über 20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Samstag, 30. April 2011

Randale



An einem Samstagvormittag wie ein Kristall brachen wir auf zur Elbuferstraße. Nicht ganz ohne Diskussion, denn wie oft wollen wir die Strecke denn noch fahren! Bis Geesthacht auf der Autobahn (wie immer), dann setzten wir über und zuckelten durch die samstäglichen Dörfer am Südufer (wie immer).  Manch Aufsitzmäher musste schwer arbeiten in den Gärten, an den Supermärkten wurde tonnenweise Grillkohle verladen. In Bleckede war gefühlt bereits bereits Sonntag. Wir saßen im Straßencafé, aber die Espressomaschine war kaputt (wie immer!). Immer weiter entfernten wir uns von der Zivilisation. Wir kreuzten mit entspanntem Tempo durch frühlingsgrelle Wälder, weißblendende Alleen, leuchtende Rapsfelder und kitschige Löwenzahnwiesen. Die ganze Landschaft wirkte wie der Faller-Katalog unter dem lupenrein strahlenden Polfilterblau des Himmels. Über freies Feld fegte brutal der eisige Nordostwind. Das Stück hinter Hitzacker, wo die Idylle  keine Grenzen kennt, tauschten wir die Fahrzeuge, so dass Anja die Iron fuhr und ich auf ihrem Lufkissenboot, welches sich vollkommen lautlos und ganz von selbst bewegt. Die ganzen kurven der B195 zurück bis Boizenburg, durch die dösenden Dörfer fuhren wir in dieser Combo, praktisch ohne dass wir jemandem begegneten. Den Abschluss bildete eine Pause bei den "5 Aposteln", dann wie gewohnt Lauenburg, Geesthacht, Autobahn, so dass wir gerade noch rechtzeitig vor der Randale-Vollsperrung in die Stadt einliefen.

geschrieben April 2011, Text auf USB-Stick gefunden im Dez. 2013.

Dienstag, 26. April 2011

Heimat am Dienstag

Nach einer arabischen Woche, die heiß war, neu und staubig, erwartete mich der deutsche Frühling wie eine grüne Bombe. Am noch freien Dienstag blieb eine Restzeit, die ich mit der Iron mangels besserer Ideen westlich von Hamburg verbrachte. Ich donnerte mit hundertzwanzig die Autobahn bis Tornesch, rollte mit teils unbeschwerter, meist jedoch uninspirierter Ziellosigkeit durch die Marsch. Elmshorn durchstriff ich abwesend, fand unbekannte Strecken durch sumpfiges Tiefland und war froh, bei Horst einen rettenden Geestrücken zu erreichen. Auch wenn die Straßen leer waren, die Gereiztheit eines Dienstagnachmittages war stets spürbar. Die Ortschaften gehörten voll und ganz den Hausfrauem in ihren Kleinwagen - das muss man auch respektieren. Ich fand mich beim Portugiesen in Pinneberg wieder, schlürfte Galao im Lärm der Vierzigtonner und sann. Ein zäher, pestender Stau auf der A7 zurück in die Stadt gab einen würdigen Abschluss.

Montag, 11. April 2011

Checkpoint Harry


Zwischen allerlei Notwendigem gleißte der Frühling durch ein Zeitfenster. Für eine Fahrt die Elbe hinauf würde es reichen. Mit sechzig Sachen zog der Elbdeich gähnend vorbei, leuchteten hier und da grellbunte Blüten im frühen Samstagnachmiittagslicht. Wir durchliefen schläfrig Geesthacht, Krümmel, Lauenburg, als der kleine Hunger kam. Geistesgegenwärtig steuerte ich den bekannten Checkpoint Harry an der Kontrollstation am westlichen Ortsausgang Boizenburgs an. Obwohl logischerweise ein Nachwendeimbiss, vermittelt das Interieur überzeugend Ostcharme. Wir bestellten die aus der großen Arte-Dokumentation bekannte Riesencurrywurst mit Salat. Gedanken an eine Weiterfahrt Richtung McPom hielten dem Reality-Check nicht stand. Zu sehr drängte die Uhr, denn es stand noch Kultur auf der Agenda. Mit jedem Meter wurde deutlicher, dass es sogar richtig knapp war und wir es nur mit angelegten Ohren auf der Autobahn schaffen würden, rechtzeitig auf die MS Bleichen zu kommen. Diese liegt beim Schuppen 50, den kennen wir natürlich. Doch weder wir noch die Navigation wussten, dass das eigentlich Bremerkay heißt. Gut, dass man auf der Freihafenstrecke auch mal 100 fahren kann, wenns drauf ankommt.

