20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Montag, 31. Dezember 2012

Zwischenzeit

Zwischen den Jahren blieb es mild und es gab Tage mit von Süden anrollendem Wolken wie im Juli. Einmal fand ich mich mit dem Chopper auf den traurigen Landstraßen des Speckgürtels wieder, die den Ring aus Großsuper- und Baumärkten vernetzen. In dichtem Abstand bewegten sich dunkle Passats und Audis durch das Wechsellicht des frühen Nachmittags, im Inneren Vamilienväter mit Todo-Listen. Gedenkenlos trieb ich mit dem Strom, landete in Wedel. Rechtzeitig vor der Dämmerung sog mich die Stadt wieder an.
Ein anderes Mal kamen viele Schauer, aber dazwischen leuchtete es verführerisch. Hafenkräne standen dramatisch im Gegenlicht, Asphalt schwarz und glänzend, Gleise wie gezogenes Gold unter schwarzem Himmel. Je weiter ich kam, desto verzweifelter  suchte ich nach dem Wolkenloch vom Satellitenbild. Ich drehte um und donnerte mit Vollgas zu Stenzel und holte Kuchen, mit dem ich zu Anja fuhr, gerade als es anfing zu schütten.
Irgendwann war dann die Woche vorbei. Anja und ich brummten auf den Vanvans durch den Silvestertag. Im Hafengebiet hörte man das Knallen nur aus der Ferne. Hier lag alles still zwischen Lagerhallen aus dem Tatort. Durch Zufall wurden wir Zeuge des letzten Zöllners, der seinen Übergang noch ein letztes Mal verschloss. Morgen wird der ganze Freihafen abgeschafft. In einem fotogenen Bogen über Kattwyk und Altenwerder kamen wir zurück. Dann kam 2013.

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Sonnenwende

Das eigentliche Geschenk war die milde, westliche Luftmasse, so dass Weihnachten feuchtwarm und schneelos vor uns lag. Beide Vanvans sprangen an, und die gefütterten Goretexsachen trugen enorm auf, während wir uns aus der noch immer hektischen Stadt heraus bewegten und uns zunächst in eine sich mit den Kilometern zerstreuende Autokolonne einreihten. Mit dem Nachmittag kam immer mehr Einsamkeit und wir rollten stumm staunend in eine farblose Dämmerung hinein. Baumgerippe griffen knochig und schwarz nach dem sinkenden, allumfassenden schweren Dunkelgrau. Einzelne Leuchtpunkte strahlten irreal hervor, sogleich verglühend am porösen Rand der Erde. Gegen Ende glimmte ein kurzer Moment intensiven Blaus, danach war nur noch schwarze Nacht, unterbrochen von natriumdampfgelb erstarrten Dörfern. Das Scheinwerferlicht verzweifelte an dicken Nebelbänken, unter den Reifen klatschten Schneereste. Im Rausch der Eindrücke rollten wir auf das leuchtende Anwesen. Da Weihnachten war, frohlockten wir die ganze Nacht.
Der Sonntag begann in monotonem Nieselregen und die Fahrt war sehr introvertiert. Ausgelaugt lagen die Ortschaften an der Straße, wartend auf das Abendprogramm. In der Nähe von Hamburg war kurz ein Lichtblick am Himmel zu sehen. Er ging unter, noch bevor wir die tropfenden Vanvans in die Garage geparkt hatten.

Sonntag, 11. November 2012

Reste

Beim Tanken war es kurz so, als hätte die Sonne noch etwas Wärme. Auf der B 75 war es nur noch eine milde, gaudagelbe Kühle, durch die ich zunehmend ungeduldig rauschte. Ohne Rast und links und rechts zu schauen, erreichte ich Travemünde. Dort war alles beim Alten, auch das neulich noch Neue. Auf der Rückfahrt, die ich still genoss, hatte ich Muße. Ich sah Orte, die mal heiß und flirrend waren, nun kapitulierend in der Nachmitagsdämmerung. Alleen, links kahl und rechts noch beinahe grün. Eine Sonne, riesig dunkelrot im Süden, Familen in Mittelklassewagen, wohlig nach dem Spaziergang in Jack Wolfskin, gedanklich schon Weihnachten. Die Stadt nahm mich leuchtend auf, und die Restwärme, die ihre Steine noch abstrahlten, die war gar nicht da, die bildete ich mir nur ein.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Oktobersommer

Mitten drin im Oktober, irritierend, kam endlich der Sommer. Dinge blieben liegen, Weihnachtsmänner schmolzen in der Sonne. Sicher ist sicher sagten wir und fuhren unbedingt noch einmal Richtung Elbauen. Jetzt bloß kein Risiko eingehen. Klar hätte man dickere Socken anziehen können oder eine Jacke schon mal mit Winterfutter. Aber das wollten wir nicht, sondern noch ein Mal so tun als ginge es immer so weiter. Hinten auf den kleinen Landwegen am Deich entlang, die Brücke bei Dömitz, dann die antiken Dörfer auf der anderen Seite, gelbe Baumkronen im Gegenlicht unter letztem Blau. Wir mampften unsere Proviantbrötchen an der B 195, wo alles, was zwei Räder hatte, vorbei schoss. Am Ende, auf dem üblichen Heimweg, waren wir müde und die 300 Kilometer fühlten sich in den Knochen sogar noch länger an. Wir nahmen die Eindrücke dieser Fahrt und verwahrten sie an einem sicheren Ort.

Freitag, 12. Oktober 2012

Unsinn

Da alles getan war, kam unverhofft ein halbwegs freier Freitag. Die anrückende Front auf dem Radar hielt ich für Unsinn, da ich einen äußerst strammen Ostwind vernahm. Bei Ostwind gibt es keinen Regen. Mit meinem orangen Halstuch und dem dazu passenden Chopper stand ich dekorativ im Dauerstau in Finkenwerder. Dann segelte ich befreit vor dem Wind Richtung Grünendeich. Es war viel zu kalt, aber die Aussicht auf eine einsame Schinkenwurst beflügelte mich. In der Tat war ich abgesehen von zwei plattschnackenden Eingeborenen der Einzige dort, so dass ich die Maschine querfeldein auf dem nummerierten Parkplatz hinlümmeln konnte. Auf der Rückfahrt hatte ich den Ostwind von vorn, und wie durch ein Wunder jetzt dann doch mit Regen. Zunächst alberne Tropfen, dann Nadelstiche, und auf Hamburg zu eiskalter Dauerregen zwischen stockenden LKW's. Der Elbtunnel hätte gar nicht wieder aufhören sollen. Egal, die Wurst war's wert.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Hohe Schaar Dream Team

Der Tag der Einheit war manchmal freundlich, aber zu mehr als der kleinen Hafenrundfahrt reichte es nicht. Dafür aber in einer heute seltenen Konstellation mit Marcus und Anja, dem alten Dreamteam. Es dauerte nicht lange, da wollte Marcus alles testen, vor allem den Orangen. Wir waren weit abgelegen auf der Hohen Schaar, da sah niemand die alte Endurojacke und den Integralhelm in blaumetallic. Marcus war der erste Mensch, der die Fußrasten auf der Geraden aufsetzte. Davon abgesehen arbeitete er sich schrittweise und willens heran an die Lässigkeit einen Chopper zu fahren. Ich fuhr seine antike G/S, die inzwischen nicht mehr gewaschen werden darf. Die fuhr wie ein Aussichtsturm. Die Starkregenfront "Emden" kam auf dem Display millimeterweise näher. Wir flüchteten in die Stadt, fuhren bei Stenzel vor und holten schweren Schokokuchen.

