Zwischen Excel und Jira war noch ein Landkartenfenster geöffnet, auf dem erschien prokrastinierend eine diagonal nordwestlich von der B4 abzweigende Landstraße, die ich vorher noch nie wahrgenommen hatte. Sie verlief schnurgerade und weitgehend unterbrechungsfrei. Ich diskutierte die verbleibenden Aufgaben weg und machte Feierabend. Eine halbe Stunde später hatte ich die Lederjacke an und steuerte erhaben die Bolt aus der Stadt heraus. Die Straße war leicht zu finden, sie war genau wie versprochen, vielleicht nicht ganz so lang wie auf dem Bildschirm. Dennoch, der Sundowner, die Dämmerung über der parkartigen Landschaft, durch die ich den Cruiser cruisen ließ, der anschließende Ritt über den Highway 4 zurück ins Neonlicht, das was Quality Time. Ich erzählte Anja davon, dann bruten wir Burger.
über 20 Jahre !!!
Freitag, 17. Juli 2020
Donnerstag, 16. Juli 2020
Erfüllung
Es ist alles noch da: Die langweilige Strecke durchs Alte Land, die Apfelplantagen, die grelle Sonne von vorn und die Imbissbuden am Lüheanleger. Alles da, wie vorher, wie schon immer. Nur: Heute muss man die ganze Zeit 50 fahren. Vielleicht mal 60. Bei solchen Strecken glänzt die SR 400 mit ihrem unschlagbaren Alleinstellungsmerkmal, einer erfüllenden Langsamkeit. Nebenbei ist man mit ihr der garantiert lässigste Hipster am Treff der Dorfprolls mit Currywurst. Ich bestellte Pulled-Pork, guckte Schiffe, dann kickte ich gekonnt genau ein Mal, und bullerte mit 55 Km/h zurück.
Sonntag, 12. Juli 2020
Lange Kurzstrecken
Wir hatten Zeit, und das Wetter war trocken. Nicht hochsommerlich, aber okay. Ich nahm sie SR, eigentlich nur um mein neues Outfit bestmöglich zu präsentieren. Alles passte, nur der Verkehr im südlichen Speckgürtel nervte, als uns wir ohne Karte einen eher blöden Weg durch Harburg nach Hanstedt improvisierten. Danach kam das bekannte Heidefeeling: Allein auf endlosen Wandschneisen dahinbrummen, in den Dörfern immer gleiches Fachwerk und Heidschnuckenkitsch. Unten bei Munster liegen die Militärübungsgebiete, an deren Rändern es fast vergessene, legal befahrbare Zugangsstraßen ohne jeden Verkehr gibt. Wir machten Pausen im Nichts, genossen die Mischung aus Waldvogelidylle und Kalter Krieg. Bei so viel Zeit und so wenig los konnten wir die Strecke beliebig ausdehnen. Das kleine Stück durchs Minigebirge zwischen Wriedel über Wulfsrode nach Amelinghausen war weltklasse. Der Wind kam inzwischen von Norden, und kroch unter die Jeans. Außerdem ist und bleibt die SR einfach eine gutaussehende Kurzstreckenmaschine, die aber auf den langen Geraden nicht unbedingt ins Gleiten kommt. Anja und die Mash blieben bis zum Schluss ganz entspannt, aber ich spürte einen zunehmenden Zug nach Hause, und zwar durch die eisig-harte Julisonne direkt in die Wanne.
Freitag, 10. Juli 2020
Schaufenster
Ganz wichtig: Abends noch eine Runde drehen, solange es noch geht. Wenn man eine Bolt hat, die Rosengartenstraße, die B3 bis Welle, dort ein Bifi und ein Vitamalz ordert, dann in der Abendsonne durch die Heide über Undeloh einen schmissigen Bogen zurück nach Hanstedt dreht, und über Stelle an den Elbdeich kommt, dann sah alles verdammt gut aus. Das neue Outfit auch. Schade dass absolut niemand da war, nicht mal Schaufenster wo ich mich spiegeln konnte.
Mittwoch, 8. Juli 2020
Optik
Feierabend. Und mal ohne Regenschauer. Kalte Sonne stach durch die Baumkronen. Ich donnerte mit der Bolt die Rosengartenstrecke entlang, im Rückspiegel folgte meine Augenoptikerin auf einer roten Suzuki mit Sportauspuff. Es war unsere erste gemeinsame Fahrt, es ging unkompliziert und zivilisiert übers leere Land nach Buxtehude. Dort saßen wir in einem seltsamen Imbiss und lästerten über Harleyfahrer. Nebenbei testete ich meine neue Lederjacke. Gut, dass ich das Thermofutter drin gelassen hatte. Auf dem Rückweg wurde es spät und die Kälte kroch wie im Spätherbst. Die Optikerin ließ sich nichts anmerken. In übertrieben rosafarbener Dämmerung fuhren wir die bekannten Fotopunkte im Hafengebiet an. Das Neonlicht strahlte dazu. Die Fotos wurden nichts, doch die Bilder blieben im Kopf.
