über 20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Sonntag, 11. September 2022

Kulturtourismus

Wir waren vernünftig und nahmen die wetterfeste Honda, und waren mental eingestellt auf den einen oder anderen Schauer und fetzigen Westwind. Ganz so war es nicht, die Luft war schwerer, die Schauer stärker als gedacht, vor allem häufiger. Etwa 170 Kilometer sind es nach Friesland, zum unverzichtbaren Event des Jahres. Die Strecke über Bremervörde ist manchmal luftig frei, meist gerade und überall monoton gleich. Westlich der Weser ist Flachland, und die Sachen waren trocken als wir Nethen erreichten. Die Honda war wieder mal total praktisch auf langen Strecken und Wechselwetter. Aber als wir mit Windschutzscheibe und dem Schrecklichen Topcase ziemlich uncool zwischen all den coolen Custombikes parkten, hätten wir am liebsten die Helme aufbehalten. Das war dann aber schnell verdrängt, denn die Sonne schien auf Beachclubatmosphäre und lässigen Bikerlifestyle, und wir waren dabei.

Der Sonntag begann mit einer Stadtrundfahrt durch Oldenburg, welches in vielen Aspekten überraschte. Den Rest des Tages verbrachten wir wieder auf dem Festival, verfolgten den spektakulären Kampf um den Weltmeistertitel und genossen das ermutigende Gefühl, Teil einer Kultur zu sein. Als die Pokale vergeben waren, packten wir überflüssige Klamotten ins Schreckliche und trieben die Honda über die monotonen Landstraßen nach Nordosten. Der Weg war lang und die Maschine funktionierte wie immer perfekt. Aber irgendwie hatte sie unsere Zweifel mitbekommen, und reagierte subtil. Etwa Höhe Neuwulmsdorf begann sie, Luft aus dem Hinterreifen entweichen zu lassen. Das ging soweit, dass ich auf dem weiteren Weg an jeder Tanke nachpumpen musste. Mit Mühe kamen wir zu Hause an. Der Reifen war platt, wir auch.







Dienstag, 6. September 2022

Dreieinhalbtausend

Wettersturz, Herbstanfang, Regenfronten. Der Bad News Stream reißt nicht ab. Das Paradies schließt, die Brötchen werden kleiner. Jetzt zahlt sich aus, eine SR in der Garage zu haben. Sie macht Stadtrundfahrten zum befriedigen Event, das in das kurze Fenster zwischen Feierabend und Dunkelheit passt. Jede rote Ampel zählt, und in der Schanze reiht man sich freundlich zwischen die Radfahrer ein. Auf den Geraden im Hafengebiet lässt man sie mit dreieinhalbtausend Touren in den Sunset brummen, das sind im Vierten gute 60 Sachen. Sweetspot.



Sonntag, 4. September 2022

Keine Kunst

Die Knüppeltour zum Glemseck hatten wir storniert, stattdessen buchten wir 250 extraentspannte Kilometer zum Edelhof. Das würde reichen. Abseits aller Hauptstraßen führte uns das Beeline schnurgerade nach Süden. Aber im Detail war jedes Stück anders, eins besser als das andere. Es ging einsam durch die Heide, auf vergessenen Militärstraßen durch den Wald und ließ uns Zeit für Abwege, z.B. zu einem Kaliberg hinter Celle. In hundert Kilometern, am Horizont, war der Harz schon sichtbar. Das Land war ausgetrocknet, aber die Farben sahen klasse aus. Es war erst Spätnachmittag, als wir ankamen. Eine Runde wäre theoretisch noch drin gewesen, aber wir stornierten sie einfach.

