Am Samstag war alles auf darstellendes Cruisen ausgelegt. 17 Grad, grelles Aprillicht und mehrere Bikerevents mit Outlawschwerpunkt im Flatland des Südwestens. Für den guten Auftritt legten wir Wert auf Minimalistik: ohne Funk, Trinkflasche oder Goretex ging es los. Am Lenker der Bolt klemmte das unauffällige Beeline Device, das fiel nicht auf. Alles war unfassbar lässig, als wir die B3 entlangzogen. Aber der locker-flockige Rückenwind machte uns auch misstrauisch. Genau genommen macht er uns Angst, und zwar vor der Rückfahrt, hundert Kilometer gegenan. Ohne Funkverbindung einigten wir uns auf eine Planänderung. Wir kurvten noch eine Weile über die Geraden zwischen Soltau und Rotenburg herum, einem unbekannten und auf eine Art interessanten Gebiet, zu dem wir nie über ein ambivalentes Verhältnis hinaus kamen. Immerhin entdeckten wir in Neuenkirchen (von dem wir nicht wussten, dass es existiert) ein Weltklasse-Bauernhofcafé. Danach ging es wie von selbst nochmal über die lonesome Highways der Heide. Aber die Kälte begann zu kriechen. Und egal wie kurzhosig die Leute in der Stadt herumliefen, auf der Heimreise hatte erneut nichts mehr Kraft als sie Vision einer warmen Wanne.
über 20 Jahre !!!
Samstag, 23. April 2022
Montag, 18. April 2022
Im Gehölz
Nochmal Ostern, anderes Konzept. Noch etwas wärmer angezogen nahm ich meine weiße Honda, mit Windschutz und (inzwischen reparierten) Heizgriffen. Es ging kleinstteilig nach Neukoppel. Erst ganz entspannt durch die endlose Stadt, bis Duvenstedt und andere Orte, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Das Vio lotste uns durch Knicks und Wälder, über Katzenköpfe durch die Feldmark, bis ab und zu nur noch entfernt Bekanntes auf den Wegweisern erschien. Anja folgte auf der Rebel und ich war neidisch, weil sie so gut aussah, hatte zeitweise aber ein schlechtes Gewissen wegen der üblen Wegstrecke. Aber sie hatte überhaupt nichts zu beanstanden und die Rebel auch nicht. Der befürchtete sibirische Eissturm war erst einen Kilometer vorm Ziel plötzlich spürbar. Aber bei Telse gab es eine windschattige Ecke, wo man gern hängengeblieben wäre. Zurück hatten wir den Wind im Rücken, das flog sich wie von selbst. Erst über die B75, dann suchten wir aus Angst von den Osterheimkehrern einen Hintereingang in die Stadt, wieder bei Wohldorf durchs Gehölz. Das funktionierte gut, alles blieb entspannt, und die Heizgriffe blieben den ganzen Tag aus.
Samstag, 16. April 2022
Ancruisen
Mitten im April, Ostersamstag. Lederjacke anziehen, Jeans, Jethelm. Bolt anlassen. Nach 5 Monaten ist das ein ergreifender Moment. Mit alles durchdringender Coolness bullerte ich durch die Schanze zur Jet Tanke und tankte. Ich wollte noch die Reifen aufpumpen, aber es hatte sich schon eine Warteschlange aus Lastenrädern gebildet. Die Bolt fuhr trotzdem grandios. Es musste nicht weit sein, ich wollte rollen, sonst nichts. Auf der Schnellstraße mit satten 80 Sachen nach Bergedorf, weiter bis Geesthacht und sogar Lauenburg. Die Sonne schien gleißend, der Wind zog kalt und war herrlich. Ich fuhr die Deichstraße zurück, mit kleiner Fahrt und ohne Halt. Am Ende wollte ich nur noch in die warme Wanne.
Sonntag war Anja dabei. Die Rebel und die Bolt gaben ein respekteinflößendes Bild ab. Diesmal waren es ein paar Grad mehr und wir hatten die warmen Sachen an. In Anjas Beeline hatten wir eine Route durch die Nordheide programmiert. Sie führte um die Sonne herum auf einsamen Umlaufbahnen durch die Tiefe des Raumes. Die Maschinen glitten durch den leeren Osternachmittag, hier war niemand außer uns und am Waldrand gab es einen zarten Grünschleier. In Amelinghausen dockten wir am Eiscafé an und verargumentierten eine Ausnahmeportion warmen Apfelstrudels. Auf dem Rückweg stoppten wir am Köhlbrand und schauten rüber zur Stadt. Sie war angestrahlt und leer. Alles war gut, die Dosis richtig, die Zukunft strahlend.
Sonntag, 3. April 2022
Wird nicht langweilig.