Sonntag, 30. September 2012

Sehr kleine Brötchen

Im direkten Vergleich zu den Grandes Alpes sind hier nur sehr kleine Brötchen. Wir hatten die Maschinen gewaschen und segelten vor dem Wind und etwas gelangweilt zum Zollenspieker. Dort war die Warteschlange zu lang und der Kaffee nicht richtig. Wir drehten lieber nochmal die Runde über Boizenburg - Schaalsee - Gudow durch frühherbstliche Wälder und Sonne, die nicht mehr wärmte. Durchgefroren inhalierten wir die Kürbissuppe am Kamin im Gasthof Hartz. Es kam wieder das lange Stück durch den Wald über Büchen und Lauenburg, den Wind im Gesicht und ferne Länder im Kopf.

Donnerstag, 27. September 2012

Und es ist doch ein Picknick.

Das Leben ist ein Picknick, und zwar besonders an Flusstälern, auf Hochebenen oberhalb der Baumgrenze oder einfach an irgendeinem Picknickplatz an der Straße, die kaum befahren ist, bei einer Kehre, mit einer Sonne wie selbstverständlich und den Blick schweifend über felsige Massive, die in den Himmel ragen. Immer dabei: Baguette, Salami, eine Thermoskanne sowie eine Honda und einen orangenen Chopper.
Den entsprechenden Full-Size Reisebericht gibt es zeitnah hier ganz in der Nähe.

Sonntag, 9. September 2012

Chopper und Hohlwege

Am Anfang war alles viel kälter als gedacht. Auf der Autobahn nach Geesthacht kamen erst die Hände und dann die Füße an den Rand des Komfortbereichs. Wir kurvten weiter auf der B 195 nach Zarrentin und brauchten verfrüht Kaffee, obwohl wir eigentlich bis Janny's Eis in Grevesmühlen durchmachen wollten. Die Landstraße durch die Wildnis hinterm Schaalsee über Lassahn war holperig wie eh und je, was Anja erstmalig spürte und ihre Honda zunächst schräg anguckte. Ich donnerte mit dem orangenen Chopper darüber und war entzückt, dass endlich mal nichts mehr durchschlug. Da der Tütencappuccino am Schaalsee so süß gewesen war, konnten wir in Grevesmühlen nach all der Plackerei noch nicht mal ein Eis essen. Dafür kam endlich die Mittagshitze, typischerweise als wir zu Fuß auf der Suche nach einer Haspa durch die Innenstadt stapften. Über Bobitz kämpften wir uns dann durch sehr kleine romantische Hohlwege, Schlösser, wuchernde Auen und Vorkriegsalleen am oberen Zipfel des Schweriner Sees entlang. Hier war niemand außer uns. Der Nachmittag flirrte, erste Blätter fielen. Aus Versehen landeten wir auf der unschlagbaren Straße über Kaarz und Jülchendorf. Das üble Katzenkopfpflaster mussten die Maschinen halt einstecken. Auch der weitere Verlauf war im Grunde eher was für Vanvans (oder GS'e, worauf Anja bestand), was uns aber mit jedem Kilometer durch den heißen Spätnachmittag egaler wurde. In Dümmer tranken wir nochmals Kaffee inmitten Einheimischer, serviert von der pampigsten Bedienung der DDR. Es kam noch die lange rauschende Gerade durch den Wald nach Büchen und die schläfrige Deichstraße im scharfen Gegenlicht. Zum Schluss waren es gut 400 Kilometer, und es tat tatsächlich nicht mehr weh.

Sonntag, 2. September 2012

Weihnachten

Der Freitag war frei und ganz aufgeregt Eine brandneue Vulcan sowie eine tiptoppe original Honda Sportster waren da. Unsicher tasteten wir uns den Elbdeich entlang. Am Zollenspieker, mitten am frühen Nachmittag kamen die ersten Tropfen einer Westfront, die wir geschickt bei Geesthacht abhingen und dann über unsäglich langweilige und überfüllte Speckgürtelstrecken im Berufsverkehr gondelten, ohne es zu merken, denn es war alles so neu. Am Kanal zwischen Mölln und Ratzeburg aßen wir unsere mitgebrachten Schinkenbrötchen und beäugten dabei ungläubig den orangen Chopper und die Honda, die wir bis heute nicht so recht einordnen können. Jedenfalls hat sie ordentlich Kraft, brummt, und Anja sieht darauf aus wie im Prospekt. Hinter der Front war es freundlich und kalt. In einem Bogen über Oldesloe kamen wir zurück. Alles war neu.
Am Samstag war es ungemütlich, nur im Süden war aus der Ferne ein heller Fleck zu sehen. Leider war der über Harburg, aber das merkte ich erst als ich da war. Während Anja Familie feierte, nutze ich jede Gelegenheit, mich an die Orange zu gewöhnen. Sie geht um die Kurven wie ein Aal, aber an meinem Rücken muss ich noch arbeiten. Durchgefroren und unangemessen schnell rauschte ich nach einer Runde über Over und den Freihafen zurück.
Sonntag: Sonne schon morgens, egal wie lang die Nacht war, es gibt viel zu fahren. Zuerst mit Hannah hintendrauf einmal cool durch die Stadt. Dann die Elbufertour, das ist Pflicht für die beiden Neuen. Chopper heißt, erstens folgt die Funktion der Form und zweitens hat der Mensch sich der Maschine unterzuordnen. Während die üblichen Wurfgeschosse auf den Waldstücken uns um die Ohren flogen, probierte ich bei konstant knapp 90 immer andere Sitzhaltungen aus. Anja brummte ungerührt im Rückspiegel hinterher. Das versprochene Highwaygefühl blieb heute anderswo, vielleicht in Arizona. Hier, bei Dömiz an der alten Bahnbrücke, die rostrot leuchtete, breiteten wir die Decke aus und fielen in einen gerechten Schlaf. Auf der Rückfahrt, in der Serpentine bei Walmsburg setzte Anja die Honda auf, da war sie wieder wach. Das letzte Stück ging wieder monoton am Elbdeich entlang. Inzwischen taten alle Knochen weh und vom Westen her kam Kälte. Es war vollkommen egal.