Sonntag, 5. Juli 2020
Sinn bei Südwest
Schwüle, die umschlug in Herbstwetter. Die rettende Idee kam erst recht spät. Zuerst hatten wir tastsächlich versucht spazieren zu gehen oder sinnvolle Dinge zu erledigen. Hat beides nicht geklappt. Jetzt rauschten wir zu zweit auf der Himalayan gen Westen. Die Elbmarschen zwischen Uetersen und Glückstadt geben an sich nicht viel her, doch bei diesem Wetter macht diese Landschaft Sinn. Zerrissener Himmel stürmte uns entgegen, Böen schüttelten uns durch. Sonnenstrahlen schossen brutal aus spontanen Wolkenlöschern, im nächsten Moment walzten bedrohliche Schauerfronten im Gegenlicht übers Flachland. Vor denen hielten wir wir respektvoll Abstand. In Wewelsfleth bewunderten wir einen echten P-Liner, fanden alles dufte, dachten noch kurz über einen hippen Filterkaffee im Glückstädter Beachclub nach, aber die nächste Regenzelle am Horizont kam ungebremst auf uns zu. Wir retteten uns mit Vollgas (diesmal mit Rückenwind) in ein Eiscafé in der Nähe von Holm. Die Front zog wenige Zentimeter am Cappuccino vorbei. Über Wedel kamen wir zurück in die Stadt. Wir waren noch so beschwingt, dass wir eine total überflüssige Runde durch den Freihafen im Hartlicht drehten. Einfach, weil wir es konnten.
Sonntag, 28. Juni 2020
Vakuum
Erst war die Vorhersage so geil, dass wir uns direkt den Freitag freigenommen und ein Zimmer gebucht hatten. Dann ging die Regenwahrscheinlichkeit noch ein paarmal hin und her, so dass wir zweifelten. Letztlich blieb davon nur 30 Grad heiße Luft, die uns auf dem Weg durchs nachmittägliche Wendland entgegenströmte. Bis Dannenberg begleitete uns noch träger Berufsverkehr, ab da waren wir allein in den Elbauen. Wir querten die Elbe bei Wittenberge, dann waren es nur noch 20 Kilometer bis Bad Wilsnack. Ein Ort, der überall genannt wird. Mit einer überdimensionalen Kirche, einem Hotel im Bahnhof, ansonsten menschenleer und verschlossen wie im übelsten Lockdown.
Die Ausfahrt am Samstag war ein Highlight. Mit ganz viel Zeit ließen wir uns vom Vio leiten, im kürzestmöglichen Modus, querfeldein auf einem großen Oval durchs Vakuum der Prignitz. Diese Region ist riesig, unbewohnt und unendlich weit weg von allem. Wir tasteten uns durch tiefe, kühlende Wälder, durchfuhren das gar nicht so üble Kyritz. Es ging über Winkelwege Richtung Müritz, durchs Gebüsch entlang romantischer Seen, dann diagonal nach Nordwesten über museale Dörfer bis kurz vor Lübz. Am Ende kamen wir irgendwie hinunter nach Perleberg und dann an die Elbe. Unmöglich, die Tour im Detail zu rekonstruieren. Anfangs waren wir noch zögerlich, wenn uns der Weg seltsam kleinteilig und irgendwie illegal vorkam. Nachher fuhren wir selbstbewusst in jeden Betonplatten- oder Feldweg ein, den das Navi uns vorsetzte. Zwischendurch kam immer mal wieder ein Stück Landstraße zum durchatmen, dicke, alte Alleen, Felder, Wiesen, Seen in flirrender Hitze - und nie ein Mensch. Die Himalayan war perfekt für die historischen Straßenbeläge, die Mash weitgehend auch. Beide hatten das perfekte Tempoprofil für diese Strecken. Wittenberge sah nach diesen 300 Kilometern für uns aus wie eine Metropole. es gab ein Gartenlokal und richtig was zu Essen. Das war gut, denn in Wilsnack hatte an diesem heißen Sommerabend alles zu. Nur mit Mühe war noch ein Absacker zu bekommen.
Sonntag kam wieder der Regen nicht. Wir waren früh unterwegs, rollten die B195 von Dorf zu Dorf nach Westen, unter bedecktem Himmel, der kilometerweise kühler wurde. Das hatte etwas herrlich unkompliziertes an sich, und es machte und gar nichts aus, schon am Nachmittag wieder zu Hause zu sein, zum Dampfstrahler zu fahren und die Insektenkruste von den Bikes zu sprühen. Die Stadt war voller Menschen, und jetzt gefiel uns das.
Abonnieren
Posts (Atom)



