20 Jahre !!!

20 Jahre !!!

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Milde Sorte

Das Ende des Jahres war dunkel und mild. Am dritten Advent zog ich mit der Vulcan durch einen trüben Nachmittag nach Travemünde, bekam Kaffee und Kuchen. Ich schaffte es nur mit Mühe, die rettende Stadt auf dem Rückweg noch in der Dämmerung zu erreichen.
Eine Woche später war bereits Weihnachten. Anja und ich waren mit den Vanvans unerwegs über die ausgestorbenen Wirtschaftswege zwischen Reinfeld und dem Anwesen. Aus den vereinzelnd stehenden Häusern drang gelbes Licht in das Blau des Spätnachmittags. Draußen lag das Land in dämmernder Leere unter Vollmond. Am Waldrand erschien ein einsamer Kleinwagen, darin saß ein Weihnachtsmann. 
In der Woche war es herrlich, durch die Stadt zu cruisen, z.B. um immer wieder einen neuen Karton Monte Velho zu holen, oder Nachschub an Marzipan. Wir brummten vergnügt kreuz und quer durch das Hafengebiet, manchmal nahm ich für eine Stunde die Vulcan und gab zügellos Gas auf der Ost-West-Straße, wie in besten Zeiten. Die Straßen waren frei wie in einer Sommernacht, und man brauchte meist nicht mehr als Jeans und warme Socken. Gegen Ende kam aus Sibirien knisternde Kälte. Ein neues Jahr fing an, aber es fühlte sich eher an, als wenn etwas aufhört.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Inoffiziell

Ein milder Nikolaustag mit stürmischen Böen, und schräger Sonne schon am Mittag. Die Vanvans kämpften sich im menschenleeren Hafengebiet gegen den Wind ab, und die Welt wurde riesig. Schön ist, mit der Vanvan wird alles so herrlich inoffiziell. Verbotsschilder an verlassenen Kaianlagen gelten nur für richtige Fahrzeuge. Wo Beton endet, geht doch meist ein noch etwas verbotenerer Sandstreifen weiter. Die Containerterminals waren leuchtetnd, und bedrohlich nah. Auf dem Steinwerder, und erst recht am wilden, vergessenen Ende der Dradenau. Später, am coolen Weihnachtsmarkt an der Rindermarkthalle, konnten wir einfach vorfahren und Marzipankuchen rausholen. Den Parkplatzeinweisern fiel nichts ein, und die Fußgänger trieben freundlich nickend aus dem Weg. Es war erst früher Nachmittag. Am Horizont war schon die Dämmerung zu sehen.
 

Sonntag, 8. November 2015

Ruhe

Noch ein sonniger Sonntag kam, vielleicht der letzte. Die großen Pläne hatten wir angesagt, stattessen gondelten wir gemütlich noch einmal mit sanftem Rückenwind die Deichstraße entlang, Richtung McPom. Mal sehen, wie weit wir kommen. Niemand war unterwegs auf den sich auflösenden Aleen. Wir entdeckten vergessene Dorfstraßen abseits der B5, Banzin und Marsow, hundertjährige Bäume, die das Novemberlicht flutete. An mancher Ecke gingen Pisten ab, zu noch entlegeneren Orten (wir sparten sie auf, für spätere Vanvan-Abenteuer). Der Imbiss in Zarrentin hatte schon Saisonende, wie wohl die ganze Welt. An der Tanke schien die Sonne warm auf eine Bank. Wir tranken einen langen, gemütlichen Pappbecher Cappuccino. Der Nachmittag war jung, und wir schwangen uns in einem großen Bogen erst über die versteckte Landstraße über Seedorf Richtung Ratzeburg, dann zickzack nach Gudow, Büchen, Breitenfelde, bis es am Himmel milchig wurde. Die Querverbindung nach Schönberg ging schon ins herbstlich Düstere, aber da war schon die Stadt in der Nähe, wir fuhren rein, und konnten uns nur wundern, warum die hiergebliebenen alle so unter Strom standen. Wir waren ausgefüllt mit innerer Ruhe.
 

Sonntag, 1. November 2015

Die Sonnenseite

Ich war allein mit dem Bombenwetter. Anja war mit Weibern in Berlin, die Berliner Biker im Sauerland bzw. abgemeldet. Alle anderen waren Fußgänger. Ich malte einen Radius auf die Karte und entdeckte Wernigerode am Harz. Gegen Mittag war ich auf der B3, heute ohne Umkehr, einfach immer weiter, so wie im Traum. Im Rucksack hatte ich nur eine Zahnbürste. Stoisch rollten die Kilometer ab, durch die endlosen, gelbe Wälder. Die Wollsocken taten ihren Dienst, und an der Tanke in Celle, in irgendeinem Wohngebiet, lehnte ich hinter der Waschanlage an der Vulcan, die in der Sonne leuchtete, und wärmte mich an einem Cappuccino (groß) auf. Die Gegend um Braunschweig war schon immer ein Problem. Am Stadtrand sind Autobahnbrücken wie in Los Angeles, und wenn man kutz zögert, landet man ungewollt in der Innenstadt, die unbeschildert ist und durch künstliche Staus auf Metropole getrimmt wird. Durch Intuition erreichte ich die B79, eine gute Straße am Hang, und aus dem Nebel stiegen die Harzberge empor. Ich fuhr gleich bis Drei Annen hoch, bewunderte die Schmalspurbahn im Spätlicht. Noch eine Runde über Elend und Elbingerode, dann einchecken und schnell warm duschen.
 
Ohne Herrmann und Anne aus Oldenburg sowie die kleine Weinbar, die ich gestern Abend noch entdeckt hatte, als ich schon resigniert eine Flasche von der Tanke holen wollte, wäre der Sonntag jedenfalls frischer gestartet. Aber der Fahrtwind strömte erholsam und frisch durchs Gehirn, und auf den Straßen war ich praktisch allein. Ungeahnt flüssig ging es auf und ab über die herrlichen Kurven durch einen herbstbunten Landschaftsporno. Am Hexentanzplatz stand die Sonne weit oben und brannte wie in ihren besten Zeiten auf die Touristentruppen und mich, eine Waffel mit Ost-Nutella mampfend. Zum Abschluss nahm ich noch das Selketal und fuhr über Quedlinburg und Halberstadt in die Ebene. In Wolfenbüttel klappte das diesmal mit der Stadtautobahn, so dass Braunschweig schadlos vorbeizog. Endlose Alleen säumten einen Tag im fünften Gang. Celle kam und ging, Wälder, gelb und rot, Soltau. Es war schon in Welle, als ich das erste Mal den Motor abstellte. Ich saß auf einer Bank, trank still Kaffee und rauchte. Die Sonne schien kalt von der Seite, bis Hamburg waren es nur noch ein paar Meter. Fußgänger liefen durch den Park, oder am Fluss entlang. Die Sonnenseite war und blieb der Highway.
 

Sonntag, 11. Oktober 2015

Endstation Steigerts

Kein einziges Wölkchen, leuchtendes Laub, Sonne wärmer als im Internet. Wir kurvten schwerelos die Hänge des Odenwalds hinauf. Die Richtung stimmte, irgendwann am Nachmittag würden wir im Spessart landen. In Steigerts, das ist auf keiner Karte verzeichnet, wollten wir eine Baustelle umfahren, ein Waldweg kann uns normalerweise nicht abschrecken. Die Bonnie donnerte durch ein Schlagloch, danach war der Vorderreifen platt. Stunden später saßen wir im Abschleppwagen, der sich durch die engen Dorfgassen quälte. Die Sonne schien noch einen ganzen Tag weiter. Dass wir erst nächstes Jahr wieder hier fahren würden, das schien sie gar nicht zu interessieren.
 

Samstag, 10. Oktober 2015

Das Rheingold

Darmstadt im Oktober. Die Bonnie sprang ohne Choke an. Wir verbrachten einige Zeit an der Agip Tanke, wo wir sie wuschen, volltankten und alles für die Fahrt zum Rheintal vorbereiteten. Milder, bewölkter Himmel, Autobahn, easy going. Die Strecken durch Wiesbaden waren auf der Karte ein unentwirrbares Knäuel, und in Wirklichkeit ein naiver Versuch von uns, so lange wir möglich am Fluss entlang zu fahren. Aber dahinter, ab Rüdesheim, das ist der wahre Kern Deutschester Romantik, der Rhein, die Burgen, die Weinberge, dazu eine kaum befahrene Uferstraße und Fachwerkorte voller Chinesen und Cafés, die Loreley heißen. Wir fuhren auf der anderen Seite zurück, zum Schluss wieder auf der Autobahn, mit 130 Sachen, über uns klarte es auf. Wir parkten die Bonnie in Pfungstadt im Garten, aus Angst vor Besoffenen vom Oktoberfest.
 