Sonntag, 19. August 2012

Alle raus.

Anja konnte wieder, fuhr die Vanvan, und der Sommer des Jahres kam komprimiert an einem Augustwochenende. Zwar befand sich auf der Rear Rack der Iron das designstarke Badetuch in abgestimmten Mattschwarz, dass wir jedoch die Ostsee abschminken konnten, wurde schon kurz vor Ahrensburg auf der A1 deutlich. Bürgerkäfige aus ganz Schland stapelten sich in der Mittagshitze. Meine Laune verschlechterte sich für alle sichtbar, als auch die Bundesstraße 75 zugeparkt war von diesen dumpf aus ihren Blechbüchsen starrenden Arschgesichtern. In einer ruhigen Minute wechselten wir die Fahrzeuge, damit Anja sich gleich an die Unterschiedlichkeit gewöhnen konnte. Nachdem wir nämlich durch Hohlwege und die Feldmark endlich Lübeck erreicht hatten, nahmen wir beim örtlichen Triumph-Händler eine fies blassgoldene Bonnie zur Probefahrt in Empfang. Wieder ging es durch Hohlwege und die Maschine war großartig. Sie fuhr praktisch wie eine BMW und war damit aus dem Rennen. Statt zur Ostsee fuhren wir also an diese kleine Stelle am Schaalsee, die nur wir kannten und ein paar hundert Insider, die alle Kinder hatten, die am Spieß schrien. Der Abend brachte Sommerfrische auf dem Strukdorfer Schloss, die LG's mal wieder, und Wild vom Webergrill.
Da alle Menschen an der Ostsee festgebombt waren, hatten wir am Sonntag die ganzen Straßen für uns allein. Es war richtig unheimlich, durch das ausgestorbene Land zu cruisen, und man fragte sich, ob alles in Ordnung ist. Die Luft war kochend heiß und dickflüssig. Beim Fahren ging es, aber im Stand brauchte man sofort einen Eiskaffee, z.B. in Zarrentin. Aufgeweicht und schlapp kämpften wir uns durch glühende Stoppelfelder bis in die Elbauen vor, fuhren die leergefegte B 195 ein Stück hinauf und suchten uns ein winziges Plätzchen am Elbstrand unter schattigen Mangroven. Das Wasser war verlockend aber irgendwie trübe. Der Fluss floss vorbei wie der Nachmittag. Mit großer Gelassenheit rollten wir über die Deichstraße der sengenden Stadt entgegen, erreichten mit letzter Kraft den rettenden Kühlschrank und warfen schnell was auf den Elektrogrill.

Samstag, 18. August 2012

Testwochen

Die vergangenen Wochen waren auch Testwochen. Hier ein Zwischenstand:

Kawasaki VN 900 Custom
Damit fing 2010 der ganze Chopperwahnsinn an. Fährt bestens und ist irgendwie immer noch eine coole Sau.
(Archivbild)
Harley Davidson Dyna Wide Glide
Sieht noch geiler aus, setzt aber in jeder Kurve auf und ist nur halb so derbe wie die Iron. Echt.

Honda VT 750 S
Klingt erstaunlich gut und passt wie angegossen. Könnte was sein, sagt Anja.

Triumph Bonneville
Ein Motor wie Sahne, fahrstabil und perfekt. Für Anja zu bullig, für mich zu langweilig.

Mal sehen wie es weitergeht.


Sonntag, 12. August 2012

Westerhever oder die ganze Welt

Dass die Nacht lang war, lag an Anjas Geburtstag, aber vor allem an der hitzigen Diskussion, ob man zu zweit auf einer Vanvan nach Westerhever fahren könne, und wenn ja, wie viele Tage man bräuchte. Aber Anjas Fuß war soweit fertig um zumindest hinten mitzufahren, die BMW kaputt und die Vanvan das einzig Zweisitze. Mit 80 Sachen rollten wir die B4 entlang, mit Vollgas. Von Bad Bramstedt aus töffelten wir dann über kleinere Landsträßchen durch monotones Sommergrün. Unter Schönwetterwolken pfiff der Frischwind in die Jederjacke, aber was machte das schon. Entscheidend war, dass wir unterwegs waren, zu zweit und ohne Regen. Wir setzten bei Breiholz über den Kanal, breiteten am Ufer eine Decke aus und schliefen augenblicklich ein. Die Gegend nördlich von Tellingstedt ist weitgehend unbekannt. Bergige Geestrücken sowie Marschflächen, die von Flüssen und Kanälen durchzogen sind. Dazwischen liegen die typischen grauen und leblosen Einheitsdörfer, die man teilnahmslos durchrollt. Auf Eiderstedt merkt man schnell, dass das Ende der Welt naht, wenn man durch die enger werdenden Buschtunnel fährt. Zum Schluss ist nur noch der Leuchtturm ausgeschildert. Hinterm Deich, am Windrad im Nichts, erwarteten uns schon die Leitermänner. Die Dunkelheit wurde so kalt, dass wir den gesamten Holzvorrat verheizten, was nicht annähernd reichte, den Garten in eine laue Nacht zu verwandeln. Wir behalfen uns mit Merlot, während Sternscnnuppen gleißende Bahnen durch den Himmel zogen.
Den Rückweg starteten wir mit großen Plänen, aßen Eis in Husum und hatten gerade wieder interessante Strecken im Hinterland in Angriff genommen, als die Vanvan stotterte und ich auf Reserve schaltete. OMG, wo soll hier eine Tankstelle sein! Im Spartempo erreichten wir auf dem letzten Tropfen wieder Friedrichstadt. Dort gab es Benzin, dass ich genussvoll einfüllte, sowie dIsneylandartig angelegte Grachten, auf denen sich gutgelaunte Tretboote stauen. Wir nahmen letztlich die Strecke von gestern über Kleve, Glüsing und Schalkholz. Diesmal durchfuhren wir auch Albersdorf, auch dies matt und traurig. Wir endeten irgendwo in der Nähe von Itzehoe. Die langen Stücke waren unter Wolken quälend zäh, schien aber die Sonne, könnte ich um die ganze Welt fahren, auch mit 70 Km/h gegen den kalten Ostwind. Es kam eine letzte lange einsame Nebenstraße durch den Wald, dann hatten wir wieder die B4 unter uns, ein respektabler Highway, segelte man auf einem Chopper. In Hamburg war all dies nur ein gemütlicher Sonntagnachmitag im August, wie wir feststellten, als wir die Vanvan im Hinterhof abstellten wie nach einer langen, erfüllenden Reise.

