über 20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Sonntag, 27. März 2022

Proof of Concept

Als die Temperaturen sich bewahrheiteten, nahmen wir einen Freitag frei und starteten eine umfangreiche Testreihe. Im Grunde sollte das Gesamtkonzept unter Realbedingungen auf den Prüfstand, und ein Teil davon war die weiße Honda. Sie sollte z.B. wie ein Auto zu nutzen sein, also auf der Autobahn, und ohne viel Romantik. Das Autofeeling war sofort da, als wir eine Stunde lang im Stau vor dem Elbtunnel feststeckten. Danach rauschten wir mit stattlichen 130 Sachen mit dem Strom der Bekloppten. Ohne die Kaffeepause irgendwo bei Hildesheim (die Autofahrer bestimmt nicht machen), und die herrliche Umleitung am Südharz (die das Navi nicht kannte), wären wir in Nullkommanix in Hörden gewesen. So waren es 5 Stunden. Wie immer, nur blöder.

Wir richteten uns auf dem Edelhof ein und führten verschiedene Messungen durch, Nach der Arbeit blieb genug Zeit für eine Runde durch den Harz. So sahen wir die vertrauten Strecken noch nie, alles sah winterkahl, monochrom und total verändert aus. Die Straßen waren vollkommen leer, die Honda fuhr willig um die Kurven, bügelte alles babyweich und der Einkauf vom Edeka in Ellrich  passte in das schreckliche Topcase. Dazu schien die Sonne mit Laserstrahlen auf das blasse, auftauende Land.

Auf der Heimreise versuchten wir einen Mix aus Autobahn bis Braunschweig, auf der wir das einzige Fahrzeug waren, und langen geraden Bundesstraßen über Celle. In der dortigen Hafencity liefen wir herum, bis uns wieder warm war. Auf der B3 schwand die Wärme leider wieder, außerdem will man auf diesen Straßen eigentlich mit einem Cruiser cruisen, wenn schon denn schon. Dennoch kamen wir überraschend entspannt an, mit kalten Füßen und abgehakten Checklisten.



Sonntag, 13. März 2022

Tatsachen

Es waren unübersehbare Tatsachen: Der Winter war tatsächlich am Ende, Corona irgendwie auch, die Dunkelheit war hell, und Anjas Rebel sprang an, als wäre nichts gewesen. Erstmalig waren die beiden Hondas zusammen unterwegs. Es ging erstmal zur Jet an der Feldstraße. Jemand fürs Foto fand sich, und wir hatten genug auf dem Konto, um die Tanks randvoll zu machen. Trotzdem fuhren wir nur mit Halbgas durch die Sonne, schön gemächlich mit 60 Sachen am Deich entlang, so wie all die anderen Biker, die wir grüßten wie beste Freunde. Aus dem Osten wehte ein kalter Wind. Bei mir war es das Schutzschild, bei Anja das wiedergewonnene Gefühl der Freiheit, dass für einen Nachmittag lang alles von uns abschirmte. Wir kamen bis Lauenburg, das war weiter als geplant. Es gab Cappuccino an der Tanke, und einzelne warme Strahlen auf der Jacke, im Windschatten. Dann ging es denselben Weg zurück, jetzt mit dem Wind im Rücken und großen Plänen im Kopf.



Samstag, 26. Februar 2022

Lost Christianos

Okay, der Winter ist lang, das wussten wir vorher, und konnten es auch gar nicht ändern. Meine neue Honda nahm manchem Wind und Wetter den Schrecken, aber erstens funktionieren die Heizgriffe nicht mehr und außerdem regnete es meist düster durch die Nachmittage.

Die rote Honda auf Teneriffa hatte gar keine Heizgriffe, dafür ehrbare 99999 Kilometer auf der Uhr. Wir hatten sie eine Woche lang, um von Los Christianos aus ambitionierte Bergstraßen, geröllige Küsten und immer noch einmal die Krater am Rande des Universums zu erkunden. Wir absorbierten eine irreale Welt aus sonniger Leichtfüßigkeit, pfeifender Kälte auf 2000 Meter, einsamen Kurven und wüstem Beton für Engländer. Abends parkten wir die Honda in einer Seitenstraße, schauten der Welt am Fährhafen zu und freundeten uns mit der Playlist des örtlichen Alleinunterhalters an. Gerade als wir uns daran gewöhnt hatten, wurde unser Flug ausgerufen. Die Sonne hatten wir heimlich im Koffer eingepackt und mitgenommen.



