Ende September kam die Dunkelheit wie eine Ramme, aber gemeinsam mit einem letzten Schwall warmer Luft. Hat man sich dran gewöhnt, kann man was draus machen. Die Hafenrundfahrt im Lichtermeer, unter der Woche, brachte zum Beispiel bleibende Eindrücke von Neon, Schwärze und kolossalem Güterverkehr. Die guten Ecken waren schon besetzt, aber ein, zwei Lost Places hatten wir für uns. Wir hatten ein Alkfreies dabei, alberten mit den Bikes rum, der Sommer war nochmal ganz kurz endlos, ein heller Moment im Dunkel.
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Donnerstag, 28. September 2023
Sonntag, 24. September 2023
Wiedereingliederung
Zurück in der Realität hatte ich hatte die besten Absichten, etwas Tröstendes zu finden. Gleich am nächsten Tag nahm ich die Bolt und fuhr nach Mecklenburg. So schlecht konnte es nicht sein. Immerhin: Die Kraft war der Maschine überwältigend, streckenweise fuhr ich über HUNDERT KM/H! Und tatsächlich, auf mühsam erarbeiteten, freien Alleen jenseits von Boizenburg gab es ein paar gute Momente. Ich fuhr weiter auch als es kalt durch die Lederjacke zog. Viel zu kalt. Als ich zurück kam war ich krank.
Ich gab aber nicht auf, überredete Anja am Samstag zu einer kleinen Ausfahrt nach Norden. Ich nahm die 500X, mit Schnupfnase und warmer Jacke. Leider auch mit der idiotischen Idee, einer 'spannenden Route' des Tomtom zu folgen. Als ob nicht alles schon schlimm genug wäre, gurkten wir den halben Tag durch Wohn- und Gewerbegebiete Norderstedts und Henstedt-Ulzburg.
Letzte Chance Elbdeich. Diesmal SR und Rebel. Kühle Fahrt durch den Hafen am Sonntag, langsam am Deich entlang bis kurz hinter Hoopte. Dort saßen wir auf einer Bank mit Sonne von hinten. Die Bank bot Raum für Konzepte und Fluchtgedanken. Ja, es geht irgendwie weiter, aber leicht wird es nicht.
Donnerstag, 21. September 2023
Provencekatapult
Erst waren wir mit 11000 PS unterwegs, am nächsten Tag waren es nur noch 11. Allerdings gleich zwei Mal, in je einer Mash Seventy, die wir in Marseille übernahmen und auf den Weg machten zu einer gewagten Expedition in die Haute Provence. Ein wenig Unsicherheit war schon dabei, aber eins wussten wir genau: Mit Hundertfünfundzwanzigern findet man garantiert immer den besten, kleinsten und verschlungensten Umweg durch die Pampa. Castellane zu erreichen erschien uns schon als Leistung. Es ist das Zentrum der Motorkultur Europas. Dass wir letztlich alle Highlights der Region abfrühstückten, darunter Gorge de Verdon, und diverse hochalpine Pässe, das übertraf alle Erwartungen. Mit den 125ern am Col de la Bonette vorzufahren, da waren wir King und Queen. Zehn Tage diese unverschämte Leichtigkeit, das war der wahre Luxus und Abenteuer zugleich. Am Ende war noch etwas Marseille als Fußgänger übrig, dann ging es per Schienenkatapult zurück in die grausame Realität.
Samstag, 9. September 2023
Wheels and Wake
Ich habe auf alles verzichtet, trank alkoholfrei und war früh im Bett. Im Gegenzug war ich morgens um 10 in Norddeutschland mit der Bolt unterwegs, auf dem Weg nach Westen. im Laufe der Fahrt entwickelte sich ein brennend heißer Tag. Im Hoodie, auf freier Bahn, das waren im Grunde Idealbedingungen für amtliches Highwayfeeling. Aber, machen wir uns nichts vor, die Strecke über Bremervörde an die Weser ist und bleibt trostlos, sie zieht sich endlos durch immer gleiche Landschaft. Drüben, auf der anderen Weserseite, faszinierte zumindest die Plattheit, und alles wurde egal, als ich endlich auf dem Gelände des Wheels and Wake eintraf. Zweieinhalb Stunden coolste Custom Bikes und irre Sandrennen reichten, um dehydriert aber erhobenen Hauptes wieder die Bolt anzulassen, und im Spätnachmittagslicht aufzubrechen. Alles war total cool, vor allem die Sisibar, nur der Tank war fast leer. Ich kam noch am Grünendeich vorbei, behielt die Sonnenbrille auf und bestellte Cappuccino.