Sonntag, 22. Juli 2012

Highway Day

An einem Sonntag ohne Regen, um 10 Uhr morgens, beinahe fröstelnd, hatte eich den Elbtunnel schon hinter mir und saß geduldig die lange Autobahn nach Lüneburg ab. Dann kam die B 216, die ansonsten schwer nerven, sich aber zur Frühstückszeit zu einem gleitenden Highway verwandeln kann. Ich glitt, nie schneller als 90. Das konnte ich vollkommen genießen, einfach die Maschine lässig dahinblubbern zu lassen und schauen, wie das Sommergrün der Alleen vorbeizog. Ich wünschte mir nichts anderes für den Rest aller Zeit. Dannenberg kam, wo mir die Strecke nach Gartow wieder einfiel. Immer wieder stand ich an Punkten, wo ich mich entscheiden musste. Auf der Landkarte sah alles ganz nah und verlockend aus, und inzwischen war es fast so warm wie im Sommer. Ich fuhr dann einfach immer weiter. Letztendlich fand ich mich in den Elbauen hinter Seehausen wieder, auf einer Kopfsteinpflasterstraße von vorvorgestern. Mit einer Gierseilfähre setzte ich nach Havelberg über. Auf der Fähre bildete sich eine Menschentraube um die Iron, während ich in die Weite starrte. Wieder Landkarte, was nun. Direkt im Norden war am Horizont die B5 auszumachen, die Mother Road. Dann rollte ich wieder, dem Horizont entgegen, stur mit 90 einer gleichgesinnten Royal Enfield hinterher. Zu Hause waren es satte 400 Kilometer. Da sieht man mal, wie nötig das war.

Donnerstag, 19. Juli 2012

Sommer vorm Balkon

Die nächsten Wochen waren natürlich ganz anders als gedacht. Vor allem nicht auf Island, sondern meist auf dem Balkon in der Weidenallee. Wenn manchmal am Wochenende kein Regen kam, gönnte ich mir alleinige Ausfahrten, mal die Elbuferstraße andersherum, mal Schnuppertouren ins Mecklenburgische, einmal sogar mit Marcus, oder herrlich gedankenleeres Dahinbrummen ohne besonderes Ziel. Es tat gut, mal die eine Zeit lang die Maschine im Fünften und den Kopf im Leerlauf zu belassen. Meist folgte darauf ein heißer Sommertag, an dem ich Anja im Rolli zu den Touristenattraktionen wuchtete. Sie legte dabei entspannt das Bein hoch.

Mittwoch, 4. Juli 2012

Midsommer

Auf Mittsommer hatte ich mich seit Weihnachten gefreut, komme was da wolle. In meiner Vorstellung glitt ich an jenem warmen, langem Juniabend auf einem einsamen, späten Highway dem Sunset entgegen. Es fing gut an, aber den halben Abend verbrachte ich in der Schlange beim Zollenspieker. Bevor die rettende Wurst fertig war, hatten sich dicke graue Wolken ausgebreitet.
Zwei Wochen später definierte ich immer noch als Mittsommer, denn diesmal klappte es. Ein Stück B 5 bis Boizenburg, dann bog ich auf die B 195 Richtung Zarrentin. Eine sensationelle Straße, die zu Unrecht viel zu selten dabei ist, zumal wenn das Fußvolk schon brav vorm Fernseher sitzt. Diesmal gab es die Wurst am Schaalsee, und dann hingebungsvoll einen großen genüsslichen Bogen durchs abendliche Hinterland über Seedorf, Sterley, Mölln, summende Wälder und warme Wiesen im Lauenburgischen, Richtung Westen, wo kurz vor Zehn in der Nähe von Rahlstedt die Sonne in eine rosafarbene Dämmerung überging, unweit des Highways aus meiner Fantasie.

Freitag, 15. Juni 2012

Die kurze Fahrt

Der Tag wurde stündlich grauer, und vor uns lag noch die ganze Endlosigkeit bis Berlin, die nach Feierabend in einem Wolkenloch möglich sein hätte sollen, wo es doch bis in die Nacht hell ist. Wir kamen bis zum Busbahnhof Horner Rennbahn. Dort bandelte Anja mit einem Laster an, unterlag, danach ging es ins AK-Wandsbek, wo sie für die nächste Woche blieb. Ich fuhr am nächsten Tag die überraschend leicht lädierte GS ab und pendelte ansonsten zwischen der Weidenallee und dem AKW, um allerlei Krimskrams und Blumen zu bringen.

Sonntag, 10. Juni 2012

Erlebniswelt

Von der Sonne redet keiner mehr, aber manchmal ist heftiger Wind, und hält den Himmel für ein paar Stunden frei. Die Zeit reichte gerade, um mal nach Schneverdingen zu fahren. Über die B3, stoisch durch den Wald. Wir genossen die großen, starken Maschinen, die auch bei Gegenwind fahren können. In Schneverdingen gibt es eine Motorrad-Erlebniswelt. Man kann alle anfassen und probesitzen. Das war zum Teil ganz aufschlussreich und inspirierend. Danach zog es sich zu. Wir sagten den Kaffee in Buchholz ab, donnerten schnell nach Hause und verbrachten den Rest des Tages im Internet.
Am Sonntag war es besser als prophezeit und eigentlich besser als Samstag. Panisch verließ ich das Haus und wollte schnellstens aus der Stadt raus. Blöderweise war "Mogo", und ich musste bös' aufpassen, nicht in den Pulk radikaler Christenbiker zu geraten und gehirngewaschen zu werden. Ich schaftte es, durch den Hafen und weiter ins Hinterland von Harburg (schon wieder!) zu entkommen. Da ist nichts Besonderes, aber egal, ich rollte. Als ich zurück kam, war es noch früh genug, sich mal Kunst anzugucken.