Sonntag, 4. Oktober 2015

Plan B

Oktober, Deutschland, eine Einladung nach Berlin, da zögerten wir nicht lange. Am Freitag sieht die B5 anders aus, zum Teil hat sie Verkehr, man fährt aufmerksam und hat mal einen Schnarcher vor sich oder einen wilden Kleinlaster im Rückspiegel. Erst hinter Perleberg kehrte Ruhe in alles. Hier ist der Punkt, wo die ganze Welt unendlich weit entfernt ist. Dörfer liegen wie Inseln auf hoher See. Wir rauschten vorbei, die Allee färbte sich effektvoll in flacher Nachmittagssonne. Irgendwo da ganz hinten, kurz vorm Rand, liegt Berlin. Dort hat es Ruhe, Raum, sich auszubreiten, zu gären, ohne dass es auffällt. Ohne Stau liefen wir in Friedrichshain ein. Pizza wurde serviert, Absacker getrunken, Schlafsäcke ausgerollt. Draußen versuchte irgendein verstrahlter Abschaum, die Motorräder stillzulegen.
Geburtstagsbrunch in Neukölln, über der Stadt brüllende Sonne. An der HEM-Tanke in 12529 Schönefeld trafen wir uns mit Michael. Er kennt genau die richtigen Strecken für einen Samstagnachmittag. Wir folgten willenlos seiner Dyna Street Bob durch schier grenzenlose Wälder, durch die das Licht schimmerte, kurvten durch vergessene Regionen im Süden und standen plötzlich vor einer obszön großen Zeppelinhalle ("Tropical Island") zwischen Krausnick-Groß Wasserburg und Rietzneuendorf-Staakow. Über die B96 kamen wir nach und nach wieder in die Stadt. Der Asphalt war warm, wie jeder Abend in Berlin.
Sonntag waren wir um 12 Uhr schon am Stadtrand. Die Straße hatten wir für uns allein. Kyritz, viele Kilometer des Gleitens, Perleberg, extremer Kaffeedurst. Eine rauchen. Wieder gleiten. Tanken. Schockierend dichter Verkehr am Rande Hamburgs, aber wir fuhren längst automatisch. Tiefgarage, Badewanne, da war es noch hell draußen. Als ich rauskam, wäre ich am liebsten gleich wieder los gefahren.
 
 

Sonntag, 27. September 2015

Die Elemente

Anja war zur Fortbildung gefahren und ich war allein mit einem halogengrellem Sonntag. Große Ziele brauchte ich dafür nicht. Ich duckte mich auf der Autobahn nach Geesthacht, Richtung B195, was sollte daran falsch sein. Der Verkehr war am Anfang zickig, doch irgendwann, irgendwo hinter Neuhaus stellte ich fest, dass hier absolut niemand war außer mir. Vorne, im Rückspiegel, in den Weiten links und rechts sowieso - nichts. Nur die Allee, und die in sattem Spätsommer liegende Landschaft. In Dömitz mochte ich mich nicht auf einen organisierten Bikerparkplatz einweisen lassen und fuhr direkt weiter, über die Brücke, blieb ohne nachdenken auf der Bundesstraße, denn inzwischen wollte ich nichts mehr außer cruisen. Dannenberg, Uelzen, ewige Gerade durch den Wald. Alles war ausgefüllt von den reduzierten Elementen: Alphalt, Fahrtwind, Maschine. Alles andere verkümmerte nach und nach, am Ende war nichts mehr übrig. In der Nähe der Autobahn waren wieder alle hirschig in ihren Bürgerkäfigen. Ich landete noch reichlich betäubt in einem Straßencafé in Soltau und bestellte ein Eis, einen Kaffee, wie zivilisiert. Die B3 nach Hamburg, wieder schnörkellos und intensiv. Aber mit jedem Kilometer wurde die Hysterie der nahenden Großstradt spürbar. Davon wollte ich nichts wissen, und von allem anderen auch nicht.


Sonntag, 20. September 2015

Ein anderer Mensch

Es regnete bis zum Sonntagnachmittag, dann holte ich die Vulcan aus der Garage, und ließ mich über die B4 treiben, dem ersehnten Fahrtwind entgegen. Gleichmäßig, gerade, dem Blick an den Horizont geheftet. Über Neumünster war vor mir ein Schauer durchgezogen, ich bog ab nach Westen, und es ging genau so weiter. Auf einer Diagonalverbindung über Hennstedt kam ich nach Itzehoe, wie doch die Zeit vergeht. Ich verirrte mich, aber das war scheißegal. Ich wollte cruisen, gleiten, auf leeren Landstraßen in hartem Seitenlicht, mit scharfem Westwind, mit 100 Sachen. In Kolmar hatte ich Kaffeedurst, parkte in der Reihe mit Streetfightern und praktischen Hondas, vermied aber Kontakte. Schiffe zogen vorbei wie der Nachmittag. Mit kalten Fingern kam ich über Schenefeld in die Stadt zurück und war ein anderer Mensch.

Montag, 14. September 2015

Die Bonnie und die Berge

Kritischer Pfad
Am Vorabend war ich mit der Vanvan wie irre über Fußwege und Verkehrsinseln gepoltert, um den ICE noch zu kriegen. Egal, inzwischen waren wir mit schwerer Gepäckrolle und einem Nummernschild in der Tasche auf dem Weg zu einem Glaspalast in Filderstadt, wo wir eine schwarze Bonneville mit Gussrädern in Empfang nahmen. Nach 10 Minuten Eingewöhnungszeit vielleicht tasteten wir uns orientierungslos durch den zersiedelten Umkreis Stuttgarts. Im Wald gab es einen riesiges Biergarten, den wir fast für uns allein hatten. Das war ärgerlich, denn niemand bewunderte die Bonnie. Der Truimphhändler in Pforzheim entpuppte sich als Unterwäschegeschäft, aber wir waren über jeden Umweg dankbar. Am frühen Abend trafen wir uns mit Wulf am Glemseck 101 und schlenderten bis zur Dämmerung über das noch angenehm leere Gelände. Auf der Autobahn nach Murr dann war es schon so gut wie dunkel. Nur die Benzinleuchte der Bonnie strahlte in beunruhigendem Gelb.
Samstag, Glemseck. Die Skinny Beast hat die Tsar platt gemacht, den Sprint Beemer und alle anderen. Es war gut, einen ganzen Tag auf dem 101 zu verbringen. So viele coole Bikes, mal ohne glatzköpfige Stiernacken. Wulf führte uns auf Schleichwegen von Leonberg nach Murr. Man fährt von Ort zu Ort in Sichtweite, braucht dafür eine ausgeglichene Haltung. Im Gegenzug sieht man in jeder der sauberen Kleinstädte weltbekannte Firmenschilder.


Schwarzwald, schwarz und kalt
Wir hatten Funktionsunterwäsche an und rauschten unter fahlem Himmel über das Land. Vor uns fuhr auf der NineT Wulf, der eine Straße kennt, die über 30 Kilometer nicht aufhört. Wir hatten die Gepäckrolle hinten drauf, denn diesmal würden wir nicht zurückkehren. Die 30 Kilometer-Straße führt in Nord-Süd-Richtung durch den Schwarzwald. Schwarz, dicht bewaldet, und unendlich kalt. Trotzdem genossen wir das ungestörte Schwingen, denn wir wussten, in Freudenstadt gab es eine Gluaschsuppe in einem geheizten Gasthof mit Hirsch. In Rottweil trennten wir uns bei einem Schokocroissant. Vor uns lag ein guter Nachmittag Zeit, das romantische Donautal sowie ein Wetterbericht, der immer besser wurde. Wir nahmen uns ein Zimmer in Sigmaringen und liefen durch den Ort wie vergessene Touristen, aber für uns hatte sich gerade eine ganz neue Welt eröffnet.

Das Allgäu, Vorarlberg
Wir fanden auf der zerfledderten Karte tatsächlich eine schöne Route nach Süden. Durchs Allgäu, das sieht genau so aus wie ein Apothekenkalender. In Heiligenberg standen wir am Schloss von Fürst zu Fürstenberg. Im Dunst war der Bodensee zu sehen, hinten schemenhaft die Alpen. Wir trieben noch eine Weile durch die Gegend und kamen in immer kitschigere Modellbahnlandschaften. Inzwischen schon in hohen Bergen, überquerten wir in der Nähe von Hittisau die Österreichische Grenze. Anja saß nun schon einige hundert Kilometer auf dem Rücksitz, ohne sich zu beschweren. Die Berge waren oben weiß, und wir waren froh über das beheizte Zimmer in Strengen. Die Bonnie parkte vorm Posthotel zwischen 2 Reiseenduros mit Britischem Kennzeichen, und sah dabei ungemein kultiviert aus.
In der Morgenfrische schwangen wir mit der Bonnie durch strahlende Täler, tote Wintersportorte, später über eine behäbige Bundesstraße. Zivilisation, Insbruck, dort soll es einen Louis Store geben. Das Smartphone schickte uns durch Fußgängerzonen und Einbahnstraßen. Schwitzend, mit einer Dose Kettenspray, einer Autobahnvignette, einer Landkarte und einem neuen Tankrucksack, saßen wir an der Hauptverkehrsstraße beim Cappuccino und malten uns neue Ziele aus. Ein Stück Autobahn, dann das Zillertal, dann der Gerlospass, den die Bonnie ohne Runterschalten hochbrummte. Da hinten sind irgendwo die Tauern, und der Großglockner, soviel wusste Anja. Wir nahmen ein Zimmer für 2 Tage in Uttendorf. Um ein Haar wären wir verhungert, denn die Küche schließt hier um 19:30.

