über 20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Sonntag, 8. Januar 2023

Randbereich

Wintertage mit 10°C sind absolut innerhalb der Komfortzone. Ich war trotzdem etwas ängstlich und strickte am Tomtom eine sichere Kirchturmfahrt zusammen, die jedes Restrisiko vermied. Sie führte im Bummeltempo durch den Hafen nach Harburg, und dort zunächst durch ein Wohngebiet gefolgt von Bergwäldern, die sonst allenfalls Naherholende sehen (welche auch im Überfluss vorhanden waren). Auf dem südöstlichen Bogen Richtung Meckelfeld war ab und zu auch ein Stückchen befreiende Landstraße dabei, aber das Tempo blieb durchweg zweistellig. Über Over kam ich zurück auf die Elbinseln, dort improvisierte ich durch den diffusen Randbereich zwischen Marsch und Industriegebiet. Niemand war unterwegs außer mir, ich musste mich um nichts kümmern, außer rechtzeitig bei einer warmen Suppe zu sein, kurz bevor die Füße kalt wurden.



Sonntag, 1. Januar 2023

Reset

Am Neujahr kam Licht und Milde, als hätte jemand auf den Reset-Knopf gedrückt. Wir gaben uns der Illusion bedingungslos hin, indem wir uns, nach länglicher Diskussion über die Fahrzeugwahl, mit der 500X dorthin fuhren, wo der neue Wind herkam. Das war irgendwo weit im Westen, in der Marsch hinter Wilster. Zerstreute Sonne strich gelb und schräg über die leeren Weiten, durch die wir staunend auf Nebenstraßen rollten, den Moment absorbierten und nichts hinterfragten. Der Bogen spannte sich bis kurz vor Itzehoe, in Glückstadt schauten wir dem großen Fluss nach. Auf dem Weg nach Elmshorn schaltete ich die Heizgriffe ein, dann ging es auf der Autobahn zurück in die Dunkelheit. Das war okay, denn wir hatten das Licht gesehen.



Samstag, 24. Dezember 2022

Wie Weihnachten

Weihnachten feucht und mild, so mag man es. Wir zogen beheizte Socken und Handschuhe an, bepackten das Schreckliche Topcase deutlich über die Lastgrenze und rollten durch Wandsbek aus der leeren Stadt hinaus, hinein in den trübsten aller Nachmittage. Die Menschen in den Häusern hingen wohl Schmuck an Bäume und sangen fromme Lieder, aber das war Lichtjahre entfernt, auf unserem einsamen Weg durch die Feldmark und die Wälder, über die mit Wucht eine endzeitige, graublaue Dämmerung hineinbrach. Der Scheinwerfer stach einen Laserstrahl in den dicken Nebel, so dass sich die ganze Welt auf einen verlorenen Lichtblick reduzierte. Strukdorf glühte am Ende der Finsternis, wir rollten auf das Anwesen mit dreckigen Schuhen und dem summenden Gefühl eines bestandenen Abenteuers. Aus unserer Sicht (und der unserer Gastgeber) eine Legitimation zum Verheizen eines Waldes sowie die Vertilgung dessen Bewohner.




Sonntag, 13. November 2022

Der Sonne entgegen

Auf dem Wetterbild gab es kalte Sonne im Westen, ein Lichtblick, der mich anzog. Die Honda stand wetterfest bereit, ich hatte mehrere Lagen drunter und fühlte mich gut, als ich durch den Verkehr in den hellgrauen Nachmittag aufbrach. Zwischen Quickborn und Pinneberg gab es schöne Momente hinter der Scheibe, ich pflügte mit manchmal dreistelligem Tempo durch die Klarheit der Marsch. Die Temperatur war dabei gut auszuhalten, aber ich fragte mich allmählich, wo die Sonne war. Meine Weltraumkenntnisse sind überdurchschnittlich, daher wusste ich, dass sie da irgendwo ist. Aber hier nicht. Ich absorbierte noch eine Weile die einsame Leere des Raumes, schaltete die Heizgriffe ein und gönnte mir noch eine eisige Extratour über Haseldorf und Wedel. Durchgefroren erlebte ich den Wiedereintritt. Leider kam niemand, um mich als Held zu feiern.





