Montag war, wegen Pfingsten, nochmal Sonntag, nochmal allein. Und diesmal stimmte alles, um schon am Vormittag auf der Straße zu sein. Mein alleiniges Ziel war grob gefasst: Die Ostsee. Wenn man alleine fährt, macht man Strecke. Ich fuhr einen großen Bogen durchs Lauenburgische über Kühsen und musste in Ratzeburg wegen Koffeinmangel halten. Ohnmächtig fuhr ich beim dortigen Bikertreff vor, obwohl wir den ansonsten großräumig meiden. Ein Eis, einen Kaffee im stehen, weiter. Ich durchfuhr Lübeck, dann Schwartau, und dann die Dorfstrecke durchs wuchernde Dickicht über Warnsdorf nach Travemünde. Am Strand am Brodtener Ufer rollte ich keineswegs mein Handtuch aus, sondern rauchte eine und fuhr gleich wieder weiter. Es war noch nicht mal richtig Nachmittag, daher nahm ich mir Zeit und fuhr die Bäderstraße entlang. Sie führte durch unsagbar verstopfte Bäder, wobei inzwischen die Trauben von Leifahrradfahren das Hauptproblem sind. Ein Stück im Inland war es herrlich, ich rollte einfach immer weiter durch das wellige Land, und erst am Selenter See kehrte ich zögernd um. Eine völlig unbekannte Verbindung nach Plön tauchte auf, eine verschrobene Allee wie aus einem anderen Film. Von Plön aus ging es gekonnt über Dersau um den See herum nach Berlin und dann, durch unbekannte Kräfte angezogen, direkt zum Hähnchen-Eck nach Bad Schwartau. Das schmeckte auch allein. Es war immer noch unendlich viel Tag übrig, aber ich rauschte die abendliche B75 durch alle denkbaren Grüntöne nach Hause. Mit 330 Km auf der Uhr trank ich, noch in Leder, ein Alkoholfreies. War kurz davor nochmal los zu fahren, aber jetzt reichte es.
über 20 Jahre !!!
Montag, 5. Juni 2017
Sonntag, 4. Juni 2017
Einsam und Alleen
Über Pfingsten war Anja nach Dublin abgehauen und ich saß allein zu Hause, wartend auf den Abzug eines Regenbandes. Es dauerte bis Sonntagnachmittag, und selbst dann war es noch ratsam in die untere linke Ecke des Bildschirms zu fahren, wo es klar war. Leider war dies das Gebiet um Stade und Bremervörde herum. Jeder weiß, wie reizarm die Gegend ist. Dennoch: Die völlige Einsamkeit auf den Birkenalleen unter endlosem Himmel, die seltsam saubergefegten, langgestreckten Veendörfer und nicht zuletzt die ganzen unterschiedlichen Grüntöne, das waren Sachen für dich man halt auf diese Weise mal, ganz für sich allein, einen Blick hatte. Mit den Kilometern kann der Hunger und ich arbeitete mich zum Lüheanleger vor, da sind die Biker, heute meine Kumpels. Letzlich mampfte ich meine Wurst allein, war wie gehabt doch eher darauf bedacht, unansprechbar zu bleiben. Abends kam ich durch die Schanze zurück, da waren viele Menschen, die waren aber Fußgänger, die hatten mir erst recht nichts zu sagen.
Sonntag, 28. Mai 2017
Der Himmel über Berlin
An Himmelfahrt teilte sich die Bevölkerung in drei Gruppen. Die, die schon am Vormittag besoffen Bushäuschen vollkotzen, die, die in praktischer Funktionskleidung in Gruppen mit Elektrofahrrädern durchs Wendland eierten, und uns, die wir auf einer weitläufigen Route Richtung Berlin unterwegs waren. Es ging durchs besagte Wendland, die Elbauen entlang, bis man denkt, gleich ist Schluss. Am Ende kommt dann aber eine winzige Fähre über die Elbe, und danach kommt noch Land. Unter Wolken war es manchmal noch frisch, dazwischen schien die Sonne auf Wald und Wiese, die die Bonnie und die Honda elegant und flüssig durchstreiften. Havelberg, ein Seitenblick auf den Dom, dann wieder Weite, durch die ein respektabler Rückenwind uns trieb. Rathenow kam, ostig und trist, dann Brandenburg, wo man Berlin schon spürte. An dessen Rand liegt Kleinmachnow: Stasivillen in düsteren Alleen. Das Beste war aber, dass uns dort Annie und Holgi erwarteten, mit rauchendem Grill und Geschichten aus dem Speckgürtel.
