20 Jahre !!!

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Sonntag, 22. August 2010

Subkultur (2010)


Heutzutage hat jede Stadt ihre eigenen Harley Days. Sogar Lübeck. Wie passend, die passende Maschine parat zu haben. Es war Nachmittag, und die Quellwolken zogen sich immer dichter zusammen, als man über Kastorf und Kronsforde bollernd Lübeck erreichte. Auf der guten alten Wallhalbinsel, dort wo wir vor zig Jahren Subkultur kultivierten, war kaum ein Parkplatz zu bekommen. Wir schlenderten in einer inzwischen größeren, und schwer auf kurz zu haltenden Gruppe durch die Spalier stehenden Harleys und Wurstbuden. Der angebotene Kitsch kannte keine Grenzen, die Kapelle spielte Smoke on the Water. Weder das, noch kein einziger der angebotenen blutrünstigen Aufnäher hätte mich zu einem dieser authentischen echten wahren Biker gemacht, die es tatsächlich zu geben scheint. Der Tropfen von der Wetterkarte konnte noch nicht losreißen, auch wenn es manchmal kurz davor war. Gegen Abend zogen zum Greifen nah schwärzeste Gewitterwolken ungefähr in Höhe Stockelsdorf vorbei. Wir flüchteten ein paar Meter ins Stadtzentrum, parkten unauffällig und bestellten Spagetti Bolognese (wo Lübeck richtig lebendig wirkte!). Kein Tropfen. Später, mit einem Plastkbecher Claustaler, hingen wir noch eine Weile unten bei den Bikes rum. Das konnte natürlich auf Dauer keine Lösung sein, denn zu nah war der Strukdorfer Weinkeller. In gruseliger Finsternis rollten wir über die einsame B 206. Warmer Wind blies, einsamer Lichtkegel, kein Tropfen fiel.
Sonntagmittag waren wir wieder am Hafen, und diesmal stellten wir uns ganz offiziell in die Reihe der Bikes am Kayspeicher. Anjas GS stand ungeniert und erhobenen Hauptes zwischen monströsen Electra Glides und Kawasaki Softchoppern mit matten Airbrushings aus den Achtzigern. Irgendwann hatte die Rockband jeden Hit gespielt, hatten wir jeden Chopper bewundert und hatten alle alles gesagt, so dass wir uns am mittleren Nachmittag über Krummesse den Weg aus dem Moloch bahnten. Sofern es uns die in Massen verkehrenden Riesentrecker gewährten, ging die Fahrt schneidig durch üppige Alleen und wuchernde Buschtunnel, die der feuchte Sommer erschaffen hat. Mit größtem und blindestem Vertrauen in das Niederschlagsradar drehten wir bei und kreuzten durch den Sachsenwald auf den Elbdeich zu. Am Zollenspieker holten wir uns Cappucino und sahen den Hiergebliebenen zu. Chrom glänzte vor drohendem Schwarz am westlichen Horizont, so dass manchem mulmig wurde. Aber wir wussten, dass es in unserer Gegenwart niemals regnen würde. Erst, als wir die Boliden sicher in der Tiefgarage am Doormannsweg verstaut hatten, ging es los. Die Buschtunnel wucherten weiter.
geschrieben im September 2010, wiedergefunden 2014

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