Sonntag, 3. September 2023
Flucht nach hinten
Sämtliche gedanklichen Falldiagramme unter Einbeziehung vager Wetterprognosen, Urlaubskonten und Routenplänen waren anstrengend und liefen immer auf dasselbe Ergebnis hinaus. Glemseck war unerreichbar. Das war schade aber auch schön, als ich allein mit der Honda unterwegs war, das Schreckliche Topcase prall gefüllt, auf einer "spannenden Route" des neuen Tomtom Riders, durch die Nordheide auf den Weg zum Edelhof. Ein Gefühl der geglückten Flucht begleitete mich, und auch das Umfahren irgendwelcher Schauerzellen war nicht nötig, weil sie gar nicht vorhanden waren. Ich hielt mich trotzdem sicherheitshalber weit östlich, kam seitlich an Wolfsburg vorbei. Die Sonne kam wieder raus, als die ersten Bergketten in Sicht kamen. Seltsam ausgeruht kam ich an, lud ab und fuhr gleich wieder los, zum Einkaufen. Der frühe Abendlicht war einfach zu spektakulär für direkte Wege. Ich programmierte einen Umweg über den Sonnenstein, inzwischen mein Lieblingsort, nur 10 Kilometer entfernt, praktisch auf dem Weg zum Rewe.
Samstag, 26. August 2023
Fluffig introvertiert
Eine neue Frische war über Nacht aus Norden gekommen, mit Wind und sauberer Luft. Anja ging arbeiten, und ich in die Garage. Die 500X war genau richtig für diesen Tag. Ich fuhr nur mit eine ungefähren, nördlichen Idee los. Das Navi schaltete ich erst in Kaltenkirchen an, die dort im Hinterland versteckten Kurvenstrecken hatte die Honda ganz von selbst gefunden. Im weiteren Verlauf hatte sie sich scheinbar mit dem Tomtom abgestimmt und schob immer neue, immer verstecktere Wald- und Wiesenstrecken unter die Reifen. Fluffigkeit bestimmte alles, ich hatte nichts zu tun außer immer weiter zu fahren, allein, mal introvertiert, mal voll dabei, in grüner Augustfrische, querfeldein auf die Ostsee zu. Unterwegs fuhr in in Strukdorf einmal übers Gehöft, aber es schien verlassen. Der Endpunkt war Travemünde, dort waren viele Menschen, was mich fast überforderte. Halb nostalgisch, halb staunend erlaubte ich mir ein Cornetto-Nuss unter Touristen und plante eine ausschweifende, weiterhin sehr abwechslungsreiche Rückfahrt: Ein Stück Autobahn, dann kleinteilig durch die Feldmark bei Trenthorst, auf einsamen Landstraßen bis Schönberg, am Ende auf der Mittelalterpiste zwischen Siek und Rahlstedt, im Stehen mit 60 Sachen. Abends hielt ich Anja Vorträge über Honda, und wie toll alles ist.
Montag, 21. August 2023
Kilometerrausch
Langes Wochenende - ab nach Hörden. Das könnte inzwischen Routine sein, aber dieses Abenteuer begann z.B. gleich am Rangierbahnhof Maschen, wo wir uns verfuhren wie noch nie. Auf den bekannten Heiderouten ging es dann nach Süden, wo es immer einsamer, heißer, staubiger und grauer wurde, und die Luft schließlich einen sirupartigen Aggregatszustand annahm. Immerhin, bei 95 Km/h waren 30 Grad einigermaßen auszuhalten, und mehr als die Cruiser entspannt laufen zu lassen, bis die Berge in Sicht kamen, brauchten wir nicht zu tun. Wir kamen rechtzeitig an, deckten uns mit Vorräten ein, und warteten auf eine Regenfront, die nicht kam.
Sonntag hatten wir alles: Sonne satt, Benzin auch, und Straßen zum Anbeten. Den Harz in West-Ost-Richtung durchqueren, das hatten wir lange nicht, und das ist tagfüllender als man denkt. Die umwerfende, schnelle Höhenstraße in dystopischer Kulisse im Westen, winkelige Kurven im Osten. Außer uns waren praktisch nur Bikes unterwegs, eine perfekte Welt. Es blieb Zeit für Exkursionen, z.B. einen Umweg durchs Bodetal. Oder die Stadt Sangerhausen, ganz am Ende im Südosten. Dort werden alle Vorurteile übertroffen. In goldenem Gegenlicht ging es durchs südliche Vorland zurück. Selbst das schnörkellose Stück Bundesstraße nach Sonderhausen wurde warmen Celluloidllook zum Highway. Als Showdown kam noch ein Umweg über den Sonnenstein, dann fuhren wir nach Hattdorf und bestellten Döner.
Ein freier Montag um nach Hamburg zu cruisen, daraus ließ sich was machen. Die Bergrennstrecke nach Claustal in der Morgenfrische, kurvig und flott nach Braunlage, Zwischenstopp bei Kucki, und Fotoshooting der Harzbahn in Drei Annen. Bis dahin waren es unfassbar gute Fahrten, voller Genuss und immer wieder mit Staunen, und es ging gerade erst los. Wir kurvten runter nach Wernigerode, ließen die Berge hinter uns und suchten uns eine unterhaltsame Route über den Huy, nach Möglichkeit autofrei östlich an Wolfsburg vorbei. Das klappte ganz gut und wir genossen es auch, mal freies Feld und Geraden zum Gleiten zu haben, dazu klare Luft zum Durchatmen. Es war Montag, aber davon war in der Fläche nichts zu spüren. Über Bodenteich und Uelzen ging die Route in vertrautes Gebiet über. Die besten Heidestrecken waren dabei, z.B. die von Eimke über Wriedel nach Amelinghausen. So war das bis zum Schluss kein Heimweg, sondern Tag 3 eines rauschenden Kilometerfests.