Großglockner
Sonnenschein, Schneegipfel, und der dünne Touristenverkehr eines Dienstagmorgens in der Nachsaison. Besser kann man es nicht haben auf der berühmtesten aller Großglocknerhochalpenstraßen. Wenn mal wieder ein Niederländischer Kleinwagen eine Schlange hinter sich her zog, hielten wir an, bewunderten eine Weile die Landschaft und nahmen geschmeidig die Serpentinen, wenn es frei war. Auf der Edelweißspitze, und erst recht am der Franzjosephshöhe gibt es geordnete Bikerparkplätze. Die meisten waren mit zurechtgemachten Harleys belegt, die - überraschend flüssig - auf dem Weg nach Faak waren. Für die 25 Euro Maut hätten wir die Straße den ganzen Tag hin und her fahren dürfen (machen bestimmt auch viele), aber wir wollten unbedingt noch die Rückseite sehen. Bei Kals, in einem wilden Tal mit einer wilden Bergstraße, kann man den Berg für weitere 9 Euro Maut tatsächlich noch mal von hinten bewundern. Die letzten Kilometer zum Felbertunnel fuhren wir bibbernd im Regen, aber auf der anderen Seite schien die Sonne noch durchs Tal. Wir duschten warm und wussten, wo es auch zu später Stunde noch ein Schnitzel gibt.

Etwas weiter östlich
Zell am See, Saalfelden, hier gibt Österreich alles, was es hat. Ein Stück Hauptstraße, dann entdeckten wir eine Verbindung hinterm Watzmann entlang, zum Salzach-Tal hin. Die Berge sahen klasse aus, die Straße war eine nicht endende Carrerabahn. Nach Norden hin versickerten die Berge um einen See herum. Das Strandhotel am Attersee bot Appartements im 60er Jahre Stil. Die Sonne ging über dem See unter, wir picknickten auf dem Balkon uns sagten den Alpen auf Wiedersehen.

Deutschland
In Braunau saßen wir noch auf der Österreichischen Seite im Straßencafé, dann fuhren wir über die Brücke, nach Deutschland. Es dauerte nicht lange und die gewohnten Bundesstraßen hatten uns wieder, wo man in einer 70er LKW-Kolonne dahinvegetiert. Wir mussten Bayern nördlich durchqueren, die Gegend, die man beim Landeanflug auf München sieht, und sich fragt, was hier bloß los ist. Zwischen uniformen, sauberen Dörfern mit Zwiebelturm, dicht an dicht, kurvten wir unter brennender Sonne über unübersichtliche, eckige Verbindungsstraßen, auf denen man nie sicher war vor monströsen Erntemaschinen bzw, durchgeknallten Hausfrauen in Kleinwägen. Mühsam war Kehlheim erreicht, und damit der erlösende Eingang zum Altmühltal. Das Licht fiel schräg auf die Hänge und den trägen Fluss und wir atmeten durch auf freier Fahrt. In Riedenburg gab es eine schräge Pension auf Platz 1, die nahmen wir, die hatten Burger, so gut, das konnte man sich gar nicht vorstellen.


Franken
Den ganzen Tag fuhren wir durch sanfte Landschaft, leere Straßen, Orte, die im Chinesischen Reiseführer abgebildet sind. Wir mussten abends in Volkach sein, und den Weg dort hin machten wir uns zurecht wie ein Bilderbuch. Hinter Rothenburg beginnt das Taubertal, es sieht aus wie im Museum. Mit 60 Sachen gondelt man die Landstraße zwischen den Fachwerkdörfchen entlang. Über Ochsenfurt kamen wir an den Main, bis Volkach war es nicht mehr weit. Weinberge, Fachwerkhäusle, Schäufele galore.
Auf der Wetterkarte kam eine blaue Masse von Westen, daher überführte ich die Maschine schon am nächsten Tag nach Pfungscht, Auf dem letzten Meter fing es an zu regnen. Christian erwartete mich im Begleitfahrzeug, ich stellte die Bonnie ab und wurde Fußgänger. Das ging alles viel zu schnell.


Montag, 31. August 2015

Jede Sekunde

Der Grill glühte aus, die Dämmerung ging im Schwarz einer warmen Sommernacht unter. Ich ließ das Weinglas unangerührt, holte die Vulcan aus der Garage, setzte Anja auf den Rücksitz und gab Gas mit dem Bewusstsein, vielleicht das letzte Mal den warmen Wind zu spüren auf dem leergefegten, heißen Asphalt der Stadt, der Elbchausee, den taghellen Vierspurigen im Natriumgelb. Gegenüber vom Containerhafen stiegen wir ab. Links funkelte die Stadt, im Westen am Horizont flackerte apokalyptisch die Wetterfront, die heute Nacht den Sommer beendet. Wie genossen jede verdammte Sekunde.
 

Sonntag, 30. August 2015

Marsch und Geest am Sonntag

Wir saßen in der Loggia und warteten, bis das Regenband durch war. Dann starteten wir, ohne große Erwartungen. Denn alles was wir sahen, war die Trägheit eines schweren Spätsommersonntags. Uetersen lag dämmernd da, auf den Landstraßen kroch der Nachmittag träge dahin. Wir landeten am Bikertreff in Kollmar, dort gab es immerhin einen großen Becher Cappuccino, dazu wieder die ach so beliebten Bikergespräche vom Nachbartisch. Der Tag hätte so zu Ende plätschern können, aber wir wollten noch einen kleinen, nicht weiter geplanten Bogen irgendwie hintenrum nehmen. Daraus entwickelte sich zu unser eigenen Verblüffung eine reelle Tour. Zuerst durch die Marsch, die selbst bei Sonne düster und zerzaust aussieht, dann abwechselnd über Geestkuppen, einsame Alleen und Kurven, wo sie keiner mehr vermutet. Kilometer verflogen ohne Störung, es war Cruisen wie im Bilderbuch. Kanalfähre, Hochdonn, Albersdorf. Ohne Ziel, ohne Karte, die Orientierung nach den sinkenden Sonne. Trotzdem hätte längst Bad Bramstedt ausgeschildert sein müssen. Hohenlockstedt kam mir bekannt vor. Hier ist auch die B206, ein nie gesehenes Ende, kurvig und buschig. Wie so oft, flogen wir von Norden in die Stadt rein, als die Neonreklame gerade an ging. Wohlig erschöpft, und mit leerem Kopf.
 
 

Samstag, 29. August 2015

Ein Tank Zufriedenheit.

Samstag war ich allein, rauschte gleichmütig die B4 nach Norden, frischen Wind im Gesicht und gut sortiert. In Bramstedt bog ich routiniert auf die B206 ab, rollte in loser Kolonne meist mit 70, 80 Sachen durch die Dörfer, sann über alles nach, was es so gibt auf dieser Welt. Segeberg ließ ich schnell hinter mir, fand den Abzweig bei Klein/Groß Rönnau, und wurde munter auf der geschwungenen Landstraße über Blunk Richtung Ascheberg. Kurz vor Plön ist ein Bikertreff; ich hatte einen gigantischen Kaffeedurst und fuhr dort vor. Man kann dort sitzen und auf den See starren, oder auf die Bikes. Den Kaffee kann man verschmerzen, und überhaupt kann man es dort aushalten, solange man sich aus dem Hörkreis der Bikergespräche fernhält. Ich verließ publikumswirksam das Gelände und steuerte Eutin an, Lensahn, alles Traumstraßen, fester Bestandteil unserer Sommer. Autobahn Oldenburg-Fehmarn, Rückenwind. In Burg: "Fehmarn Days", das übliche Bild aufgereihter Maschinen, gleißenden Chroms auf heißem Pflaster, dazu dreißigtausend Harleyjacken. Ich mitten dazwischen, ziellos umherirrend, dann einen Tisch findend und ließ ein Weizen alkoholfrei bestellend. Ich nahm in etwa den selben Weg zurück. Inzwischen war das Wetter prächtig, die Straßen leer, und ich brummte immer weiter, immer leichter, immer zufriedener mit mir und der Vulcan. Ich konnte kaum glauben, dass ich fast einen ganzen Tank leer gefahren hatte. War aber so, und das war gut.