Montag, 28. Mai 2012

Dreitagebart

Ein Tag blieb noch, und es tat gut, mal allein, und nicht Vollgas zu fahren. Zur brennenden Sonne, die auch über Utah hätte scheinen können, passten die Lederjacke, Dreitagebart und die mattschwarze Iron. Schon um Mittag hatte ich Geesthacht erreicht und schwenkte bei Boizenburg auf die B 195. Ich ließ rollen, und abgesehen von einem Kaffee in diesem Bikercafé in der Nähe von Neuhaus (immerhin mal von innen gesehen) zog alles links und rechts der Kilometer heiß und grell vorbei. Erst bei Wittenberge bremste ich, überquerte die Elbe und sah die Doppeltürme einer Altmärkischen Klotzkirche am Horizont. Es war Seehausen, so weit war eine Nachmittagstour noch nie. Ein spießiges Café hatte auf, aber keine Soljanka im Angebot. Ich fuhr auf der anderen Seite zurück, Hitzacker, Bleckede usw. Um die einzige Serpentine im Elbhangsgebirge, wo immer die Biker stehen und auf Peinlichkeiten warten, hechte ich laut und peinlich aufsetzend. Am Ende musste ich immer öfter Pausen einlegen, konnte kaum noch sitzen und schlief dauernd ein. An den Kauf von Grillfleisch im Bahnhofs-Edeka war nicht zu denken. Ein Döner musste reichen.

Sonntag, 27. Mai 2012

Ost-West oder: Ahlen, wo ist das denn 2.0


Freitag, 18. Mai

Die Vanvans quälten sich zentimeterweise die Bundesstraße durch die zähen Weiten des Wendlands entlang. Zugeknöpft und mit eingezogenen Köpfen saßen wir schlechtgelaunt die Kilometer ab. Die Altmark kam trostlos in monotonem Maigrün, die Sonne strahlte dümmlich, konnte aber nichts beitragen. Verwinkelte Strecken über gelbe Landstraßen verbesserten stückweise die Situation. Südlich von Bismarck war es immer noch früh, und jetzt irgendwie inzwischen richtig nett, so dass wir uns sogar für eine aufwendige, östliche Route um das Sperrgebiet herum entschieden. Die faszinierende Mischung aus DDR-Tristesse leerer Dörfer und der Lieblichkeit wuchernder Elbauen zog uns immer weiter. Wir machten Rast an Abraumhalden groß wie Gebirgszüge und Postwende-Straßencafés. Es dauerte nicht sehr lange, und wir rollten mit großen Augen durch die Plattenbauvorstädte nach Magdeburgs ein. Mittendrin checkten wir ein und waren froh, beim örtlichen Bayern noch was zu Essen zu bekommen. Kurz darauf wurden unter unseren Füßen die Bügersteige hochgeklappt.


Samstag

In Magdeburg steht die Platte noch, selbstbewusst und heutig. Wir wanderten mit Fotoapparaten durch die Einkaufsstraßen unaufgeregter Samstäglichkeit. In Gehweite gab es auch zwei beeindruckende alte Kirchen, aber die Straßenbahn war auch interessant. Anja hatte festgestellt, dass Dessau nah ist. Wir nahmen die Vanvans, die warmen Sachen hintendrauf geschnallt. Magdeburg verließen wir durch ruinöse Gründerzeitindustrie, kurz darauf brummten zogen stille Elbauen vorbei. Kaum ist es wärmer, passt auch das Grün wieder. Es ging hin und her nach Zerbst, uns war jeder Umweg recht. Dessau wirkte modern und normal. Die Bauhausbauten sind weiträumig ausgeschildert, liegen aber in einem langweiligen Wohngebiet, so dass wir jedes größere Gebäude unsicher musterten, ob es vielleicht das Bauhaus ist. Es war dann natürlich doch klar zu erkennen und ganz und gar spektakulär und schön. Unten ist eine Cafeteria drin, wir aßen ein Baguette. Zurück ging es erst nachhaltig in die falsche Richtung, dann aber wieder durch die romantischen Flussauen. Den Höhepunkt bildete eine winzige Fähre über die Mulde. Sie nahm fast den gesamten Fluss ein und musste sich nur ein paar Meter vor und zurück bewegen. Der Fährmann stand mit freiem Oberkörper an Deck seines Schiffes und trug einen Cowboyhut. Die Abendsonne flirrte, Vogelkonzert, maßlose Idylle. Die maroden Vororte Magdeburgs waren danach ein willkommener Kontrast, und das Tapas abends beim Spanier irgendwie auch maßlos.


Sonntag

Ganz früh auf der Straße, ohne Frühstück, dann alles hatte noch zu. Um bloß nicht auf die Autobahn gezwungen zu werden, folgte ich meiner Orientierung nach Westen. Endlos ging es durch sterilen Zone-30 Wohlstand der traurigsten Sorte. Dann kam offenes Land in frischer Morgenluft, das Schönste was es gibt. Es ging teils über unbedeutende Kreisstraßen, teils über die noch einsame B1, dann wieder von Dorf zu Dorf. Manchmal, auf langen Geraden der endlosen Weite, wäre die Harley vielleicht besser gewesen (mal so richtig rollen lassen). Wir frühstückten an der Dorftanke in Erxleben, als die Einheimischen gerade aktiv wurden und z.B. den Golf wuschen. Das Land wurde nach Westen hin angenehm hügelig. Wenn wir mal einen Abzweig verpassten, machte das nichts, denn die nächste Straße war bestimmt noch verwegener und buckeliger (gut, dass ich doch die Vanvan genommen habe!). Bald war links der Harz zu sehen. Es kostete Kraft, unverrichteter Dinge vorbeizufahren. Aber vor uns lag noch halb Deutschland. Bei Freden fuhren wir in brütender Nachmittagshitze durch ein veritables Flusstal, wie man es der langweiligen Leine gar nicht zugetraut hatte. Dann, etwas langatmig, kam bald Höxter, altbekannt, die Bundesstraße durch Ottbergen, weiter Richtung Westen. Anja war so gut drauf, dass sie mit mir ohne Klagen den berühmtesten aller Eisenbahnviadukte in Altenbeken besichtigte. Paderborn durchquerten wir in dösiger Sonntagsnachmittagswärme. Daheimgebliebene saßen in grauen Eiscafés und betrachteten teilnahmslos vorbeiziehende Vanvans mit Hamburger Kennzeichen. Das letzte flache Ende versuchten wir, auf gelben Straßen zu bleiben. Das war schwierig bzw. unmöglich, denn immer war etwas gesperrt. In Ahlen bezogen wir Quartier in einem erstarrten Wohngebiet, in dem um 21 Uhr die Jalousien rattern und man in einen Flüsterton verfällt. 


