Frankreich hat praktisch alles was man braucht. Sonne, die einzig wahren Päin-o-Scholola, an jeder Kreuzung einen Carrefour und immer einen netten Zeltplatz in der Nähe. Vor allem aber: Weite, durch die ungestörte Landstraßen führen, auf denen man ganztägig gleitet, durch Flusstäler schwingt, über Mittelgebirge kurvt und durch die Jahrtausende staunt. Zweieinhalb Wochen kreuzten wir ab Narbonne von Kreisel zu Kreisel durch die Große Nation. Zuerst in einem irren Schlag bis an die Bretagne, dann Eingebungen, Flüssen oder grünen Straßen folgend peu a peu in bis den Süden, wo die Zikaden sirren und man ohne Jacke fährt.
Alle Details in Kürze aus der Abt. f. Reiseberichte.über 20 Jahre !!!
Freitag, 12. Juli 2013
Sonntag, 16. Juni 2013
Das Universum
Der Sonntag drohte zu enden, aber die Erwartungen an ihn waren höchstens teilweise erfüllt. Zuerst war es wolkig, mit einem scharfen Wind aus Südwest. Einen Latte in Wedel, mehr wollten wir nicht. Leider war überall Stadtfest, und ansonsten verkaufsoffener Sonntag - dumpfe Autokolonnen überall. Vielleicht hörte das in den Elbmarschen auf. Hinter Uetersen türmten sich aber schwarze Wolken und so weiter und so fort, irgendwas war immer. Wir fanden uns ganz woanders wieder: Entenwerder. Dort sieht es aus wir in Opas Gartenbude, es gibt nur eine Sorte Kuchen und Filterkaffee. Später waren wir auf dem Balkon und bruten Burger. Jetzt wäre normalerweise der Tatort gekommen. Ich täuschte jedoch vor, nach Hause zu fahren, bog heimlich ab und atmete tief die frische Abendluft auf der B4 ein. Über den Knicks versank die Sonne, dazwischen zog mich schnurgerade die Straße in die Dämmerung. Von Quickborn die Querverbindung nach Norderstedt. Die endlose Ulzbuger Straße mit gleichmäßigem Tempo zurück, die banalste Neonreklame wurde cool, im Rückspiegel verglühte das Universum.
Sonntag, 9. Juni 2013
Altmärkischer großer Bogen
In einem groß angelegten Bogen durch die Sonne cruisen, bis zum Harz. Das wäre was, um die in Schieflage geratene Work-Bike-Balance zu richten. Samstag, gleich nach dem Frühstück lag die Welt offen vor uns. Die B3, endlos, und auf angenehme Weise reizarm, ging durch den Vormittag. Hinter den Wäldern war Heide, oben helles Blau. Auf der Straße außer uns: niemand. In Soltau bogen wir ab, Richtung Osten. Da kamen militärische Spielplätze und mittendrin ein Ort namens Munster. Eine Themenstadt für Olivgrün und Kanonen. Das war gleich vergessen, als wir uns wieder auf dem Highway und ganz in uns selbst befanden. Gleichmäßig, ohne jeden Störeinfluss glitten wir mit der einmal eingestellten Lieblingsgeschwindigkeit dahin. Als Anja sich nach der Altmark erkundigte, wuchs auch gleich die erste der wuchtigen Klotzkirchen aus dem Horizont. Wittingen, Brome, lichte Dörfer zogen vorbei, menschenleer, staubfrei und trotz Sonnenschein frappierend farblos. Überraschend: Die Hügel der Altmärkischen Schweiz, wer hätte das gedacht. Doch meistens, viele Kilometer am Stück, nichts, einfach nur das entspannt in der Landschaft liegende Asphaltband und der Fahrtwind, als wäre man sonstwo. Haldensleben tauchte matt am Horizont auf und verschwand. Wir verließen die Hauptstraße und suchten uns Wege durch Dickicht, über Berg und Tal, Hohlwege und Sackgassen. Dann die Türme von Halberstadt, flirrend im heißen Gegenlicht. Am Markt, 2 Kugeln Schoko, dazu Cappuccino. Da waren es bis Wernigerode nur noch ein paar Meilen. Wir parkten einfach auf dem Gehweg vor dem Hotel Altora. Gegenüber schwitzten und rauchten Damplokomotiven. Das taten wir auch, aber wir hatten ein Bier dazu.