Es hätte Alternativen gegeben, an diesem spätwinterlich-sonnigem Samstag nach Strukdorf zu gelangen. Wir hatten auch alle durchdiskutiert und uns für die einzig denkbare Version entschieden. Mit warmer Funktionswäsche und beheizbaren Socken tasteten wir uns zu zweit auf der CB 500 X Richtung Bargteheide aus der Stadt heraus. Auf dieser Route ist man maximal lange im Stadtgebiet unterwegs, kriecht mit 50 Sachen durch den Verkehr und kann sich an tausend Ampeln aufwärmen. Über Land ging es frontal gegen einen scharfen Eiswind aus Nordost an. Auf dem letzten Drittel zog die Kälte in die Knochen, aber trotzdem: das Fahren über die graubraunen Nebenstraßen zwischen Reinfeld und dem Anwesen machte Laune wie schon lange nicht mehr. Den Abend verbrachten wir mit großer Runde in Luxuslimousinen und Feinschmeckerrestaurants. Sonntagfrüh fuhr ich bei 3° nach Segeberg zum Brötchenholen, aber der Bäcker existierte nicht mehr. Später, auf der Fahrt nach Hamburg, war die Temperatur wie am Vortag, aber es kamen noch Schauer dazu. Einen sahen wir von der Ferne, beim nächsten stellten wir uns unter, und zum Schluss fuhren wir einfach durch. Es hätte alles so langweilig sein können!
Sonntag, 27. März 2022
Proof of Concept
Als die Temperaturen sich bewahrheiteten, nahmen wir einen Freitag frei und starteten eine umfangreiche Testreihe. Im Grunde sollte das Gesamtkonzept unter Realbedingungen auf den Prüfstand, und ein Teil davon war die weiße Honda. Sie sollte z.B. wie ein Auto zu nutzen sein, also auf der Autobahn, und ohne viel Romantik. Das Autofeeling war sofort da, als wir eine Stunde lang im Stau vor dem Elbtunnel feststeckten. Danach rauschten wir mit stattlichen 130 Sachen mit dem Strom der Bekloppten. Ohne die Kaffeepause irgendwo bei Hildesheim (die Autofahrer bestimmt nicht machen), und die herrliche Umleitung am Südharz (die das Navi nicht kannte), wären wir in Nullkommanix in Hörden gewesen. So waren es 5 Stunden. Wie immer, nur blöder.
Wir richteten uns auf dem Edelhof ein und führten verschiedene Messungen durch, Nach der Arbeit blieb genug Zeit für eine Runde durch den Harz. So sahen wir die vertrauten Strecken noch nie, alles sah winterkahl, monochrom und total verändert aus. Die Straßen waren vollkommen leer, die Honda fuhr willig um die Kurven, bügelte alles babyweich und der Einkauf vom Edeka in Ellrich passte in das schreckliche Topcase. Dazu schien die Sonne mit Laserstrahlen auf das blasse, auftauende Land.
Auf der Heimreise versuchten wir einen Mix aus Autobahn bis Braunschweig, auf der wir das einzige Fahrzeug waren, und langen geraden Bundesstraßen über Celle. In der dortigen Hafencity liefen wir herum, bis uns wieder warm war. Auf der B3 schwand die Wärme leider wieder, außerdem will man auf diesen Straßen eigentlich mit einem Cruiser cruisen, wenn schon denn schon. Dennoch kamen wir überraschend entspannt an, mit kalten Füßen und abgehakten Checklisten.
Sonntag, 13. März 2022
Tatsachen
Es waren unübersehbare Tatsachen: Der Winter war tatsächlich am Ende, Corona irgendwie auch, die Dunkelheit war hell, und Anjas Rebel sprang an, als wäre nichts gewesen. Erstmalig waren die beiden Hondas zusammen unterwegs. Es ging erstmal zur Jet an der Feldstraße. Jemand fürs Foto fand sich, und wir hatten genug auf dem Konto, um die Tanks randvoll zu machen. Trotzdem fuhren wir nur mit Halbgas durch die Sonne, schön gemächlich mit 60 Sachen am Deich entlang, so wie all die anderen Biker, die wir grüßten wie beste Freunde. Aus dem Osten wehte ein kalter Wind. Bei mir war es das Schutzschild, bei Anja das wiedergewonnene Gefühl der Freiheit, dass für einen Nachmittag lang alles von uns abschirmte. Wir kamen bis Lauenburg, das war weiter als geplant. Es gab Cappuccino an der Tanke, und einzelne warme Strahlen auf der Jacke, im Windschatten. Dann ging es denselben Weg zurück, jetzt mit dem Wind im Rücken und großen Plänen im Kopf.
Samstag, 26. Februar 2022
Lost Christianos
Okay, der Winter ist lang, das wussten wir vorher, und konnten es auch gar nicht ändern. Meine neue Honda nahm manchem Wind und Wetter den Schrecken, aber erstens funktionieren die Heizgriffe nicht mehr und außerdem regnete es meist düster durch die Nachmittage.
Die rote Honda auf Teneriffa hatte gar keine Heizgriffe, dafür ehrbare 99999 Kilometer auf der Uhr. Wir hatten sie eine Woche lang, um von Los Christianos aus ambitionierte Bergstraßen, geröllige Küsten und immer noch einmal die Krater am Rande des Universums zu erkunden. Wir absorbierten eine irreale Welt aus sonniger Leichtfüßigkeit, pfeifender Kälte auf 2000 Meter, einsamen Kurven und wüstem Beton für Engländer. Abends parkten wir die Honda in einer Seitenstraße, schauten der Welt am Fährhafen zu und freundeten uns mit der Playlist des örtlichen Alleinunterhalters an. Gerade als wir uns daran gewöhnt hatten, wurde unser Flug ausgerufen. Die Sonne hatten wir heimlich im Koffer eingepackt und mitgenommen.