The Iron Week

Während Anja ihre Tage mit Eisentauschierung in Ahlen verbrachte, war ich immer schon früh auf den Rädern im Ruhrgebiet. Den Montag ließ ich mich erst mal planlos treiben, auf der Suche nach ungeschminkter Authentizität und verlorenen Orten. Ich schwamm im Berufsverkehr mit, der selbst in Dortmund immer locker fließt, was mich sehr wunderte. Ich sah alte und neue Industrie-Monströsität, aus dem Boden gestampfte Hi-Tech Märchenwelten, Felder und Wiesen, Bauenhöfe, übergangslos dazwischen. In Herne und Wanne-Eickel war es so authentisch, dass ich mich nicht traute, abzusteigen und Fotos zu machen. Nur nach einem Schanzenbäcker mit Cappuccino und Schokocroissant musste ich lange lange suchen. Manchmal fuhr ich durch Nebenstraßen, und mittendrin stand ein Ortsschild, z.B. “Bochum”, an einer kleinen Brücke über einen Bahneinschnitt. Die rußschwarzen Wohnblocks im Umfeld der alten Zechen waren faszinierend, doch das frische Maigrün und der leuchtend blaue Himmel zerstörten jede Tristesse, so dass ich meist staunend doch tatenlos entlangfuhr. Ich vergurkte täglich eine ganze Tankfüllung im raumfüllenden, strukturlosen Stadtgebiet, das durchgehend grellgrau-amorph und kleinstädtisch, teils sogar dörflich ist. Die nächsten Tage waren planvoller. Zum Beispiel genoss ich einen Nachmittag lang Hochöfen, Kokereien und Stahlwerke in Duisburg, live in Action, oder in Museumsform in Dortmund. Größere Etappen überwand ich in LKW-Windschatten auf der Autobahn, von der aus man übrigens nichts als Büsche sieht. Ich war aber auch im Sauerland unterwegs, das gleich um die Ecke liegt, im Grunde schön ist, jedoch leider vollbesiedelt bis in die letzte Ritze. Oder die Überlandfahrt nach Oberhausen, durch eintönige, austauschbare Deutschen Klinkerkleinstädte in der Ebene, mit der immer gleichen Aldi/Rewe Kombination am Ortseingang. Die warmen Abende verbrachten wir ausgelaugt in der kleinstädtischen Gemütlichkeit Ahlens, meist im Biergarten inmitten tiefergelegter Jugend.



Freitagnachmittag, Abfahrt aus Ahlen

Das Stück bis Paderborn war wieder ätzend. Dann kam die raffinierte Route zum Zug, die ich sorgsam ausgearbeitet hatte. Es ging über Berg und Tal geradewegs nach Osten, vorbei an allem was stört (außer dem Gegenwind). Zuerst über den Pass nach Willebadessen, dann traumhafte geschwungene Straßen durch immer einsameres Mittelgebirge bis hinunter an die Weser bei Beverungen. Weiter eine unbekannte, sensationelle Nebenstrecke durchs Tal, bis die Hochhäuser Göttingens über die Hügel lugten. Rechtzeitig abgebogen, so dass wir bei Bovenden an der B3 standen, hungrig, durstig und mit summenden Kopf. Da störte es nicht, dass die Bergstrecke nach Bad Grund, die unumstößlich Teil des Plans war, für Krafträder vollgesperrt war. Wir fühlten uns einfach nicht angesprochen, fuhren mit Vollgas durch und bezogen unser Zimmer im Kleinbürgerhotel mit Balkon.

Samstag im Harz

Ungewohnt, Harz im Frühling, und gut, dass wir nicht alles abhaken müssen, was schon abgehakt ist. In aller Ruhe prügelten wir die Vanvans die Berge hoch, fanden irgendwo in zweiter Reihe ein sonniges Plätzchen am Bahndamm und taten nichts. Die Straßen waren gefüllt mit Choppern, denn irgendwo war ein Harleytreffen, zu dem ich bestimmt nicht gefahren wäre. Dann schon eher ins Café unten in Treseburg, in knallender Sonne, ohne Schirm, denn Anja fror trotz allem irgendwie. Am Tunnel bei der Rappbodetalsperre liefen alle Amok. Wir parkten lautlos zwischen brüllenden Streetfightern und holten uns ein Eis, konnten uns aber weder mit den graubärtigen Fulldressern noch mit den tiefergelegten Halbstarken identifizieren. Aus Hildesheim zog Grillduft herüber. Aber es dauerte noch ein langes Stück geheimer Landstraße durch den Abend, der sich warm und duftend über das Land legte, das im Streiflicht wirkte wie ein Park. Unsere neuen Freunde in Sorsum hatten alles da. Fleischsorten, Rotwein und ein Gästezimmer mit Carrerabahn.


Sonntags heim

Oft genug hatten wir den Anspruch, irgendwie elegant durch die Tiefebene zu kommen. Diesmal versuchten wir es über Fuhrberg, auf endlosen einsamen Wäldstrecken, aßen Eis in einem dieser gesichtslosen Orte. Dann wieder Wälder. Auf schnurgraden Straßen, einsam und langsam bekloppt werdend mit 80 Km/h durchrollt, bis auf einmal vertraute Orte auf den Schildern standen. Kurz darauf war vor uns der Elbdeich. HVV Busse, Familien auf Hollandrädern, ein Stück noch durch den Hafen, Schanze, Weidenallee. Der Asphalt weich wie Nutella. Die Vanvans sahen ein bißchen stolz aus, als sie im Hinterhof parkten. Wir machten auf dem Balkon ein Bier auf und genossen den Lärm der Stadt.

Berlyn is so cool


Die Mother Road. 2 Vanvans quälten sich die endlos ergrünende Allee entlang Richtung Osten, gegen den Wind. Am Anfang war irritierende Frische, doch mit jedem Tankstopp kamen wir dem Sommer ein Stück näher. Als wir im weit abgelegenen Wildberg Thomas trafen, um konspirativ Schlüssel auszutauschen, hatten wir schon die Handschuhe und den Pulli verstaut. Berlin empfing uns mit triefender Spätnachmittagshitze und reichlich zu spät. Wir mussten uns im Klo der Tanke umziehen und direkt bei der Deutschen Oper vorfahren, die bequemerweise direkt an der Strecke lag. Lohengrin sang den ganzen Abend gegen die Straße im Kopf an. Die folgende Nachtfahrt durch die glühende Stadt war herrlich. Wir durchglitten niedrigtourig das brodelnde Kreuzberg, bahnten uns den Weg durch Kolonnen von Radfahrern (Leihräder) und parkten in der Liebaustraße, wo wir erst mal einzogen. Den Schlüssel hatten wir ja.