Sonntag, 23. August 2015

Nirwana

Auf der B5 rollen, ihre kontinentale Weite inhalieren; die raumgreifende Leere kilometerweise dekonstruieren; Gedanken starten, die sich im Nirwana verlieren. Das war ein lang entbehrtes Gefühl. Im Rückspiegel sah ich Anja und, das war etwas Besonderes, Marcus auf seiner G/S (die war sogar frisch dampfgestrahlt). Im Vorfeld hatte es wegen der Streckenführung noch Diskussionen gegeben. Aber erstens hatte ich schon vor mindestens 15 Jahren eine Hommage an diese Straße verfasst, die immer noch gilt, und zweitens war ich der Road Captain. Der Nachmittag zog strahlend warm über uns hinweg und wir näherten uns der Hauptstadt. In Ribbeck, unterm Birnbaum, erwartete uns Rembert. Gekonnt lotste er uns auf der Slim über buckelige, echte DDR-Landstraßen über Etzin, Ketzin und Fahrland durch den Speckgürtel in die glühende Stadt hinein. Der Asphalt brannte, alle Sehenswürdigkeiten lagen an der Strecke und leuchteten im Sonnenuntergang wie in Hollywood. Die Nacht hätte lang werden können, aber in uns arbeiteten 350 Kilometer. Wir überließen Friedrichshain den Fußgängern und fielen tot ins Bett.
Sonntagsfrühstück im Übereck. Lautlos rollte Thomas mit der Vanvan vor. Unser Loste für die Ausfahrt. Ich hatte jetzt Heike auf dem Rücksitz und gab mir Mühe, ein Vorbild zu sein. Es ging durch nie gesehene, gewaltige Gewerbegebiete, leer und starr, dann durch endlosen Stadtrand, der in Berlin immer gleich aussieht. Langgezogene Siedlungen, Waldstücke, oder langgezogene Siedlungen in Waldstücken. Am Ende standen wir kurz vor Nauen. Bei den großen Antennen trennten wir uns von den Berlinern. Zugunsten von Marcus, und einfach der Abwechslung halber, nahmen wir nun einen satten Bogen über Havelberg, dort die Elbfähre, rollten über verträumte Basaltpflaster durch flirrende Alleen unter schwerer Augustsonne. Wittenberge kam uns schon vertraut vor, danach kam die B 195 im Abendlicht, ganz für uns. Marcus hatte sich unterwegs abgemeldet, zu lockend war der Elbstrand. Anja und ich kamen mit Rückenwind in Hamburg an. Es war schade, dass man nicht einfach auf Repeat drücken konnte.
 

Sonntag, 16. August 2015

Es wird spät.

Wenn wir uns zum Spätcruisen verabreden, müssen wir inzwischen früher Feierabend machen. Manch abendliche fahrt endet schon im kühlen Neonlicht, zum Beispiel nach einem Burger im Montgomery an der B4 und anschließendem Bogen über Bramstedt nach Norderstedt.
Am Wochenende konnte Anja endlich ihren neuen Helm einfahren. Er sitzt saugend, heißt Freeride und macht aus ihr eine respektable Rebellin. Eigentlich nur testend mal aus dem Elbtunnel ein Stück aus der Stadt raus fahrend, entdeckten wir im Abendlicht die Rosengartenstraße von Sieversen nach Eversen wieder, die in früheren Zeiten Standard war, dann aber vergessen wurde, wie so vieles. Sie zieht sich sagenhaft romantisch durch einen Hauch von Mittelgebirge, direkt im Hamburger Speckgürtel.
Am Sonntag fuhr Anja bei mir auf der Orangen hinten drauf mit, und sah alles mit anderen Augen (worum ich sie klammheimlich manchmal beneidete). Wieder ganz unkompliziert, einfach irgendwie Richtung Süden Gas gebend, drehten wir kurz vor Soltau um, aus Angst vor einer Schauerzelle. Wenn man von da aus nach Nordwesten fährt, kann man praktisch jede beliebige Landstraße nehmen, man hat immer eine lange, freie Bahn durch Wälder und Heide, auf der man mit Genuss dem Abend entgegen brummt. Der war in der Stadt wieder schwül und zähflüssig, der Regen kam irgendwann tosend und heiß, mitten in der Nacht. Da war längst alles in trockenen Tüchern.
 

Sonntag, 9. August 2015

Real Life

Sonntagmittag, Strukdorf. Während Anja Luxusgeschäfte regelte, dealte ich mit Horst eine aus gegebenen Anlass sinnvolle Testfahrt mit seiner Integra unter Real Life Bedingungen aus. Anja saß auf dem Rücksitz, im Topcase waren Strandutesilien verstaut. Wir wollten bis Fehmarn durchfahren und dabei alle möglichen Szenarien testen. Kräftig und vollautomatisch glitt das Gefährt durch den sonnigen Nachmittag. Die entzückende Strecke über Ahrensbök erschien heute belanglos. Während ich Technik und den Komfort bewunderte, ertappte ich mich dabei, wie ich Dinge dachte wie "wann sind wir endlich da?" oder, noch schlimmer, "so ein schöner Tag, schade dass wir nicht Motorrad fahren können.". In Eutin war längst klar, das das Ganze keinen Zweck hatte. Es ging umgehend zurück, auf der Autobahn, wo ich erstmals im Leben 150 km/h fuhr und mir dabei eine Zigarette anstecken hätte können. Es half alles nichts. Danach fuhren wir die selbe Strecke noch mal mit den Cruisern. Die Vulcan war jetzt drahtig und gelenkig, ich war mittendrin, genoss grinsend den strammen Ostwind, der kalt in die Ärmel pfoff. In Oldenburg lag der Hund begraben, wir bollerten cool auf dem alten Markt vor und holten Eisbecher. Die Küstenstraße B501 zurück ging  eine ganze Weile gut, aber in den Touristenorten staute und verkeilte sich die dumpfe Blechlawine. Wir suchten Auswege und fanden uns auf spukigen, nie gesehenen Waldwegen in dunklen Tälern zwischen Gothendorf und Braak wieder. Den Rest des Abends glitten wir über Ahrensbök, Reinfeld und dann auf der B75 Richtung Hamburg. Dort wurden wir seltsam umgeleitet und kamen wiederum durch nie gesehene, reichlich tiefergelegte Gebiete. Für den Tatort war es längst zu spät, aber das war auch so spannend genug.

Montag, 3. August 2015

After Work

Die neue Hitzewelle ist angenehmer. Trocken, und beim leisesten Fahrtwind nur noch schön. Wortlos und routiniert traf ich Anja um 19 Uhr an der Tanke. Wir bogen nach Eppendorf ab und steuerten zielstrebig das Arizona in Norderstedt an. Hier im Norden ist die Stadt leer und wir segelten im Abendlicht über die Vierspurigen. Nach dem Burger noch schnell eine Runde, denn es wird verdächtig früh dunkel. Quickborn, eine kleine, kurvige Neuentdeckung Richtung Westen, wo die Sonne mit Getöse verglühte. Pinneberg, schon mit Neonlicht, und in der Dämmerung auf der Schnellstraße bei Schenefeld noch mal genüsslich Gas stehen lassen. Herrlich, bei 28°, die einem durch die Jacke wehen.

Ausnahmsweise eine Karte

Sonntag, 2. August 2015

Annual VanVan Run 2015

Wittenberge hatte sich letzte Woche mit Bravour als Austragungsort für den VanVan Run 2015 qualifiziert. Bei bombigen Sonnenschein nahmen wir die westliche Elbuferroute. Die Vanvans waren zum ersten Mal hier, folgten der Strecke am Fluss entlang, von Dorf zu Dorf, wo man eh nur mit 80 Sachen fährt. Die Kurven durch die waldigen Hänge im Drawehn, schließlich die entrückte Buschigkeit des Wendlands, all das erlebten wir in nie geahnter Intensität. Bei Schnackenburg überquerten wir die Elbe mit der winzigen Fähre, schlichen auf Waldwegen  bis zur B195, vor die Tore Wittenberges. Thomas traf aus Berlin ein parkte seine grüne VanVan dekorativ neben unseren vorm Goldenen Anker. Wenig später kamen auch die Berliner Gastfahrer auf ihrer R 100 dazu (und parkten mit einem höflichen Abstand). Wir verbrachten den Sommerabend zwischen Café's und feingemachten Industrieresten, und mussten uns mit dem Trinken enorm beeilen, denn um 22 Uhr wird der Ort ausgeschaltet. Gut, dass es am Beachclub noch ein Bier gab. Ausführlich, doch ohne abschließendes Verständnis erörterten wir die sich stets bewahrheitende Brandenburger Pampigkeit.
 
