20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Sonntag, 30. Oktober 2016

Timebox

Der Himmel stimmte überhaupt nicht mit dem Wetterbildschirm überein. Statt grauer Decke: Sonne und immerhin 12 Grad. Kurzentschlossen schmissen wir den faulen Sonntag hin und machten wir uns auf dem Weg. Nichts Großes, Hauptsache ein Bild mit gelbem Baum ist dabei. Ich weiß durch ausgedehnte Forschungen, dass es in der Stadt in Wirklichkeit am gelbsten ist. Es folgte eine innerstädtische Tour, die uns in gänzlich unbekannte Gegenden brachte, wie z.B. das Stadtzentrum von Fuhlsbüttel oder den Ohlsdorfer Friedhof, der ironischerweise ein schöner, lebendiger  Park ist, in dem man fahren darf. Einen Draußenkaffee in Barmbek, unaufgeregtes Gleiten über Vierspurige, hinunter bis an die Elbe, die im Gegenlicht glitzerte. Als wir in die Garage zurückkamen, war es gerade mal 16 Uhr, alles fühlte sich normal an. Doch auf dem Nummernschild der Bonnie standen zwei Zahlen: 03-10. Diese Timebox war heute aufgebraucht.

Samstag, 29. Oktober 2016

Testosteron

Samstag, 11 Uhr. Leichte Bewölkung, zäher Verkehr. Ich sitze im Sattel einer dunkelweißen Vulcan S auf Probefahrt. Kleine Hafenrundfahrt, mal Gas stehen lassen. Dann durchs Dickicht nach Eppendorf, Anja zeigen. Alles gut, alles schön, und überhaupt, mal wieder Cruiser fahren. Nur die Testosteronproduktion wird nicht wie erhofft vom Sportvulkan getriggert.
Den Rest des Tages verbrachte ich daher wieder mit der Bonnie. Aus Westen kam ein bissiger Wind, gegen den ich mit langer Unterhose und Wollsocken ankämpfte, bis ich auf unzähligen Umleitungen im gottverdammten Alten Land, hinter quälenden Wohlstandskolonnen, den Lüheanleger erreichte. Tatsächlich waren einige Biker da, und von den 30 Wurstbuden war noch genau eine übrig. Der Wind hatte nicht wie versprochen die Wolkendecke weggeschoben, im Gegenteil. Bevor der Kaffee im Pappbecher gefroren war, machte ich mich auf den Rückweg. Über der Stadt war blauer Himmel, aber außer der Aussicht auf eine warme Badewanne konnte mich inzwischen nichts mehr locken.

Sonntag, 23. Oktober 2016

Pekingente / kalter Hund

Anja war wieder da. Sie hatte Jetlag und sprach wirres Zeug von Pekingenten, aber es nützte nichts. Ich setzte sie trotzdem auf ihre Honda, denn so einen schönen Tag gibt es bestimmt ein halbes Jahr lang nicht wieder. Wir blieben in der Nähe der Stadt, kurvten durch einen goldenen Oktobertrag im Hafengebiet herum, fanden es alles sehr schön hier und freuten uns, dass es noch warm auf der Jacke wurde, wenn man in einem Sonnenstrahl an der Ampel stand. Am Brandshof gibt es eine Nostalgietankstelle für Oldtimer. Die gibt es offenbar seit Jahren, aber uns war sie vollkommen unbekannt, und jetzt ein willkommenes Kleinziel für einen Kalten Hund und Filterkaffee. Zur Feier des Tages fuhr meine ehemalige orange Vulcan vor, von ihrem neuen Besitzer geschmackvoll individualisiert. Noch weit vor der Dämmerung kamen wir nach Hause, parkten die Maschinen in der Garage und zählten die Tage.