Freitag. Auf uns allein gestellt tasteten wir uns zögerlich durch interessante Situationen wie zum Beispiel Teltow. Im Süden wussten wir liegt der Spreewald, dort seien 'schöne Alleen'. Zudem lockte auf der Karte das Baruther Urstromtal. Das hörte sich toll an, war aber kaum zu sehen. Viele Kilometer gerade durch den Wald gezogene, recht enge Schneisen. Wir freuten uns immer, wenn mal irgendwas auftauchte, und an Tankstellen war man einigermaßen sicher vor den Weißhaarigen und den Klugschnackenden, und Kaffee gibt es da heutzutage genauso. Vom Bismarckturm in Lübben sahen wir uns den Wald von oben an, er bestand aus unzähligen Bäumen. Endlich passierte was: Anja hatte lange genug mit angeschalteter Zündung und brennendem Licht SMS geschrieben, bis die Batterie leer war. Die Honda ließ sich anschieben, aber an ruhige Pausen war nicht mehr zu denken. Hundert Waldkilometer später trafen wir Thomas mit der grünen Vanvan. Er lotste uns in die Hauptstadt, die fühlte sich herrlich an. Mit erhabener Geste parkten wir in der Libauer Straße und tranken alkoholfreies Bier vom Späti.
Samstag, diesmal wirklich. Am Übereck trafen wir Rembert beim Rührei. Auf dem Gehweg stand seine Slim, beladen für 3 Wochen on the Road. Wir ließen ihn ziehen und fuhren kleinmütig nach Adlershof. Anja fuhr auf dem Rücksitz, denn sie hatte die Honda Thomas gegeben, praktisch als Gastbeitrag. Das klappte ganz gut, und an der HEM Tanke draußen am Rand trafen wir Michael, der uns mit einer Miet-Thruxton überraschte, die alle Beteilgten am liebsten sofort mit nach Hause genommen hätte. Michael kennt die richtig guten Strecken, in Gegenden, wo niemand sich hin verirrt, wo man endlos über weite Felder und Hügel gleitet, unter brennender Sonne, und die einzige Sorge ist, wo man das nächste Eis herbekommt. Ganz am Ende von Deutschland liegt Eisenhüttenstadt. Es gibt monströse Hochöfen und eine Tanke mit Frikadellenverkauf. Der Rückweg war fast noch schöner. Müllrose hat z.B. einen bekloppten Namen, aber trotzdem einen schönen See und ein Eiscafé. Zum Schluss kamen wir über den Ostteil der B5 in die Stadt zurück. Der Asphalt kochte, und die Stadt war eingehüllt in den Rauch von 3,5 Millionen Holzkohlegrills, als wir bei unser nächsten Station anrollten: Garagenparty bei Christian und Imke. Besser geht's nicht.
Dann war Sonntag, und vor uns lag die B5 nach Hamburg. Die BMW und die Vanvan eskortieren uns aus der Stadt heraus, noch ein Eis in Friesack, dann waren wir allein mit der langen Allee und der Hitze. Dreihundert Kilometer rauschten vorbei, unvergleichlich, bedeutend und groß. Fünf Stunden später war noch Nachmittag. Wir rollten in die Tiefgarage, stellten die Motoren ab und waren sehr zufriedene Menschen.
Sonntag, 21. Mai 2017
Bedürfnis nach Freiheit
Anja hatte Bedürfnisse angemeldet: Mal nicht arbeiten, sondern Mopedfahren, und zwar so, dass man sich frei fühlt, und mit Kurven. Der Tag war dafür gut. Erst hielten wir in Reinfeld und trafen kurz Birte, dann ließen wir uns von Gefühlen leiten, über die beliebte Dorfstrecke Zarpen, Ahrensbök bis nach Eutin. Dort war zwar ein Bluesfestival, aber wir brauchten Kaffee und mussten das eine Zeit lang aushalten. Intuitiv ging es weiter, so als führe man nach Fehmarn. Ich bog beim Bungsberg aber scharf links ab und wir kurvten durch selten befahrenes Gebiet bei Hansühn, Kaköls und Lütjenburg. Hier oben ist nichts los, man hat alles für sich und die Straßen liegen kurvig in sanften, knallgelben Hügeln. Es ging so oder so ähnlich die ganze Zeit weiter, durch dunkle Wälder bis ins touristisch aufgepimpte Malente, von da nach Plön zum Bikertreff am See. Da war es wie immer recht traurig, doch die Landstraße über Blunk nach Klein Rönnau, inzwischen im Spätnachmittagslicht, lockte mit weiteren eleganten Schwüngen. Bis zum Schluss blieben wir auf dieser Art Straßen, was nie müde machte, und irgendwie tatsächlich ein Gefühl der Freiheit hinterließ.