Sonntag, die Sonne platzte fast schon, besichtigten wir historische Industrie, fanden alles gut und trennten uns von den Berlinern. Wieder auf dem Westufer tasteten wir uns durch unbekannte Wege in der entlegensten Ecke Deutschlands. Im Nirvana zwischen Wahrenberg, Pollitz und Wanzer fließt die Zeit irgendwo in der Ferne vorbei. Die Sonne schien auf unsere doch recht schweren Köpfe, das Tempo der Vanvans war perfekt, um nie in Stress zu kommen, stattdessen leichten Fußes immer weiter durch das wuchtige Sommergrün und die duftenden Felder zu brummen. In Hitzacker fuhren wir beim kultigen Café Knigge vor, das machen wir ab jetzt immer. Es war jetzt nicht mehr viel zu tun, außer wach zu bleiben auf dem weiteren Weg. Lauenburg, danach doch noch eine Wurst am Zollenspieker. Müde saßen wir am Deich, schauten dem Treiben zu und ließen den Abend kommen. Er kam, blieb aber kurz und endete, nicht viel später, auf dem Balkon,

Sonntag, 26. Juli 2015

In der Mitte

Samstagnacht war eine üble Wetterfront gekommen und hatte die stickige Schwüle abgeräumt. Übrig blieb ein herbstartig frischer Sonntag, durch den wir in Richtung Wittenberge cruisten, zu einer Verabredung in der Mitte. Klammheimlich hatten wir Fleecepullies und Funktionsunterwäsche angezogen, was uns Anfangs albern vorkam (im Juli!), im Verlauf aber den Tag rettete. Wir waren viel zu früh unterwegs. Lauenburg lief gegen Mittag unbeteiligt durch, und in Neuhaus tranken wir überteuerten Tütencappuccino, wartend, dass etwas Zeit verging, und dass die Wolkendecke aufreißt. An diesem Tag war niemand unterwegs auf der 195, deren Kurven wir genügsam und mit reichlich Rückenwind durchschnitten. Hinter Dömitz beginnt das unbekannte, eigentliche Glanzstück der Straße. Immer enger, immer dicker werden die Alleen, zwischen den Dörfern ist nichts, nur großes Gleiten. Kaum saßen wir im Eiscafé in Wittenberge, war das entfesselte Grollen der Berliner Harleys zu hören. Rembert und Michael setzten sich abgekämpft zu uns, bestellten Eisbecher und philosophierten mit uns über Zweitakter und Immobilienhaie. Erst hatten wir noch Bammel vor der Rückfahrt, aber inzwischen die Sonne rausgekommen und der Wind war weg. Die Elbauen verflogen viel zu schnell im flirrenden Abendlicht. Hamburg erreichten wir rauschend über ein Stück nie gesehene Autobahn. Wir fuhren mit Schwung auf den Hof und guckten Tatort.
 

Mittwoch, 22. Juli 2015

User-Experience

Die letzte Zeit war Stückwerk und gab außer Werkstattfahren mit Anjas Honda, Rumgegurke in Ottensen, verregneten Sonntagen und User-Experience Seminaren nicht viel her. Als Krönung sind alle Hauptstraßen der Stadt jetzt vollgesperrt, so dass man kaum einen freien Weg hinaus findet. Heute war es erst 18 Uhr. Über Schenefeld verließ ich die Stadt, kämpfte gegen Westwind Richtung Uetersen. Ich kann nicht durch diesen Ort fahren, ohne an Urzeiten zu denken. Diesmal poppte Uetersens einzigartiger Wegweiser auf: "Zur Marsch". Ich fuhr dort hin, an Deichen entlang und über plattes Land. Zu meiner Verwunderung gab es dort kurvige Straßen, an die erinnerte ich mich nicht. Über Elmshorn erreichte ich Kolmar, den unbeliebten Bikertreff. Unter uns, ich fand den Aufenthalt mit Cornetto Nuss, exzellentem Automatencappuccino und vorbeiziehenden Containerschiffen neuester Generation diesmal ausgesprochen angenehm. Auf dem Rückweg verzettelte ich mich etwas, aber das machte gar nichts, genauso wenig wie die in die Ärmel ziehende Kaltluft. Irgendwie kam ich nach Wedel und fand die Elbchaussee (noch mehr Schiffe). Alles war geschmeidig und leicht, ein durch und durch positives Benutzungserlebnis, das erst in der Dämmerung endete.
 

Samstag, 11. Juli 2015

Katapult

Boah was ist die Deichstraße langweilig. So richtig deutlich wurde das am Samstag unter einer dösigen Wolkendecke, die sich angeblich gegen Nachmittag verziehen sollte. An der Cappuccinotanke in Lauenburg kam tatsächlich die Sonne durch und dröhnte schwül auf die Jacken. Ich glaube, das war das erste Mal in diesem Jahr, dass wir die B195 befuhren. Sie war leer, mit Ausnahme der Schnelltrecker, die mit Doppelhänger die erste Gerste abfuhren. Wir glitten unaufgeregt durch die an manchen Stellen entschärften Kurven, ließen Dömitz unbeachtet liegen und fuhren auf der anderen Seite zurück. Aber nicht auf der Dorfstraße den Fluss entlang, sondern über die majestätische B216, die ich liebe, auf der Anja aber nur unter Mühen wach bleibt. Ich muss zugeben, ich war auch heimlich dankbar, dass irgendwann Lüneburg am Horizont erschien. Vom absoluten Nichts wurden wir in hysterische Touristenmassen hineinkatapultiert, aber was soll's, wir brauchten den Kaffee und vor allem den Schokosoufflé, der  zentnerschwer im Magen hing auf dem Rückweg. Ein Stück auf der mit ihren ausladenden, grellen Gewerbegebieten hier frappierend Amerikanisch wirkenden B4, dann Winsen, Over und Fliegenberg. In Hamburg entronnen wir haarscharf dem Schlager-Über-Stumpfsinn und waren froh, als wir auf dem Balkon in Sicherheit waren. An Kontakt zu Menschen war nicht zu denken.
 

Sonntag, 5. Juli 2015

Easy.

Zum dritten Mal in Folge waren wir auf der B4 nach Norden unterwegs. Es war Freitagabend, aber diesmal bogen wir nicht bei Kaltenkirchen wieder um, sondern fuhren auf der B206 über Segeberg nach Strukdorf. Der Abend war lang und flirrend, und die Fahrt zog sich locker und lässig durch Farben wie in der Werbung. Das Beste war, dass wir uns von den Cruisern direkt an einen gedeckten Tisch nur umzusetzen brauchten, wo es Grillfleisch gab, zart wie Marzipan. Das Zweitbeste waren die dicken, kühlen Mauern des Herrenhauses (welches wir für uns allein hatten), denn bevor stand das heißeste Wochenende aller Zeiten.
Den Samstag verbrachten wir dann schlauerweise am kühlsten Ort der Republik, nämlich Wenkendorf. Der Weg dorthin war, trotz Warnungen vor Vierzig-Grad-Horrorstaus und überfüllten Nebenstrecken, in Wahrheit doch der reine Genuss. Unbeirrt und ziemlich einsam glitten wir durch einen satten, warmen Luftstrom über die traumhafte Strecke Ahrensbök, Eutin, Schönwalde, Oldenburg. Sogar die Beltquerung war Easy Riding, trotz Bettenwechselwarnung. In Wenkendorf war noch weniger los, die Temperatur genau richtig und sogar das Wasser badbar. Auf dem Rückweg stand glühende Hitze über dem Land, hinter dem sich diffuser Dunst bildete. Als wir aus dem Famila-Markt in Stockelsdorf mit Grillwürsten wieder rauskamen, war die Luft grau und stickig heiß. Etwas später, auf der Terrasse, kam ein dampfender Regen dazu.
Sonntag war im Südwesten der Rand eines gigantischen Restambosses zu sehen. Wir trauten ihm alles zu und fuhren am frühen Nachmittag bange zurück nach Hamburg, wieder über Segeberg und Bramstedt, wieder sehr entspannt, immer ein Auge auf die dicker werdende Suppe am Himmel. In der gespenstisch toten Stadt hingen die Leute bewegungsunfähig vor den Cafés und warteten auf das erlösende Unwetter. Es kam halbherzig und erst gegen Abend.
 

Dienstag, 30. Juni 2015

Lang, warm, im Juni

Seit schätzungsweise 9 Monaten nerve ich die Leute, indem ich wiederholt langatmig und romantisierend von den 'langen, warmen Juniabenden' doziere, auf denen man in den späten Abend hinein auf einsamen Landstraßen in den Sonnenuntergang gleitet, durch samtig schimmernde Landschaften im letzten Streiflicht und so weiter. Kann sein, dass das jetzt nervt, aber gestern Abend war es wieder so. Nach dem Abendbrot: B4 bis Bad Bramstedt, die letzten Autos abgeschüttelt, dann eine interessante, seltsam kurvige Straße nach Kaltenkirchen entdeckt. Über Quickborn zurück, allein genießend.
 