Sonntag, 16. Oktober 2016

Wie über der Mongolei

Während Anja in China Gin trank, wartete ich darauf, dass sich der Nebel verzog und den versprochenen goldenen Oktobertag freigab. Nichts passierte. 10 Kilometer südlich hatte das Wetterradar dann aber recht. Aus diffusem weißen Dunst arbeitete die Sonne Wald und Wiese in schönsten Herbstfarben heraus. Auf der B3 rausche ich gedankenversunken durch den Nachmittag. Nachdem ich die für meinen Geschmack zu zahlreichen Familienkutschen hinter mir gelassen hatte, zog die Bonnie ihre Bahn so losgelöst und ungestört wie in etwa ein Airbus über der Mongolei, zumindest kam es mir nach einer Weile so vor. In Soltau saß ich allein bei einem Cappuccino und betrachtete den nicht endenden Strom von Bikes mit Fahrern in Goretex, die nochmal frei bekommen haben. Da mir las losgelöste Gleiten heute sehr  lag, fuhr ich noch ein langes, einsames Waldstück auf der B209, dann über Amelinghausen, dann Winsen, dann die Elbe. Hamburg lag nun an der Grenze der Nebelwand und sah sehr beeindruckend aus. Klar wurde es am Schluss kühl, aber ich war froh, nicht wie die Millionen in der Hafencity spazieren gehen zu müssen.

Montag, 3. Oktober 2016

Sonstwo

Am Montag war noch ein Sonntag. Ich war allein unterwegs. Zuerst wollte ich gleich wieder umdrehen, so ungemütlich war es. Ich tastete mich durch Harburg nach Westen. Eine Ecke, die immer wieder so unbekannt wirkt, als sei man sonstwo. Die raue Härte passte zum schroffen Himmel, und mir gefiel das gut. Dahinter lag das Land, und die Wolken machten Platz für perfektes Oktoberlicht. Ich ließ mich von Stelle aus nach Süden treiben, es ging durch schöne Alleen und einsame Landstraßen. Nur einzelne Bäume färbten sich schon, doch das änderte das gesamte Bild. Irgendwie zog es mich über Holm-Seppensen nach Buchholz. Mittten im Stadtzentrum hielt ich vor einem Schnellrestaurant, wie es heute Seltenheitswert hat. Ohne Eile und ganz zufrieden bummelte ich über Harburg und den Hafen zurück nach Hamburg, Es war erst 17 Uhr, und die Stadt war voller Spaziergänger mit Sonnenbrillen.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Umgebucht

Die großen Brötchen zum Einheitswochenende hatten wir abgesagt. Statt im Nieselregen durch den Harz zu fahren, buchten wir eine anspruchslose Tagestour in den Norden. Etwa in Höhe Bad Bramstedt kam mir dieses Mittelgebirge in der Nähe von Kiel in den Sinn. Gerade als ich zwischen Neumünster und Rendsburg die Ödnis der Strecke kaum noch wegzudiskutieren konnte, stellten wir fest, dass wir schon ganz in der Nähe waren. Tatsächlich, zwischen Nortorf und Westensee lag der Gebirgszug prächtig in der Sonne. Beim Versuch, eine Runde über kringelige Bergstraßen zu drehen, relativierte sich alles hin zu belanglosen Hügeln und Knicks. Die Gegend ist schön, aber wenn man Kaffeedurst hat, wird es  problematisch. Vor allem muss man höllisch aufpassen, nicht zu nah an Kiel ranzukommen, denn wer will das schon? Es war klar, wir mussten zurück zur Kanalmetropole Rendsburg. Am umwerfend tristen Marktplatz saßen wir mit mittlerem Cappuccino und überraschend saftigen Mandelhörnchen. Aber wir waren uns einig, der Nobelpreis wird hier nicht vergeben. Bislang konnte man den Tag noch als Spätsommer verargumentieren. Aber auf der Rückfahrt auf z.T. bezaubernden Alleen nach Aukrug kamen die ersten Schleierschauer. Dann richtige Schauer, Kälte, klamme Finger, Wasser im Kragen usw.. Anja neigte zu Fäkalausdrücken, wenn wir an einer roten Ampel die Lage besprachen. Am Ende war alles halb so wild, und wir waren froh, als die rettende Stadt uns herzlich aufnahm und uns wärmte.