Samstag, 20. Mai 2017
Highlights
Gar nicht übel, der Samstag, wenn auch allein. Nachdem ich die Notwendigkeiten abgefrühstückt hatte, begann ich eine unkomplizierte Nachmittagsrunde. Dachte ich. Denn es ging damit los, das im Volksparkstadion irgend so ein beklopptes Fußballspiel war und eine undurchdringliche Blechlawine verursachte. Über die B4 fand ich einen Ausweg, und dann entdeckte ich die schwungvolle kleine Kurvenstraße wieder, die über Hemdingen rüber nach Elmshorn führt. Leider liegt dort auch Barmstedt, ein Angstort, den ich noch nie passiert habe, ohne mich in hinterweltlerischen 30er Zonen zu verirren. Doch nicht nur das: wenig erreichte ich Elmshorn auf einer komischen Umleitungsstrecke, und ich musste in einem Wohngebiet anhalten und mich mit dem Handy wieder rausnavigieren. Ansonsten besteht Elmshorn, das kann ich beurteilen, zu 85% aus Einkaufszentren von der Größe des Saarlands. Zur Beruhigung fuhr ich durch die Marsch in Richtung der dicken Wolke, die über Kollmar hing. Am Bikertreff saß ich introvertiert in der letzten Ecke und aß ein Cornetto Nuss, als lautstark ein Trupp Stiernacken vorfuhr. Sie vollführten mehrere Burnouts und verschwanden ohne Tschüß zu sagen. Trotzdem das Highlight des Tages. Zurück wollte ich die tausendfach gefahrene Strecke von Appen nach Schenefeld nehmen. Dass in Pinneberg der Abbieger nicht da war wie sonst, passte ins Bild. Ich nahm dann die Autobahn nach Hause, das war tiefenentspannt und gar nicht mal so übel.
Sonntag, 14. Mai 2017
So viel Tag
Wir standen staunend vor einem Frühsommertag wie aus dem Märchenbuch. Was soll man nur machen? Vielleicht erstmal aus der Stadt raus, das ging ganz easy, es war früh und alle hatten verschlafen. Geesthacht, Lauenburg, Boizenburg, dann endlich mal die B195. Hier war niemand außer uns. Wir glitten durch die Kurven und die Alleen, und das Land, die Dörfer und der Himmel sahen aus, als hätte man schon auf "Bild verbessern" geklickt. Im Osten holten wir langsam aber sicher das Wolkengebiet ein, und das war doof. Wir guckten in den Himmel und legten die Route fest. Eine halbe Stunde später tranken wir Kaffee vorm Backshop in Dannenberg, wo die Zeit mühsam mit dem Nachmittag rang. Wir aber wollten es wissen, fuhren ein langweiliges Stück Kolonne auf der B216 und bogen bei Göhrde auf eine flirrende Märchenwaldstraße ab, die oben auf der Ebene mit den Birkenalleen rauskommt. In der Nähe war Bad Bevensen, von hier aus war es nur ein kleiner Sprung in die Heide. Irgendwo im Wald machten wir Pause, unendlich müde. So viele Kilometer und immer noch soviel Tag übrig. Wir fuhren beim Straßencafé in Soltau vor und bestellten was zu Essen. Auf der Rückfahrt war endlich der Abend da, und alles sah noch künstlicher aus als den ganzen Tag schon. Nur das summende Gefühl wohliger Erschöpfung nach 350 Kilometern, das war echt.
Donnerstag, 11. Mai 2017
Die leeren Dosen der Anständigen
Es ist schon Mai, und wenn die Dosenfahrer nach ihrem täglichen Höllenritt endlich vorm Fernseher sitzen, geht die Sonne noch lang nicht unter. Durch dieses Zeitfenster rollte ich im Gegenlicht bei Schenefeld aus der Stadt heraus und ließ mich treiben. Appen, Pinneberg, dann rüber Richtung Quickborn. Nix Großes, nur gedankenlos die im schrägen Licht schimmernde Landschaft einsaugen, im Fünften durch die leeren Dörfer der Anständigen brummend das Leben genießen. Ich hatte Hunger und gegen Ende wurden dann doch die Finger kalt. Damit ließ sich rechtfertigen, beim Lieblingssupermarkt in Hasloh am Highway 4 vorzufahren und eine Dose Gulaschtopf rauszuholen. Den Rest der Fahrt freute ich mich darauf, und auf alles andere auch.
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