrechte Felsen im tosenden Atlantik. Wir knipsten ein paar Speicherkarten voll und flüchteten, als ein Reisebus kam. Santa Cruz lag schon wieder auf der Sonnenseite und auf dem halben Heimweg. Das Meer brandete im Wechsellicht, dazu gab es Espada sowie traditional bread from Madeira und eine Riesenportion Vorfreude auf den Abend und die restliche Woche.

Samstag

An der Sonnenseite scheint immer die Sonne, sagten wir uns und suchten die alte Küstenstraße, was gar nicht so einfach war, denn sie wollen einen mit aller Gewalt immer wieder auf die Vierspurige zwingen, die wie eine U-Bahn durch die Felsen sticht. Die Alte jedoch kurvt unaufhörlich auf und ab durch alle Ortschaften, die aneinandergereiht die ganze Südflanke zersiedeln. An manchen Stellen windet sie sich in Talkessel hinab, wo es Fischrestaurants und z.B. Prego Normal gibt. Bei Ribeira Brava konnten wir nicht anders, als die Passtraße ins Gebirge hochzufahren. Durch feuchte Wälder in engem Tal waberten Wolkenfetzen. Oben ist eine karge Hochebene über die der Wind fegte, als gäbe es kein morgen. Wolken wälzten sich über uns hinweg, die Sichtweite lag bei etwa einem Meter. Dazu fror das Gesicht ein. Nach endloser Kurverei empfing uns die Küste wieder warm und sonnig wie das Paradies. Abends waren wir groggy wie nach einem langen, erfüllten Motorradtag. Als ob das nicht reichte, war aber auch noch Karneval in Rio in Funchal, mit allem drum und dran.  

Sonntag

Der Sonntag zog sich faul und heiß bis in Nachmittag hinein. Dann entdeckte Anja auf der Karte einerseits ein Tal der Nonnen mit einer Straße für "schwindelfreie Autofahrer" und vielen Miradouros. Ich hetzte die Honda die Steilhänge Funchals hinauf, dann ging es auf bröseligen Serpentinen zuerst durch Eukalyptuswälder und später alpin um die Felsen herum. Unten war immer winziger die Stadt zu erkennen, oben Sonne. Wir picknickten Früchte, die nie ein Mensch zuvor gesehen hatte. Die Reste verfütterten wir an die Eidechsen. Die Querverbindung zum Pico do Ariero ist so neu, dass sie noch nicht mal auf der Karte war. Und so steil, dass ich im Ersten fuhr. Oben ist ein riesiger Souvenirshop, ein militärisches Radargerät, dicke alte Deutsche, die sich beklagen, und ein Ausblick auf schroffes Felsenmeer, der einfach sensationell war. Die Honda musste ganz schön was einstecken. Anja aber auch, vor allem auf den extremen Abfahrten bis hinunter an den Hafen, wo schon wieder eine neue Aida lag und ihre meckernde Fracht in die Gassen ausspuckte.

Around the World

Madeira ist ein richtiger Kontinent. Auf der Südseite war zunächst noch das übliche Doce Vita. Wir zogen von einem Ort zum nächsten, bunte Häuser, Kurve an Kurve, links das Meer, da schon der nächste Galao. Dann wurden die Dörfer blasser, die Wälder dichter der Blick weit. Am westlichen Zipfel stehen einsam Kühe auf Wiesen am Steilhang. Unten schäumt wie wild der Ozean, winzig wie bei Google. Ab Porto Moniz ging es an der senkrechten Nordflanke entlang. Sie ist rauh und derb, die Brandung meterhoch, türkis und weiß. Leider ist die heftige, alte Straße inzwischen gesperrt und man wird wie alle anderen durch die Tunnel geschossen. Grau lag der Himmel über dampfendem Dschungel wie in Südamerika. Die Honda jaulte in kleinem Gang über die Steigungen, polterte über narbigen Asphalt, rubbelte um eintausend Kehren. Als wir dachten, wir seien verloren, müssten im Urwald übernachten oder bei Nacht und Nebel über den eisigen Pass, da tauchte vor uns der Schlund des Via Expresso auf und katapultierte uns in einer halben Stunde in das süße Leben der Stadt zurück.

Nochmal

Das Nordostende, die kälteste und nasseste Ecke, wollten wir unbedingt noch mal aus der Nähe sehen. Oben waren allenfalls Leichtwolken, also fuhren wir über den Pass hinter Monte, dem gruseligen Disnelyland mit Zwangsbespaßung. Der Nordhang war kalt wie immer, aber aufgelockert mit Sonnenstrahlen, die den feinen Sprühnebel äußerst fotogen in dem tiefen Grün der Täler wie Gardinen im Sommerlicht stehen ließ. Nach und nach wurden wieder die Finger kalt und die Goretexstiefel  klamm. Erst der üppig-grüne Taleinschnitt bei Boaventura erlöste mit komplett anderem Klima und wärmender Sonne. Bauern hielten inne, Fenster öffneten sich, Gespräche verstummten, als wir am Ende der befahrbaren Welt standen, auf einem Picknickplatz einkehrten und in der Sonne einnickten. Auf dem Rückweg, wieder durch die Tunnel pfeilend, stoppten wir nochmals in Santa Cruz. Prego Normal, Coral sem Alcool, Flugzeuge und ein Regenbogen wie aus dem Kinderbuch. Abends saßen wir wie immer zum Sundowner auf unserem winzigen Balkon. An das Glitzern der Stadt und das Hafenbecken hatten wir uns schon gewöhnt, so dass wir es nicht so recht realisieren wollten, morgen nur noch eine Kaffeefahrt nach Camara do Lobos zu machen, dann die Honda im Einkaufszentrum abzugeben, und schon mal den Koffer zu packen, um in ein farbloses, eisiges Land zu reisen, das die Menschen hier nur aus dem Fernsehen kennen.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen