über 20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Sonntag, 8. November 2015

Ruhe

Noch ein sonniger Sonntag kam, vielleicht der letzte. Die großen Pläne hatten wir angesagt, stattessen gondelten wir gemütlich noch einmal mit sanftem Rückenwind die Deichstraße entlang, Richtung McPom. Mal sehen, wie weit wir kommen. Niemand war unterwegs auf den sich auflösenden Aleen. Wir entdeckten vergessene Dorfstraßen abseits der B5, Banzin und Marsow, hundertjährige Bäume, die das Novemberlicht flutete. An mancher Ecke gingen Pisten ab, zu noch entlegeneren Orten (wir sparten sie auf, für spätere Vanvan-Abenteuer). Der Imbiss in Zarrentin hatte schon Saisonende, wie wohl die ganze Welt. An der Tanke schien die Sonne warm auf eine Bank. Wir tranken einen langen, gemütlichen Pappbecher Cappuccino. Der Nachmittag war jung, und wir schwangen uns in einem großen Bogen erst über die versteckte Landstraße über Seedorf Richtung Ratzeburg, dann zickzack nach Gudow, Büchen, Breitenfelde, bis es am Himmel milchig wurde. Die Querverbindung nach Schönberg ging schon ins herbstlich Düstere, aber da war schon die Stadt in der Nähe, wir fuhren rein, und konnten uns nur wundern, warum die hiergebliebenen alle so unter Strom standen. Wir waren ausgefüllt mit innerer Ruhe.
 

Sonntag, 1. November 2015

Die Sonnenseite

Ich war allein mit dem Bombenwetter. Anja war mit Weibern in Berlin, die Berliner Biker im Sauerland bzw. abgemeldet. Alle anderen waren Fußgänger. Ich malte einen Radius auf die Karte und entdeckte Wernigerode am Harz. Gegen Mittag war ich auf der B3, heute ohne Umkehr, einfach immer weiter, so wie im Traum. Im Rucksack hatte ich nur eine Zahnbürste. Stoisch rollten die Kilometer ab, durch die endlosen, gelbe Wälder. Die Wollsocken taten ihren Dienst, und an der Tanke in Celle, in irgendeinem Wohngebiet, lehnte ich hinter der Waschanlage an der Vulcan, die in der Sonne leuchtete, und wärmte mich an einem Cappuccino (groß) auf. Die Gegend um Braunschweig war schon immer ein Problem. Am Stadtrand sind Autobahnbrücken wie in Los Angeles, und wenn man kutz zögert, landet man ungewollt in der Innenstadt, die unbeschildert ist und durch künstliche Staus auf Metropole getrimmt wird. Durch Intuition erreichte ich die B79, eine gute Straße am Hang, und aus dem Nebel stiegen die Harzberge empor. Ich fuhr gleich bis Drei Annen hoch, bewunderte die Schmalspurbahn im Spätlicht. Noch eine Runde über Elend und Elbingerode, dann einchecken und schnell warm duschen.
 
Ohne Herrmann und Anne aus Oldenburg sowie die kleine Weinbar, die ich gestern Abend noch entdeckt hatte, als ich schon resigniert eine Flasche von der Tanke holen wollte, wäre der Sonntag jedenfalls frischer gestartet. Aber der Fahrtwind strömte erholsam und frisch durchs Gehirn, und auf den Straßen war ich praktisch allein. Ungeahnt flüssig ging es auf und ab über die herrlichen Kurven durch einen herbstbunten Landschaftsporno. Am Hexentanzplatz stand die Sonne weit oben und brannte wie in ihren besten Zeiten auf die Touristentruppen und mich, eine Waffel mit Ost-Nutella mampfend. Zum Abschluss nahm ich noch das Selketal und fuhr über Quedlinburg und Halberstadt in die Ebene. In Wolfenbüttel klappte das diesmal mit der Stadtautobahn, so dass Braunschweig schadlos vorbeizog. Endlose Alleen säumten einen Tag im fünften Gang. Celle kam und ging, Wälder, gelb und rot, Soltau. Es war schon in Welle, als ich das erste Mal den Motor abstellte. Ich saß auf einer Bank, trank still Kaffee und rauchte. Die Sonne schien kalt von der Seite, bis Hamburg waren es nur noch ein paar Meter. Fußgänger liefen durch den Park, oder am Fluss entlang. Die Sonnenseite war und blieb der Highway.
 

Sonntag, 11. Oktober 2015

Endstation Steigerts

Kein einziges Wölkchen, leuchtendes Laub, Sonne wärmer als im Internet. Wir kurvten schwerelos die Hänge des Odenwalds hinauf. Die Richtung stimmte, irgendwann am Nachmittag würden wir im Spessart landen. In Steigerts, das ist auf keiner Karte verzeichnet, wollten wir eine Baustelle umfahren, ein Waldweg kann uns normalerweise nicht abschrecken. Die Bonnie donnerte durch ein Schlagloch, danach war der Vorderreifen platt. Stunden später saßen wir im Abschleppwagen, der sich durch die engen Dorfgassen quälte. Die Sonne schien noch einen ganzen Tag weiter. Dass wir erst nächstes Jahr wieder hier fahren würden, das schien sie gar nicht zu interessieren.
 

