Es dauerte bis zum Nachmittag, bis wir endlich auf der Straße waren. Schnell nach Bergedorf, dann durch den Sachsenwald auf eine nie dagewesene Route nach Neukoppel. Als Himalayan/Mash-Duo kamen dabei wieder ungeahnte "Kürzeste-Route" Perlen zum Vorschein, praktisch in Sichtweite der ausgetretenen Pfade. Wir hatten den Speckgürtel noch nicht mal verlassen, da kamen schon mittelalterliche Katzenkopfpisten, die man am besten in den Rasten stehend entlangsegelte. Dann ging es kreuz und quer durchs Lauenburgische, weitgehend orientierungslos auf buschigen Nebenstrecken. Bei Wesenberg querten wir die Trave, dann kam Zarpen und langsam wieder Zivilisation. Wir verbrachten nette Stunden in Telses heiler Welt, warteten bis die Sonne fotogen tief stand und etwas abkühlte, und fuhren durchs Travetal über Meddewade, Pölitz und Lasbek in den Abend. Die Strecke kennen wir auswendig, aber diesmal sah sie aus wie nie zuvor.
20 Jahre !!!
Sonntag, 16. August 2020
Samstag, 15. August 2020
Alleinstellungsmerkmale
Allein unterwegs mit dem Cruiser, den ganzen Samstag, das hat auch was. Wegen unklarer Abendplanung tastete ich mich zunächst an der Elbe Stromaufwärts entlang. Die Elbuferstraße, die wir früher so oft fuhren, fällt aus heutiger Sicht anstrengend aus: Ein Dorf reiht sich ans nächste, Rumstochern im Kriechtempo, mieser Asphalt, überall Autos. An der Tanke in Hitzacker wurde alles klar und ein lange unter Verschluss gehaltener Plan kam zur Umsetzung: Zwischen Dannenberg und Uelzen, und weiter diagonal Richtung Celle, da gibt es Highways durch riesige Wälder. Es ging linear und ohne jede Störung durch einen heißen Wind in flirrendem Licht. Kaum ein Ort unterbrach den Genuss, kein Wohnmobil blockierte, kein Kleintransporter drängelte. Ich gab mich voll und ganz dem gleichförmigen, freien Gleiten hin, fragte mich, a) wer das wohl nachvollziehen kann, und b) wo sonst in Schland es eigentlich solche Straßen gibt. Hinter Celle machte ich noch einen Bogen über die Militärstraßen westlich von Meissendorf. Die sehen auf der Karte mickrig aus, sind aber prächtig ausgebaut, schwungvoll verlegt und über zig Kilometer total verlassen. Rechts nahm ich eine mächtige Pilzwolke wahr. Bei näherer Betrachtung war das kein Atombombentest, sondern, schlimmer noch, eine kompakte Gewitterzelle. Ich berechnete einen Kurs, der mich ohne unnötigen Halt auf direktem Weg nach Norden in Sicherheit brachte. Die B3 rundete würdig den Cruise-Day ab, und zu Hause stand die Hitze in den Häuserschluchten wie eh und je.
Montag, 10. August 2020
Herzlichen Glückwunsch.
Endlich mal wieder eine korrekte Langstrecke: Berlin! Die B5 schimmerte endlos in der flirrenden Hitze, die Mash und die Himalayan schnurrten mit Tankrucksäcken auf ihr durch den Samstag. Einmal tankten wir, aber noch öfter waren die Wasserflaschen leer, oder wir brauchten nur mal eine Pause im Schatten. Klar kennt man die Strecke inzwischen, aber sie ist so lang, dass man die Etappen nie ganz erinnern kann. Mit der Nähe zu Berlin stieg die Hitze ins Astronomische. Die Straßenoberfläche hatte sich in Lava verflüssigt, die ganze Stadt war zu einer Masse heißen Gases geworden. Glücklicherweise war kaum Verkehr und auf der Garagenparty am Tempelhof gab es gekühltes Corona.
Um 8 Uhr hatte Anja Geburtstag, es gab Blumen, einen Stadtspaziergang, late Check-out. Den Rest des Tages verbrachten wir auf der B195. Auch an einem Montag war sie total leer. Mit einem Auge behielten wir stets den Himmel im Blick, doch von Gewitterzellen war nichts zu ahnen, stattdessen das übliche makellose Blau und 32 Grad. In Lauenburg, gefühlt schon am Ziel, kamen verdächtig dicke, einzelne Tropfen. Vielleicht könnte mit ein paar gezielten Gasstößen entkommen. Quatsch. Unser rettendes Bushäuschen brachte der Hagelschauer fast zum Einsturz. Wir nutzen eine waghalsige Lücke auf dem Regenradar, ließen alles hinter uns. In Hamburg erzählten wir davon, aber man glaubte uns kein Wort.
Freitag, 7. August 2020
Herrscher
Nun zu etwas ganz anderem: Herrenausfahrt von Strukdorf aus. Anja und ich waren am Vorabend zwar zusammen angereist, nun aber rollte ich solo auf der Bolt einer unbestreitbar gut aussehenden Truppe aus Honda NC (Horst), Royal Enfield Interceptor (Albrecht) und Triumph Street Twin (Götz) hinterher. Von Anfang an führten Horst und Albrecht als Doppelspitze auf gekonnter Route durch die Hitze Ostholsteins. Während Anja mit Autofahrerinnen unterwegs war, ging unsere Tour über Stocksee in die Ecke nordwestlich von Plön, meist auf vergessenen Nebenstraßen, manchmal auf Wirtschaftswegen, immer flüssig und entspannt. Durch das Hinterherfahren verlor ich den Überblick, was alles aber irgendwie interessant machte und eine introvertierte Fahrweise ermöglichte. Überraschend hielten wir mehrmals an bedeutenden Gutshäusern, die sonst allenfalls hinter Büschen vorbeirauschen. Hier freundete Horst sich sogleich mit den örtlichen Grafen an und wir lernten viel über die gute alte Zeit im Feudalsystem. Weit im Norden, fast schon bei Kiel, erkannte ich einige Strecken wieder. Am Westensee gab es Kaffee auf der Liegewiese, die Doppelspitze klügelte den Heimweg aus. Der zog sich herrlich verträumt in die Länge und blies warmen Wind durch meinen Hoodie. Wir erreichten das Anwesen, es strahlte herrschaftlich in der Abendsonne. Die Herren schmierten sich ein Leberwurstbrot.


