Eigentlich wollte ich nur ein Stündchen rumfahren bis die Wolkendecke kam. Als ich bei der Freien Welle tankte, einen Kaffee ohne Milch schlürfte (kein Geld mehr) und die SR bewunderte, war aber die Wolkendecke immer noch nicht in Sicht. In der Folge fuhr ich ziel- und gedankenlos immer tiefer in die Lüneburger Heide hinein, ohne Karte nach Sonnenstand und Windrichtung navigierend. Ich kam auf Straßen, die ich eigentlich kennen könnte, aber eigentlich hatte ich längst die Orientierung verloren. Mit selten über 80 Sachen brummte ich einsam durch riesige, vollkommen menschenleere Gebiete, schnurgerade Waldschneisen, Birkenalleen, weite Hügel unter gehetzten Wolken. Mir war schon kühl, als endlich Amelinghausen als bekannter Wegpunkt ausgeschildert war. Ich suchte mir einen Weg über Winsen gegen den Westwind nach Harburg, dann schnell die Schnellstraße nach Hause. Die Hälfte hätte eigentlich auch gereicht, dachte ich, als ich fröstelnd mit leerem Kopf in die Garage rollte, während die Stadt im #Backtonormal T-Shirt rumlief.
über 20 Jahre !!!
Sonntag, 17. Mai 2020
Sonntag, 10. Mai 2020
Feinschmecker
Die Grenze zu Schleswig-Holstein war offen, ich hatte die Meldung sicherheitshalber als Screenshot dabei. Bedingung war ein privater Besuch, das war einfach. Zwischen Hamburg und Strukdorf bauten wir einen geschickten Umweg ins Vio ein: Erst nach Norden auf der B4, dann mit Hilfe einiger raffinierter Wegpunkte im "kürzeste Route" Modus westlich im großen Bogen um Neumüster herum zum Plöner See. Das funktionierte sehr gut, wir ließen die Maschinen im Sweetspot-Tempo durch den Hochfrühlingstag rollen, durch Gegenden, die man eigentlich grob kennt, die wir diesmal auskosteten wie ein Feinschmeckermenü. Da sich die Software um die Route kümmerte, konnten uns voll auf den Blütenrausch, leuchtende Blättertunnel und Düfte konzentrieren. Der Tag hatte sich in einen richtigen Frühsommer verwandelt. In Bosau am Strand waren wir nicht die Einzigen, aber niemand außer uns trug lange Unterhosen und Fleecepullover. Gegen Spätnachmittag setzen wir zur Etappe nach Strukdorf an. Wieder im Entdeckermodus, bei fotogenem Schräglicht, sah die Landschaft im den Warder See herum unfassbar gut aus. Wir erreichten das Anwesen minutenpünktlich.
Sonntag holte ich Brötchen mit der Mash. Dann dauerte es bis fast Mittag, dass wir wieder unterwegs waren. Auch diesmal wieder mit spitzenmäßiger Dorf-zu-Dorf Führung, praktisch Luftlinie querfeldein von Reinfeld bis kurz vor die Mecklenburgische Grenze (gesperrt). Dabei ging es erst auf vergessenen Nebenstraßen durch wuchernde Knicks, dann abseits jeglicher Zivilisation durch die Lauenburgischen Berge, wobei sogar eine Dirtroad vorkam. Über alles hatte sich eine zähe, milchige Schwüle gelegt. Zum Schluss suchten wir uns noch eine uneinsehbare Stelle hinterm Deich und dämmerten eine Weile, als wäre es ein heißer Augustabend unter normalen Bedingungen.
Sonntag, 26. April 2020
Beispiele
Allein fahren ist nicht schlimm. Beispiele: Während Anja den Keller umkrempelt, die Himalayan rausholen, durch den Elbtunnel brausen, ein Stück auf der ausgestorbenen Autobahn preschen und gedankenverloren und ungestört die grünflirrende Rosengartenstraße entlangsegeln. Danach eine ähnliche Straße zwischen Sprötze und Holm-Seppensen neu entdecken, sich durch die Ausläufer Buchholz' bleiern lassen und im Abendlicht durch die Hafenanlagen in die Stadt einlaufen. Geht gut. Oder: Sonntag Spätnachmittag spontan doch noch die SR ankicken, mit ihr am Deich entlang über Over bis Fliegenberg brummen, abbiegen und sich planlos auf eine unverhoffte, einsame Runde durch in greller Sonne liegende Nordheide einlassen. Bis die Kälte kroch. Sowas geht immer, und ist sehr wirksam.