Samstag, 10. Oktober 2015

Das Rheingold

Darmstadt im Oktober. Die Bonnie sprang ohne Choke an. Wir verbrachten einige Zeit an der Agip Tanke, wo wir sie wuschen, volltankten und alles für die Fahrt zum Rheintal vorbereiteten. Milder, bewölkter Himmel, Autobahn, easy going. Die Strecken durch Wiesbaden waren auf der Karte ein unentwirrbares Knäuel, und in Wirklichkeit ein naiver Versuch von uns, so lange wir möglich am Fluss entlang zu fahren. Aber dahinter, ab Rüdesheim, das ist der wahre Kern Deutschester Romantik, der Rhein, die Burgen, die Weinberge, dazu eine kaum befahrene Uferstraße und Fachwerkorte voller Chinesen und Cafés, die Loreley heißen. Wir fuhren auf der anderen Seite zurück, zum Schluss wieder auf der Autobahn, mit 130 Sachen, über uns klarte es auf. Wir parkten die Bonnie in Pfungstadt im Garten, aus Angst vor Besoffenen vom Oktoberfest.
 

Sonntag, 4. Oktober 2015

Plan B

Oktober, Deutschland, eine Einladung nach Berlin, da zögerten wir nicht lange. Am Freitag sieht die B5 anders aus, zum Teil hat sie Verkehr, man fährt aufmerksam und hat mal einen Schnarcher vor sich oder einen wilden Kleinlaster im Rückspiegel. Erst hinter Perleberg kehrte Ruhe in alles. Hier ist der Punkt, wo die ganze Welt unendlich weit entfernt ist. Dörfer liegen wie Inseln auf hoher See. Wir rauschten vorbei, die Allee färbte sich effektvoll in flacher Nachmittagssonne. Irgendwo da ganz hinten, kurz vorm Rand, liegt Berlin. Dort hat es Ruhe, Raum, sich auszubreiten, zu gären, ohne dass es auffällt. Ohne Stau liefen wir in Friedrichshain ein. Pizza wurde serviert, Absacker getrunken, Schlafsäcke ausgerollt. Draußen versuchte irgendein verstrahlter Abschaum, die Motorräder stillzulegen.
Geburtstagsbrunch in Neukölln, über der Stadt brüllende Sonne. An der HEM-Tanke in 12529 Schönefeld trafen wir uns mit Michael. Er kennt genau die richtigen Strecken für einen Samstagnachmittag. Wir folgten willenlos seiner Dyna Street Bob durch schier grenzenlose Wälder, durch die das Licht schimmerte, kurvten durch vergessene Regionen im Süden und standen plötzlich vor einer obszön großen Zeppelinhalle ("Tropical Island") zwischen Krausnick-Groß Wasserburg und Rietzneuendorf-Staakow. Über die B96 kamen wir nach und nach wieder in die Stadt. Der Asphalt war warm, wie jeder Abend in Berlin.
Sonntag waren wir um 12 Uhr schon am Stadtrand. Die Straße hatten wir für uns allein. Kyritz, viele Kilometer des Gleitens, Perleberg, extremer Kaffeedurst. Eine rauchen. Wieder gleiten. Tanken. Schockierend dichter Verkehr am Rande Hamburgs, aber wir fuhren längst automatisch. Tiefgarage, Badewanne, da war es noch hell draußen. Als ich rauskam, wäre ich am liebsten gleich wieder los gefahren.
 
 

Sonntag, 27. September 2015

Die Elemente

Anja war zur Fortbildung gefahren und ich war allein mit einem halogengrellem Sonntag. Große Ziele brauchte ich dafür nicht. Ich duckte mich auf der Autobahn nach Geesthacht, Richtung B195, was sollte daran falsch sein. Der Verkehr war am Anfang zickig, doch irgendwann, irgendwo hinter Neuhaus stellte ich fest, dass hier absolut niemand war außer mir. Vorne, im Rückspiegel, in den Weiten links und rechts sowieso - nichts. Nur die Allee, und die in sattem Spätsommer liegende Landschaft. In Dömitz mochte ich mich nicht auf einen organisierten Bikerparkplatz einweisen lassen und fuhr direkt weiter, über die Brücke, blieb ohne nachdenken auf der Bundesstraße, denn inzwischen wollte ich nichts mehr außer cruisen. Dannenberg, Uelzen, ewige Gerade durch den Wald. Alles war ausgefüllt von den reduzierten Elementen: Alphalt, Fahrtwind, Maschine. Alles andere verkümmerte nach und nach, am Ende war nichts mehr übrig. In der Nähe der Autobahn waren wieder alle hirschig in ihren Bürgerkäfigen. Ich landete noch reichlich betäubt in einem Straßencafé in Soltau und bestellte ein Eis, einen Kaffee, wie zivilisiert. Die B3 nach Hamburg, wieder schnörkellos und intensiv. Aber mit jedem Kilometer wurde die Hysterie der nahenden Großstradt spürbar. Davon wollte ich nichts wissen, und von allem anderen auch nicht.


Sonntag, 20. September 2015

Ein anderer Mensch

Es regnete bis zum Sonntagnachmittag, dann holte ich die Vulcan aus der Garage, und ließ mich über die B4 treiben, dem ersehnten Fahrtwind entgegen. Gleichmäßig, gerade, dem Blick an den Horizont geheftet. Über Neumünster war vor mir ein Schauer durchgezogen, ich bog ab nach Westen, und es ging genau so weiter. Auf einer Diagonalverbindung über Hennstedt kam ich nach Itzehoe, wie doch die Zeit vergeht. Ich verirrte mich, aber das war scheißegal. Ich wollte cruisen, gleiten, auf leeren Landstraßen in hartem Seitenlicht, mit scharfem Westwind, mit 100 Sachen. In Kolmar hatte ich Kaffeedurst, parkte in der Reihe mit Streetfightern und praktischen Hondas, vermied aber Kontakte. Schiffe zogen vorbei wie der Nachmittag. Mit kalten Fingern kam ich über Schenefeld in die Stadt zurück und war ein anderer Mensch.