Montag, 31. Oktober 2022

Am Endpunkt.

Der Wetterbericht war, als wolle uns jemand schnell noch einen Geschenkkorb mitgeben. Ja, der Termin wog schwer, daher diskutierten wir, bis ein Kompromiss auf dem Navi stand. Wo kam alles zusammen, echte 22 Grad, eine würdige Unterkunft, am Endpunkt 200 Kilometer goldgelb leuchtender Nebenstrecken? In Braunschweig. Vor Aufregung verirrten wir uns im Gewirr zwischen Harburg und Meckelfeld, aber das war alles vergessen, als der irreal warme Tag als endloses, störungsfreies 90-Km/h Kontinuum vorbeifloss. Wir hätten jauchzen sollen, aber es war stattdessen ein introvertiertes Genießen ohne Pathos, mit den Sinnen auf Asphalt, Licht, Motor. Irgendwann liefen wir in Braunschweig ein, parkten vor Fachwerk und verbrachten einen lauen Abend in Every German Innenstadt.

Der Montag war noch ein Sonntag, unter der im Prinzip gleichen Sonne und auf der gleichen Strecke. Die Fahrt nach Norden bedeutete nochmal dreieinhalb Stunden Gold, allerdings verlor sich ab der Hälfte die Wärme im Nebel. Wir erreichten durchgefroren und wortlos die Stadt am Endpunkt des Oktobers, sahen super aus in Jeans und Lederjacke, und bereuten keinen Meter.



Freitag, 28. Oktober 2022

Das Licht

Es war ein Nobrainer, einen Urlaubsfreitag einzureichen, an einem Saisonende wie noch nie. Wir schmierten ein paar Brote, warteten auf die Sonne und fuhren ihr auf bekannten Routen entgegen. Keine Experimente: Lauenburg, Boizenburg, B195 durch die Elbauen. Die Funktionswäsche war überflüssig, auf den gelbflirrenden Alleen war uns eher zu warm. Darüber beschwerte sich heute aber niemand. Die Bolt und die Rebel glitten durch den goldenen Tag, und in Dömitz gab es einen Sonnenplatz und Frikadellen. Das Zweitbeste (nach dem Wetter) war die Tatsache, dass kein Wochenende war, was bedeutete, dass wir die Verbotene Straße durch das Gebirge auf der anderen Seite fahren durften. Wir taten das mit Genuss und extra langsam. Ansonsten merkt man in dieser leeren Gegend nichts vom Werktag. Wir hingen noch die bummelige Deichstraße dran, wissend, dass irgendwann die Dämmerung kam. Und auch die Dunkelheit. Aber heute hatten wir noch einmal das Licht gesehen.

Sonntag, 23. Oktober 2022

Alles.

Ein milder Oktobertag und das Wunder der motorisierten Bewegung, das ist alles was man will. Die Route war gar nicht so wichtig, wir fuhren in den Süden, weil es dort ein Grad wärmer war. Entscheidend war das starke Gefühl der Bolt unterm Arsch, durch gelbe Alleen schiebend, Anja mit der Rebel im Rückspiegel und geputzte Stiefel an den Füßen. Die Stadt und die Probleme der Welt lagen wo sie hingehörten: weit hinter uns und kaum noch zu sehen. Ein umfassender, gleichgültiger Schwebezustand mit 90 Sachen blendete auch die immer zahlreicher werdenden Sonntagsfahrer aus. Die Beeline Tour war auf 150 Km ausgelegt, mit einem geteilten Kuchen in Bispigen. Eine perfekte Dosis, die noch Raum für einen Umweg ließ. Wir hatten alles, der Rest war für Fußgänger.