Sonntag, 19. April 2020
Distanzen hinter Buxtehude
Die Wege aus der Krise führen nach wie vor ausnahmslos nach Süden aus der Stadt hinaus. Aber immerhin gib es sie. Nach wie vor verfolgten wir primär das Ziel, eine Stelle am Deich zu finden wo man die Decke ausbreiten und Hard Science Fiction lesen kann. Im Westen gibt es zwei Flüsse, deren Namen man nicht auseinander halten kann (deren Verlauf übrigens auch nicht), die aber Deiche haben. Sie Sonne knallte senkrecht und ein hefiger Nordostwind schob uns vor sich her auf den einsamen Straßen zwischen den nichtssagenden Dörfern im Bermudadreieck zwischen Buxtehude, Stade und Kutenholz. Das Vio führte die Himalayan dabei über kleinere Verbindungswege, die Mash folgte, und wir waren echt überrascht wie schnuckelig frühlingszart manche Ecke aussah. Irgendwann standen wir, interstellar distanziert von jeglicher Menschheit, auf einer Marschwiese. Vor uns lag tatsächlich ein zugängliches Stück Deich an der Oste (oder Este, weiß nicht). Leider war der Ostwind rasiermesserscharf geworden, so dass wir die Handschuhe anbehielten und die Picknickdecke gar nicht erst abschnallten. Vor der Rückfahrt gegen den bissigen Wind hatten wir Angst. Aber im gleichmütigen 70 km/h Trott auf der B73-Todesstrecke ließ es sich aushalten, besser als gedacht.
Sonntag, 12. April 2020
Zu Ostern 300.
Ostern 2020: Tiefgreifende Einschränkungen galten für Fußgänger. Wir gehörten zu den Privilegierten. Nicht nur wir: Auf den Straßen im Großbereich Nordheide fuhren ausschließlich Bikes. Wir waren auf einer distanzierten Fahrt mit Ben und Kiki unterwegs. Markus und Christoph waren auch auf der Straße, auf einer gegenläufigen Tour, und schalteten sich gelegentlich elektronisch dazu. In dieser Form war das alles legal. Den ganzen Tag cruisten wir über die endlosen, leergefegten Highways. In Unterlüß hielten wir erstmals. Unweit der Waffenfabrik brannte die Sonne, gab es Fachgespräche, und alle wollten die Himalayan ausprobieren. Es ging Vio-geführt auf traumhaften Umwegen bis nach Amelinghausen, dann wieder südwestlich bis kurz vor Soltau. Es war egal, alles bestand nur aus ungestörtem Gleiten mit 90 Sachen über nie mehr endenden Asphalt. Im weiten Westen, bei Sittensen, trennten wir uns. Die beiden fuhren auf ihren Landsitz, Anja und ich brummten mit satten 300 Klimometern auf der Uhr und einsetzender Müdigkeit in die verseuchte Stadt.
Sonntag, 5. April 2020
Home
Der Frühling war unbeeindruckt von allen Beschränkungen. Er war draußen und wurde jedes Wochenende besser. Am Sonntag erschien Stayathome nur als eine Option vom mehreren. Weit stromaufwärts am Elbdeich musste es mindestens so sicher sein wie im Homeoffice. Um nicht aufzufallen (und um nicht so viel Zeit zu verlieren wie am Wochenende zuvor) kämpften wir mit der SR und der Mash mühevoll mit 100 auf der Autobahn nach Lüneburg gegen den strammen Ostwind. 50 Kilometer zogen sich wie Lichtjahre. Dort, in der Region, auf hellen Landstraßen, war niemand. Das ist da zwar immer so, aber es erhöhte das Sicherheitsgefühl. Erst bei Bleckede, wo wir den Elbdeich nach einem geheimen Plätzchen abscannten, fühlten wir uns bedrängt von allgegenwärtigen, in Minivans anreisenden Elektroradlern. Die Motorbiker auf der Elbuferstraße waren und blieben unsere Freunde. Sie erfüllten die Luft mit dem Sound der Lebensfreude. Fast auf dem Rückweg entdeckten wir bei Barförde ein unentdecktes, elektroradlerfreies Stück Deichvorland. Die Sonne schien auf die Picknickdecke, der Strom zog vorbei, als wäre alles Ordnung. Wir lasen ein paar Kapitel in Hard-Science-Fiction Romanen, dann gondelten wir auf der Süduferstrecke im Bummeltempo durch eine ungeahnte Milde nach Home.
Sonntag, 15. März 2020
Sicherheit
Der Sonntag war sonnig und mild, das passte überhaupt nicht in die Katastrophenstimmung. wir gingen die Sicherheitscheckliste mehrmals durch und kamen zu dem Schluss, dass der sicherste Ort im Sattel des Motorrades ist, auf möglichst einsamen Landstraßen in der Nordheide. Die SR und die Mash bahnten sich ihren Weg durch die angenehm leeren Straßen der Stadt, das Hafengebiet und dann hinaus in die weite Welt. Nach kurzem Verheddern in Maschen (wie immer) rollten wir frei gegen den Südwind und genossen einen kurzen Nachmittag das Gefühl von Normalität. Ein Cappuccino an einer Dorftanke irgendwo in der Heide erschien gefahrlos. Das Ganze machte schon so zufrieden, dass wir einfach den identischen Weg zurück nahmen. Wir fühlten uns safe.
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