 

Sonntag, 28. Juni 2015

Bagger und Wattebäusche

Am Samstag kurvten wir zu zweit auf der blauen Vanvan durch die Stadt. Während der Rucksack sich mit Dingen aus Baumärkten, C&A, Saturn und Möbelgeschäften füllte, donnerten extreme Bagger, abgesägte Bobber und ungedämpfte Chopper um uns herum. Es waren Harleydays und an der Shelltanke am Großmarkt war das Epizentrum. Wie stellten die Vanvan selbstbewusst dazu, setzten uns auf eine Verkehrsinsel und warteten auf fotogene Burnouts. Als abends ein Feinniesel einsetzte, fuhren wir nach Hause und kamen später nochmal zu Fuß darauf zurück., An der Reeperbahn, da gab es offenbar kein Morgen mehr.
Sonntag nahmen wir die Cruiser, fuhren nochmals kurz am Großmarkt vorbei, aber nur um die orange-geflakete Nussschale zum Sonderpreis zu kaufen, in die Anja sich am Vorabend verguckt hatte und von nichts anderem mehr reden konnte. Auf den Maschinen konnte man die Beobachterposition nicht länger einnehmen. Am Straßenrand zielten tausende Objektive und iPhones auf uns. Als die Harleys sich zur Parade versammelten, fuhren wir durchatmend aus der Stadt raus. Wir landeten in Grünendeich und vergammelten eine dösige Stunde auf dem Deich in der brennenden Sonne. Danach folgte ein weiter, einsamer Bogen mit unscharfem Ziel. Stade, Sittensen, dann nach Osten über Schneverdingen bis in die Heide. Die Ruhe war herrlich, die Luft seidenweich, der Himmel babyblau, mit weißen Wattebäuschen. Die Pullover waren schon gleich am Anfang auf den Gepäckträger gewandert. Wir kamen über Winsen an die Elbe zurück, da wurde es ein bisschen diesig. Abends kam noch ein Sommerregen, und das fanden wir schön, es war Sommer.

Montag, 22. Juni 2015

Giftspritze

Als Werkstattersatzfahzeug hatte ich eine zackige Z 300 (leider nicht grün). Auf der kurvt man wie ein Flugzeug durch die Stadt, bremst spät, schaltet spät, lässt das Gas stehen, doch der Rote Bereich ist unendlich fern. Abends holte ich noch schnell den Integralhelm aus dem Keller und pfoff auf der Autobahn in die Dämmerung. Anja konnte das nicht verstehen, ich auch nicht.
 

Sonntag, 21. Juni 2015

Weiße Tischdecken

Die Fahrt über die B4 war eine Scheißidee. Im Umkreis der Autobahnanschlussstelle Stellingen war die Stadt ein undurchdringlicher Brei aus Blech. Mühevoll kämpften wir uns nach Norderstedt durch und nahmen die B 432 nach Blunk. Unter unmotiviertem Himmel rollten wir stumm dahin, und hinter Nahe, jenseits des Speckgürtels, nahm ich erstmals wahr, dass diese Chaussee streckenweise  ansatzweise - Qualitäten wie Weite und Größe hat. Blunk: Einchecken im Bahnhofshotel, Schminken, Festvorbereitungen, weiße Tischdecken. Draußen: Aufklaren und die schöne Straße über Tensfeld, Stocksee Richtung Ascheberg. Ich ließ Anja in der Dusche zurück und drehte noch eine Runde, dann begab auch ich mich in die Festivitäten.
Der nächste Tag klarer als gedacht, die Köpfe nicht. Trotzdem konnte man nicht schnurstracks nach Hause fahren. Es wurde ein weiter Bogen über Lübeck nach McPom hinein, allein in weiter Flur, die das eintönige Frühlingsgrün gerade ablegte und in ersten Gelbtönen schimmerte. Schönberg, Ratzeburg (eine Sommerstrecke, die man im günstigsten Fall mit Sand, Sonnenbrand und Salz auf der Haut fährt), Mölln, Büchen, zahlreiche Umleitungen, Hunger, bei mir zusätzlich angreifender Schnupfen. Erst am Zollenspieker merkten wir, dass wir locker 200 Kilometer unterwegs waren. Wir aßen die Wurst, glotzen unbeteiligt die Bikerszenerie an und waren froh, auf dem Weg in die Stadt nicht einzuschlafen.
 

Sonntag, 14. Juni 2015

Frappé

Griechenland ist ein lässiges Land. Die meisten fahren einhändig eine Honda Cub, in der anderen Hand das Smartphone, alternativ ein Glas Frappé, Zwei Wochen waren wir mit reichlich durchgegurkten Miet-Vanvans unterwegs auf immer wieder überraschendem Asphalt, entlang Küstenstraßen aus dem Bilderbuch, hinter wilden Bergen, in uraltem Steinen, und blieben immer wieder länger als gedacht an Orten hängen, wo man die Füße hochlegt, mit Buchten irre unnatürlich blau. Doch dazu später mehr.
 

Sonntag, 24. Mai 2015

Schöne lange Leere

Pfingstsonntag, auf dem Weg nach Norden. Im Kreis Stormarn, hinter Itzehoe, auf meiner heimlichen Lieblingsstrecke über Hochdonn nach Meldorf, schienen wir die einzigen bewegten Objekte in einem in digitaler Klarheit liegenden Standbild zu sein. Ruhig und gut sortiert rollten die Kilometer unter uns ab, zogen leblose Dörfer und die maroden Vorstädte Heides und Lunden vorbei. Unerwartet früh standen wir im überdrehten Trubel Friedrichstadts. Wir trafen gute Freunde, nahmen Unmengen Backfisch und Schokoladeneis  in uns auf, zogen erst die Jacken und dann die Fleecepullies aus. Die Rückfahrt hatte den selben angenehmen Flow. Die Straße lag lang und wissend vor uns, Wälder wucherten, Land breitete sich ins Weite, das Licht zog den Tag ins Endlose. Mit einem Schlenker über Glückstadt, Elmshorn und Wedel kamen wir in die Metropolenregion. Die irren Menschenmassen an der Elbe, und vor allem was mit ihnen im Inneren von Autos passiert, wirkten befremdlich nach der schönen langen Leere.

Samstag, 23. Mai 2015

Gruppendynamik

Samstagnachmittag. Wir warteten, bis sich die Wolkensuppe verzogen hatte, trafen Markus, mit seiner antiken G/S und machten uns auf den Weg nach Neukoppel. Ich führte den Tross über Ahrenburg, Lasbek, Pölitz usw.. Eine Route, über die ich schon lange nicht mehr nachdenken muss, und deren Dörfer ich kaum beim Namen kenne, die aber bei Mitreisenden immer gut ankommt. Das Blühen und duften am Wegensrand rettete über manch eisigen Windhauch hinweg. In Neukoppel, bei Telse,  war Windschatten, es gab spektakulären Mandelsplitterkuchen, und alles fühlte sich an wie Urlaub, der sich bis in den frühen Abend hinein zog. In fotogenem Abendlicht waren wir auf dem Rückweg, flüssig, entspannt auf leeren Straßen. Mit drei Leuten muss man Entscheidungen gruppendynamisch und basisdemokratisch fällen. Als Folge machten wir zwar keine Fotos,  fuhren aber ab Ahrensburg auf der Autobahn in die einkriechende Kälte, weil das schneller geht. Schnell nach Hause, Töpfe auf den Herd und die Heizung an, das ging ohne Diskussion.

Freitag, 22. Mai 2015

In der Stadt.

Am Freitagfeierabend traf ich mich mit Anja in Hammerbrook. Wir fuhren ca. 500 Meter weiter beim Italiener vor und bekamen (etwas widerwillig) eine Pizza, draußen unter der S-Bahnbrücke. Die Abende sind lang, und an warmen wie diesem dann kann man geleerte Straßen am Rand in der Abendsonne genießen. Elbbrücken, dann über die Peute, abprubt vom Industriegebiet in die Elbdeichidylle katapultiert, den Moorwerder umrundet. Im Westen, am Rand einer diffusen Dunstglocke, glühte filmreif die Skyline aus Kränen und Hochhäusern. An den brutalen Blocks Stillhorns vorbei, wieder in die goldbraune Hafenbeckenlandschaft hinein. Wir fuhren über die Kattwyk, dann wie im Museum Moorburg, dann wieder monströse Containeranlagen bis zum Horizont. Am Ende standen wir auf der Dradenau und die Sonne senkte sich über den Fluss in abartigsten Kitsch. Es war noch reichlich Zeit und Raum vorhanden, um über die Köhlbrandbrücke und die Hafencity zurück zu cruisen und die 50 Kilometer voll zu machen. Man hätte sogar noch beim Penny vorfahren können und Milch kaufen. So ist das, in der Stadt.

Samstag, 16. Mai 2015

Der Süden

Freitag war zwar Brückentag, aber die Sonne kam entgegen aller Beteuerungen erst nachmittags durch. Wir waren auf den Weg in den Süden, aber zunächst nur bis Schneverdingen gekommen, und wärmten uns im Motorraderlebniszentrum auf. Anja saß eine SR 400 probe, das sah gut aus. Als wir raus kamen, war die Welt wolkenlos. Die Abstände zwischen den Lastern waren groß, dazwischen rollten wir mit dem Highwaygefühl die B3 entlang, dass es nur hier gibt. Es ging bis Bergen, dann links ab, über ein paar Dörfer, und letztendlich landeten wir auf der B209, einer weiteren, durch endlose Wälder und über weite Hügel gelegten Schnur, an der entlang man sich durch den grünen Nachmittag hangelt. An einem im Wald versteckten See im Nahbereich von Amelinghausen trafen Kulturen aufeinander. Der Kaffee kostete mehr als in Hamburg City, aber das Ambiente war ostig. Das Beste war Sonne, die im Windschatten von hinten auf die Lederjacke brannte. Eigentlich hätte längst irgendwann Winsen ausgeschildert sein müssen. Das dachte ich immer wieder, wenn wir an immer kleineren Abzweigungen auf irgendwelchen mit Ach und Krach asphaltierten Feldwegen umher irrten. Durch ein Wunder fanden wir schließlich den Elbdeich. Hier war der Wind eisig, aber die Stadt war cool und nahm uns auf mit der Vertrautheit guter Freunde.
 