Samstag, 2. April 2011

Jahrhundertaprilstart des Jahres


Es war April und alles war gut. Die Iron sprang an wie nichts, das Gepäck für eine Nacht passte in den kleinen Rucksack, und die Sonne schien wie noch nie. Ganz und gar lässig kurvten wir aus der Stadt hinaus, dann zielstrebig mit 90 Sachen auf McPom zu. Am Rand der Landstraßen spross erstes Grün. Hinter Mölln lagen wie immer Sterley, Kittlitz und Goldensee im Abseits ders Zonenrandgebiets idyllisch im gleißenden Nachmittagslicht. Immer wieder wartete man auf die früher oder später kriechende Kälte. Am Hals, an den Fingern oder sonstwo. Aber sie kroch nicht. Es blieb einfach warm. Am Nordrand der B 208 bollerten wir über Betonplattenwege durch die Prärie und fanden schließlich die altbekannte Lieblingsstrecke über Rehna nach Grevesmühlen. Anja segelte mit ihrem Luftkissenboot über die bockige Piste, aber ich ließ mir die Rückenschmerzen nicht anmerken, wenn die Iron knallhart durch die Schlaglöcher donnerte. Endlich kamm Janny's Eis in Grevesmühlen-City in Sicht. Auch wenn der Tag noch Jung war, drängte die Uhr. Wir irrten noch ein wenig in den Wäldern nördlich der B 106 herum, vergeblich eine geheime Verbindung zum Klützer Winkel suchend, brachen ab und nahmen resigniert westlichen Kurs. Noch rechtzeitig erkannten wir, dass wir kein Geld hatten. Deshalb war die Priwallfähre keine Option. So durchkreuzten wir das frühsommerlich taumelnde Lübeck und erreichten Strukdorf, wo wir kopfschüttelnd mitten am ersten warmen Samstagnachmittag des Jahres in Empfang genommen wurden. Sünde. Nach einer lauen Sommernacht mit fröhlichen Fünfzigern im Hinterhof Lübecks begann der Sonntag beim Brötchenholen noch sonnig, zog sich unter unseren Augen zu und begann zu unserer Abfahrt zu nieseln. Auf der B 75 durchfuhren wir schlingernd das Regenband, dessen Ende wir zur Mittagszeit in Hamburg erreichten, was der Iron ein deftiges, Paris-Dakar-artiges Aussehen verlieh. Inzwischen war Hanna G. aus P. eingetroffen. Eigens für sie - sie ist ein Fliegengewicht - wurde der Badlander-Sitz montiert, auf dem sie es beeindruckende und voll coole Stadt- und Hafenrundfahrt lang aushielt, was den Sonntag im Nachhinein doch noch legitimierte.

Montag, 21. März 2011

Gänseblümchenring

Aus dem Elbtunnel fuhren wir in die Dämmerung. Auf der A7 in Richtung Süden zu fahren weckte Erinnerungen. Man konnte sich vorstellen, eine Reise anzutreten, die Maschinen beladen mit stattlicher Campingausrüstung, sehnsüchtig das Geräusch der Zikaden erwartend. Dieser Samstagabend verlief anders. Wir bogen auf die B 75 ab, dann auf die B3 (könnte man auch bis Basel durchfahren!) und kamen mit einsetzender Dunkelheit kurz vor Buchholz zum stehen. Das letzte Stück bis zum Gänseblümchenring fuhr ich mit Navigation, das erste Mal im Leben. Sofort verlor ich die Orientierung. Um uns herum bewegten sich in gleichmäßigem Tempo Buchholzer in ihren Autos die Umgehungsstraßen entlang. Bei Fran und Nico im wüstigen Neubaugebiet gab es eine Menge zu besprechen und Wohlstand satt. Der nächste Morgen war frisch und hell, von den versprochenen vierzehn Grad fehlte jede Spur. Wir gaben uns willenlos einer trägen Tour durch die Nordheide hin. Mit 90 Sachen rauschten wir verschnarcht über ockerfarbene Landstraßen. Die Sonne blendete, jedoch war die Luft aus einem Block Eis. Am Hals pfiff es schneidend rein, weil Anja die Sturmhaube für sich beanspruchte.  Und dennoch, wir mussten zugeben, dass die Strecke nicht ohne Reiz war, wie uns sie kreuz und quer durch kahle Wälder und über braune Kuppen bis an den Geestrand gleiten und schließlich am Elbdeich in Hoopte rauskommen ließ. Alles war so früh, dass als wir mit kalten Fingern in der Stadt einliefen, die Menschen übernächtigt blass vor den Cafés hockten, in Decken gehüllt, vorsichtig an großen heißen Gläsern Galao schlürfend, und uns teilnahmslos vorbeiziehen ließen.