Am Sonntag:
Achtundzwanzig Grad. Angeführt von Imkes nagelneuen  50er Kymco waren wir unterwegs uns auf einer touristisch einwandfreien Stadtrundfahrt. Christian hatte die blaue Vanvan bekommen, Anja und ich fuhren auf der orangen. Wahrzeichen und Landmarken tauchten auf und zogen vorbei wie im Werbevideo. An millionen ausgestreckten Armen klickten Digitalkameras. Zum Abschluss, und gewissermaßen als Kompensation, tasteten Anja und ich uns noch bis weit nach Rudow vor und genossen die raue Wucht der Satellitenstädte. Abends saßen wir mit Tom und Tine am Balkon und beobachteten das Treiben am Schlesi. In einem nie versiegenden Strom vom Warschauer Bahnhof ergossen sich Leiber in die heißen Straßen. Alle waren zwanzig, nahmen willig die Friedrichshainer Unverbindlichkeit an, alle trugen eine Bierflasche aus dem Späti, alle waren gleich. 



Den Brückenmontag verbrachten wir im Kadewe, bzw. bei Kaufhof, bzw. Turberg. Leider ist der alte Westen nicht sehr cool, weswegen wir die sehr lässige Rückfahrt nach Friedrichshain sehr genossen. Sogar einen Liter Milch beim Kaiser's zu kaufen ist dort cool.

Dienstag: Das unverbindliche Partyvolk lag noch in Sauer, Autonome bereiteten ihren großen Auftritt vor, Läden verbarrikadierten sich. Wir waren schon auf dem Weg. Mit Rückenwind segelten wir die B5 entlang. In Friesack bogen wir ab, kamen durch grellgrüne Blättertunnel, rollten vertäumt durch die weitläufige Dörfer und die Einsamkeit der Prärie in den Havelauen. In Bad Wilsnack gibt es eine überdimensionierte Kirche, die wir schnell noch abfrühstückten, bevor die Straße das vertraute Bild entlang des Elbtalsands mit nach Sommer duftenden Kiefernwäldern und Backsteindörfern wie aus dem Museum annahm. Der klassische Rückweg über die nördliche Elbuferstraße begann. Gerade als es richtig gemütlich wurde, donnerte einer der üblichen Tiefflieger vor meinen Augen voll gegen einen Baum. Er stand schadlos wieder, aber wir waren von da an noch langsamer als ohnehin schon unterwegs. Später kroch mit jedem Meter zunehmend Kälte in die Jacke. Als wir im idyllischen Hamburg ankamen, konnten wir die Ruhe kaum glauben. Vom Sommer blieben hauptsächlich Erinnerungen.


Mittwoch, 18. April 2012

Halb Neun

Heute am frühen Feierabend wirkte die Luft frostfrei. Ich ging schnell in die Garage und holte die Iron raus, schwang mich auf die Fruchtallee Richtung Westen und ließ den Abend auf mich zukommen. Es ging lange durch unbekanntes Gebiet, erst in Schenefeld erreichte ich schließlich die Stadtgrenze und ließ sie hinter mir. Langsam erkannte ich die Strecke wieder. Es war eine aus sehr alter Zeit. Jedoch hat sich alles vollkommen verändert und sah dazu im Abendgegenlicht total seltsam aus, vielleicht lag das an dem Rest Wüstenstaub auf dem Visier. Ich durchrollte das bereits dösende Ütersen, dann die Strecke durch den Wald nach Wedel. Die Vierspurige nach Hamburg rein konnte man sich als Highway durch L.A. zurechfantasieren. Schade, dass dann doch die Finger abfroren. Als ich am Doormannsweg ankam, war es noch taghell und halb neun. Schön, so ein April.

Sonntag, 25. März 2012

Lee

Ohne allzugroße Erwartungen rollten wir Richtung Deich, nachdem sich der Nebel aufgelöst hatte. Höchstens, vieleicht eine windschattige Ecke zu finden, um das verlorengegangene Stündchen der Zeitumstellung nachschlafen zu können. Wir erreichten dösend Geesthacht und kauften eine Flasche Bismarck an der Araltanke. An einer Stelle am Deich in der Nähe von Altengamme fanden wir einen herrliches Flecken in Lee, breiteten unsere Decke aus und schliefen sofort ein, während die Märzsonne minütlich energischer ihren harten Strahl auf weiße Haut sengte. Jeder Hamburger Bürger besitzt eine Harley Davidson und fährt an einem Sonntagnachmittag wie diesem die Deichstraße auf und ab. Die Luft war erfüllt von dem Blubbern eines nie endenden Konvois der Sinnlosigkeit. Unsere Vanvans schnurrten lautlos auf dem Weg zurück in eine Stadt, die man von warmen Sommerabenden kennt.

Samstag, 24. März 2012

Bundesweiter Frühling südlich von Harburg

Ein bundesweites Frühlingswochenende begann geradezu blendend. Allein und relativ planlos gab ich mich den Landstraßen unterhalb des Alten Landes hin. Es funktionierte ganz gut, per Dorfhopping mal hier und mal da in unbedeutende Feldwege abzubiegen, mich dann wieder per grober Peilung der Himmelsrichtungen durch den Sonnennachmittag südlich um Harburg herum treiben zu lassen. Das Herausnehmen sämtlichen Winterfutters und das Weglassen dicker Wollsocken war reine Waghalsigkeit. Der Nordwind fegte zwar den Himmel blitzsauber, ging aber durch alle Knochen, und zwar selbst im Stand, z.B. auf der Brücke über dem Rangierbahnhof Maschen, wo ich eine Weile verbrachte, bevor mich die aus der Ferne rufende warme Badewanne zurück in die Stadt zog.

Sonntag, 18. März 2012

Graubraun, ratlos.

Am Anfang war ein Nebel, der die Welt verschluckte, aber um 12:05 Uhr plötzlich weg war. Heute war der Tag, an dem zumindest aus der Goretexhose das Winterfutter entfernt wurde. In einem großen Bogen über Oldesloe, Kühsen und Mölln waren wir ins Richtung Strukdorf unterwegs durch die graubraune Steppe. Die Dörfer hatten der plötzlichen Sonne nichts als Ratlosigkeit entgegenzusetzen, vielleicht ein paar grellbunte Verkehrsschilder. Auf dem Ende zwischen Ratzeburg und Lübeck wurden nach und nach die Füße kalt. Da es außerdem viel zu früh war, parkten wir die Vanvans in Lübeck lässig vor der Kirche und wärmten uns bei Karstadt ausgiebig auf. Es gibt dort nichts, was es nicht gibt, bzw. was man brauchen könnte.
Am Sonntagmorgen dampfte alles wie nach einer Augustnacht. Ich fuhr zur Tanke nach Geschendorf und holte Brötchen. Nach dem Frühstück, auf dem Rückweg, ließen wir uns treiben. Und zwar so erfolgreich, dass auch Anja nicht mehr sagen konnte, wo es beispielsweise nach Oldesloe geht (alles praktisch in Sichtweite  Strukdorfs). Das machte aber nichts, im Gegenteil. Wir wollten gar nicht mehr aufhören, immer neue unbekannte Landstraßen auszuprobieren, immer weiter zum Horizont, bis wir auf der Deichstraße landeten, ohne dass Sprühschauer, Sturm oder die ganz allgemein zunehmende Ungemütlichkeit uns den Spaß verderben konnte.