Donnerstag, 14. Mai 2015

Fokus

Am Himmelfahrt fand Anja einen Business-Grund, nach Reinfeld zu fahren. Wir nahen die langatmige B434 über Bramfeld, Sasel, Bergstedt, wo die Vorstadt niemals aufhört. Über dem freien Land wehte wieder der Westwind, und im Umkreis der Dörfer lagen jugendliche Schnapsleichen neben leergesoffenen Bollerwagen in den Bushäuschen. In Reinfeld fuhren wir beim ehemaligen Forstamt vor, regelten Dinge bei einer Tasse Kaffee, und fuhren zurück, noch bevor die Motoren ausgekühlt waren. Die Tage sind kalt, aber endlos lang, und es bestand kein Grund für den direkten Weg. Meddewade, Oldesloe, Pölitz, dann Lasbek, Hoisdorf, Ahrensburg. Unter fahlem Himmel, monotonem Grün und frischen Böen, aber ungeahnt flüssig und fokussiert, waren wir am Ende durchgefroren und zufrieden.

Dienstag, 12. Mai 2015

Arizona

Um 18:30 Uhr holte ich Anja in Eppendorf ab. Es war ein Montag mit einer kurzen Sommerhitze. Mühelos flossen wir in dünnem Verkehr nach Norden, am Flughafen entlang, bis zum Arizona in Garstedt. Der Blick wanderte immer wieder von den Ribs auf dem Teller zur Straße, wo vorbeifuhr, was eine lange Gabel und/oder einen lauten Auspuff hatte. Rechnung, danke, los. Die Umgehungsstraßen im Umkreis, zu dieser Zeit konnte man sie genussvoll durchgleiten. Waldstücke, Kuhwiesen. Die Luft war flauschig wie eine Fleecedecke, das Land maigrün und buschig. Die Maschinen fühlten sich geschmeidig an durch die dünnen Lederhandschuhe. Quickborn, über Dörfer im Dämmer nach Pinneberg. Selbst das war cool. Weiter Richtung Wedel, rauschende Allee. Zurück durch den Canyon, dann die Stadt, raumgreifend ausgestreckt, durchzogen von endlosen Vierspurigen im Abendrot, auf denen man gleichmütig dahinrollt, wie L.A. Thanks a lot, Montag.
 
 

Sonntag, 10. Mai 2015

Bissig, grell und wuchtig

Eine feucht-windige Ungemütlichkeit lag wieder über dem Wochenende. Erst am Sonntag kam ein bissiger Westwind und schob den Himmel frei. Neben dem Spießerpäärchen im Seat am Luftpumpdingsda fühlten wir uns einen Moment lang wie Einprozenter. Das war ganz angenehmen, denn wir waren auf dem Weg zum Bike-Weekend in Plön. Die B432 ist immer wieder faszinierend öde. Und voller lahmer Gurken, die ein prima Alibi abgeben, wenn man mit 75 Sachen den eisigen Wind absitzt. Hinter Segeberg dann die im Prinzip bekannte, aber immer wieder neu begeisternde, schwingende Straße über Blunk. Damsdorf, Stocksee, wuchtig grün und grell gelb. Das Treffen war überschaubar. Ratlos tranken wir Kaffee zwischen Outlawkutten, Heavyrock und Plönbewohnern mit Rollator. Zurück über Eutin, Ahrensbök, Langniendorf, voller Erinnerungen an flirrende Sommerabende. In der Tat schien in mancher Senke eine kurze, wohlige Wärme die Finger aufzutauen. Auf der B75 war dann alles beim alten. Familienkutschen im Halbschlaf, scharfer Wind aus Nordwest. Am Abend schien die Sonne durchs Fenster, aber die Wollsocken behielten wir erstmal an.
 

Sonntag, 3. Mai 2015

Heraus zum ersten Mai

Das lange Erstermaiwochenende war unplanbar, die Vorhersage war durchweg unbrauchbar. Am Freitag wehte ein kalter Wind durch die tote Stadt. Wir kurvten mit den Vanvans durch erstarrte Hafenanlagen, guckten Schiffe, bekamen Kaffeedurst und fuhren vor einem nervigen Touristencafé in der Hafencity vor.
Samstag war es erst trüb, aber am Nachmittag war uns nach dicken Maschinen. Wir zogen Fleecepullis an und rollten ein Stück die B4 hoch, nicht weit, nahmen eine namenlose Querverbindung Richtung Henstedt. Und da war es, ganz kurz! Das Gefühl - ein Stück durch die Wiesen, mit dem Wind im Gesicht, eine Kurvenkombination. Das Leben war sehr schön.
Sonntag hatten wir uns auf Innenaktivitäten eingestellt, als ich gelangweilt mit dem Smartphone rumspielte und ungläubig das Wetterapp neu startete. Sonne, 18 Grad oder was. Kurz drauf schnurrten wir erstmalig die B75 entlang nach Norden. Keine Umwege, einfach fahren, scheiß auf die Autos. Reinfeld, dann durch Wald und Wiese, grün, hell, blütenweiß und gelbestes Gelb. In Strukdorf bekamen wir Kaffee und Neues aus Istanbul. Dann eskortierte Horst uns 'irgendwie rüber Richtung Bramstedt'. De facto fuhren wir orientierungs seiner schnittigen Integra hinterher. Es ging über Orte mit bescheuerten Namen, die ich auch nachher nicht auf der Karte wiederfinden konnte, durch nie dagewesene Alleen, Wälder, verschlagene Wege am Rande der Legalität (teils darüber hinaus) in Farben, die allein Horsts Warnweste toppen konnte. Wir trennten uns kurz vor Hartenholm. Inzwischen war es diesig geworden, In Hamburg war die Luft grau und staubig, hektische warme Böen kamen aus Westen, wie man es aus vergangenen Sommern kennt. Für Anfang Mai war das okay.
 

Sonntag, 19. April 2015

Unser Weg nach Lehmrade

Nach Lehmrade führen viele Wege, aber wie hatten uns für den langweiligsten durch Bergedorf entschieden, wo man von Ampel zu Ampel juckelt. Unter uns, wir waren heimlich dankbar, wenn wir warten mussten, denn die Sonne schien zwar brutal an diesem Aprilsonntag, aber auf den Geraden wurde es ungemütlich. Nach einem langen Kaffee an der Tanke in Lauenburg wurde es etwas wärmer und wir genossen erstmalig in diesem Jahr, die Cruiser über freies Land rollen zu lassen. Bei Güster, hinter der großen Senke, fuhren wir links ab, in einen Märchenwald, durch den sich eine alberne kleine Straße schlängelt. Man kommt vorbei an einem Spukschloss, dass auf keiner Karte verzeichnet ist (und im gesamten Internet auch nicht). Dann die Ausläufer von Mölln, etwas kreuz und quer durch die Hügellandschaft im Grenzgürtel, und dann Lehmrade, wo die Ruhe summte, und wir, wie versprochen, ein Objekt am Arsch der Heide beäugten. Wir drehten noch eine kleine Runde durch sprießendes Grün am Wegesrand und Weiße Bäume in grellem Nachmittagslicht, dann versuchten wir, den gleichen Weg zurück zu finden. Dabei landeten wir nachhaltig in Möllns entlegensten 30er-Zonen und kam dort nicht ohne weiteres wieder raus. Später, von Geesthacht aus nahmen wir die Deichstraße. Wir waren inzwischen entsetzlich müde, und ein Kaffee war irre verlockend. Trotzdem ließen wir den überfüllten Zollenspieker links liegen. Wir fuhren in der Weidenallee vor, machten den Kaffee selbst und wärmten uns auf dem Balkon auf.


Montag, 6. April 2015

Richtig.

Ostermontag herrschte wüstes Gedränge am Dampfstrahler. Der Tag blendete in irrem Halogenlicht und mühsam zweistelliger Temperatur war es herrlich, durch die Stadt zu cruisen. Ein lange vermisstes Gefühl kam immer besonders dann auf, wenn Anja aus dem Rückspiegel an der Ampel neben mich gerollt kam und ihr Auspuff meinen übertönte. Wir fuhren durch den Hafen, und mit dem Wind im Rücken kamen wir uns ungeheuer mutig vor, die drömelige Deichstraße bis ganz zum Lüheanleger durch zu fahren. Dort waren alle Mutigen versammelt. So viele, dass man kaum einen Stellplatz bekam. Chrom glänzte, viele Maschinen waren nagelneu, die erste Krakauer lag etwas schwer im Magen. Gegen fünf Uhr wurde es frisch, und wir fuhren entspannt am helligten Tag nach Hause. Kalte Füße hin oder her, das Gefühl blieb, dass alles richtig ist.