Montag, 14. März 2011

Märzbräune

An einem Wochenende im März, wir werden es in den Geschichtsbüchern wiederfinden, glimmte ein Hauch von Frühling über der Stadt. Tief im Untergeschoss kratzten wir unter einer meterdicken Staubschicht ein Päärchen BMW's hervor. Anjas Oldtimer sprang auf Knopfdruck an (mit eingeschaltetem Licht und Heizgriffen!), in die 850 musste ich erst die bei Louis mühsam beantragte Batterie einbauen, was eine gute Stunde dauerte. Mit vagem Ziel wagten wir uns tastend aus der Stadt heinaus. Auf vertrauten Wegen durchfuhren wird das noch im allumfassenden Graubraun dämmernde Land zwischen Hamburg und Neukoppel, schlugen in Lübeck einen Rest übriggebliebene Zeit in lupenreiner Epoche-III Szenerie tot und rollten bei Telse vor, justamente als der Kaffee durchgelaufen war. Bis spät in den Nachmittag hinein zögerten wir die Rückfahrt hinaus, indem wir immer neue Kuchenstücke aufluden. Dann nahmen wir, einem Automatismus gehorchend, die spröde, noch auf Permafrost gebette B 75, erreichten müde die Stadt, und waren jedesmal irritiert, wenn wir auf einem mildem Parkplatz standen, die Helme abnahmen, wo Vögel sangen und es genossen, dass dies kein letzter schöner Tag im November war.

Montag, 18. Oktober 2010

Harz mit Sippe


Donnerstag
Endlich einmal wieder eine richtige Tour! Lang, kalt, mit Sturmhaube und voller Entbehrungen. Im Nieselregen bepackten wir die 850 und starteten in hermetischer Astronautenkleidung. Hinterm Elbtunnel trocknete es, aber das Grau der Fahrbahn verblasste unter dem des Himmels. Im Rausch der Monotonie vergaß ich die Autobahn nach Lüneburg, hielt eine Geschwindigkeit irgendwo im Spannungsfeld zwischen Genickstarre und Langeweile und fuhr die A 7 einfach immer weiter. Es hatte auch etwas Vorteilhaftes: Nie hätten wir sonst die Strecke von Soltau diagonal Richtung Braunschweig kennengelernt, bekannt als B 214. In vollendeter Reizlosigkeit reiht sich deutsches Kleinstadtgrau aneinander. Dazwischen erstrecken sich endlose Highways durch immergleichen Laubwald. Wir verfingen uns im Speckgürtel Braunschweigs, kämpften uns frei zur Entdeckung des Tages: Die B 79 über Halberstadt nach Quedlinburg. Abwechslungsreich schwingt sie über sanfte Kuppen. Am Horizont wurde bedrohlich die Silhuette des Harzmassivs im grauen Dunst sichtbar. Es war noch zu früh zum Einchecken, also schaltete ich einen Gang runter und wir bretterten die erstbeste Bergstraße hinauf. In Nullkommanix hatten wir einige der spektakulärsten Strecken abgewetzt, darunter Perlen wie z.B. das Bodetal im Indian Summer. Als wir schließlich beim Schloss vorfuhren, waren wir durchgekühlt, dumm, und im Grunde froh, dass das Abendessen schon um 19 Uhr aufgetischt wurde.

Bevor die Sippe eintraf, blieb noch der beinah komplette Freitag, den wir mit der 850 auf den Kurven des herbstbunten Unterharzes verbrachten. Wir probierten erfolglos ein paar weiße Straßen von der Landkarte, entdeckten unentdeckte Orte wie z.B Wippra, kreuzten wahllos am Südhang entlang durch Dörfer, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Entschlossen brummten wir über den maroden nassen Asphalt unter leuchtendem Gelb, tranken ehrlichen Kaffee in Gastwirtschaften, die so authentisch waren wie vor zwanzig Jahren. Am Spätnachmittag waren wie dreckig und zufrieden, als uns die inzwischen angereiste Sippe am Schloss empfing.
Am Samstag regnete es vierundzwanzig Stunden. Das war halb so schlimm, denn wir verbrachten ihn mit der gut gelaunten Reisegruppe in GPS-gesteuerten Autos, fuhren Dampfbahn, besichtigten eine Unzahl Kirchen, Cafés und Restaurants und konnten eine gewisse Entscheidungszähigkeit bis zum Schluss nie ganz abschütteln.

Sonntag
Keiner glaubte mehr daran, dass der Regen je aufhören würde. Wieder beluden wir die inzwischen bis zur Unkenntlichkeit verdreckten 850 im Nieselregen. Erst nachdem die Berge aus dem Rückspiegel verschwunden waren, etwa in Höhe Halberstadt, wurde der Asphalt trocken. Wir genossen die sonntagmorgendlich-verträumt einsame B 79, die wie ein langer ruhiger Fluss unter uns hinweg zog. Braunschweig bezwungen wir gekonnt auf den verschlungenen Stadtautobahnen des Molochs und fanden uns auf der Endlosigkeit des Highway 214 wieder. Celle kroch zentimeterweise auf uns zu. Doch den so dringend benötigten Latte Macchiato fanden wir erst im original italienischen Eiscafé „Miriam“ in Bergen an der B 3. Von hier aus war war Hamburg praktisch schon am Horizont sichtbar. Mit jedem Meter den wir stumm mit Tempo 100 nach Norden rauschten, lichtete sich die Wolkendecke, Ortsschilder trugen wieder vertraute Namen, Möbel-Kraft bei Buchholz i.d.N. weckte Heimatgefühle.. Die gelben Alleebäume standen festlich in der Oktobersonne, als wir an diesem frühen Nachmittag in die Großstadt einrollten.