Am Sonntagmorgen waren wir ins Wesergebiet unterwegs. Von Anfang an gab es nur eins: Entspannten, flüssig-kurvigen Fahrspaß und Sonnenschein. Katlenburg, Lindau, Bodensee, übers Leinetal nach Adelebsen und Dransfeld, dann an der Fulda entlang nach Kassel. Alles super. In der Hitze Kassels trafen wir Thomas und Anja II, die uns kurz soweit brieften, dass wir zu Hause mit einem Documentabesuch angeben konnten. Kunst gab es nicht, aber Cappuccino und was vom Giftshop. Die Rückfahrt führte im perfektem Spätnachmittagsgoldlicht südlich durch den Kaufunger Wald über Witzenhausen, Friedland und dann wieder querfeldein ins Eichsfeld. Es war ein Navi-gesteuerter, nicht endender Flow von Luxuskilometern, den man nicht genug genießen konnte.

Der Montag begann gleich mit einem kleinen haltlosen Umweg durch den Oberharz, dann besichtigten wir Bad Harzburg an (gar nicht so bad). Dann ging es in die Wüste. Das nördliche Vorland lag kahl und staubig unter farbloser Sonne mit giftigen Strahlen. Zäh drückend zogen sich die Kilometer durch den  trostlosen Streifen zwischen Braunschweig, Helmstedt und Wolfsburg. Nördlich von Wittingen liegt schon die Heide, es gab grünes Grün und Luft mit Sauerstoff. Wir rollten müde in den Abend, erreichten die rettende Elbmarsch bei Fliegenberg, die Stadt, die Garage, den Herd, das Bett.





Sonntag, 28. August 2022

Das war gestern.

Cruisen ist geil, dachte ich als die Bolt und die Rebel durch Eppendorf bullerten. Wir hatten eine ordentlich lange Strecke vor uns: 150 Kilometer nach Fehmarn, zu unseren Brüdern, total cool! Weil das so weit war, nahmen wir mal die extrablöde Strecke auf Bundesstraßen nach Segeberg, Ahrensbök, Neustadt. Das ging zwar einigermaßen flüssig, aber als Teil einer deprimierenden Autokolonne, die sich dösig durch monotone Buschtunnel an die See quält. Über den Sund wehte es stramm, kurz danach erreichten wir Burg. Als wir das sahen, fiel es uns wieder ein: Das sind gar nicht unsere Brüder, sondern unattraktive alte Männer von gestern, ohne Stil und Schalldämpfer. Wir bestellten einen Eiskaffee und hofften, nicht in diesen Topf geschmissen zu werden. Das war aber längst geschehen. Richtig befreiend war dann die Rückfahrt über die altbekannte, unschlagbare Route über Lensahn und Eutin, jetzt sogar mit Rückenwind. Die Cruiser cruisten ungestört über weites, gelbes Land. Ich baute bei Schwartau noch eine Expedition am Pariner Berg ein, und einen Stopp am Hähnchen-Eck. Die B75 nach Hamburg lag kühl unter einer farblosen Decke. Der Fahrtwind löschte, was nicht mehr benötigt wurde.



Samstag, 27. August 2022

Ein anderer Sommer

Samstag Nachmittag hatte der Wind Reste eines Regenbands nach Osten verschoben, übrig blieb ein ganz anderer Sommertag als sonst: Jacke, Pullover, Halstuch. Anja führte uns auf einer Tour in den Nordwesten, durch einen kristallklaren Raum zwischen Bad Bramstedt und Aukrug. Aus der SR-Perspektive wirkte sie respekteinflößend und cool, und wenn wir irgendwo standen, hörte ich den wummernden Bass der Rebel und die SR überhaupt nicht. Die Strecken waren langsam und gut für mich, ich folgte orientierungslos und freute mich jedes Mal, wenn es in irgendeinem Dorf auf einen verdächtig privat aussehenden Weg in die Feldmark ging. Aber Anja hatte ihr Beeline fest im Blick, früher oder später kamen immer wieder Ausläufer von Zivilisation. Der Scheitelpunkt der Tour muss irgendwo hinter Nortorf gewesen sein, dann ging es genauso verloren Richtung Süden. Manchmal sah man auf Wegweisern vertraute Ziele, und doch ging es wieder querfeldein ins Unbekannte. Zum Schluss fuhren wir über Schenefeld auf der Vierspurigen zurück in die Stadt. Das war meine Idee, denn ich fuhr die SR und wollte jetzt endlich mal Publikum.