Sonntag, 8. März 2015

Fliegen ist NICHT schöner.

Wartend im SFO Int'l Airport hielt ich es für einen Bug in meinem Wetter-App. Gute 13 Economy-Stunden später musste ich erkennen, dass es wahr war: Über Nacht war eine Art Vorfrühling nach Europa gekommen. Ich schmiss den Rollkoffer und den Jetlag in die Ecke, ließ die unter einer Staubschicht versteckte Vulcan an und cruiste noch eine Stunde drauf los.
Am Sonntag dann schien die Sonne schon morgens wie in besten Zeiten. Die Straßen brummten, die Menschen regierten hysterisch. Ich glitt den Highway 3 entlang und inhalierte die erste Wärme, gedanklich Touren an langen, heißen Juliabenden durchspielend. Alles sah aus wie ein überbelichtetes Foto. Als ich in Soltau auf den Cappuccino wartete und Emails von Anja abrief (sie war im Oman und ließ sich die Sonne auf den Arsch scheinen), bemerkte ich, dass ich mein Portemonnaie vergessen hatte. Mit der Kellnerin konnte ich noch dealen, dass sie mir den Kaffee schenkte (lag wohl am Motorrad), aber was machte ich nur mit dem fast leeren Tank? Äußerst sparsam, und mit grell leuchtender Reservelampe kam ich wieder nach Hause. Dort gab es Geld, Benzin, alles was man braucht. Ich hatte noch die Hälfte des Tages übrig, gab also gleich wieder Gas und fuhr ein Stück nach Norden, auf dem Highway 4. Auch in der Dämmerung kam nicht die Kälte, sondern nur herrliche Farben. Ich rauchte noch eine an der Landebahn, wo im Minutentakt Flieger eintrudelten, dabei ist es doch hier unten auf der Straße tausendmal besser.
 

Samstag, 14. Februar 2015

Touristen

Jeden Tag liebten wir den Moment, nach dem Frühstück die Sachen zu packen, die Suzuki klar zu machen und durch die Touristenmeile zu gondeln, dann am Kreisverkehr rauszublinken und auf der Landstraße nach Oliva Gas zu geben. Heute würden wir nicht mehr zurückkommen, also genossen wir mit reichlich Rückenwind die weiten Schwünge der Straßen ganz besonders. Bevor es in die Berge ging, erkundeten wir noch den Abzweig bei Llanos de la Conception. Er führt hinunter zu einer schicken Siedlung am Meer, die auf keiner Karte eingezeichnet ist. Oben auf dem Gipfel war heute das Café geöffnet, die Insel lag in ganzer Pracht unter uns. Wir sahen die Straßen als sauber glänzende Bänder in die gelbe, karge Landschaft gelegt. Es bleib noch Zeit, am Strand von Ajuy in der Sonne zu dösen, aber man hörte die Uhr schon ticken. Noch schnell eine Portion Pulpitos Fritos, dann zuerst träge, später hektisch den Weg kreuz und quer rüber nach El Castilo. Sang und klanglos stellten wir die Inazuma ab und waren wieder Fußgänger. Wir saßen wieder am Hafen, ließen Tapas kommen und waren weit zufriedener als alle anderen, die waren bloß Touristen.

Freitag, 13. Februar 2015

Lanza

Die Passage nach Lanzarote dauert eine halbe Stunde und kostet 88 Euro. Was uns drüben erwartet, wussten wir nicht, abgesehen von dünnen, 20 Jahre alten Erinnerungen. Eine schöne Insel, mit weißen Häusern, Lavasuppe, enormen Felsenküsten und eisigem Nordwind. Wir saßen in schwindelnder Höhe beim Picknick, unten schäumte das Meer, dann ging es weiter über Berg und Tal zum Mirador an der Nordspitze. Wir wärmten uns auf der Hauptstraße an der Ostflanke auf und kurvten wir um die Feuerberge durch endlose Lavafelder. in der Nähe von Golfo, von einem kleinen Vulkankegel aus, genossen wir stumm das Panorame. Um 7 Uhr ging das Schiff zurück. Lanzarote verglühte in kitschiger Dämmerung, Fuerte glitzerte voraus. Abends, mit prall gefüllten Bäuchen, lauschten wir dem Plätschern des Wassers, nachtschwarz an die Kaimauer, bekannter Hits in albernen Latinversionen aus dem Lautsprecher,  dem des Rioja im Glas.

Donnerstag, 12. Februar 2015

Zusammenhänge

Wir waren auf den Pass bei Vallebron gefahren, den man meist links liegen lässt, weil er so gut versteckt ist. Oben stellten wir uns Fragen großer Zusammenhänge. Z.B., wo die Bewölkung herkommt, bzw. wo sie wieder aufhört. In der Ferne konne man El Cotillo sehen, wie es in der Sonne leuchtete. Wir fuhren hin und mampften eine gigantische Portion Schokoladenkuchen. Es gibt eine Piste um das Nord-Kap herum, die hier beginnt. Wir fuhren sie vorsichtig ein Stück weit, Welblech, Sand (und später bestimmt Tiefsand), brachen dann aber ab und legten uns am einsamen Strand ein Stündchen schlafen, das war auch gut. Zurück nahmen wir wieder den Pass, in der Hoffnung, auf der Ostseite noch Sonne zu sehen, aber der Himmel hatte sich verdunkelt, in den Dünen peitschte uns Sandsturm entgegen und auf dem letzten Kilometer fing es tatsächlich an zu regnen. Wir waren noch dabei, das Ereignis zu verarbeiten, da war es wieder vorbei. 

Mittwoch, 11. Februar 2015

Der Wüstenplanet

Auf der Küstenstraße nach Süden fährt man zuerst durch weite, leuchtende Sandwüste. In loser Kolonne geht es vorbei an Touristenorten und der Hauptstadt Puerto Rosaio. Dann denkt man, man kommt voran, aber bis zum Südzipfel zieht sich die Strecke ins Endlose. Wie ein Highway durch Utah liegt die Straße in einer riesigen Weite, eingerahmt durch erodierte, kahle Berge, darüber Polfilterblau. An einer Bucht standen wir auf einem Felsen und bewunderten den Strand, der bis zum Horizont reichte. Das letzte Stück rauscht man auf einer leergefegten Autobahn dahin, durch Sandberge so groß wie ein Planet im türkisfarbenen Ozean. Unten in Morro Jable ist alles Deutsch. Die Kelnerin musste sich rückversichern, dass wir wirklich einen Spanischen Kaffee wollten. Wir blieben nicht lange, denn die Rückfahrt durch die Berge war lang und genüsslich. Hoch am Hang schmiegte sich die Straße, die Suzuki saugte die Kurven flüssig auf. Im schrägen Abendlicht war mal der eine mal der andere Ozean zu sehen. Zum Schluss der vertraute Anblick, wenn bei der letzten Abfahrt sich Lanzarote hinter Corralejo erhebt, dann das Neonlicht der Touristenmeile. Mui bien.

Dienstag, 10. Februar 2015

Infraschall

An der Westküste sollte es angeblich schwer zugängliche Stellen geben. Wir waren auf der Straße über La Oliva, Richtung Zentralgebirge. Irgendwo im Nichts bog ich auf eine Piste ab, die kilometerweit über Geröllpisten führte. Es war in etwa so, wie im Hochland von Island und die Inazuma musste ganz schön was wegstecken. Am Ende war da nur noch Fels und Brandung, sowie eine Hippiebehausung auf einem anderen Planeten. Querfeldein kamen wir wieder in Zivilisation und fanden die offizielle Serpentinenstraße hinunter nach Los Molinos. Dort lagen wir in der brütenden Sonne auf vier Milionen Jahre alten Felsen. Nur das Meer, das unten mit Infraschall in die Klippen donnerte, war noch älter. Vele Stunden vergingen, dann bestiegen wir träge die Suzuki und Kurvten mit zunehmender Leichfüßigkeit über die sahnigen Bergstraßen im Abendlicht. Als wir in Corralejo ankamen, war schon Dämmerung und wir reichlich durchgefroren. Eine heiße Dusche und ein paar Vino Tinto im Rock Cafe waren die Lösung.



Montag, 9. Februar 2015

Klaglos

Der Mann von East Coast Rides klagte über den strengen Winter auf Fuerteventura. Wir konnten darüber nur lachen, er recht, nachdem alles eingetütet war und wir auf einer nagelneuen Suzuki 250 durchs Hinterland schwangen. Im Kernland, bei Antigua und Betancura ist es frisch und bergig. Im Cafe verzogen sich Gäste um uns herum ins Innere, während wir noch ein Eis bestellten. Später fuhren wir auf zähen Geraden im Gegenwind Richtung El Cotillo. Endlose karge Flächen, stumpfe Berge am Horizont, dramtischer Wolkenhimmel, am Ende tosende Brandung. Abends saßen wir am Hafen mit Tapas. Regen prasselte auf die Markise, doch wir beklagten uns nicht.