Sonntag: Der Morgendunst hatte sich noch nicht zersetzt, da waren wir schon unterwegs auf den Harzmountains National Park. Es war sehr angenehm, Vieles schon zu kennen und ganz lässig links liegen lassen zu können. Am Spackentunnel hielt es uns nur ein Nogger lang, aber die B242 über die Hochebene war traumhaft. Es ging noch eine ganze Zeit so weiter, dann ließen wir die Berge hinter uns, vor allem aber die Anja zunehmend belastende, kleinteilige typisch Harzer Hutzeligkeit. Quedlinburg dagegen: Weltoffen, international, cool. Als mir die Zigaretten ausgingen, gab mir der Kellner eine aus, obwohl er nicht mal rauchte. Es folgten wieder viele Stunden durch grüne Schneisen, die wundersam dufteten, auf einen Punkt am Horizont zu, der, je erreicht, ins nächste Bild springt, diesmal vielleicht am Ende eine weiten Prärie. Wir fuhren so unentwegt nach Norden, bis wir fassungslos im Katastrophengebiet an der überlaufenden Elbe standen. Angesichts kilometerlanger Kolonnen der Rettungs- und Bergungsfahrzeuge wurde uns Angst und Bange und all unsere Glückseligkeit wirkte abstrus. Mit einer Pizza in Lüneburger Backsteingemütlichkeit versuchten wir uns abzulenken. Dann bretterten wir heim, auf der Autobahn, der Sonne direkt entgegen. Sie ging erst unter, als wir erschöpft in die Garage rollten.
Sonntag, 2. Juni 2013
Das Meer
In Reinfeld trennten uns unsere Wege. Anja fuhr pflichtbewusst zum Familientreff aufs Anwesen, ich hatte andere Prioritäten und ließ die Orange weiter rollen. Schleswig Holstein hatte ich fast vergessen über die Zeit. Die Strecke über Ahrensbök, Eutin, Lensahn ist erste Sahne, zumal in der wuchernden Üppigkeit dieses späten Frühlings. Die Straße lag lasziv auf der kuppigen Topografie, Sonne flirrte durch die Kronen, darunter ich genoss die Kurven.
Links am Horizont schob sich eine winzige Gewitterzelle über Strukdorf und vermasselte das dortigen Kaffeegedeck. Ich erreichte währenddessen das Meer bei Weißenhaus. Es roch nach Meer, vertraut und weit. Da konnte auch die doch recht kleingeistige Stimmung am Strandcafé nichts ändern. Als ich in Strukdorf dazu stieß, war es spät geworden, doch da nichts als Verständnis, eine Spur Neid hier und da, vielleicht.
Sonntag fuhren wir wieder zusammen. In Ratzeburg saßen wir am Markt, wo es nicht mal ordentlichen Cappuccino gibt. Dann ging es kreuz und quer durchs Lauenburgische, wie damals, im Sommer. Der Sachsenwald duftete wie Badewasser, dann kam der Elbdeich mit frischem Westwind. Auf ihrer Landzunge in der Wildnis empfingen uns die Sveisis. Die Stelle haben wir im GPS markiert und werden sie wieder finden, wenn's drauf ankommt.
Montag, 20. Mai 2013
We are simple.
Ich saß in der Bude, draußen war ein grauer Pfingstmontag ohne jede Besserung. Anstatt mich mich wie Anja Nützlichem zu widmen, zog ich einen warmen Pullover über und fuhr wieder los. Es hätte nur eine kleine Stadtrundfahrt werden können, aber im Westen sah ich ein Wolkenloch. Es befand sich zwar über Grünendeich, aber egal, ich trank dort Cappuccino und studierte ergraute Fulldresser mit Familiencolor. Wäre die Klappbrücke nicht oben gewesen, hätte ich den Rückweg angetreten. Stattdessen fuhr ich nach rechts, durch die elenden grauen Dörfer hinter Stade unter diesiger, milchiger Kälte. Das war alles egal, denn sobald ich das Ortsschild passiert hatte, vor mir sich ein Stück Landstraße öffnete, und seien es auch nur eine paar Kilometer, ich genüsslich den Fünften einlegte und einfach dahinbrummte, dann konnte ich ein debiles Grinsen oft nur mit Mühe unterdrücken. Ich nahm die Fähre und kam über Glückstadt und Elmshorn zurück, wie hunderte Male zuvor. Das Grinsen blieb. Am Ende bretterte ich, inzwischen frierend, auf der Autobahn nach Hause und fand selbst das noch cool. So leicht, glücklich zu sein, das kann einem richtig Angst machen.