Samstag, 10. März 2012

Barmbek International

Die beiden Vanvans auf ganz kleiner Tour. Zuerst ganz entspannt die Fruchtallee runter, weiter über Dammtor bis zum Saturn Markt am Hauptbahnhof, gefolgt von Louis Süderstraße. Dann in einem Rutsch in das nach wie vor unbekannte Barmbek. Nach einem beratungsintensiven Aufenthalt bei Globetrotter sah die Welt ganz verändert aus. Die Sonne war rausgekommen und es erschien uns absolut normal, beim nächstbesten Straßencafé an der Fuhle vorzufahren und Waffeln mit Himbeeren und Vanilleeis zu bestellen, dazu Cappuccino. Okay, die Jacken waren bis oben zugeknöpft, aber das wäre auf Island bestimmt auch so.

Samstag, 3. März 2012

Tief im Norden

Der März war mit viel Licht gekommen und ich befand mich auf dem Weg nach Travemünde, wo der Alte Herr mich nicht ohne Grund erwartete. Die Vanvan mühte sich ab gegen den frischen Nordostwind. Ich trieb sie über die Strecke über Lasbek. Hier und da traf ich auf Motorradfahrer, die unsicher nach all den Monaten ihre Bikes aus den Garagen schoben. Schläfrig und graubraun zog die Landschaft vorbei. Ich tuckerte gemächlich durch Lübeck, um mal zu gucken, aber hauptsächlich, um die Hände und Füße ein wenig aufzuwärmen. Am Tunnel in Herrenwyk gab es fast Zank mit der Dame im Kassenhäußchen, denn sie bekam die Schranke nur mit telefonischer Genehmigung wieder auf. Das lag daran, dass ich zuvor quer über die Verkehrsinsel gedonnert bin (ist jetzt zu kompliziert). Auf dem Rückweg nahm ich mir die Zeit für die alten sentimentalen Landstraßen über Warnsdorf und Ratekau usw. Zwischen Reinfeld und Oldesloe, eigentlich wollte ich nur eine rauchen, konnte ich nicht anders, als mit Schmackes durch einen knietief morastigen Treckerspurenfeldweg abzubiegen. Das war zwar nix gegen die Wasserdurchfahrt im Wadi Bani Awf vor gerade mal 3 Wochen, aber neben dem Dreck sprühte auch ein Hauch von Abenteuer.
 

Sonntag, 26. Februar 2012

Kleine Brötchen im Februar

Irgendwann hatte ich sie soweit: Anja wühlte in der Kiste und holte ihre Motorradsachen heraus. Einen Moment später schnurrten die zwei Vanvans durchs Schulterblatt. Das Licht war gleißend wie nie, die Temperaturen über Null, deutlich spürbar wenn sich in einer windstillen Ecke ein ungläubiger Hauch von Vorfrühlingswärme bildete. Es war Teil des Deals, kleine Brötchen zu backen. Also würdigten wir jeden Schritt, z.B. das Erreichen der Ost-West-Straße, die Hafencity, die Freihafenelbbrücke,  entdeckten entlegene Orte zwischen Containeranlagen, verfallener Gründerzeit und Bahngleisen. Wir genossen die kleinteilige Wuseligkeit, mit der die Vanvans sich bewegten, gurkten kreuz und quer (und voll illegal!) durchs Schanzenviertel, nur um hier noch für einen Kuchen und da noch für einen Liter Milch vorzufahren, um dann zwar mit eingezogenem Kopf aber ganz offiziell den ersten Kaffee auf dem Balkon zu schlürfen.

Sonntag, 1. Januar 2012

Neujahr @ Altland

Gegen Nachmittag hatte es sich alles ein wenig aufgeklart draußen, aber im Kopf auch. Sensationelle 10° C feuchte Wärme umwehte mich, als ich durch die Trümmerfelder der Stadt rollte. Ich ließ tausende Neujahrsspazierer in der Hafencity hinter mir, brauste ganz allein durch den Stillstand der Containerterminals, kontrollierte in Finkenwerder den Reifendruck und fand mich auf Landstraßen im Alten Land wieder. Das schmutzig-dunkle Nachmittagslicht, dessen Lebensdauer nie ausreicht, die glänzende Nässe vom Asphalt zu trocknen, maskierte die sonst so unerträgliche Piefigkeit. Ich kam über Umwege in Buxtehude raus. Menschenleer und taub lagen seine Straßen vor mir. Ich gurkte hin und her, zur Tanke, dann unentschlossen, dann doch den gleichen Weg zurück, viel zu spät an die gesperrte Brücke bei Cranz denkend, so dass ich bei einsetzender Dunkelheit über unheimliche Dorfstraßen die Zivilisation erreichte. Ich bretterte durch den Elbtunnel zurück und ließ routiniert Badewasser ein.

Silvester an Speckgürtel

Traumwinter. Kein Schnee, keine Gletscher, stattdessen unentwegte Weststürme und Regen, genau wie man es sich wünscht. So ergeben sich immer wieder Nachmittage mit Wolkenlöchern, an denen man alles liegen lässt, eine Vanvan aus der Garage holt und eine Runde dreht. So wie heute, als ich einem unbändigen Drang nach echten, zäh fließenden Kilometern nachgab und ein einsames Stück auf der B4 nach Norden fuhr. Irgendwo unter blassem Grau bog ich links ab, und ließ die Vanvan lautlos durch erstarrte Siedlungen im Speckgürtel rollen. In den Häusern bereiteten sich Jungfamilien auf die große Party mit den Nachbarn vor, während unaufhaltsam die Dämmerung aufzog und die Tristesse der immer gleichen Pennymärkte und Sparkassenfilialen der Randbezirke perfekt in Szene setzte. Ich erreichte Rellingen, ließ die dunkelgrauen Hochhaustürme Pinnebergs hinter mir und arbeitete mich weiter vor in die Marsch, bis nach Wedel. Dort verirrte ich mich, fand aber schließlich den Weg zur Elbchaussee, wo  bereits Kolonnen von Limousinen unterwegs waren, zu Orten mit weißen Tischdecken. Auf meinem Rückweg hatte das Licht bereits diese unnachahmlich traurige Trübheit erreicht, die es nur zur Wintersonnenwende gibt. In der Stadt gingen die Leute an der Elbe spazieren und machten sich Gedanken. Ich fuhr schnell nach Hause und ließ Badewasser ein.