Sonntag, 19. Dezember 2021

Eisgrau

Als wir vorweihnachtlich bei Freunden saßen, musste mir wüste Anschuldigungen von Fußgängern anhören. Vom Warmduschen war die Rede, und von einem Blog ohne Update seit Monaten. Am nächsten Morgen nahm eine Aspirin, zog Thermounterwäsche an und startete die Honda. Es war ein schöner grauer Dezembertag. Ich fuhr ein Stück auf der Autobahn, mit 130 Sachen gegen peitschende Böen bei 6 Grad. Im eleganten Bogen kurvte ich die Köhlbrandbrücke hoch, machte noch eine Zigarettenpause am Kreuzfahrerterminal, hielt die Nase in den Wind, schaute auf die Uhr. Die eisgraue Honda, seit einer Verschlankungsaktion ohne den beheizen Sitz und andere fragwürdige Details, brachte mich mit Nachdruck und großer Klarheit durch die monochrome, kalte Stadt der warmen Duschen.



Samstag, 6. November 2021

Abenteuerland

Die Himalayan wohnt jetzt in Berlin, die Bolt wartet auf den Frühling, und ich fuhr im Regionalzug nach Ahrensburg-Gartenholz. Eine Dreiviertelstunde später steuerte ich eine Honda 500 Enduro durch den ungemütlichen Herbsttag. Das flutschte ganz easy, auch wenn ich mich an die turmhohe Sitzposition erst noch gewöhnen musste. Zufälligerweise eingeschaltet, und gar nicht unangenehm war der beheizbare Sitz sowie der vollkommene Windschutz. Sonst wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen, gleich bis nach Strukdorf durchzufahren und dort das weiße Adventurebike stolz vorzustellen. Einen Keks später testete ich bei harschem Gegenwind die Autobahn bis Segeberg, dann trüb-feuchte Landstraßen nach Kaltenkirchen. Offenbar war es so kalt, dass das Handy abkackte. Ich fühlte mich wohl. Es folgten Umleitungen, Baustellen und schließlich mehrere anstrengende Versuche, ohne Autostau nach Hamburg reinzukommen. Ich zeigte der Honda ihren Platz in der Garage und im Kopf bildeten sich erste ausufernde Pläne.



Sonntag, 31. Oktober 2021

Letzte Runde

Saisonkennzeichen, Endzeitstimmung. Dass der allerletzte Tag des Oktobers sonnig, golden und warm wird, damit rechnete niemand und wir hinterfragten diese Geste auch nicht. Wir holten die Cruiser aus der Garage und gönnten der Bolt eine würdige Abschiedsrunde. Die Strecke durfte sie sich selber aussuchen, und überraschenderweise zog es sie nach Süden, in die Weiten der Nordheide. Genussvoll ging es durch übertrieben goldgelbe Waldstücke und über freies Feld in mildem Herbstlicht. Wir verwendeten viel Energie auf das finden geeigneter Fotospots, der zunehmend störende Autoverkehr auch an Sonntagen erschwerte dies zusätzlich. Die meiste Zeit glitten wir aber einfach dahin, spürten ein letztes Mal den knapp 15 Grad warmen Luftstrom und erlaubten uns eine Waffel mit Vanilleeis in Soltau. Schließlich war eine Art Feiertag. Feierlich, aber mit Blick auf die Uhr, planten wir um die vielen B3-Sperrungen herum einen überraschend gut zu fahrenden, kleinteiligen westlichen Bogen, der uns an die Schnellstraße in Harburg brachte. Ab da gab es kein Zurück mehr. Die Dämmerung kam, die Bolt wurde noch kurz gewaschen und dann abgestellt.



Sonntag, 24. Oktober 2021

Gold

Inzwischen war selbst der Oktober fast rum, und einmal kam noch ein strahlend kalter Sonntag. Ich musste schnell noch einen möglicherweise letzten Einsatz der Bolt inszenieren. Scheiß auf die Temperatur, den Autostau, auf alles, Cruisen ist das einig Wahre. Ich sah unfassbar gut aus, das war sicher, und die Fahrt fühlte sich stark an, frei, männlich. Das Licht war aus purem Gold. Genau wie die gesamten 2 Stunden im späten Oktober.