Sonntag, 21. August 2022

Single

Eurocity 379, einfache Fahrt nach Berlin-Spandau. Ich war sehr aufgeregt. Weiterfahrt per Emmy, zu einer Villa im Westend. Dort stand meine zweite, neue SR (frag nicht warum). Sie sah live noch besser aus als auf den Bildern, glänzend und zart. Ich montierte mein Nummernschild, kickte sie an und verabschiedete mich freundlichst. Auf den nächsten Kilometern hatte ich ein dämliches Grinsen im Gesicht, gut, dass mich keiner kannte. Den Nachmittag verbrachte ich auf kuratierten Teststrecken im Ostteil der Stadt, durch die Thomas mich auf seiner Himalayan leitete: Holprige Ausfallstraßen durch graue Vorstädte, Dorfstraßen im Speckgürtel, Gravel und Autobahn. Zum Schluss kam noch eine inspirierende Regenfahrt durch Kreuzberg dazu. Ich nahm alles nur durch eine liebliche Verklärungshalo wahr, die die SR umgibt.

Sonntag um 9:30 parkte ich sie dekorativ vorm Übereck. Thomas kam als Fußgänger dazu und wir bestellten Rührei. Die Portion musste für einen langen, einsamen Tag mit der SR reichen. Meine Route führte abseits aller Hauptstraßen durchs Havelland an die Elbe. Fahrland, Ketzin, Luch, und ein Abstecher nach Kotzen (nur wegen des Ortsschilds). Die Straßen waren leer und perfekt für den Sweetspot bei knapp unter 80 Km/h. Ich brauchte nie auf die Uhr gucken, höchstens mal aufs Beeline, wo es als nächstes in den Wald geht oder durch die Prärie. SR bedeutet Single Road. Genau. Bei Havelberg kam ich auf die B195, vertraut kleinteilig führte sie einsam durch die Elbauen im Spätnachmittagsflirrlicht. Noch einmal tanken irgendwo, ein überdimensionales Stück Pflaumentorte in Dömitz, dann das letzte Ende in Richtung Zivilisation. Die 350 Kilometer spürend, aber nicht kaputt, rollte ich die Deichstraße mit genüsslichen 60 Sachen entlang in die hysterische Stadt. Die Verklärung war noch da, wahrscheinlich auch das dämliche Grinsen, das war jetzt egal.



Sonntag, 14. August 2022

Nochmal Meer

Sonntag waren alle weg und alles hing durch. Kurz bevor mir die Decke auf den Kopf fiel, verabschiedete ich mich in Richtung Garage. Ich schmiss die Strandsachen ins Schreckliche Topcase der weißen Honda und donnerte mit Vollgas die Autobahn entlang, bis Talkau. Dort reihte ich mich in die Autokolonne ein, es ging gerade nicht um Romantik, sondern ich wollte nochmal schnell ans Meer. Allein, das störte mich nicht. Auch die vielen Menschen am Strand nicht, die waren unsichtbar. Zwei Badegänge, trocknen, packen, los. Ich ließ mir Zeit für die Rücktour, erkunde seltene Teile von Lübeck, nahm die Dorfstraße durch gelbe Stoppelfelder und trocknes Grün, über Krummesse, Bliesdorf, Kastorf, Schönberg. Die Sonne schien durch Milchwolken und die Luft war ein warmer, großer Wattebausch. Alles war sachte, locker, easy, niedrigschwellig-harmonisches Schwingen, freie Bahn. Die Stadt schien Stress zu wollen als ich kam, aber ich machte nicht mit.