Sonntag, 19. Mai 2013
Berlin
Der Freitag begann traumhaft, und frei, bis über Pfingsten. Schadenfroh rollten wir durch das Gewerbegebiet, in der Hoffnung, einem arbeitenden Kollegen auf der Straße zu sehen und zu ärgern. Kurze Zeit später lag vor uns die B5. Das Maigrün zog über uns hinweg, und wir waren gelassen genug, uns vom werktäglichen Langsamfahrern nicht erregen zu lassen. Das Stück von Boizenburg bis Ludwigslust ist immer wieder länger als gedacht. Der Windbeutel im örtlichen Café war grandios, kam aber in letzter Sekunde. Dann kam wieder introvertiertes, zeitloses Gleiten durch gelbe Weiten, oft abrupt endend, wenn eine der zahlreichen neuen Baustellen urplötzlich aus der Trance aufschreckte. Wie immer wurde es heiß, je näher wir der Hauptstadt kamen. Unsere gewohnte Route durch Kreuzberg war vollgesperrt, so dass wir nicht nur nach Orientierung irgendwie oben rum nach Friedrichshain einen Weg finden mussten, sondern in quälenden Autostaus von der Sonne und den Motoren gegart wurden. Wir parkten in der Liebaustraße und gaben uns erschöpft dem warmen und peinlich kurzen Abend mit den üblichen Verdächtigen hin.
Den ganzen Samstag lang blieben die Maschinen stehen und wurden vom Dauerregen und den Lindenstaub nachhaltig eingesaut, während wir abwechselnd in coolen Szene-Klamottenläden Geld ausgaben bzw. Latte tranken, ganz wie es Berlin verlangt. Mehr ist zu dem Tag nicht zu vermelden.
Am Sonntag war all das vergessen. Bei Rührei im Straßencafé stieß Rembert mit nagelneuer Slim dazu und eskortierte uns auf sorgsam ausgetüftelter Route durch die Touristenareale, die inzwischen übrigens Disneylandartige Züge annehmen. Bei blendendem Spätvormittag glitten wir auf der Heerstraße stadtauswärts, nahmen mit bequemen 90 Km/h auf der Bundesstraße platz und hielten erst in Kyritz wieder an. Dort gab es einen bis dato unentdeckten Marktplatz nebst Eiskugel und dringend nötigem Cappucino. Nachdem R. wieder Wege eingeschlagen hatte, begann für uns wieder das endlose, losgelöste Highwaycruisen, in unerreichter Intensität. Aus der dichter werdenden Bewölkung war mit den Kilometern eine weiße Kühle geworden, die zunehmend kroch. Zwischen den häufiger nötigen Kaffee-, Solianka- und Zigarettenpausen rollte sich immer wieder atemberaubend das Asphaltband wie in Zeitlupe vor uns aus in die sattgrüne Buschigkeit. Nichtsdestotrotz waren wir durchgefroren und froh, dass das Finale zwischen Lulu und einer warmen Wanne nicht eine Minute länger gedauert hat.
Sonntag, 5. Mai 2013
Cross Country
Passenderweise rief zum Frühstück Marcus an und wollte fahren. Anja war nämlich schon auf dem Weg woanders hin. Wir fuhren erst sehr geschmeidig durch denn leerstehenden Hafen, verfransten und ziemlich peinlich in Harburg, und schnurrten dann viele genussvoll-eintönige Meilen die freie Route 3 southbound. Das vertrug sich erst mal gut mit dem nicht wegzudiskutierenden Matschigkeit, mit der wir beide anfangs noch zu kämpfen hatten. Irgendwo bogen wir östlich in die Heide ab, die Straße war noch leerer und noch romantischer. Bei einer Tasse Kaffee gestand Marcus trotz allem eine gewisse Faszination des Highway-Cruisen ein, bestand aber darauf, von nun an vorzufahren und kleine, kurvige Straßen zu finden. Ich konnte seiner historischen GS, inzwischen eine respektable Ölspur nachziehend, mit dem Chopper immer gut folgen. Wir kamen über Bienenbüttel auf traumhaften Landstraßen bis an die Elbe, wo wir uns trennten, denn ich musste und wollte nicht ins Büro, sondern unterwegs Anja auf dem Rückweg abfangen. Ich querte den Fluss bei Lauenburg und cruiste nunmehr vollautomatisch durch den warmen Nachmittag die Nebenstrecke über Büchen, Breitenfelde, dann von Dorf zu Dorf bis Berkenthin, wo es alles gab was ich so dringend brauchte: Benzin, Kaffee, Softeis. Anja traf ich an der Araltanke in Oldesloe. Wir fuhren auf der B 75 in den Abend hinein. Am Ende hatte ich 350 Km im Kopf. Es hätten beliebig mehr sein können.
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